„Die schwarze Spinne“
von Jeremias Gotthelf als Novelle
Hausarbeit zum Proseminar
Universität Augsburg
Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturwissenschaften Wintersemester 2000/01
1 Einleitung
2 „Die schwarze Spinne“ von Jeremias Gotthelf als Novelle
2.1 Der Dichter Jeremias Gotthelf
2.2 Novellenkennzeichen
2.2.1 Der begrenzte Umfang einer Novelle
2.2.2 Die unerhörte Begebenheit als Kennzeichen einer Novelle
2.2.3 Wendepunkt und Höhepunkte der Novelle
2.2.4 Das Dingsymbol in der Novelle
2.2.5 Die Novelle als Schwester des Dramas
2.2.6 Die abstrahierende und konzentrierende Kunstform der Novelle
2.2.7 Rahmenhandlung und Binnengeschichten
2.3 Das märchen- und sagenhafte in der Novelle
3 Zusammenfassung
1 Einleitung
Die Erzählung „Die schwarze Spinne“ von Jeremias Gotthelf wird als Novelle bezeichnet. Diese Arbeit soll anhand verschiedener Novellenkennzeichen zeigen, inwieweit „Die schwarze Spinne“ eine Novelle ist. Dazu wird der Umfang und damit die Konzentration des Geschehens auf das Wesentliche detaillierter beobachtet. Die unerhörte Begebenheit und der Wendepunkt sollen auch untersucht werden. Weiter müssen das Dingsymbol der Novelle, die Verwandtschaft zum Drama, die Abstraktion einer Novelle und die Rahmen- und Binnenhandlung näher betrachtet werden. Diese Charakteristika sollen zeigen, ob die hier behandelte Erzählung von Jeremias Gotthelf wirklich eine Novelle ist und welche Kennzeichen hauptsächlich zutreffen. Was ist typisch für eine Novelle und inwieweit stimmen diese Eigenschaften mit der „Schwarzen Spinne“ überein?
Außerdem soll der Einfluss von Märchen und Sagen besonders behandelt werden, da dies hier eine wichtige Rolle spielt. Die Erzählung scheint sehr realistisch und man glaubt als Leser selbst Teil der Geschichte zu sein. Es kommt einem vor, als ob die ganze Novelle eine Überlieferung aus der Vergangenheit sei, was die Novelle aktueller macht.
Zuerst soll aber untersucht werden, welchen Platz Gotthelf dem Dichtersein einräumt und wie er seine Existenz als Dichter gestaltet. Was hatte er für eine Einstellung zu seinem Beruf als Dichter? Mit welchen Themen beschäftigte sich Jeremias Gotthelf hauptsächlich und welche Rolle spielt dabei die Novelle „Die schwarze Spinne“?
2 „Die schwarze Spinne“ von Jeremias Gotthelf als Novelle
2.1 Der Dichter Jeremias Gotthelf
In seinen ersten beiden Romanen „Bauernspiegel“ und „Leben und Freuden eines Schulmeisters“ beschreibt Jeremias Gotthelf das Leben der Hauptpersonen, indem er es ganz unkonventionell aufschreibt. Dem Aufschreiben folgt, laut Alice Stamm 1 , die stilistische Gestaltung, die dem Dichter rationale Züge gibt. Diese ersten beiden Romane fassen die Probleme des Dichtertums sehr klar zusammen. Zum einen beschreibt es die gegenseitigen Beziehungen der Menschen und zum anderen die Bezogenheit zu Gott und deren Wirkungen
Neben dem erzählenden Gotthelf muss auch der Dichter als Priester und Heimatfreund betrachtet werden. Beiden gemeinsam ist aber, was in ihrem Leben als Dichtung erscheint, nie von den Beziehungen zu der Gemeinschaft zu lösen. Das Leben in der Gemeinschaft ist einerseits Bedingung für die Dichtung und andererseits schafft die Dichtung durch ihre verschiedene Formen der Erzählung erst Gemeinschaft.
Jeremias Gotthelf ist aber auch Schweizer, er „hat gerne jedes Ding an seinem Ort, nicht ums ganze Haus herum den Mist, nicht beieinander Stall und Wohnung, nicht in einem Schauspielhause den Himmel; (...)“. 2 Ebenso hat er die Einsicht in die Gefährlichkeit der Kunst und des Künstlertums. Dies kommt zum Ausdruck, da er unter dem Begriff der Kunst eigentlich alles menschliche Tun zusammenfasst. Ihm ist entscheidend wichtig, wie die Menschen leben können mit Gott. 3 Seine Dichtung dient dazu, Ordnung zu machen und den Menschen zu zeigen, wo ihre Heimat
Martin Neuenschwander bezeichnet ebenso wie Alice Stamm Jeremias Gotthelf als „Dichter der Ordnung“.
4
Die Ordnung wird nach Gotthelf vom Geist Gottes bestimmt. In dem Ordnenden ist der Hauptinhalt und der eigentliche Gehalt in Gotthelfs Dichtung. Seine
1
Stamm, Alice: Die Gestalt des deutschschweizerischen Dichters um Mitte des 19. Jahrhunderts, Das Ringen um das innere Recht des Dichtertums. In: Ermatinger Emil (Hrsg.): Wege zur deutschen Dichtung, Züricher
Schriften zur Literaturwissenschaft, Frauenfeld/ Leipzig 1936 (Bd. XXVI), S.15.
2 Ebd., S. 22.
3 Ebd., S. 24.
4 Neuenschwander, Martin: Jeremias Gotthelf als Dichter der Ordnung, Zürich 1966, S. 139.
dichterische Einbildungskraft lässt erkennen, wie er das Wechselvolle auf das Dauernde ausrichtet. Die Art der Darstellung seiner Werke scheint im wesentlichen bestimmt. Auch im Wirken der Einbildungskräfte zeigt sich eine gewisse Einheit, die sich mehr oder weniger klar bestimmen lässt.
Ist aber auch die Sprache von so einer Einheit geprägt, wie es der Inhalt zeigt? Von vornherein muss klar gestellt werden, dass der Dichter selbst sich nie einen solchen Maßstab gestellt hat. Er wollte seine Dichtungen nie als Kunstwerke sehen. Der Kopf des Verfassers „ist ungeordnet, unorganisiert, treibt allerlei, einem neu aufgebrochenen Acker gleich, dessen wilde Triebe nicht gezähmt und geregelt werden“. 5 Was beim ersten lesen auffällt, wenn man in Gotthelfs Büchern blättert, ist die Vermischung von Mundart und Schriftsprache. Diese Mischung macht gewisse Verständnisschwierigkeiten und hindert den einheitlichen sprachlichen Rhythmus. Obwohl Gotthelf oft Kritik an seiner Dialektsprache im Roman bekam, änderte er sein Schreiben nicht. Er begründete es damit, dass er Sachen in Schriftsprache nicht so bezeichnen kann, wie er es will. Das Streben die Dinge beim richtigen Namen zu nennen ist eine typische Erscheinung in Gotthelfs Sprache. Bezeichnungen von Dörfern, Familien, Höfen und einzelnen Personen sind von vornherein festgelegt und deuten durch ihren Namen ihren festen Platz im Gefüge der Lebensordnung an. Außerdem dient Gotthelf zum Veranschaulichen und Verdeutlichen eine überreiche Metaphorik, in der sich abstrakte Motive und Vorgänge oft in greifbare Gegenstände verwandeln. Daneben sind Redefiguren aus Predigten, Vergleiche aus der Bibel und der Natur zu nennen, weil Gotthelf der Meinung ist diese Dinge könnten dem jeweiligen Geschehen eine tiefere, allgemeine Bedeutung verleihen. Gotthelfs stilistische Regellosigkeit zeigt, „wie in seiner von Gott geschaffenen Welt grundsätzlich jedes mit jedem vergleichbar wird, [...]. Alles spiegelt sich in allem. Jedes gewinnt als Abbild und Spiegel des andern besonderen Sinn.“ 6 Gotthelf ist unbekümmert um jedes ästhetische Prinzip. Seine Werke kommen mehr aus äußeren, praktischen und technischen Gründen als aus einer inneren Notwendigkeit zum Ende. Es wird überliefert von Lesern seiner Handschriften, dass der Dichter seine Kapitelüberschriften erst im nachhinein eingefügt hat und nicht vornherein geplant hat. Auch gab es Klagen von Verlegern, Gotthelf solle doch sein Werk noch einmal grammatisch überarbeiten. Doch wenn ein Werk geschrieben war, so war es auch für Gotthelf längst erledigt und er beschäftigte sich schon wieder mit anderen Dingen. 7
6 Ebd., S. 143.
7 Ebd., S. 144
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Michaela Putz, 2001, Die schwarze Spinne von Jeremias Gotthelf als Novelle, Munich, GRIN Publishing GmbH
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