Inhaltsangabe:
1. Einleitung. 3
2. Untersuchung der Grundvoraussetzungen. 4
2.1 Die verschiedenen Hexenbegriffe: 4
2.1.1 Salem. 4
2.1.2 Lemgo. 5
2.1.3 Zwischenfazit 6
2.2 Ausgangslage. 6
2.2.1 Salem. 6
2.2.2 Lemgo. 7
2.2.3 Zwischenfazit 8
2.3 Initialer Auslöser. 8
2.3.1 Salem. 8
2.3.2 Lemgo. 8
2.3.3 Zwischenfazit 9
3. Untersuchung der begünstigenden Faktoren 9
3.1 Politische und wirtschaftliche Faktoren 9
3.1.1 Salem. 9
3.1.2 Lemgo. 10
3.1.3 Zwischenfazit 12
3.2 Soziale und psychologische Faktoren. 12
3.2.1 Salem. 12
3.2.2 Lemgo. 14
3.2.3 Zwischenfazit 17
3.3 Religiöse Faktoren 17
3.3.1 Salem. 17
3.3.2 Lemgo. 18
3.3.3 Zwischenfazit 19
3.4 Besonderheiten und individuelle Faktoren 20
3.4.1 Salem. 20
3.4.2 Lemgo. 21
3.4.3 Zwischenfazit 22
4. Resümee 23
Literaturverzeichnis. 24
2
1. Einleitung
Wenn man heute in einer deutsche Fußgängerzone eine Umfrage startete und Passanten fragen würde, was sie mit dem Thema Hexerei verbinden, bekäme man wahrscheinlich Schlagwörter zu hören wie: „Alte Frau mit warziger Nase“, „finsteres Mittelalter“, „Flug auf dem Besen um den Blocksberg“ und ähnliches hören. Nur die wenigsten würden vermutlich den Begriff Hexerei mit unsrer heutigen Zeit und dann auch noch mit den USA verbinden. Doch gerade dort erregte vor kurzem ein Fall Aufmerksamkeit welcher einen Lehrer betraf, der einen Zahnstocher vor seinen Schülern verschwinden ließ und bald darauf von seinem Vorgesetzten einen Anruf bekam. Von diesem wurde er informiert dass sich Eltern eines verängstigten Schülers bei der Schulleitung beschwert hätten und verkündete ihm seine Entlassung wegen „wizardry“. 1 So bizarr dieser Vorfall auch scheinen mag, zeigt er doch auch dass wir in unserer heutigen aufgeklärten Zeit nicht vor solchen längst vergangen zu scheinenden Episoden unsrer Geschichte eingeholt werden können.
Und es zeigt, dass auch in den jungen USA der Glaube an Hexen und Zauberei vorhanden ist und war. Dieser war auch der Grund für einen der wenigen Hexenprozesse im frühneuzeitlichen Nordamerika, genauer gesagt in Salem. Diese Prozeßwelle, welcher 1692 20 Menschen zum Opfer fielen, möchte ich mit der dritten Prozeßwelle im westfälischen Lemgo von 1653 bis 1681 vergleichen und so die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Hexenprozessen auf zwei verschiedenen Kontinenten herauszuarbeiten.
Meine Wahl fiel auf diese beiden Städte weil beide Ereignisse gut erforscht sind und eine Vielzahl an Quellen und Literatur zu finden ist. Außerdem ist mein Interesse an der nordamerikanischen Geschichte auch durch mein Zweitfach Englisch bedingt und aus den Prozessen lassen sich durchaus Rückschlüsse auf die heutige Mentalität der US-Amerikaner ziehen, welche immer noch stark vom puritanischen Glauben ihrer Vorfahren geprägt sind.
An Literatur zu Lemgo habe ich mich hauptsächlich mit den beiden von Wilbertz und Scheffler herausgegebenen Sammelbänden zur Geschichte Lemgos beschäftigt, da diese relativ aktuell und umfangreich sind und eine Vielzahl von Forscherbeiträgen in sich vereinen. Zum Thema Salem habe ich mir das 2008 erschienene Buch von David Goss und den Sammelband von Winfried Herget, welche sich beide ausführlich diesem Thema widmen, zu Gemüte geführt.
1
3
2. Untersuchung der Grundvoraussetzungen
2.1 Die verschiedenen Hexenbegriffe:
2.1.1 Salem
Die Grundlage im Salemer Hexenprozess war wie in Europa der Glaube an einen der Hexerei vorausgegangenen Pakt mit dem Teufel welcher der Hexe ihre übermenschlichen Fähigkeiten verleiht. 2 Der Hexenbegriff in England, welcher großen Einfluss auf denjenigen in den Kolonien hatte, kannte einige Tests um Hexen zu bestimmen. Manche überschneiden sich mit denen auf dem Fest-land angewandten, manche sind einzigartig. Hexenmale oder die Suche nach magischen Puppen waren auch im Resteuropa bekannt. Der Begriff des spectral evidence, des Spektralbeweises, welcher die Erscheinung der Hexe als Geist bezeichnet, war allerdings speziell in Neu-England und in Salem ein Hauptmerkmal zur Überführung von Hexen. Hierbei kam es oft vor dass gewisse Personen (hier Kinder) angaben, von anderen, ihnen bekannten Personen besessen (afflicted) zu sein und dass jene für ihr Leiden verantwortlich wären. Auch kamen zum Erkennen von Hexen Touch and Sight Tests ins Spiel. Entweder wurde der Blick des Täters von seinem Opfer erkannt oder die Berührung des Täters löste Anfälle beim Opfer aus. 3 In Europa waren diese Tests schon seit langem umstritten und auch in Salem fanden sie nicht ungeteilten Zuspruch. Angewandt wurden sie dennoch.
Einer der geistigen Väter des puritanischen Hexenbegriffes war William Perkins mit seinem 1608 erschienenen Buch A Discourse On The Damned Art Of Witchcraft. Das Buch erklärt die Charakteristika einer Hexe oder eines Hexers. Zu diesen zählen das freie Geständnis des Verbrechens und die Besagung durch zwei Zeugen. Als mindere Beweismittel zählt er dann noch Feuer- und Wassertests sowie das Abrennen des Daches des Hauses des Beschuldigten auf. Falls diese in ihr Haus rennen würde, was viele vermutlich taten um ihr Hab und Gut zu retten, wäre dies ein Zeichen dass sie eine Hexe sei. 4 Die Aussagen einer der Beschuldigten in Salem ergeben ein Hexenbild welches sich mehr mit dem europäischen deckt: Sie beschreibt Treffen beim Hexensabbat und gibt an dass sie mit sticks dort hingeflogen sei, ferner berichtete sie von zwei Personen welche sie schon in anderem Zusammenhang besagt hatte und schreibt ihnen Fantasietiere zu, z.B. ein Wesen mit dem Kopf einer Frau, zwei Beinen und zwei Flügeln. 5
2 Vgl. Leibnitz, Mirja, 2002: Das Verschwinden der unsichtbaren Welt. Unterschiedliche Diskurse in den Salem
Witchcraft Trials, Trieste., S.32
3 Vgl. Ebenda S. 35
4 Vgl. Smolinski in Herget, Winfried, 1994: Die Salemer Hexenverfolgungen. Perspektiven - Kontexte - Repräsenta-
tionen = The Salem Witchcraft persecutions, Trier, S. 193ff
5 Vgl. Goss, David K., 2008: The Salem witch trials: a reference guide, Westport, CT., S. 21
4
Cotton Mathers, eine der zentralen Figuren der Salemer Prozesse, präzisiert dass Hexen sündige Menschen seien welche sich dem Teufel andienten um einen Pakt mit ihm zu schließen. Mit sogenannten specters (Gespenstern) ziehen sie übers Land und verursachen mit ihren unsichtbaren Waffen realen Schaden, wahrnehmbare Verletzungen. Und diese Wunden sind für Mathers der Beweis dass es Hexen, invisible furies, tatsächlich gibt. 6 Die Hexen stammen nach einem seiner Bücher aus der "Unsichtbaren Welt", einer neben der sichtbaren Welt existierenden. Diese ist von spiritueller, geistiger Natur und neben Geistern auch vom Teufel und seinen Agenten bevölkert. Und diese spirituellen Kräfte manifestierten sich nach damaliger Überzeugung auch in der materialistischen Welt. Gewitter, Flutwellen und Erdbeben wurden als Vorzeichen aus dieser unsichtbaren Welt gesehen und konnten als Warnungen Gottes, andersherum aber auch als Zeichen des Teufels und seiner Agenten den Hexen interpretiert werden.
2.1.2 Lemgo
Am Beispiel Marie Rampendahls, der letzten beschuldigten, aber nicht hingerichteten Hexe lässt sich das Hexenbild der Lemgoer Hexenprozesse gut abbilden. Auch hier tritt wieder eine Besagung durch insgesamt 13 Personen hervor aufgrund welcher die Vorwürfe gegen sie erhoben wurden. So wurde sie von einer Frau beschuldigt dass sie auf dem Hexensabbat als "Hexenprinzessin" 7 aufgetreten sei, von einer anderen wird sie des Schadenzaubers, genauer des Giftmordes an einem Jungen, welchen sie gemeinsam durchgeführt haben wollen, bezichtigt. Eine andere führte aus dass die Rampendahl deren Mutter am Krankenbett besucht habe woraufhin diese verstorben sei. Ein Zeuge sagt aus dass seine Kälber erst wieder überlebt hätten als seine Nachbarin Rampendahl weggezogen sei. Typische Hexencharakteristikum scheint auch der Diebstahl von Milchprodukten gewesen zu sein. Auch ihr Charakter, welcher als gemein und streitlustig bezeichnet wurde, fällt unter das damalige Bild einer Hexe und auch das Beten und Singen bei ihr daheim habe sie nicht erlaubt. 8 Hinzu kommt noch dass sie versucht habe Nachwuchs zu werben und diesem dann das Zaubern beizubringen, was ihr an zwei Kindern auch gelungen sein soll. Außerdem stand Rampendahl schon seit angeblich 20 Jahren unter generellem Hexenverdacht. 9 Ihr Mann hatte ferner in seiner Tätigkeit als Barbier durch Indiskretion noch eine Geschichte verbreitet in der er bei einem Spaziergang gesehen haben will wie aus einer Dame zwei Männer entstanden, wovon einer schwarz und groß gewesen sei. Diese Geschichte wurde dann auf dem Weg durchs Dorf um einige Details erweitert und so wurde schließlich noch der Teufel ins Spiel gebracht und das Hexenbild nahezu komplettiert.
6 Vgl. Leibnitz, S.54
7 Walz, Rainer: Kinder in Hexenprozessen in Wilbertz, Gisela; Schwerhoff, Gerd; Scheffler, Jürgen (Hrsg.),1994: He-
xenverfolgung und Regionalgeschichte. Die Grafschaft Lippe im Vergleich, Bielefeld, S.37
8 Vgl. Wilbertz, 1994, S.38
9 Vgl. Ebenda S.39
5
Hexen konnten darüber hinaus auf vielerlei Art ihre Opfer schädigen, z.B. durch Geschenke in welchen sich der böse Zauber verbarg oder das Vergraben von Kräutern unter der Türschwelle am Haus des Opfers. Das Motiv des Wetterzaubers, in anderen Gegenden und auch in Salem übliches Merkmal eines Hexenprozesses, wird in den Lemgoer Gerichtsakten nur ein Mal erwähnt, wohingegen der direkte, Personen oder Tiere betreffende Schadenszauber, wie an den obigen Beispielen ersichtlich ist, eine größere Rolle spielte. Auch die Wasserprobe, welche eigentlich als nicht legal galt, wurde immer wieder angewandt. Meistens wurde sie auf Wunsch der Beschuldigten vollzogen welche sich davon eine zusätzliche Methode des Beweises ihrer Unschuld versprachen.
Zu gefährdeten Personen zählten auch streitlustige und spitzzüngige, vielleicht auch nicht gut genug angepasste Frauen. Diese zogen mehr Aufmerksamkeit und Gerede auf sich als angepasste und gut integrierte Personen. Weitere Risikofaktoren waren; "Fressen und Saufen (...) Dominanz gegenüber dem Ehemann, Müßiggang, liederliches Verhalten, unregelmäßiger Kirchenbesuch". 10
2.1.3 Zwischenfazit
Gemeinsamkeiten gibt es beim Hexenbild beider Städte dahingehend dass in Salem alle Punkte des klassischen europäischen Hexenbildes auftauchen. Bei den Beweismitteln hingegen sind Unterschiede erkennbar: Während in Salem die Wetterzauber, Touch and Sight Tests und besonders der Spektralbeweis Besonderheiten sind, ist in Lemgo die Wasserprobe und der Diebstahl von Milchprodukten hervorzuheben.
2.2 Ausgangslage
2.2.1 Salem
Nach einem langen, von neuenglischen Siedlern mit vereinigten Indianerstämmen geführten Krieg, welcher 17 Jahre vor den Ereignissen in Salem geendet hatte, war ein Zehntel der erwachsenen weißen Männer tot, zwölf Siedlungen waren ausgelöscht und große Anbauflächen lagen brach. Die Region litt unter dem Eindruck der im Krieg begangenen Grausamkeiten und die Angst hatte sich in den Köpfen der Menschen festgesetzt. Aus diesem Krieg ergaben sich langandauernde und schwerwiegende Auswirkungen auf das Leben in Neuengland. Der Krieg führte durch seine enormen Kosten zu starken Belastungen der Zivilbevölkerung und die bald um sich greifende Armut
10 Bender-Wittmann, Ursula; 1990: Hexenverfolgungen und städtische Gesellschaft im frühneuzeitlichen Lemgo in:
Scheffler, Jürgen (Hrsg.); 1990: Stadt in der Geschichte-Geschichte in der Stadt: 800 Jahre Lemgo. Bielefeld, S. 48
6
führte dazu dass das Zusammengehörigkeitsgefühl durch Egoismus, Misstrauen und Fremdenfeindlichkeit untergraben wurde. 11
Aufteilungsbestrebungen, die abnehmende Moral und die auseinanderklaffende Schere zwischen Arm und Reich waren nur einige der Veränderungen welche die Massachusetts Bay Colony zu dieser Zeit veränderten. Doch spielen sie eine wichtige Rolle im Verständnis der Motivationen der Akteure der Salemer Hexenprozesse. Denn neben dem beliebten Motiv diese Veränderungen dem wachsenden Einfluss des Teufels zuzuschieben, setzte nun durch eine aufkommende Atmosphäre des Misstrauens und des Neids auch eine Suche nach Sündenböcken ein.
2.2.2 Lemgo
Auch die Grafschaft Lippe war vom Krieg nicht verschont geblieben. Neben den Verwüstungen welche der dreißigjährige Krieg angerichtet hatte, wurde sie, obgleich neutral, durch Einquartierungen und Plünderungen immer wieder in Mitleidenschaft gezogen. 12 Die aus dem dreißigjährigen Krieg zurückgekehrten Soldaten hatten durch die jahrelangen Kriegshandlungen und die damit ver-bundenen Verrohungserscheinungen keinen guten Ruf in den Gemeinden in welche sie zurückkehrten. Immer wieder kam es zu Schlägereien und auch das Plünderungsverhalten, welches sie im Krieg zum Überleben benötigt hatten, legten manche nur zögerlich ab. So waren die Folgen des Krieges noch lange Zeit gegenwärtig. 13 Heinz Schilling sieht eingeschränkte Vorräte wegen des vergangenen Dreißigjährigen Krieges und einen allgemeinen wirtschaftlichen Stillstand bei unverändert hohen Autonomitätsansprüchen von Lemgo mit als Punkte an welche die Hexenjagd begünstigten. 14 Zum Bekämpfen eines "rapiden ökonomischen Verfalls“ soll das durch "enge cliquenhafte Versippung" 15 verbundene Großbürgertum versucht haben die Hexenprozesse als Ausweg aus der Krise zu benutzen.
Lemgo besaß eine verfassungsrechtliche Sonderstellung welche die besondere Vielzahl der Hexenprozesse zu erklären hilft: Zum einen konnte sie weitgehend als Sieger aus Auseinandersetzungen mit lippischen Grafen hervorgehen und so z.B. das zentrale Hoheitsrecht einer eigenen Blutgerichtsbarkeit behalten. Die Stadt besaß seit 1492 das Schwertrecht und durfte Hinrichtungen ohne vorherige Nachfrage beim Grafen ausführen. Andererseits wurden durch den Erfolg des Fürstenstaates und die damit einhergehende Verkleinerung der Politik auf territorialen Rahmen der Grund-
11 Vgl. Thompson, Roger: The Political, Economic and Social Context of Salem Witchcraft in Herget, S.86
12 Vgl. Mirbach, Sabine. Oberst Johann Abschlag in Wilbertz, 2000, S.139
13 Vgl. Ebenda, S.142ff
14 Vgl. Schilling, Heinz in Jürgen Scheffler,1994: Umrisse und Themen der Hexenforschung in der Region in Wilbertz,
1994, S.17
15 Ebenda, S.17
7
stein für Entwicklungen wie Isolation, Erstarrung und Anachronismus gelegt. Diese Zustände könnten dann zu dem Klima beigetragen haben welches die Hexenprozesse erst ermöglichte. Man kann sagen dass die Stadt nach außen politisch und konfessionell weitgehend isoliert war. Außerdem fielen um 1676 Truppen des Bischofs von Galen in Lemgo ein und besetzten die Stadt was in den Bewohnern die Erinnerung an den vergangenen Krieg wieder geweckt haben wird.
2.2.3 Zwischenfazit
Lemgo und Salem waren beide von den Kriegsfolgen betroffen und hatten unter der abnehmenden Moral und wirtschaftlichen wie emotionalen Auswirkungen zu leiden. Im kleineren Salem war jedoch die Atmosphäre des Misstrauens und des Neids deutlich stärker ausgeprägt während in Lemgo eher die konfessionelle und wirtschaftliche Isolation sowie die eigene Blutgerichtsbarkeit zum großen Ausmaß der Prozesse beitrugen.
2.3 Initialer Auslöser
2.3.1 Salem
Der Auslöser in Salem war eine kindliche Hysterie zweier Mädchen welche sich durch krampfhafte Zuckungen, starre Blicke oder dem Nachahmen eines Hundes äußerte. Diese setzte ein nachdem die Mädchen versucht hatten, von einem in einem Glas Wasser schwimmendem Ei ihren zukünftigen Ehemann zu erfragen, was in der puritanischen Gesellschaft einer Zauberei gleichkam. Nach kurzer Zeit waren mehrere Mädchen zwischen 5 und 20 Jahren von dieser Hysterie erfasst und ein Doktor attestierte dass sie sich "under an evil hand" 16 befänden. Die darauffolgende "small panic" 17 , ein Begriff welcher eine Hexenverfolgungswelle bezeichnet bei der innerhalb eines Jahres 20 Menschen zum Tode verurteilt werden, führte dazu das knapp sechs Monate später schon um die 70 Personen angeklagt waren.
2.3.2 Lemgo
Wittmann sieht als Auslöser der Lemgoer Hexenprozesse und der ihnen eigenen Dynamik die Vermischung zweier Diskurse: Einmal die Auffassung der Obrigkeit dass man einen Feldzug gegen die Hexe als "Feindin Gottes und der Gemeinschaft" 18 führe und den Einfluss Satans aufdecken wollte und zum anderen der volkstümliche Hexenglaube, welcher sich darin manifestierte dass man seinen
16 Leibnitz, S.37
17 Monter, E.W., 1976: Witchcraft in France and Switzerland. Ithaca, NY. , S. 88
18 Uschi Bender Wittmann: Communis salutis hostis" in Wilbertz, 2000, S.151
8
Nachbarn des Neids und deshalb der Anwendung von Magie zur Erlangung von mehr Reichtum verdächtigte. Und als sich diese beiden Diskurse zu vermischen begannen, fingen auch die einfachen Leute an die Inquisitionsprozesse der Obrigkeit zu ihrem Nutzen auszuspielen. Durch das Erfoltern immer neuer Besagungen gerieten die Prozesse schließlich außer Kontrolle.
2.3.3 Zwischenfazit
Beiden Verfolgungswellen gemein war das Muster der small panic welche meist zu einer Welle von Besagungen führte. In Salem gingen diese allerdings größtenteils von den Mädchen aus, während in Lemgo die Folter zu immer neuen Hexereivorwürfen führte. In Salem war der Auslöser die kindliche Hysterie einiger Teenager während in Lemgo der Verfolgungseifer der Obrigkeit mit der Verdächtigungsfreudigkeit der Einwohner zusammenfiel.
3. Untersuchung der begünstigenden Faktoren
3.1 Politische und wirtschaftliche Faktoren
3.1.1 Salem
Einen der wichtigsten Faktoren für das Aufkommen und die besonders hohe Anzahl an angeklagten Hexen nennt Thompson, der Hexenprozesse in England und den Kolonien verglichen hat, das Fehlen einer starken und stabilen Regierung mit uneingeschränkter Legitimität. Der Autor ist überzeugt dass eine legitime Regierung in Massachusetts die Salemer Prozesse noch im Keim hätte er- sticken können 19
Eine andere mögliche Ursache der Salemer Hexenprozesse wird auch in dem Streit zweier Gruppen gesehen welche sich über die künftige wirtschaftliche Ausrichtung des Dorfes zerstritten hatten. Eine demographische Studie ergab dass die Anführer der Hexenjagd aus der ökonomisch niedergehenden Gruppe stammten, während die Opfer überwiegend aus jener Gruppe stammten deren Geschäfte sich gut entwickelten, bzw. die wirtschaftlich gut gestellt waren. Die Autoren der Studie sehen die Hexenprozesse als Manifestation des Streits um die wirtschaftliche Ausrichtung und als Versuch einer Gruppe ihre Position durchzusetzen an. 20 Sie sahen die Hexenprozesse als letztes Aufbäumen der eigentlich schon unterlegenen Gruppe. Diese Gruppe, unter der Vorherrschaft von
19 Vgl. Thompson in Herget, S.94
20 Vgl. Goss, S.55
9
Bürgermeister Parris, sah die Hexenverfolgung als eine Möglichkeit zur Schwächung der Opposition und als Versuch ihre frühere starke Position wiederherzustellen. 21
Robinson geht in seinem Werk von der Annahme aus dass sich um den Bürgermeister eine Gruppe von Anhängern bildete welche die Aussagen der Kinder nutzen wollte um eine Oppositionsgruppe in der Kirchengemeinschaft auszuschalten. Ihre Motive sieht er in der Wiedererlangung der Kontrolle über die Familien und Dorfgemeinschaft, dem Rachenehmen an jenen die Kritik an ihnen übten und dem Ausschalten von Feinden. 22 Die Annahme wer Teil dieser Verschwörung ist zieht der Autor aus der Häufigkeit in der ein Name als Ankläger oder Zeuge in den Gerichtsakten auftaucht. Da einer der angeblichen Verschwörer auch der Vater eines der besessenen Mädchen ist, liegt außerdem der Gedanke nahe dass er ihr durch Einsagungen oder Anweisungen zu verstehen gab was sie zu sagen hätte um so den Verdacht noch zielgerichteter einsetzen zu können. 23 Und die politische Führung von Massachusetts stand fest hinter Cotton Mathers Kampf gegen das Böse und Übernatürliche, wie aus einem Brief des stellvertretenden Gouverneurs William Stoughton, welcher auch als Richter in den Prozessen fungierte, hervorgeht. 24
Und auch der öffentliche Druck scheint seine Auswirkungen gehabt zu haben: Reverend John Hale, einer der Hauptakteure der Salemer Verfolgungen, sagte später aus dass der öffentliche Aufschrei und die besondere Schwere der Lage der Gemeinschaft seine Sicht verdunkelt hätten und das Urteilsvermögen der Verantwortlichen, besonders in der Rechtsprechung, stark beeinträchtigt habe. 25
3.1.2 Lemgo
Auch in Lemgo kann man politische und wirtschaftliche Faktoren und Gründe für die überbordende Hexenverfolgung ausmachen. Ich möchte diese am Beispiel einer erfolgreichen Kauffrau aufzeigen. In dem nach dem Krieg wieder im Aufbau befindlichen Lemgo war speziell das Gewerbe mit Leinen vom Grafen gefördert, welcher es zu einem Markenprodukt machen wollte. Die Frage wer die Verkaufsrechte besitzen sollte war allerdings stark umstritten. Anna Veltmans nutze ihre Chance und sicherte sich das Vorkaufsrecht auf Leinen, wohingegen ihre Konkurrenten die Zeichen der Zeit nicht erkannten und auf ihren Privilegien bestanden. 26 Als sie sich weigerte einer neu gebildeten Kapitalgesellschaft beizutreten bei der ihre Konkurrenten das Ruder führten, wurde sie von jenen als schädliches Beispiel für unsoziales Verhalten gebrandmarkt.
21 Vgl. Ebenda S.56
22 Vgl. Goss S.63
23 Vgl. Robinson zitiert nach Hill, 1994,The Salem Witch Trials Reader, N.Y.,289-90 in Goss, S.63
24 Vgl. Smolinski, Rainer: Salem Witchcraft and the Hermeneutical Crisis of the 17 th Century in Herget, S.180
25 Vgl. Goss, S.47
26 Vgl. Bender-Wittmann: Kauffrau Anna Veltmans in Wilbertz, 2000, S.173
10
Eine Besonderheit des Hexendiskurses hier war, dass die Hexe darauf aus war ihren Anteil an angenehmen Dingen des Lebens auf Kosten ihrer Umwelt zu maximieren - und zu diesen Dingen gehört auch der materielle Reichtum. 27 So finden sich dann auch im zweiten Hexenprozess gegen sie Motive wie "Geld" und "sozialer Aufstieg" 28 in den Gerichtsschriften. So wird ihr dann auch wegen einem Pakt mit dem Teufel der Prozess gemacht, nach wahrscheinlich scharfem Verhör gibt sie an von ihm regelmäßig Geld erhalten zu haben. 29 Wittmann legt sich nicht fest ob ihre Gegner sie bewusst als Hexe bezeichnet haben oder ihre Finger beim Prozess im Spiel hatten, jedoch schreibt sie dass "sich ein Hexenprozess als Mittel an(bot), eine unbequeme Konkurrentin auszuschalten". 30 Zudem wurden Hexenprozesse von der Obrigkeit als ein Weg angesehen eine "law and order" 31 Krise zu ihren Gunsten zu bewältigen. Die Regierung konnte sich als Stellvertreter Gottes darstellen, ihre Fähigkeit zur Ausmerzung des Bösen demonstrieren und so ihre Machtposition stärken.
Auch Bereicherungsabsichten der einzelnen Akteure spielten im Gegensatz zu Salem eine Rolle: Dem besonders verfolgungseifrigen Bürgermeister Cothmann wurde immer wieder von seinen Kritikern vorgeworfen dass er auch durch die Hexenverfolgungen zu seinem Wohlstand gekommen sei. So ist zumindest ein Fall bekannt in welchem er Bestechung durch Gefolterte angenommen haben soll. 32 Auch die Universität Rinteln hatte Interesse an der Fortsetzung der Prozesse da sie für die einzelnen Gutachten Honorar geltend machen konnte und die Rintelner Professoren finanziell schlecht ausgestattet waren. Zudem gab es Lemgoer unter den Professoren in Rinteln und teils auch verwandtschaftliche Beziehungen. Anhand von Zeugenlisten lässt sich hier auch wie in Salem feststellen ob gewisse einflussreiche Personen oder ganze Nachbarschaften ein Interesse an der Verurteilung einer der Hexerei bezichtigten Person hatten. 33 Heinz Schilling sieht zudem die Konzentration der „politischen, ökonomischen und sozialen Interessen des Großbürgertums auf kleinstem Raum" als auschlaggebende Punkte für den "Treibhauseffekt" 34 , welcher die Hexenjagd begünstigte, an.
27 Vgl. Ebenda S.179
28 Bender-Wittmann in Wilbertz, 2000, S.180
29 Vgl. Ebenda S.180
30 Ebenda S.183
31 Bender-Wittmann, Ursula; 1990: Hexenverfolgungen und städtische Gesellschaft im frühneuzeitlichen Lemgo in:
Scheffler, Jürgen (Hrsg.); 1990: Stadt in der Geschichte-Geschichte in der Stadt: 800 Jahre Lemgo. Bielefeld, S.53
32 Vgl. StA Detmold, L 28 B IX Nr. 3 in Nicolas Rügge: Bürgermeister Hermann in Wilbertz, 2000, S.242
33 Vgl. Bender-Wittman zitiert nach Gabriele Urhahn: Ich werde keinen Fußbreit weichen in: Regina Pramann (Hrsg.),
Hexenverfolgung und Frauengeschichte, 1994, Bielefeld, S.35
34 Schilling zitiert nach Scheffler in Wilbertz, 1994, S.17
11
3.1.3 Zwischenfazit
In beiden Fällen diente der Hexereivorwurf zur Ausschaltung von Gegnern und wurde zudem von der übergeordneten Gewalt unterstützt. Diese war in Massachusetts allerdings instabil und hatte andere Probleme zu meistern. In Salem kann man den Streit um die Dorfentwicklung und den öffentlichen Druck als einen der Gründe für die Prozesse betrachten, in Lemgo spielten Bereicherungsabsichten und die Disziplinierung der Bevölkerung eine große Rolle.
3.2 Soziale und psychologische Faktoren
3.2.1 Salem
Diese Faktoren spielen eine große Rolle in den Verfolgungswellen beider Städte und sollen von mir deshalb ausgiebiger beleuchtet werden. „Lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit, non novit” 35 (Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, kein Mensch, wenn er nicht weiß, welcher Art [sein Gegenüber] ist.) wusste man schon seit der Antike, und auch hier trifft dieses Sprichwort wieder zu wenn man sich die Beweggründe der Mitmenschen genauer ansieht.
Zu dem sozialen Klima welches die Verfolgungswelle begünstigt hat, kann die äußere Bedrohungslage beigetragen haben. 1688 brach ein weiterer Krieg mit den Indianern aus und führte zu starken kriegsbedingten Zerstörungen und zu einem allgemeinen Bedrohungsgefühl in Neu-England. Generell fanden jedes Jahr mehrere Übergriffe der Indianerstämme, welche oft von den Franzosen unterstützt wurden, auf die Siedler statt. Allgemein kann man wohl sagen dass das unmittelbare und ständige Gefühl der Gefahr ein wichtiger Grund dafür war dass das Geschrei der Mädchen als Werk des Teufels und nicht mehr nur als kindlicher Übermut abgetan wurde. Die Indianer und Franzosen wurden als von Satan geschickte kleine Teufel, welche die puritanischen Siedler bestrafen sollten, angesehen. Dies wiederum geschah unter der Billigung Gottes. Kences sieht als Folge dieser langen Bedrohung eine Entwicklung hin zu einer "invasion neurosis" die er als "extreme tension of anticipating an attack which does not materialize" 36 ansah und welche durch den Eindruck des Massakers von York von 1492, bei dem über 100 Siedler 37 von Indianern umgebracht wurden, in eine mörderische Ersatzjagd auf Hexen umschlug. Der Yorker Historiker Baker ist überzeugt dass die Ereignisse zusammenhängen wenn er sagt: "People were in a panic and looking for someone to
35 Plautus zitiert nach Jürgensen, Christoph, 2007: "der Rahmen arbeitet": Paratextuelle Strategien der Lektürelenkung
im Werk Arno Schmidts, Kiel. S.58 in http://books.google.de/books
36 Kences zitiert nach Hill, The Salem Witch Trials Reader, 270-86 in Goss S.62
37
Vgl.
12
blame. They thought that if a safe, large settlement like York can be attacked, what's next?" 38 Außerdem waren mehrere Bewohner von Salem in die Geschehnisse verwickelt und deshalb wusste das Dorf von dem Massaker. Eines der besessenen Kinder war außerdem aus einer früher von Indianern überfallenen Siedlung nach Salem gekommen und hatte bei diesem 1691 stattgefundenen Angriff ihren Bruder verloren. 39 Für Kences steht fest dass die Hexenjagd ein Ergebnis der Ausei-nandersetzungen mit den feindlichen Indianerstämmen war. 40 Auch Starkey sieht die Opfer des Prozesses deshalb als Sündenböcke an welche es der Gesellschaft ermöglicht hätten ihre sozialen Spannungen, ihre Ängste und Frustrationen abzubauen und durch deren Tod gewissermaßen die herumirrenden kleinen Teufel zu vertreiben. 41
Sie zeigt auch einen neuen Ansatz für das Verständnis der Ausbrüche der Kinder auf. Sie geht davon aus dass die stressreiche Zeit vor dem Ausbruch der Hysterie zu einer Psychoneurose der betroffenen Kinder geführt hat welche das seltsame Verhalten der Kinder erklären würde. Neurosen treten überdurchschnittlich häufig beim weiblichen Geschlecht auf und können sich in hysterischen Symptomen wie dem beschriebenen ausdrücken. Zu den Verhaltensweisen welche sich durch eine Neurose offenbaren gehört z.B. die Verschiebung: Aggressionen gegen eine bestimmte Person, welche man bisher nicht fähig oder mutig genug war auszudrücken, werden auf andere Personen geschoben. 42 Das könnte ein, wenn auch laienhaftes Erklärungsmodell für die Methode der Besagungen sein. Die Autorin weist auf verschiedene andere Ausbrüche ähnlicher Natur hin welche in der Geschichte angesichts von Stress und sozialem Chaos stattgefunden haben. Wichtig an ihrer Studie ist das Verständnis des puritanischen, jugendlichen Mädchentypus. Nach der Autorin reagierten die Mädchen mit ihrem Ausbruch auf eine eingebildete übernatürliche Gefahr (Spiel mit dem Ei im Wasserglas) entsprechend ihrer religiösen Erziehung, welche Zauberei unter Strafe stellte. Sie stellt die Verrenkungen und Anfälle der Mädchen auf eine Ebene mit den Anfällen heutiger weiblicher Teenager auf Popkonzerten. Das Problem war dass die Gemeinschaft diese Ausbrüche nicht als das erkannte was sie eigentlich waren und dass sie das nicht tat weil sie unter einer Vielzahl von Bedrohungen tatsächlich in eine Art von kollektiver Bewusstseinstrübung geriet. 43 Ein anderer Analytiker stellt die sich immer weiter steigernden Ausführungen der Kinder so dar, dass
38
01.03.2009, 20.40
39 Vgl Goss, S.62
40 Vgl. Kences: Some Unexplored Relationships of Essex County Witchcraft to the Indian Wars of 1675 and 1687 in
Goss, S.63
41 Vgl. Starkey, Marion: The Devil in Massachusetts in Goss, S.52
42 Vgl. http://www.psychosoziale-gesundheit.net/psychiatrie/neurosen.html , 27.2., 00.30
43 Vgl. Starkey in Goss, S.52
13
sie in ihren Geschichten gefangen waren und sie weiterstricken mussten da sie Angst hatten was passieren würde wenn sie auffliegen würden. 44
Professorin Karlsen vertritt eine angeblich vielfach anerkannte feministische These: Sie glaubt dass trotz der Vielzahl hingerichteter Männer die Hexerei größtenteils ein weibliches Phänomen war und dass Frauen für ihre "nonconformity" 45 mit dem Leben bezahlen mussten. Sie belegt dass von den wegen Zauberei in Neu-England hingerichteten Personen 78% Frauen (70% in Salem) waren. Diese hohe Zahl schreibt sie dem Umstand zu dass der Vorwurf der Hexerei in der männerdominierten puritanischen Gesellschaft zur Unterdrückung der Frau, zu ihrer Zurückweisung in ihre untergeordnete Rolle und zur Fernhaltung von einflussreichen Positionen eingesetzt wurde. Sie glaubt dass Frauen die aus dem vorgeblich gottgegebenen System der männlichen Vorherrschaft ausscherten nicht nur die männliche Autorität, sondern in den Augen der Patriarchen auch den göttlichen Plan durchkreuzten und sich so gleichsam selbst dem Verdacht der Hexerei auslieferten. 46
Für Calef, den prominentesten zeitgenössischen Gegner der Hexenprozesse sind die Prozesse zurückzuführen auf "lying wenches" welche ehrbare Nachbarn verraten und anklagen, getrieben von den Teufeln "envy, hatred, pride, cruelty, and malice". 47 Und Morison sieht in der zerrissenen Gemeinschaft der Kleinstadt einen Grund für die Prozesse. 48
3.2.2 Lemgo
Hexenprozesse erfüllten auch hier oft eine soziale Funktion. Sie dienten oft dazu zwischenmenschliche Auseinandersetzungen durch Hexereivorwürfe zu lösen indem sie Einzelgänger oder Außenstehende ausgrenzten, dadurch die Grenzen der Dorfgemeinschaft festlegten, und den Herrschaftsanspruch der christlichen Autoritäten bestätigten. 49 Während der Verfolgungswellen herrschte in der Stadt ein großes Angstgefühl welches auch zum Weitergang der Prozesse beigetragen haben mag. Denn die Angst selbst als Hexe/r belangt zu werden konnte auch schnell zur Rettung der eigenen Haut in Beschuldigungen anderer umschlagen. Deshalb wurde auch oftmals von Seiten der Angehörigen keine solidarischen Aussagen gegenüber den angeklagten Familienmitgliedern gemacht, zu schnell, fürchtete man, wäre man selbst in den Bannkreis des Verdachts geraten. 50
44 Vgl. Goss, S.53
45 Karlsen, Carol: The Devil in the Shape of a Woman in Goss, S.59
46 Vgl. Karlsen in Goss, S.60
47 Calef, Robert, 1700: More Wonders of The Invisible World, London in Goss, S.47
48 Vgl. Morrison: The Intellectual Life of Colonial New England in Goss, S.53
49 Vgl. Bender-Wittmann, Ursula: Hexenverfolgungen und städtische Gesellschaft im frühneuzeitlichen Lemgo in:
Scheffler, 1990: Stadt in der Geschichte-Geschichte in der Stadt: 800 Jahre Lemgo. Bielefeld, S.46
50 Vgl. Ebenda, S.52
14
Schwerhoff sieht den Hexereivorwurf zudem als probates und gerne, auch aufgrund seiner "Elastizität" 51 , angewandtes Lösungsmittel für soziale Konflikte. Gegner waren wegen der objektiv schwer nachzuweisenden und damit paradoxerweise auch schwer zu entkräftenden Natur der Hexerei mit der gefährlichen Waffe der Beschuldigung leicht in Verruf zu bringen und mussten dann ihre Unschuld selbst beweisen. Injurienklagen waren eher gefährlich für die beschuldigte als für die anzeigende Person. 52
Ein später wegen Kritik an den Hexenprozessen hingerichteter Pfarrer prangerte die Untugenden der Oberschicht an, welche seiner Meinung nach Auswirkungen auf den fairen Verlauf der Prozesse hätten, darunter Trunksucht, Habsucht und Verleumdung. 53 Er stieß jedoch bei der Mehrheit der Lemgoer Öffentlichkeit auf taube Ohren da jene noch ganz von der Führungsrolle der Obrigkeit überzeugt war. Diese Obrigkeit sah dann auch jede Kritik und auch die Mahnung zur Vorsicht als Frevel und Unterstützung des Satans an. Die sich im Dorf über ihn verbreitenden Gerüchte führten bald zu ersten Besagungen, seiner Suspendierung vom Pfarramt und seine mutmaßliche Mitautorenschaft an einer Schrift gegen die Lemgoer Hexenverfolger und ihren höhergestellten Unterstützer ließ auch keine Hilfe vom Detmolder Grafen mehr erwarten. 54
Bürgermeister Cothmann, einer der schlimmsten Hexenverfolger der dritten Prozesswelle, hatte mehrere mögliche Motive für seine besonders aktive Rolle in den Prozessen. Zum einen war seine Mutter 1654 als Hexe hingerichtet worden, was ihn dazu bewogen haben könnte diese Schmach und etwaige Verdachtsmomente gegen sich durch besondere Härte auszulöschen, zum anderen wurde ihm auch immer wieder persönliche Bereicherungsabsicht vorgeworfen. 55
Auch für Lemgo ist die Patriarchatsthese von Karlsen erörtert worden. Immerhin hatten Frauen hier einen Anteil von 94, 5 % an den Angeklagten. 56 Woran lag es dass der Frauenanteil bei den Verurteilten und Hingerichteten in Lemgo und auch in den meisten anderen Gebieten der Hexenverfolgung höher lag als der der Männer? Zuerst kann man den Hexenhammer und seine enorme Frauenfeindlichkeit untersuchen. Der Autor Insistoris gibt auf die selbst gestellte obige Frage die Antwort, dass "Bosheit, Leichtgläubigkeit, Rachsucht, Falschheit, vor allem Begehrlichkeit des Fleisches" 57 einige der ausschlaggebenden Faktoren für ihre besondere Hinneigung zum Hexenwesen seien.
51 Schwerhoff, Gerd: Hexerei, Geschlecht und Regionalgeschichte in Wilbertz, 1994, S.351
52 Vgl. Ebenda, S.249
53 Vgl. Wilbertz, Gisela, 2000: "Bekehrer" oder "Mahner"?-Die Rolle von Geistlichen in den Hexenprozessen des 17
Jahrhunderts am Beispiel der Stadt Lemgo in: Jahrbuch für westfälische Kirchengeschichte, S.71
54 Vgl. Wilbertz in: Jahrbuch für westfälische Kirchengeschichte, S.72
55 Vgl. Günter Kleinwegener zitiert nach Peter Oestmann: Lippische Prozesse vor dem Reichskammergericht in Wil-
bertz, 1994, S.258
56 Vgl. Bender-Wittmann, Ursula; in: Scheffler, Jürgen (Hrsg.); 1990: Stadt in der Geschichte-Geschichte in der Stadt:
800 Jahre Lemgo. Bielefeld, S. 45-55.
57 Insistoris zitiert nach Schwerhoff in Wilbertz, 1994, S.333
15
Doch warnt Schwerhoff hier vor einer Überbewertung, da die dem Hexenhammer nachfolgende und von ihm sicherlich inspirierte Literatur nur noch wenig von der extremen Frauenfeindlichkeit des ursprünglichen Werkes besitzt und sich auch Bücher aus jener Zeit finden in denen die Frau gelobt wird. Schon als wahrscheinlicher sieht er an dass Frauen besonders oft wegen Schadenszaubern, welche einen großen Anteil an den Beschuldigungen wegen Hexerei hatten, vor Gericht kamen. Er sieht dies im Zusammenhang mit ihren tragenden Rollen in der Zubereitung von Nahrungsmitteln, der Pflege des Viehs und der Krankenpflege welche ein breites Angriffsspektrum bei Schadens-oder Unglücksfällen boten. 58
Auch das typisch weibliche Konfliktverhalten, welches sich eher verbal in Beschimpfungen und Flüchen als wie bei Männern in handfesten Auseinandersetzungen entlädt sieht er als einen der Gründe für eine höhere Wahrscheinlichkeit der Verdächtigung an. Rainer Walz meint allerdings dass die Beschimpfungen im Alltag gleichmäßig unter den Geschlechtern verteilt waren und die als Hexen angeklagten Frauen nicht durch übermäßige Drohungen aufgefallen wären. 59 Walter Hummel kommt zu dem Ergebnis dass der hohe Frauenanteil das Ergebnis von "Stellvertreterkriege(n)" 60 sei, eine Verlagerung von nicht ausgedrückten oder ausgeführten Konflikten oder Gegensätzen, welche durch den Hexenprozess auf die Frauen übertragen wurden. 61 Schwerhoff sieht in all diesen Modellen eine Schwächung der z.B. in Salem plausibleren Patriarchatsthese.
Auch in Lemgo haben Kinder einen unheilvollen Einfluss auf die Hexenprozesse genommen. So benannte ein Junge eine ältere Frau als Hexe und erzählte seinem Vater dass die Frau an ihn herangetreten sei und ihn dazu gebracht habe Gott abzuschwören, woraufhin ihm der Teufel in Mädchengestalt erschienen sei. 62 Bei weiteren Besagungen durch ein Mädchen ist Walz vom Motiv dieser zur Bezichtigung ihrer selbst und anderer überzeugt: es handele sich hierbei wahrscheinlich um die Erregung von Aufmerksamkeit welche das Mädchen wegen der Vernachlässigung durch Eltern und ungeordnete Verhältnisse zu Hause nicht bekam. Anderen wurde kindliches Fabulieren zum Verhängnis als sie vor Gleichaltrigen mit ihren Zauberkünsten prahlten und dies weitergetragen wurde. Offenbar bezogen die Kinder ihre Vorstellungen von Hexerei oft über belauschte Gespräche von Erwachsenen und setzten diese für sie sehr beeindruckenden Erzählungen im Spiel mit ihren Altersgenossen um. 63 Das macht Walz daran fest dass sich in den Erzählungen Motive des gelehrten Hexenglaubens widerspiegelten: Abkehr von Gott, Teufelsbuhlschaft, deren Wesen die Kinder ja oft noch gar nicht verstanden, oder die Kälte des teuflischen Gliedes. Diese Motive wurden von den
58 Vgl. Schwerhoff in Wilbertz, 1994, S.339
59 Vgl. Walz zitiert nach Schwerhoff in Wilbertz, 1994, S.340
60 Hummel zitiert nach Schwerhoff in Wilbertz, 1994, S.343
61 Vgl. Ebenda, S.344
62 Vgl. Walz, Rainer: Kinder in Hexenprozessen in Wilbertz, 1994, S.213
63 Vgl. Ebenda, S.216
16
Kindern ihrem Vorstellungsvermögen angepasst und so wurde aus dem kalten Teufelsglied ein kaltes Männchen welches sich nachts auf eines der Kinder gelegt haben soll. 64
Nach Meinung von Walz wurden Kinder aber wie vieleicht auch in Salem gezielt zur Denunziation von Opponenten genutzt und so in ihren Aussagen von den Erwachsenen noch ermutigt und bestätigt. Ein Junge berichtete dass er von seiner Stiefmutter so lange geschlagen wurde bis er bereit war seinen Vater und dessen Schwester der Teilnahme am Hexentanz zu beschuldigen. 65 Wenn ungezwungen fabulierende Kinder hingegen nicht bei ihren Bezichtigungen blieben machten sie sich selbst verdächtig und hatten Bestrafung zu fürchten; wenn sie bei ihrer Lüge blieben musste diese immer mehr ausgestrickt werden und zog immer weitere Kreise. Hier sehe ich Parallelen zu Salem. Für Dritte waren jedoch gerade die Aussagen von Kindern oft besonders glaubwürdig da man davon ausging dass diese unschuldigen Geschöpfe nicht arglistig andere täuschen würden. Den Hang zum kindlichen Fantasieren zog man hier, wie auch schon in Salem, kaum in Betracht.
3.2.3 Zwischenfazit
Die Verlagerung auf Sündenböcke ist das hervorstechendste gemeinsame Merkmal, auch wenn es scheint dass sie in Lemgo zusätzlich forciert wurde. Unterschiede sind hingegen dass in Lemgo ein zynischer, verdorbener und vielleicht auch psychologisch vorbelasteter Bürgermeister einen sehr großen Anteil am Ausmaß der Prozesse hatte, während in Salem mutmaßlich neurotische Kinder und durch die Bedrohungslage verblendete Männer, die sich ihrer Männlichkeit versichern und die in ihren Augen revoltierende Frauenschaft disziplinieren wollten, Gründe für die Prozesse waren.
3.3 Religiöse Faktoren
3.3.1 Salem
Ein wichtiger Ansatzpunkt für das Verständnis der Hexenprozesse von Salem ist die Einbeziehung des damals unter den puritanischen Siedlern weit verbreiteten Glaubens an die "Unsichtbare Welt" deren Grundzüge Cotton Mathers in seinem Buch "The Wonders of the Invisible World" darlegt und auf deren Charakteristika ich am Anfang schon eingegangen bin. Er schrieb dieses Buch im Auftrag des Gerichts, welches damit die Existenz von Hexerei in Salem beweisen und den eigenen Ruf rehabilitieren wollte. 66 Dieses Buch wurde kurz vor Aufhebung des Gerichts und damit dem Ende der Prozesse veröffentlicht, doch beschreibt es die Sichtweise des Gerichts und Mathers, welcher einen
64 Vgl. Ebenda S.217
65 Vgl. Ebenda S.218
66 Vgl. Leibnitz, S.46
17
tragenden Anteil an den Hexenprozessen hatte, auch wenn er keine offizielle Position bekleidete, und gibt wertvolle Hinweise auf die Sichtweise und Intention der Handelnden.
Schlussendlich führt Mathers das verderbliche Treiben der Hexen auf eine Bestrafung der Menschen durch Gott zurück, der erzürnt vom sündigen Treiben der Puritaner ist. "Are all the other Instruments of thy Vengeance (,) too good for the chastisment of such transgressors as we are?" 67 Nur einen Lebensstil nach den Geboten Gottes sieht er als Erlösung von diesen Sünden. Ferner war Mathers strikt davon überzeugt dass das Ende der Herrschaft Satans nahe sei und die Wiederkehr Christus unmittelbar bevorstehe. Die Fälle von Hexereivorkommnissen in Neu-England sah er in diesem Zusammenhang als eindeutiges Zeichen für das Zuendegehen der Herrschaft des Teufels. 68 Denn er wusste: "the dying Dragon will bite more cruelly and sting more bloodily than ever he did before (...) and for this cause he will now fly upon us with the Fiercest Efforts and Furies of his Wrath". 69
Und er war überzeugt dass der Teufel genau dort zuschlagen würde, wo er die Gläubigen am schwersten treffen würde: in der Neuen Welt mit ihrer bisherigen Sündlosigkeit, ihren so heiligen Pfarrern und Lehrern, würde er genau das richtige Ziel für seine teuflischen Pläne finden. 70 Für das Schüren dieser Angst vor dem Bösen benutzt er starke Bilder. So predigt er das die Luft voller Teufel sei "as with Flies in Mid-Summer" und fährt fort "We draw our breath in the place of Dragons". 71 Vielleicht führten solche Ausführungen dazu dass manche Opfer sich offenbar durch religiöse Angstzustände, Selbstzweifel oder die Sorge um ihr Seelenheil und vom Gericht zusätzlich zu einem Geständnis gedrängt davon überzeugen ließen dass sie tatsächlich dem Teufel anheim gefallen waren. 72
3.3.2 Lemgo
Der Glaube an die Unsichtbare Welt war eine Besonderheit der Salemer Prozesse. Zwar kannte man den Begriff auch hier durch die Stellen in der Bibel in denen davon die Rede ist dass Gott und der Teufel in einer unsichtbaren Welt leben, allerdings führte das nicht zum Spektralbeweis, welcher in Salem so unheilvoll verwendet wurde.
Hier war es mehr die Rolle der Geistlichkeit die eine Betrachtung verdient. In der Folge soll dies an einem Beispiel besessener Kinder untersucht werden. Das Kirchengericht von Helmstedt, von wel-
67 Mather, Cotton, 1693: Wonders of The Invisible World, S.85 in Leibnitz, S.55
68 Vgl. Smolinski in Herget, S.177
69 Mather, 1693, S.56 zitiert nach Smolinski in Herget, S.178
70 Vgl. Smolinski in Herget, S.179
71 Mathers, Cotton, 1689: Memorable Providences, pt. 3, 16; Armour 6; zitiert nach Smolinski in Herget, S.182
72 Vgl. Godbeer, Richard: Der Teufel in Absentia: Hexerei in Salem im Jahre 1692 in Herget, S.108
18
chem man sich eine Stellungnahme einholte, war sich in der Beurteilung der Glaubwürdigkeit von Kindern und wie mit ihnen zu verfahren sei uneins. Einige Mitglieder beriefen sich auf die Bibel und sahen die Kinder als nicht fähig zur Besserung an weswegen sie sie wieder zum Glauben bekehren wollten und ihnen dann einen sanften Tod zukommen lassen wollten; andere meinten dass Gott sich der Kinder erbarmen würde und sie unabsichtlich gesündigt hätten. 73 Auch wenn der Beschluss des Konsistoriums dann eher mild ausfiel war dennoch die Rede davon dass nicht zu bessernde Kinder "durch einen sanfften todt hin zu richten" 74 (meist durch Aderlass) seien. Einige Geistliche wandten sich jedoch von der Kanzel herab an die Verantwortlichen und riefen sie zur Zurückhaltung auf. 75
Es gab auch, wenngleich selten, Unterstützer aus der Kirche, z.B. Magister Kemper, welcher sich von dem hingerichteten Andreas Koch, welcher sein Kollege und Schwager war, deutlich distanziert und nicht an der Schuld des Kritikers der Prozesse zweifeln wollte. Außerdem verweigerte er einem Beschuldigten, welcher auf dem Weg zur Hinrichtungsstätte sein Geständnis widerrief, die Sterbebegleitung und forderte seine Rückkehr ins Gefängnis wo man ihn erneut bekehren, also foltern, solle. Auch nahm er bei Gefängnisbesuchen eher die Rolle eines Verhörenden als eines Seel-sorgers ein und verließ die Opfer wenn sie nicht auf seine Fragen eingingen. Er ließ sie also in ihrer Qual allein und mag vielleicht gerade durch die Drohung des Verlassens den einen oder anderen zum Geständnis bewogen haben. 76 Und auch die Obrigkeit hatte religiöse Motive: wie schon erwähnt sieht Wittmann den Feldzug gegen die Hexe als "Feindin Gottes und der Gemeinschaft" 77 an, welchen die Obrigkeit führte um so den Einfluss Satans aufzudecken.
3.3.3 Zwischenfazit
Auch in Lemgo machte man den Menschen Angst vor dem Teufel, allerdings war diese Methode in Salem aufgrund der puritanischen Denkweise als ausschlaggebenderer Faktor einzuschätzen. In Lemgo traten hingegen einige Geistliche als Anschubgeber der Verfolgung unrühmlich hervor. Dennoch wurden in beiden Städten auch Geistliche hingerichtet welche sich der Hexenjagd entgegenstellten.
73 Vgl. StA Lemgo, L 28 NIX Nr. 1, fol 5f zitiert nach Walz in Wilbertz, 1994, S.222
74 Ebenda S.224
75 Vgl. Wilbertz, Gisela: Scharfrichter David Clauss d.Ä. in Wilbertz, 2000, S.300
76 Vgl. Wilbertz in: Jahrbuch für westfälische Kirchengeschichte, 2000, Bielefeld, S.82
77 Bender-Wittmann in Wilbertz, 2000, S.151
19
3.4 Besonderheiten und individuelle Faktoren
3.4.1 Salem
Es gibt noch andere Theorien zur Hexenverfolgung in Salem. Einige führe ich hier auf.
Eine von Caporeal verfochtene These besagt dass die besessenen Mädchen an einer Vergiftungserscheinung namens Ergotismus litten, welche durch einen Schimmelpilz in Getreide hervorgerufen wird. Das Verhalten der Mädchen entspräche den Symptomen die durch den Mutterkornpilz her-vorgerufen werden, welcher auch zur Herstellung von LSD verwendet wird. 78 Diese Argumentation weist allerdings Schwachstellen auf, z.B. kommt die Frage auf warum nur die Mädchen unter den Symptomen litten und nicht andere Personen welche dasselbe Brot gegessen hatten? Eine andere Theorie wird von Professorin Carlson vertreten welche die Annahme vertritt dass die Kinder unter einer durch Moskitos übertragenen Gehirnhautentzündung gelitten hätten, welche ebenfalls den Symptomen der Kinder ähnliche Auswirkungen zeigen soll. 79 Samuel Morison wiederum sieht auch im feigen Schweigen der Intellektuellen einen der Gründe wieso die Prozesse sich zu einem Flä-chenbrand entwickeln konnten. 80
Auch Kinder waren vor der Massenhysterie nicht sicher: so wurde die vierjährige Tochter einer Besagten zum Verhör vor Gericht gebracht und festgehalten, um den Spektralgeist davon abzuhalten die besessenen Mädchen anzufallen. Das Kind sagte gegen seine Mutter aus, die ihm einen Dämon gegeben hätte welches es mit Blut hätte füttern müssen. Es wurde ins Gefängnis gebracht und über ein Jahr festgehalten. 81
Und auch die Folter fand Anwendung. Viele Opfer bekannten sich nur unter Druck für schuldig, ihre Geständnisse wurden ihnen gleichermaßen in den Mund gelegt: "that confession (...) we made (...) was suggested to us by some gentlemen" 82 Nach Godbeer stand dies im Gegensatz zum englischen Mutterland. 83
Auch gab es im rechtlichen Bereich Unterschiede. Die Rechtssprechung in England, welche auch in Salem Anwendung fand, unterschied sich in einigen Punkten von der kontinentalen: so gab es keine Inquisitionsgerichte, sondern stattdessen säkulare Gerichte. So blieb der Anklagepunkt der Häresie meistens außen vor und man konzentrierte sich hingegen auf den Schadenszauber, die malefica.
78 Vgl. Linda B. Caporeal: Ergotism. Science 21-26, April 1976 in Goss, S.58
79 Vgl. Carlson, Laurie: A Fever in Salem in Goss, S.59
80 Vgl. Morrison in Goss, S.52
81 Vgl. Goss, S.23
82 Drake, Samuel G.: The witchcraft delusion in New-England in Leibnitz S.65
83 Vgl. Godbeer in Herget, S.96
20
Dies führte dazu dass die Beweisführung erschwert wurde und der Großteil der Beschuldigten freigesprochen werden musste. 84
Und es gab auch durchaus Gegner der Prozesse. Zu den Gegnern der Salemer Hexenprozesse zählten illustre Persönlichkeiten. Ein ehemaliger Gouverneur, ein ehemaliger Vize-Gouverneur, nahezu alle Pfarrer der Gegend, viele Richter und wichtige Persönlichkeiten aus Boston. Diese sind alle in einem im Herbst 1692 geschriebenen Brief von Thomas Brattle vereint. 85 Allerdings stellte auch von diesen keiner die Hexerei grundsätzlich in Abrede.
Zum Teil auch dank ihnen kam es dann zum Ende der Prozeßwelle. Grund dafür war wahrscheinlich die Erkenntnis der Herrschenden dass auch sie nicht gegen die Beschuldigung der Hexerei gefeit waren. Doch auch die zunehmende Kritik an der Beweisführung mittels des Spektralbeweises wird als wichtiger Grund für das Abflauen der Prozesse genannt. 86
Generell fällt auf dass schon kurze Zeit nach dem Ende der Salemer Hexenprozesse eine Welle der Läuterung stattfand, in welcher sich frühere Ankläger und Verantwortliche als Täter offenbarten und die damaligen Angeklagten rehabilitiert wurden. 87
3.4.2 Lemgo
Hier gibt es nicht die Vielzahl von Theorien wie es in Salem der Fall ist. Wilbertz sieht einen der Gründe für das Ausmaß der Verfolgung in Lemgo in der Besonderheit dass Kläger, Zeuge und Gerichtsmitglied sich oft in Personalunion manifestierten und es so zu Voreingenommenheit und Interessenskonflikten kam. 88
Auch hier kamen Kinder ins Visier der Verfolger. So wird die Hinrichtung eines Jungen überliefert, welcher wohl als nicht zu bessernder Fall eingestuft wurde. 89 Bei dieser mussten auch die anderen verdächtigten Kinder zusehen, vermutlich um ihnen die Folgen ihres Handels aufzutun und sie zur Besserung anzuhalten. 90 Und auch im Lemgoer Hexenprozess wurde gern und viel gefoltert. Dies fand durch Aufziehen, Anlegen von Beinschrauben und zusätzliche Knebelung statt. Und auch hier wurden Geständnisse manipuliert. Ein ehemaliger Ratsherr welcher vor einer drohenden Hexenklage aus Lemgo geflohen war, zitierte den Scharfrichter Clauss dahingehend, dass jener sein Hand-
84 Vgl. Leibnitz, S.34
85 Vgl. Godbeer in Herget, S.114
86 Vgl. Ebenda S.96
87 Vgl. Leibnitz, S.28
88 Vgl. Wilbertz in Jahrbuch für westfälische Kirchengeschichte, S.58
89 Vgl. Walz in Wilbertz, 1994, S.227
90 Vgl. Ebenda S.229
21
werk zum Teufel wünsche wenn den Beschuldigten in der Marter Worte in den Mund gelegt würden, was offenbar vorkam. 91
Rechtliche Besonderheiten gab es auch hier. Eine Sonderrolle kommt der Rintelner Universität zu welche die Prozeßwelle erst ermöglichte dadurch dass ihre Gutachten meist dem Willen der Hardliner in Lemgo entsprachen und zudem die Anfragen sehr schnell beantwortet wurden, was den Prozess in Gang hielt. 92
Und auch hier gab es Widerstand. Besonders nach 1665 richtete sich dieser auch in Lemgo gegen die Verfolgung. Den Bürgermeistern und den von ihnen beauftragten Hexendeputierten wurde Selbstherrlichkeit und Umgehung des Rates vorgeworfen. Unruhe bei der Bevölkerung erregten beispielsweise die vielfältigen Unschuldsbeteuerungen welche die Beschuldigten gegenüber ihren Seelsorgern oder auf dem Weg zur Richtstätte abgaben. Einige Geistliche wandten sich von der Kanzel herab an die Verantwortlichen und warfen den Ratsmitgliedern vor mit den Prozessen ihre Opposition ausschalten zu wollen. 93 Als herausragendes Beispiel für einen besonders mutigen Gegner, welcher dann auch ins Visier der Mächtigen geriet sei Andreas Koch aufgeführt. Dieser war ein evangelischer Pastor welcher Kritik an den Verfolgungen zur Zeit des Bürgermeisters Cothmann äußerte. Er wurde daraufhin 1666 als Hexer gebrandmarkt und exekutiert. Gerade Angehörige von Verurteilten aus der bürgerlichen Führungsschicht begannen sich in der dritten Prozeßwelle immer stärker gegen die Verfolgung aufzulehnen und taten dies auch mit juristischen Mitteln. Dies führte mit dazu, dass nach der letzten Hexenanklage 1681, aus welcher sich die Beschuldigte herausklagte, die Prozesse zum Erliegen kamen. 94
Bedauernde Worte kamen hier erst 1715 zum Ausdruck, als symbolisch das Schwarze Buch mit Namen von Besagten verbrannt wurde.
3.4.3 Zwischenfazit
Die Verfolgung von Kindern, der Einsatz der Folter und das Vorgeben der gewünschten Antworten aber auch die vielen mutigen Gegner sind Verbindungen zwischen den Prozessen. In Salem fällt die Vielzahl der möglichen physischen Ursachen auf, während in Lemgo die Vereinigung der Gerichtspositionen Unheil brachte.
91 Vgl. Wilbertz in Wilbertz, 2000, S.301
92 Vgl. Oestmann, Peter: Lippische Prozesse vor dem Reichskammergericht in Wilbertz, 1994, S.260
93 Vgl. Wilbertz in Wilbertz, 2000, S.300
94 Vgl. Wilbertz in Jahrbuch für westfälische Kirchengeschichte, S.64
22
4. Resümee
Ich hoffe mit meiner Arbeit die wesentlichen Überschneidungen, Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Besonderheiten der beiden behandelten Ereignisse in Salem und Lemgo aufgezeigt zu haben. Ich denke dass sich zusammenfassend sagen lässt dass trotz vieler Unterschiede die Gemeinsamkeiten der beiden Prozeßwellen leicht überwiegen. Als schwerwiegendste Unterschiede, abgesehen von zeitlichem Unterschied und der Anzahl der Opfer, sehe ich den Einfluss der Bedrohung von außen, die Besonderheiten des puritanischen Glaubens, die weite Kreise ziehende Hysterie der Kinder sowie den unheilvollen Einsatz von Spektralbeweisen in Salem an. In Lemgo sticht mehr die Rolle des Bürgermeisters, die Ausschaltung von wirtschaftlichen und politischen Gegnern sowie der Einfluss der Rintelner Universität hervor.
Größte Gemeinsamkeiten sind das fast übereinstimmende Hexenbild, der Einfluss der Kriegsfolgen, das Muster der small panic, die Unterstützung von oben und die Verfolgung der Gegner und von Kindern. Außerdem ist beiden Verfolgungswellen eigen dass sie Probleme mannigfaltiger Art auf Sündenböcke übertrugen und so einen Teufelskreis der schlimmsten Art schufen. Und leider setzte bei den Bewohnern und Obrigkeiten der beiden Städte der gesunde Menschenverstand erst ein als alles schon zu spät war.
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Literaturverzeichnis
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- http://archive.seacoastonline.com/2001news/2_1maine2.htm, 01.03.2009, 20.35
- http://www.seacoastonline.com/apps/pbcs.dll/article?AID=/20080618/LIFE/806180320/-1/NEWS15&sfad=1, 01.03.2009, 20.35
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Urs Endhardt, 2009, Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Hexenprozesse in der alten und neuen Welt am Beispiel Salem und Lemgo, München, GRIN Verlag GmbH
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