1. Welcome to the Show?
,,Eine Regierung aber, die nur noch durch die öffentlichen
Leibesübungen ihres Außenministers oder den staatsmännischen
Blick des Kanzlers auffällt, versinkt vor lauter Gediegenheit
leicht in langweiliger Routine."
(Hartmut Palmer)1
Soweit eine Meinung zum Verhältnis von Politik und Öffentlichkeit, die sicherlich eine Vielzahl von Bürgern bejahen würden. Andere wiederum hielten entgegen, dass gerade die Unscheinbarkeit einer Regierung - gemäß dem Motto ,,No news is good news." - für ihre Fähigkeiten spricht, das Land auf (Erfolgs-) Kurs zu halten.
Abseits aller Meinungen jedoch gibt es natürlich die wissenschaftliche Debatte darüber, inwieweit Politik in der Öffentlichkeit in Erscheinung treten sollte, wie stark beide verquickt werden dürfen, ja was Öffentlichkeit im Hinblick auf Politik eigentlich für eine Bedeutung besitzt.
Ein aktiver Teilnehmer an dieser Debatte ist der Kultursoziologe Jürgen Gerhards, der mit seinem Aufsatz zur ,,politischen Öffentlichkeit" einen Erklärungsansatz für diesen - offensichtlich gesellschaftlich bedeutenden - Teil der Öffentlichkeit entworfen hat, welcher insofern äußerst interessant ist, da er sowohl mikro- als auch makroperspektivisch argumentiert und somit die ,,unsichtbare Schranke" zwischen beiden Denkrichtungen zum Zweck einer symbiotischen Verbindung überwindet.
Die Gedanken hinter dieser Arbeit waren nun folgende: Von der Oberfläche des Gerhards'schen Aufsatzes über die politische Öffentlichkeit sollte sukzessive in die Tiefe gegangen und nach dessen Wurzeln gesucht werden. Die Arbeit selber stellt nun diese Suche in umgekehrter Reihenfolge dar. Die Basis bilden die zwei zentralen Theorien der Öffentlichkeit auf der einen und die zwei Haupttheorien gesellschaftlichen Handelns auf der anderen Seite. Aus letzteren wird auf einer Zwischenebene wiederum eine kombinierte System-/Akteurs-Theorie konstruiert, die dann zusammen mit der von Gerhards favorisierten Öffentlichkeitstheorie für einen ,,system- und akteurstheoretische[n] Bestimmungsversuch"2 politischer Öffentlichkeit verwendet wird. In einem abschließenden Kapitel wird der Aufsatz noch einmal einem Vergleich mit anderen Abhandlungen über das System Öffentlichkeit unterzogen.
Ziel dieses Vorgehens soll es sein, die Hintergründe hinter diesem Aufsatz über die politische Öffentlichkeit kritisch zu beleuchten, um sowohl ein besseres Verständnis für die ,,Bausteine" des Ansatzes sowie die Vorgehensweise von Gerhards zu vermitteln als auch die Plausibilität der Argumentation zu prüfen.
Ziel dieses Vorgehens soll es sein, die Hintergründe hinter diesem Aufsatz über die politische Öffentlichkeit kritisch zu beleuchten, um sowohl ein besseres Verständnis für die „Bausteine“ des Ansatzes sowie die Vorgehensweise von GERHARDS zu vermitteln als auch die Plausibilität der Argumentation zu prüfen.
1 Palmer, Hartmut: ,,Das Jahr der Schurken". in: Vertretung des Landes Rheinland-Pfalz beim Bund (Hrsg.): Rückblende 2000. Hamburg: Spiegel-Verlag, 2001. S. 4f.
2 Gerhards 1994, S. 77
Inhaltsverzeichnis
1. Welcome to the Show?
2. Steckbrief Öffentlichkeit
3. Das Modell der diskursiv-republikanischen Öffentlichkeit
3.1. Die theoretische Anlage
3.2. Der Platz der diskursiv-republikanischen Öffentlichkeit
3.3. Die Funktion der diskursiv-republikanischen Öffentlichkeit
3.4. Die Merkmale der diskursiv-republikanischen Öffentlichkeit
3.5. Die Kritik am Konzept
4. Das Modell der liberalen Öffentlichkeit
4.1. Die theoretische Anlage
4.2. Der Platz der liberalen Öffentlichkeit
4.3. Die Regeln der liberalen Öffentlichkeit
4.4. Die Funktion der liberalen Öffentlichkeit
4.5. Die Kritik am Konzept
4.6. Gegenüberstellung von diskursiv-republikanischer und liberaler Öffentlichkeit
5. Akteur versus System: Theorien gesellschaftlichen Handelns
5.1. Die Theorie rationalen Handelns
5.2. Die Systemtheorie
5.3. Die funktional-strukturelle Systemtheorie
6. Akteur meets System: Ein kombinierter Handlungstheorieansatz
6.1. Über die Ursachen gesellschaftlicher Differenzierung
6.2. Zur Unterdeterminiertheit gesellschaftlichen Handelns
6.3. Das kombinierte Modell gesellschaftlicher Differenzierung
7. Politische Öffentlichkeit zwischen System- und Akteurstheorie
7.1. Öffentlichkeit als Teilsystem der Gesellschaft
7.2. Politik als Teilsystem der Gesellschaft
7.3. Politische Öffentlichkeit – Politik in der Öffentlichkeit
7.4. Auf den Punkt gebracht ...
8. Kein Pro ohne Contra
9. Got the Masterplan?
10. Bibliographie
Zielsetzung und Forschungsfrage
Die Arbeit untersucht kritisch den theoretischen Ansatz von Jürgen Gerhards zur „politischen Öffentlichkeit“. Ziel ist es, die wissenschaftlichen Grundlagen und die methodische Vorgehensweise dieses Modells zu durchleuchten, um ein tieferes Verständnis für die system- und akteurstheoretischen Bausteine zu vermitteln und die Plausibilität der Argumentation zu prüfen.
- Analyse und Vergleich der Öffentlichkeitsmodelle nach Habermas und dem liberalen Ansatz.
- Gegenüberstellung mikrosoziologischer Handlungstheorien und makrosoziologischer Systemtheorien.
- Darstellung eines kombinierten Handlungstheorieansatzes nach Uwe Schimanck.
- Untersuchung der Verschränkung von Mikro- und Makroperspektive im Bereich der politischen Öffentlichkeit.
- Kritische Reflexion der theoretischen Stärken und Schwächen der betrachteten Modelle.
Auszug aus dem Buch
Die theoretische Anlage
Das diskursiv-republikanische Öffentlichkeitsmodell ist hauptsächlich das Werk des deutschen Soziologen JÜRGEN HABERMAS, einem der Hauptvertreter der zeitgenössischen deutschen Soziologie. Dieser hat in seinem Buch „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (zuerst erschienen 1960) und weiterführend im 1992 erschienenen „Faktizität und Geltung“ eine Geschichte der Öffentlichkeit skizziert und daraus ein normatives Modell dieser zentralen Kategorie moderner Gesellschaften entworfen. Das Wort „normativ“ lässt bereits erkennen, dass sich HABERMAS weniger von empirischen Tatsachen als vielmehr von theoretisch konstruierten Notwendigkeiten hat leiten lassen. Mit seinem Entwurf von Öffentlichkeit möchte er ein Idealbild derselben schaffen, an dem sich die Wirklichkeit messen lassen muss. Die aufklärerische Intention dieser Idee tritt hier deutlich zutage. HABERMAS selbst ist sich der Utopie seiner Theorie wohl bewusst, wenn er schreibt:
„Keine komplexe Gesellschaft wird, selbst unter günstigen Bedingungen, je dem Modell reiner kommunikativer Vergesellschaftung entsprechen können. Aber dieses hat auch nur [...] den Sinn einer methodischen Fiktion, die die unvermeidlichen Trägheitsmomente gesellschaftlicher Komplexität, also die Rückseite kommunikativer Vergesellschaftung ans Licht bringen soll – eine Rückseite, die den Teilnehmern selbst im Schatten der idealisierenden Voraussetzungen kommunikativen Handelns weitgehend verborgen bleibt.“
Kapitelzusammenfassungen
1. Welcome to the Show?: Das Kapitel führt in das Thema ein, erläutert die Bedeutung der politischen Öffentlichkeit und definiert das Ziel der Arbeit, die theoretischen Hintergründe von Gerhards' Ansatz zu analysieren.
2. Steckbrief Öffentlichkeit: Es wird ein Überblick über den Begriff der Öffentlichkeit im Kontext von Demokratie und Politik gegeben, wobei die historische Entwicklung und die unterschiedliche Bedeutung in verschiedenen Nationalstaaten beleuchtet werden.
3. Das Modell der diskursiv-republikanischen Öffentlichkeit: Dieses Kapitel skizziert das von Jürgen Habermas entwickelte normative Idealbild einer Öffentlichkeit, das den Fokus auf einen diskursiv-republikanischen öffentlichen Raum legt.
4. Das Modell der liberalen Öffentlichkeit: Hier wird der pragmatische Gegenentwurf einer liberalen Öffentlichkeit vorgestellt, der sich stärker an realen gesellschaftlichen Bedingungen orientiert und auf dem Prinzip der Repräsentativität basiert.
5. Akteur versus System: Theorien gesellschaftlichen Handelns: Es erfolgt eine theoretische Einordnung, bei der die mikrosoziologische Theorie rationalen Handelns und die makrosoziologische Systemtheorie einander gegenübergestellt werden.
6. Akteur meets System: Ein kombinierter Handlungstheorieansatz: Das Kapitel stellt das Modell von Uwe Schimanck vor, das versucht, durch die Verbindung von Akteurs- und Systemtheorie das „genetische Erklärungsdefizit“ der Systemtheorie zu überwinden.
7. Politische Öffentlichkeit zwischen System- und Akteurstheorie: Die Kernüberlegungen von Jürgen Gerhards werden präsentiert, die versuchen, das politische System und das Mediensystem durch die Verschränkung von Mikro- und Makroebene zu erklären.
8. Kein Pro ohne Contra: Eine kritische Auseinandersetzung mit der von Gerhards gewählten methodischen Herangehensweise und den damit einhergehenden theoretischen Unschärfen.
9. Got the Masterplan?: Im Fazit wird die Reise von den theoretischen Grundlagen zur konkreten Modellanwendung resümiert und die Relevanz des kombinierten Ansatzes für die moderne Sozialwissenschaft hervorgehoben.
10. Bibliographie: Das Verzeichnis listet sämtliche für die Arbeit herangezogene Fachliteratur und Quellen auf.
Schlüsselwörter
Politische Öffentlichkeit, Systemtheorie, Akteurstheorie, Jürgen Gerhards, diskursiv-republikanische Öffentlichkeit, liberale Öffentlichkeit, rationales Handeln, gesellschaftliche Differenzierung, Massenmedien, Theorie rationalen Handelns, soziale Systeme, Kommunikation, politische Partizipation, Öffentlichkeitssystem, Handlungstheorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den theoretischen Grundlagen, die der Soziologe Jürgen Gerhards für seine Analyse der politischen Öffentlichkeit heranzieht. Dabei wird untersucht, wie unterschiedliche soziologische Strömungen in seinem Modell integriert werden.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Konzepte der diskursiv-republikanischen und liberalen Öffentlichkeit sowie die soziologischen Theorien rationalen Handelns und die systemtheoretische Perspektive nach Luhmann.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Hintergründe von Gerhards’ Ansatz zur politischen Öffentlichkeit kritisch zu beleuchten, ein besseres Verständnis für die einzelnen „Bausteine“ zu vermitteln und die Plausibilität der Argumentation zu prüfen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verfolgt einen theoretisch-analytischen Ansatz. Sie rekonstruiert die von Gerhards verwendeten Theorien in umgekehrter Reihenfolge – von den Grundlagentheorien bis hin zur finalen Anwendung – um die Konsistenz und Erklärungskraft des Modells zu bewerten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Öffentlichkeitsmodelle, die Analyse soziologischer Handlungstheorien, die Vorstellung eines kombinierten Ansatzes nach Schimanck und dessen Anwendung auf das System der politischen Öffentlichkeit.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind politische Öffentlichkeit, Akteur-System-Kopplung, diskursive versus liberale Modelle, rationale Wahlentscheidung (Rational Choice) und funktionale Differenzierung.
Wie genau integriert Gerhards System- und Akteurstheorie?
Gerhards nutzt den Begriff der „systemischen constraints“. Er kombiniert dabei die systemtheoretische Sichtweise auf institutionelle Rahmenbedingungen mit dem mikrosoziologischen Prinzip der Kosten-Nutzen-Maximierung, um Handlungen innerhalb dieser Rahmenbedingungen zu erklären.
Welche Kritik äußert die Arbeit an Gerhards’ Modell?
Die Arbeit kritisiert insbesondere die teils unscharfe Abgrenzung zwischen Massenmedien und dem System Öffentlichkeit sowie die Schwammigkeit des binären Codes „Aufmerksamkeit / Nicht-Aufmerksamkeit“, der als Basis für die Selektion von Themen dient.
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- Sebastian Götte (Author), 2001, Von der Rationalität der Tagesschau - Das Konzept der Öffentlichkeit von Jürgen Gerhards, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1285