Gliederung
1. Einleitung 2
2. Archaik Mythos und Ornamentalismus 2
2.1. Archaische Elemente der Erzählung 4
2.2. Die mythenhafte Darstellung des Rotgardisten 5
3. Bezüge zur Gegenwart des Autors 7
3.1. Zamjatins gesellschaftskritischer Anspruch 8
3.2. Der Rotgardist als Verkörperung des Unberechenbaren 11
3.3. Das revolutionäre St Petersburg 12
3.4. Die Straßenbahn als Verkörperung von Mechanik und Urbanität 13
4. Zusammenfassung 14
Primärliteratur 16
Sekundärliteratur 16
Nachschlagewerke 17
1
1. Einleitung
Der ornamentale Stil der Kurzgeschichte Drakon ermöglicht durch die mythische Darstellung des Drachen die kritischen Ansichten des Autors zu verschleiern. Da eine direkte Kritisierung der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung fatale Folgen gehabt haben könnte, stellt sich die stilistisch eigensinnige Entwicklung des Autors als vorteilhaft für sein persönliches Schicksal heraus. Im vorliegenden Referat soll somit durch eine Analyse stilistischer und inhaltlicher Auffälligkeiten sowie der politischen und gesellschaftlichen Ansichten des Autors erörtert werden, inwiefern der ornamentale Stil und der gesellschaftskritische Inhalt der Erzählung Drakon miteinander verknüpft sind.
Darüber hinaus bezieht sich der Begriff der Archaik auch auf das von primitiven, ursprünglichen Bedürfnissen geleitete menschliche Handeln und bildet damit eine Opposition zum rationalen Denken und modernen Ideologien der Gegenwart. Dieser Gegensatz wird bereits in der zum früheren Werk Zamjatins zählenden Kurzgeschichte Drakon deutlich, findet allerdings noch stärkeren Ausdruck in späteren Geschichten wie Attila, My oder Peščera. 1 Auch in Ostrovitjane und Lovec čelovekov wird eine archaische, also vorrationale und triebhafte Existenz als eine Art Gegenmodell zur rationalen Welt dargestellt. 2 Die vorliegende Arbeit berücksichtigt diesen Aspekt im Rahmen des für die Kurzgeschichte Drakon relevanten Umfangs. Zur Recherche nach relevanter Sekundärliteratur wurde der Campuskatalog der Universität Hamburg, die online Bibliographie MLA und die im Rahmen des Seminars von Herrn Professor Schmid zur Verfügung gestellte Zamjatin Bibliographie berücksichtigt.
2. Archaik, Mythos und Ornamentalismus
Der Begriff der Archaik steht in engem Zusammenhang mit den mythopoetischen Darstellungsverfahren des Ornamentalismus und ist sowohl auf den Inhalt als auch auf die Form der Geschichte Drakon anwendbar. Das Verfahren der Ornamentalisierung enthält eine Reaktivierung mythischen Denkens, bei der sich die lineare und zyklische Weltordnung durch Interferenzen überschneiden. Diese mit Filigranarbeit zu vergleichende Technik der ornamentalen Prosa wandte Zamjatin in seinen Erzählungen
1 E. Brown, 1963 S.31.
2 S. Veselov, 1988 S.4.
2
bis etwa 1918 an. Das Kunststück ergibt sich dabei aus der Komposition einzelner Details, komplizierten Vokabulars, Bildern und Vergleichen, ungewöhnlicher Syntax und besonders strukturierter Wortmusik. 3 Darüber hinaus wird im Gesamtwerk Zamjatins eine Tendenz zum Primitiven und Prärationalen deutlich, eine Vermeidung rationaler Aussagen zugunsten von Eindrücken, Andeutungen und Bildern, die in einer möglichst einfachen Sprache frei von syntaktischer Komplexität übertragen werden. 4 Den Essays Zamjatins ist zu entnehmen, dass in der neuen Epoche auch die Darstellung der Wirklichkeit neu definiert werden müsse. Wirklichkeit sei demnach weder mit dem Realismus eines Tolstoj noch mit der spekulativen Träumerei der Symbolisten zu erfassen. So fordert er den „Neorealismus“ als neuen Stil der Epoche, unter dem er eine Mischung aus Realismus und Phantastik versteht. 5 Im resultierenden Stil des Ornamentalismus unternimmt Zamjatin den Versuch der Darstellung einer "realistischeren" Realität durch Phantasie und Verzerrung, neigt zu einem impressionistischen Stil und dem Gebrauch volksdialektaler Sprache. 6 Letzteres verdeutlicht den Gegenwartsbezug, der trotz des stilistischen Widerspruchs zu ungewohnt poetischen Verfahren des Ornamentalismus erfolgreich in die Geschichten eingebettet wird.
Ein deutliches Charakteristikum der russischen Moderne ist die Abkehr vom Realismus und der damit verbundenen rationalen Erfassung der Realität. Die nachsymbolistische Avantgarde, zu der auch Zamjatin gezählt wird, zeichnet sich dementsprechend durch ein vorrationales, triebhaftes Weltmodell aus, das starke Bezüge zum mythischen Denken deutlich macht: die archaische Existenz des primitiven Menschen, mit all seinen körperlich-triebhaften Bedürfnissen und einem vorzeitlich-naiven Weltbild. Die mythischen Elemente der Avantgarde zielen jedoch nicht auf Heldensagen oder ähnliches, sondern in erster Linie auf eine archaische Bewusstseinsstruktur, die eine Opposition zum rationalen Denken bildet. Eine parallele Erscheinung der Mythifizierung ist die ikonartige Auffassung des Wortes, die völlige Deckungsgleichheit von Wort und Inhalt, die das Wort in der avantgardistischen Wortkunst als "objektive Realität mit selbständigem Eigenwert" (Veselov S. 2) erscheinen lässt. In häufig auftretenden Klangwiederholungen, Rythmisierungen, Leitmotiven, Metaphern und Äquivalenzen findet diese Poetik starken Ausdruck und
3 G. Leech-Anspach, 1976 S.97.
4 E. Brown, 1963 S.33.
5 G. Leech-Anspach, 1976 S.32.
6 E. Brown, 1963 S.32.
3
entspricht der mythischen Vorstellung des magischen Eigenwerts des Wortes. Auch die thematischen und phonetischen Wiederholungsmuster korrespondieren mit dem mythischen Prinzip der Iterativität. 7 Im nächsten Abschnitt sollen die hier genannten Stilmittel des Ornamentalismus mit Bezug auf die Kurzgeschichte Drakon beispielhaft verdeutlicht werden.
2.1. Archaische Elemente der Erzählung
Obgleich der Schauplatz der Geschichte im ersten Satz als Sankt Petersburg enthüllt und damit in die reale Welt übertragen wird, so werden vom selben Moment an deutliche Bezüge zu einer phantastischen, mythischen Welt deutlich, die sich im Verlauf der Geschichte vermehren. Die beschriebene Synthese unerbittlicher Kälte und fiebriger Hitze betont die mythische Atmosphäre der realen Welt der Gegenwart, die durch die Personifikation der Stadt im Nebelschleier zusätzlich verstärkt wird. Petersburg phantasiert im Fieberwahn, zeigt also Kennzeichen der Wahrnehmung eines Kranken. Wahnsinn und Fieberwahn sind auch in der späteren Geschichte Zamjatins Lovec Čelovekov deutliche Motive archaischen und irrationalen Denkens und Handelns. 8 Die mythische Vorstellung eines feuerspeienden Drachen, jedoch auch die unbegründete Ermordung eines Bourgeois, sind stark mit der Thematik von Wahnsinn und Fieberwahn verwandte Bilder.
Die widersprüchliche Darstellung der Wetterverhältnisse verstärkt den Zusammenhang von Archaik und Mythos und deutet zugleich eine bedeutsame Fusion an, die die Atmosphäre der Skizze ausschlaggebend verändert: der archaische Einfluss des Wetters 9 bewirkt, dass die verwirrende Koexistenz schließlich zum Verschmelzen der irdischen Welt mit der Fieberwelt führt und die Grenzen zwischen Realität und Mythos endgültig verwischt werden. Das Ergebnis ist die vollkommene Substitution der realen Welt durch die entgleiste und mythische Welt.
Die ornamentalistischen Stilmittel Klangwiederholung, Leitmotiv und Metapher entsprechen dem mythenhaften Sprachverständnis und machen auch inhaltlich Zusammenhänge zu archaischem und damit irrationalem Verhalten deutlich. So weist „ljuto“, das erste Wort der Geschichte eine klangliche Nähe zum später erwähnten Begriff „ljudi“ auf und deutet eine Dichotomie von Menschlichkeit und Grausamkeit an. Besonders im ersten Satz, generell jedoch auch in der gesamten Geschichte fallen
7 S. Veselov, 1988 S.1-3.
8 S. Veselov, 1988 S.107.
9 S. Veselov, 1988 S. 86.
4
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Jascha Walter, 2008, Archaik und Gegenwart in Evgenij Zamjatins "Drakon", Munich, GRIN Publishing GmbH
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