Inhalt
1 Einleitung in die Thematik. 1
2 Überblick über die Forschungslage. 2
2.1 Probleme der Büchner-Philologie 2
2.2 Tendenzen der Rezeptions - und Wirkungsgeschichte. 3
2.3 Forschungsperspektiven. 4
2.4 Anmerkungen zum Briefwerk 6
3 Der zeitgeschichtliche Hintergrund im Spiegel persönlicher Erfahrungen 7
3.1 Die politische Lage des Vormärz 7
3.2 Bedeutung des Elternhauses für Büchners Entwicklung. 8
3.3 Schul- und Studienzeit: Entfaltung des kritischen Bewusstsein 9
4 Büchner als Gesellschaftskritiker. 11
4.1 Kennzeichen und Methodik der Büchnerschen Kritik 11
4.2 „Die politischen Verhältnisse könnten mich rasend machen“ 13
4.2.1 Aufruf zur Revolution - Der Hessische Landbote 16
4.2.1.1 Entstehungshintergrund 16
4.2.1.2 Sozialkritische Inhalte. 17
4.2.2 Einsicht in den Fatalismus der Geschichte 19
4.2.3 Kritik an der „jungdeutschen“ Bewegung 20
4.3 Kritische Betrachtung der Religion. 22
4.4 „Ich werfe mich mit aller Gewalt in die Philosophie“ 23
4.4.1 Determinismus und Materialismus 24
4.4.2 Kritik am teleologischen Standpunkt. 25
4.4.3 Frage der Theodizee 26
4.5 „Was noch die sogenannten Idealdichter anbetrifft “ 27
5 Manifestation der Kritik im Werk 31
5.1 Kritik als Werkkonstituente 31
II
5.2 Dantons Tod 31
5.2.1 Entstehung und Hintergründe 32
5.2.2 Ästhetik des Dramas 32
5.2.3 Politisch-sozialer Diskurs 34
5.2.4 Philosophischer Diskurs 35
5.2.5 Hedonismus versus Altruismus 37
5.2.6 Der „Fluch des Muß“ 37
5.2.7 Analogien zwischen Autor und Figur. 40
5.3 Die Erzählung „Lenz“ 41
5.3.1 Entstehungshintergrund 41
5.3.2 Gesellschaftskritische Aspekte 42
5.3.2.1 „der Wahnsinn packte ihn“ 42
5.3.2.2 „Leiden sei mein Gottesdienst“ 43
5.3.2.3 „Ich verlange in allem Leben “ 45
5.4 Leonce und Lena 47
5.4.1 Entstehung 47
5.4.2 Parodie der feudalen und bürgerlichen Gesellschaft 47
5.4.2.1 „nichts als Pappendekkel und Uhrfedern “ 48
5.4.2.2 „O wer sich einmal auf den Kopf sehen könnte “ 50
5.4.2.3 „ein entsetzlicher Müßiggang“ 51
5.5 Woyzeck. 52
5.5.1 Büchners Umsetzung der historischen Stoffvorlage. 52
5.5.2 Menschliche Natur versus Tugend des Bürgers 53
5.5.3 Determination versus Selbstbestimmung. 54
5.5.4 Gegenüberstellung zum idealistischen Drama. 55
6 Schlusswort. 57
Literaturverzeichnis 58
Quellen 58
Forschung 58
Nachschlagwerke. 62
Internetquellen 62
III
„Der Haß ist so gut erlaubt als die Liebe, und ich hege ihn im vollsten Maße gegen die, welche verachten.“ 1 (Georg Büchner)
1 Einleitung in die Thematik
Büchner, einer der politisch radikalsten Schriftsteller des Vormärz, lässt „die abgelebte moderne Gesellschaft zum Teufel“ gehen und fordert „die Bildung eines neuen geistigen Lebens im Volk“ (II, 440). Seine Kritik richtet sich „gegen die, welche verachten“ (II, 379). Büchners deterministische Grundhaltung, der Mensch sei das Produkt seiner sozialen Umstände, bewegt ihn zu einer schonungslosen Beurteilung der politisch-ökonomischen Lage Deutschlands und der sozialen Missstände, die er als Ursache für das Leid der Menschen sieht.
Büchners kritische Bekundungen finden ihren Ausgangspunkt nicht in der rein theoretischen Auseinandersetzung mit einem Gegenstand, sondern in praktischer Lebensanschauung. Dabei bemüht sich der revolutionäre Dichter um Wahrheit und Wirklichkeitstreue und empfindet Mitleid für das „Leben des Geringsten“ (I, 234). Seine Literatur ist das Resultat einer intensiven Auseinandersetzung mit der Gesellschaft seiner Zeit, die er mit der „Autopsie, die aus allem spricht“ (II, 441) und ohne Rücksicht auf bürgerliche Moral und herrschaftliche Macht kritisiert.
Die vorliegende Arbeit möchte aufzeigen, wie gerade Büchners kritische Grundhaltung die sein, wenn auch kurzes, Leben durchzieht konstitutiv für das literarische Schreiben wurde. Zu erarbeiten ist, inwiefern die verschiedenen kritischen Diskurse, die Büchner beschäftigen sich in Inhalt und Aufbau seines literarischen Werks manifestieren. Im folgenden Kapitel werden zunächst die wichtigsten Forschungspositionen resümiert und besonders divergierende Meinungen gegenübergestellt.
Die weitere Arbeit gliedert sich in zwei inhaltliche Schwerpunkte. Kapitel 3 befasst sich in einem ersten Schritt mit den gesellschaftlichen, historischen sowie persönlichen Voraussetzungen, die an der Entwicklung einer kritischen Grundhaltung mitgewirkt haben. In einem zweiten Schritt werden die kritische Positionen Büchners zu den einzelnen Gesellschaftsbereichen - gesondert vom literarischen Werk - erarbeitet. Grundlage der
1 Georg Büchner: Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente in zwei Bänden. Hrsg. von Henri Poschmann u. Mitarb. v. Rosemarie Poschmann. Bd. II: Schriften, Briefe. Dokumente. Frankfurt am Main 1999, S. 379.
1
Untersuchung bilden die theoretischen Schriften Büchners, zu denen das Briefwerk, die Schulschriften, die naturwissenschaftlichen und philosophischen Schriften sowie die revolutionäre Flugschrift „Der Hessische Landbote“ gezählt werden. Im Anschluss erfolgt die Analyse des Werkkomplexes, um zu zeigen, inwiefern Büchners Gesellschaftskritik als Konstituente wirkte.
Es sei angemerkt, dass die Untersuchung den Schwerpunkt auf die Kritik und deren poetische Transformation in das Werk legt und keine Gesamtinterpretation leisten kann, die weitaus umfangreicher ausfiele und im Rahmen dieser Arbeit nicht geleistet werden soll. Als Primärtext für diese Arbeit wurde die von Henri Poschmann edierte kritische Gesamtausgabe gewählt, die für viele Büchnerforscher zurzeit die maßgeblichste ist. 2
2 Überblick über die Forschungslage
Die Darstellung beansprucht keine Vollständigkeit, da die Forschungsliteratur zu Büchner mittlerweile sehr umfangreich geworden ist, um sie in einer Arbeit vorzustellen. Vielmehr soll der Versuch unternommen werden, einen Überblick über die wichtigsten Entwicklungen und Forschungspositionen zu geben.
2.1 Probleme der Büchner-Philologie
Büchner, „der kein Dogma achtet, falsche Würde in ihre Lächerlichkeit auflöst und den Blick in den Abgrund unter Wunschbildern nicht scheut“ 3 , irritiert mit seinen literarischen Texten, die sich einer eindeutigen Interpretation entziehen. Dies ist, neben den Problemen der Textüberlieferung ein Grund für die durch Höhen und Tiefen gekennzeichnete Forschungsgeschichte der Büchnerschen Werke.
Die Schwierigkeiten der Büchner-Edition und die daraus resultierenden unterschiedlichen Textlesearten begleiten die gesamte Forschungsarbeit und führen zu immer wiederkehrenden kontroversen Diskussionen. 4 Schwann fällt auf, dass sich aus den diversen textkritischen
2 Die Ausgabe erweist sich als äußert leserfreundlich und bezieht die Ergebnisse der aktuellen Büchner-Forschung kritisch ein. Vgl. dazu auch das Vorwort von Gerhard P. Knapp: Georg Büchner. - 3. Auflage - Stuttgart; Weimar 2000, sowie den Forschungsbericht von Jürgen Schwann: Georg Büchners implizite Ästhetik. Rekonstruktion und Situierung im ästhetischen Diskurs. Tübingen 1997, S. 19.
3 Henri Poschmann: Vorbericht. In: Wege zu Georg Büchner. Internationales Kolloquium der Akademie der Wissenschaften (Berlin-Ost). Hrsg. von ders. Berlin; Bern; Frankfurt am Main; New York; Paris; Wien 1992, S. 7.
4 Beispielhaft dafür auch die Debatte um den angeblichen Lesefehler des Wortes „modern“. Vgl. Dietmar Goltschnigg: Die „abgelebte modernde Gesellschaft zum Teufel“! Politische, sozial- und kulturgeschichtliche Randbemerkungen. In: Georg Büchner und die Moderne. Texte, Analysen, Kommentar, Band 1: 1875-1945. Hrsg. von Dietmar Goltschnigg. Berlin 2001, S. 11-13.
2
Kontroversen „ein regelrechter Glaubenskrieg um den Alleinvertretungsanspruch der ‚richtigen’ Büchner-Exegese“ entwickelt hat und befürchtet, man könne sich aus diesem Grund nicht mehr auf die wesentlichen Themen zu Büchners Werk konzentrieren. 5 Ein aktuelles Beispiel der problematischen Texteditionsgeschichte bilden die Auseinandersetzungen um die neue Marburger Historisch-kritische Gesamtausgabe (u.a. hrsg. von Thomas Michael Mayer, Burghard Dedner), die zum Austritt des Büchner-Forschers Henri Poschmann aus der „Georg Büchner Gesellschaft e.V.“ geführt haben. Poschmann kritisiert, dass die fruchtlosen Streitgespräche nicht nur die Forschungsarbeit behindern, sondern auch dem eigentlichen Sinngehalt des Werkes schaden. Er erläutert am Beispiel der Woyzeck-Textedition, die Bearbeitung gehe soweit, dass der eigentliche „Erzähltext in rohes Arbeitsmaterial aufgelöst“ 6 werde und stellt der Marburger Gesamtausgabe seine eigene gegenüber, die aus den „vorangegangenen editorischen Unternehmungen […] die nötigen Lehren gezogen“ 7 habe. „Eine statische Quantifizierung der Textbestandteile ist […] wenig fruchtbar“ 8 , meint auch Knapp, der darauf hinweist, der Text solle am Ende „als Ganzes“ 9 stehen.
2.2 Tendenzen der Rezeptions - und Wirkungsgeschichte
Die Arbeit von Dietmar Goltschnigg konzentriert sich auf die Wirkungsgeschichte Büchners und deren Entwicklung von 1875 bis heute. Büchners Schriften wurden lange Zeit nicht beachtet: „Erst die Vorstöße der Naturalisten und der nachfolgenden Avantgardebewegung, die mit den klassischen Kunstnormen brachen und sich auf Büchner als einen Vorgänger beriefen, bewirkten den Durchbruch zu einer adäquateren Rezeption.“ 10 Das Spektrum der Aufnahme reiche von absoluter Vereinnahmung des Dichters und seiner Ideen bis zur völligen Ablehnung und dem Verbot seiner Schriften. Dieser Umstand zeige sich darin begründet, dass die Rezeption Büchners nicht nur von der literarischen, sondern auch vom politischen Geschehen in Deutschland beeinflusst sei. 11 Die daraus resultierenden
5 Jürgen Schwann: Georg Büchners implizite Ästhetik. Rekonstruktion und Situierung im ästhetischen Diskurs. Tübingen 1997, S. 18.
6 Vgl. Henri Poschmann: Zur Ausgabe der sämtlichen Werke. Informationstext des Herausgebers. Zitiert nach: http://www.georgbuechner-online.de.
7 Henri Poschmann: Kommentar. In: Georg Georg Büchner: Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente in zwei Bänden. Hrsg. von Henri Poschmann u. Mitarb. v. Rosemarie Poschmann. Bd. I: Dichtungen. Frankfurt am Main 1992, S. 422.
8 Gerhard P. Knapp: Georg Büchner.- 3. Auflage - Stuttgart; Weimar 2000, S. 99.
9 Ebd., S. 99.
10 Poschmann [Anm. 7], S. 418.
11 Vgl. Dietmar Goltschnigg (Hg.): Georg Büchner und die Moderne. Texte, Analysen, Kommentar, Band 1: 1875-1945. Berlin 2001, S.
3
disparaten Ansichten zeigen sich in jüngster Zeit in Untersuchungen zur Büchner-Rezeption in der DDR und im Zusammenhang der Ereignisse um den deutschen Herbst. 12 Es wird deutlich, dass Büchners Schriften unterschiedliche Interpretationsansätze bieten. Es werden diejenigen Erfahrungswerte und Weltanschauungen in das Werk hinein projiziert, die der jeweilige Zeitabschnitt mit sich bringt.
2.3 Forschungsperspektiven
Im Verlauf der Rezeptionsgeschichte zeigte sich ein weiterer problematischer Aspekt: Die Vereinnahmung des Dichters für bestimmte politische Positionen und ideologische Zwecke. Büchners Äußerungen, besonders jene zu politischen und metaphysischen Fragen, sind offen und multiperspektivisch, zum Teil auch widersprüchlich angelegt und dementsprechend bieten sie den Forschern unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten. Büchner wurde einerseits als revolutionärer Kommunist und Vorgänger Marx’ gesehen und andererseits zum Nihilisten oder Atheisten degradiert. 13 Knapp nennt beispielhaft den linksorientierten Literaturwissenschaftler Georg Lukács und den eher konservativen Karl Viёtor. Beide Forscher fänden, trotz ihrer diametral entgegengesetzten Auffassungen, jeweils ihren eigenen politischen Standpunkt im Werke Büchners wieder und legten dementsprechend den Schwerpunkt ihrer Arbeit fest. 14 Auch Albert Meier kommt zu dem Schluss, dass die „bei Büchner festgestellte weltanschauliche/politische Haltung […] sich jeweils mit der des Interpreten“ 15 decke. Meier sieht diesen Aspekt unter anderem bei dem marxistisch orientierten Hans Mayer bestätigt, der in Büchners kunstästhetischen Anschauungen aus diesem Grund Parallelitäten zur „marxistischen Ästhetik“ ziehe. 16 M. Šmulovič dagegen sieht
13ff.
12 Zum Beispiel wurde 1988 in der DDR ein Büchner-Film von Thomas Steinke, in dem es u.a. um die Aktualität Büchners gehen sollte, überraschend und kommentarlos abgesetzt. Im Gegensatz dazu missbrauchte das System Büchner als „frühkommunistischen Publizisten“ und Vorkämpfer für den Arbeiter-und-Bauern-Staat“. Vgl. dazu die Einleitung von Dietmar Goltschnigg, ebd., S. 14. 1977 schrieben Heinz Jacobi und Eckart Menzel einen Brief an die „Deutsche Akademie für Dichtung und Sprache“, in dem sie die Abschaffung des seit 1923 bestehenden Georg-Büchner-Preises forderten, mit der Begründung, es beständen deutliche Parallelen zwischen Büchners revolutionären Anschauungen und Praktiken und den terroristischen Aktionen der „Roten-Armee-Fraktion“. Vgl. ebd., S.15.
13 Vgl. Michael Glebke: Die Philosophie Georg Büchners. Marburg 1995, S. 7.
14 Vgl. Gerhard P. Knapp: Georg Büchner. Eine kritische Einführung in die Forschung. Frankfurt am Main 1975, S. 113. Glebke weist ebenfalls auf diesen Aspekt hin, vgl. Glebke [Anm. 13], S. 7.
15 Albert Meier: Georg Büchners Ästhetik. München 1983, S. 30.
16 Vgl. ebd., S. 30.
4
die Hauptbedeutung Büchners darin, dass er „der erste echte Volksrevolutionär innerhalb der deutschen Literatur werden konnte, ein in seinen Überzeugungen unbeirrbarer Materialist, Atheist und Republikaner.“ 17 Für Schwann argumentiert Šmulovič auf einem „wissenschaftlich indiskutablem Niveau“ 18 , da er sich nicht wirklich am Werktext orientiere, sondern umso mehr an „klassenkämpferisch besetzter Metaphorik“ 19 . Vor allem ältere Arbeiten argumentieren einseitig und vereinnahmen Büchner für ihre politisch-ideologischen Zwecke, was der Lebenspraxis Büchners und seinem offenen Weltbild widerspricht. 20
Cornelie Ueding kritisiert die Einseitigkeit einiger Forschungsansätze, die jeweils nur einen thematischen Schwerpunkt im Werk Büchners „wie Einsamkeit, Angst, Verzweiflung und Zynismus, Genuss und Leid, (…)“ 21 untersuchten. Eine solch isolierte Betrachtung unterliege der Gefahr, den einen Aspekt zum Mittelpunkt des ganzen Werkes zu erheben. Büchner betrachtet nicht nur eine Perspektive menschlicher Erfahrung, sondern thematisiert in seinem Werk die ganze Bandbreite des Lebens. Beides - Kritik und Werk - ist nicht voneinander zu trennen und muss geschlossen betrachtet werden. Dementsprechend führen ältere Forschungsarbeiten, die Büchner nur unter einem jeweiligen Aspekt betrachten wollen, zu einseitigen und missverständlichen Deutungen.
In jüngeren Arbeiten, wie die von Jancke und Hauschild, sieht Glebke ein methodisches Vorgehen, das sich von solch einer parteiischen Ansicht gelöst hat und Büchners Werk in einem komplexeren Zusammenhang und mehr als „homogenes Ganzes“ 22 betrachtet. Jan Thorn-Prikker stellt die Einheit von Biographie und Werk bei Büchner in Frage und weist darauf hin, dass der Gehalt eines Werkes letztlich in diesem selber zu suchen und zu beweisen sei. Sein methodischer Ansatz basiert auf einer textimmanenten Vorgehensweise. Neuere Forschungsarbeiten haben für „früher begegnende pauschalisierende Inanspruchnahmen und fruchtlose ideologische Spiegelgefechtereien keinen Platz mehr“ 23 , so kommentiert der Büchnerforscher Henri Poschmann in seinem 1992 erschienenen
17 M. Šmulovič: Georg Büchners Weltanschauungen und ästhetische Ansichten. In: Text+Kritik. Georg Büchner III. Hrsg. von Heinz Ludwig Arnold. München 1981, S. 197-198.
18 Schwann [Anm. 5], S. 58.
19 Ebd., S. 58.
20 Vgl. Soon-Nan Chang: Politik, Philosophie und Dichtung in Georg Büchners Lebenspraxis. Eine Untersuchung des Verhältnisses von Politik und Dichtung bei Büchner unter der besonderen Berücksichtigung seiner dichterischen Praxis anhand des Dramas „Dantons Tod“. Berlin 1988, S. 8 ff.
21 Cornelie Ueding: Denken Sprechen Handeln. Aufklärung und Aufklärungskritik im Werk Georg Büchners. Bern 1976, S. 7f.
22 Glebke [Anm. 13], S. 8.
23 Poschmann [Anm. 3], S. 9.
5
Sammelband und zieht somit eine positive Bilanz.
Die vorliegende Arbeit schließt sich neueren Forschungsarbeiten an, die die Person Georg Büchner und sein Werk in einem komplexen Zusammenhang sehen und möchte zeigen, dass Büchners Gesellschaftskritik die Grundlage für seine weiterführende literarische Arbeit bildet. Büchners dichterisches Schaffen wird vor dem Hintergrund seiner politisch-revolutionären Aktivitäten, seiner ästhetischen Ansichten und seiner naturwissenschaftlichen Forschungen beleuchtet. Einseitige Betrachtungen, die Büchner für ideologische Zwecke vereinnahmen, werden in dieser Untersuchung zwar angesprochen, aber nicht als Grundlage für weitere Überlegungen und Schlussfolgerungen verwendet, da Büchner nach der neueren Forschungssicht nicht als Vertreter einer Richtung gesehen werden kann.
2.4 Anmerkungen zum Briefwerk
Büchners Briefwerk ist für das Verständnis seines literarischen Werkes von großer Bedeutung, da es wesentliche Aussagen zu seinen gesellschaftlichen, politischen und kunstästhetischen Positionen enthält.
Im Umgang mit den Briefen müsse man berücksichtigen, dass diese zum größten Teil fragmentarisch sind und lediglich die Überreste eines viel größeren Briefkorpus bilden. Büchner passe außerdem Inhalt, Sprache und Stil dem jeweiligen Adressaten an. Knapp spricht von kommunikativen Strategien, die Büchner anwendet. Dazu gehörten, je nach den Bedingungen des Kontexts, „Beschwichtigungs- und Präventivstrategien“ 24 zur Schonung seiner Eltern und seiner eigenen Person vor den Repressionen des Kontrollstaates. Beachte man diese Tendenzen bei der Bewertung von Büchners Absichten, lasse sich das Risiko von Fehlinterpretationen weitgehend einschränken. 25
24 Knapp [Anm. 8], S. 51.
25 Vgl. Heinz Wetzel: Dantons Tod und das Erwachen von Büchners sozialem Selbstverständnis. In: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte. Hrsg. von Richard Brinkmann und Hugo Kuhn. Stuttgart 1976, S. 439.
6
3 Der zeitgeschichtliche Hintergrund im Spiegel persönlicher Erfahrungen
3.1 Die politische Lage des Vormärz
Mit dem Begriff „Vormärz“ 26 umschreiben wir heute die Phase ab Ende des 18. Jahrhunderts hauptsächlich bis etwa Mitte des 19.Jahrhunderts, eine Zeit des Übergangs, der politischen Aufruhen und der Erneuerungen.
Die industrielle Revolution und die Herausbildung des bürgerlichen Kapitalismus bewirken gesellschaftliche, soziale und politische Strukturveränderungen. Neue Ansätze in Politik und Gesellschaft kündigen ein neues, modernes Zeitalter an, das vor allem durch die Ereignisse der Französischen Revolution und die Ideen der Aufklärung vorbereitet wird. In Frankreich gelingt der emanzipierten bürgerlichen Klasse durch die Revolution die Beseitigung der feudalen Struktur. Die Ziele der Aufklärung, Freiheit und Gleichheit, werden in der Verfassung von 1789 durchgesetzt.
Deutschland dagegen erleidet durch die Folgen des Wiener Kongresses - die Wiederherstellung der alten Verhältnisse vor der Zeit Napoleons - einen enormen Rückschritt in seiner gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklung. Das deutsche Bürgertum bleibt, anders als in Frankreich und England, politisch unselbständig und passiv. Büchners Geburtsdatum, der 17. Oktober 1813, fällt zusammen mit dem zweiten Tag der Völkerschlacht bei Leipzig. 27 Mit der Niederlage Napoleons endet die Fremdherrschaft in Deutschland und die Phase der Restauration setzt ein. Deutschland bleibt in eine Vielzahl kleiner Territorien zersplittert, die durch adelige Fürsten regiert werden. Die Restauration vereinigt die feudal-konservativen Kräfte in der „Heiligen Allianz“ sowie im „Deutschen Bund“. Es bilden sich bürgerliche Oppositionsbewegungen, die sich in drei Richtungen aufspalten: Die Liberalen, die demokratisch-republikanischen Vertreter und sozialistisch-kommunistische Strömungen bestimmen das politische Bild in Deutschland. Hauptforderungen der liberalen Bewegung sind bürgerliche Freiheit, eine konstitutionelle Monarchie und die Garantie der Menschen- und Bürgerrechte in Deutschland. Dagegen fordert die radikalere demokratisch-republikanische Opposition die Abschaffung der Monarchie und die Errichtung einer Demokratie.
26 Die Darstellung der historischen Epoche des Vormärz orientiert sich vorwiegend an den Ausführungen von Peter Stein: Vormärz. In: Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Hrsg. von Wolfgang Beutin u.a. - 5. überarbeitete Auflage -Stuttgart; Weimar 1994, S. 208-258. Alle anderen Quellen werden gesondert gekennzeichnet.
27 Werner R. Lehmann: Nachwort. In: Georg Büchner. Werke und Briefe. Nach der historisch-kritischen Ausgabe von Werner R. Lehmann. Kommentiert von Karl Pömbacher, Gerhard Schaub, Hans-Joachim Simm und Edda Ziegler. München; Wien 1980, S. 543.
7
Das Wartburgfest, das 1817 auf Veranlassung der Burschenschaften ausgerichtet wird, feiert die nationalen Ideale „Freiheit, Einheit, Vaterland“. 28 Studenten und Dichter, wie z.B. Theodor Körner, berufen sich auf den Nationalismus. Vereinigungen wie das „Junge Deutschland“, sehen sich in der Nachfolge Hegels, für den die französische Revolution politisch das durchgesetzt hat, was die Aufklärung theoretisch vorbereitete, die Befreiung des Subjekts. 29
Nach der Ermordung des Schriftstellers August von Kotzebue durch den Theologiestudenten und Burschenschaftler Karl Ludwig Sand setzt in Deutschland eine Welle verschärfter repressiver Maßnahmen ein, die 1819 in den „Karlsbader Beschlüssen“ erlassen werden. Sie beinhalten das Verbot der Burschenschaften, Zensurmaßnahmen, Einschränkung der Pressefreiheit und die Kontrolle der Universitäten („Demagogenverfolgung“). Nicht erlaubt ist „Kritik an Herrscherhaus und Regierung, an Adel und Militär, Christentum und Moral.“ 30 Die revolutionären Vereinigungen setzen sich in den Untergrund ab. 31 Die Teilnehmer opponierender Protestaktionen, wie das Hambacher Fest (1832) und der Frankfurter Wachensturm (1833), werden von der Regierung verfolgt, eingesperrt oder ins Exil vertrieben.
Vor diesem politischen Kontext entfaltet sich Büchners gesellschaftskritische Haltung, die zunächst von den unterschiedlichen Persönlichkeiten seiner Eltern und dem humanistischen Bildungsideal der Schule beeinflusst wird.
3.2 Bedeutung des Elternhauses für Büchners Entwicklung
Die Eltern Büchners repräsentieren zwei für die Zeit typisch gegensätzliche Einstellungen. Der eher konservativ eingestellte Vater, Ernst Büchner, hält an der Monarchie fest, was seine Sympathie gegenüber Napoleon erklärt. Die Mutter Caroline, eine geborene Reuß, vertritt dagegen eine eher liberale Tendenz und hofft auf ein geeintes demokratisches Deutschland. Die Fähigkeit zum analytisch-kritischen Denken und das Interesse für die Revolutionsgeschichte erlangt Büchner durch den Einfluss des Vaters. Einige Quellen der
28 Vgl. ebd., S. 544f.
29 Vgl. Peter Uwe Hohendahl: Nachromantische Subjektivität. Büchners Dramen. In: Wege zu Georg Büchner. Internationales Kolloquium der Akademie der Wissenschaften (Berlin-Ost). Hrsg. von Henri Poschmann. Berlin; Bern; Frankfurt am Main; New York; Paris; Wien 1992, S. 11.
30 Peter Stein: Vormärz. In: Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Hrsg. von Wolfgang Beutin u.a. - 5. überarbeitete Auflage - Stuttgart; Weimar 1994, S. 215.
31 Lehmann [Anm. 27], S. 547f.
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literarischen Schriften Büchners stammen aus der väterlichen Bibliothek, die neben der Geschichte der Französischen Revolution auch medizinische Gutachten zu Mordfällen und Aufsätze zum Suizid enthält. 32
Die Mutter vermittelt dem jungen Büchner die Dichtung der Zeit (Schiller, Körner, Uhland). Die romantisch-freiheitlich gesinnte Haltung der patriotischen Dichter nimmt Büchner in seinen frühen Gedichten und Schulschriften wieder auf. 33
Die anklingende kritische Haltung gegenüber religiösen Sinnzuschreibungen, die sich in den Schulschriften zeigt, verdeutlicht eine Richtung, die eher auf Büchners Vater zurückverweist. Im Gegensatz zur „Empfindungswelt“ der idealistisch-christlich gesinnten Mutter vertritt Ernst Büchner eine positivistisch-atheistische Einstellung. 34
3.3 Schul- und Studienzeit: Entfaltung des kritischen Bewusstsein
Die Grundlagen für Büchners gesellschaftskritische Anschauungen und seine revolutionäre Gesinnung werden in der Schul- und Studienzeit gelegt. Anfangs übernimmt der junge Büchner die bürgerlichen Werte seiner Zeit, verwirft sie aber aufgrund von Erfahrungen, die er in der Studienzeit macht.
Erste schriftstellerische Versuche, die während der Gymnasialzeit am Darmstädter Pädagog entstehen, sind noch „stark von klassizistischen Vorbildern abhängig“ 35 . In der Schulrede „Heldentod der vierhundert Pforzheimer“, in deren Mittelpunkt der „Welt-Erlöser-Tod“ (II, 26) steht, klingen Büchners Begeisterung für den Nationalismus und die Ideen der Aufklärung an. Der jugendliche Autor bekennt dort emphatisch:
Nein, mein Vaterland ich habe nicht nötig mich deiner zu schämen, mit Stolz kann ich rufen ich bin Teutscher, […] sie kämpften für Glaubens-Freiheit, sie kämpften für das Licht der Aufklärung […], von Teutschland ging durch ihn das Heil der Menschheit aus, er zeugte Helden […]. (II, 20f.) Diese Textstelle zeigt Büchners „noch unreflektierte Begeisterung für soldatische Tapferkeit und seine Projektion eines heroischen Welt- und Geschichtsbilds“ 36 . 1830, kurz nach der französischen Juli-Revolution, die Büchner „einen entscheidenden politischen Denkanstoß“ 37 gibt, hält er seine „Rede zur Verteidigung des Kato von Utika“.
32 Vgl. Knapp [Anm. 8], S. 2ff.
33 Vgl. Jürgen Seidel: Georg Büchner. München 1998, S. 16f.
34 Vgl. Hans Mayer: Georg Büchner und seine Zeit. Frankfurt am Main 1972, S. 38.
35 Knapp [Anm. 8], S. 5.
36 Ebd., S. 8f.
37 Ebd., S. 7.
9
Darin referiert er über verschiedene Beurteilungen des Selbstmordes. Der junge Büchner lobt die Eigenschaften des Kato, der für „Vaterland, Ehre, Freiheit“ (II, 32) einstehe. Dies seien Eigenschaften, die man sich zum Vorbild nehmen solle; der Heldentod sei Ausdruck einer „großen Tugend“ (II, 33). Den christlichen Standpunkt, der Selbstmord sei ein Handeln gegen die Rechte Gottes, lehnt er ab. Was allein zähle, sei die subjektive Motivation des Einzelnen für seine Tat, die allein vor dem Hintergrund des historischen Kontextes zu bewerten sei. 38
Büchner sieht das Opfer des eigenen Lebens gerechtfertigt sofern die Tyrannei ein Leben in Freiheit nicht ermöglicht.
In seiner Schulrede spiegelt sich der Glaube an die Möglichkeit eines geschichtlichen Gesamtfortschritts. Er vertraut noch in die Kraft des Individuums, das den Verlauf der Geschichte positiv beeinflussen kann. 39
In der 1831 verfassten Rezension „Über den Selbstmord“ kritisiert Büchner die induktive Beweisführung des Verfassers (ein Mitschüler Büchners) und stellt im Anschluss seine eigene Sicht dar: „[…] ich glaube aber daß das Leben selbst Zweck sei, denn: Entwicklung ist der Zweck des Lebens, das Leben selbst ist Entwicklung, also ist das Leben selbst Zweck.“ (II, 41). In dieser einfachen Folgerung liegt Büchners Absage an die teleologische Argumentation der christlichen Moral- und Heilslehre begründet, die den Sinn und Zweck des Lebens in der Ausrichtung auf ein übergeordnetes Ziel, die Aufhebung der Trennung zwischen Gott und dem Menschen, sieht.
Der Schluss der Rezension („die Gebrechen und Mängel des armen Sterbenden“ II, 43) zeigt eine kritischere Auseinandersetzung mit dem „Heldentod“, ein deutlicher Hinweis auf Büchners spätere Position, in der er das heroische Geschichtsbild verwirft. 40 Durch die direkte Anschauung der Situation im damaligen Großherzogtum Hessen und der dort herrschenden sozialen Misere bleibt Büchner nicht verborgen, unter welcher Not die Landbevölkerung lebt. Er beginnt die Diskrepanz zwischen den in der Schule vermittelten klassischen Idealen von Freiheit und Schönheit und der politisch-sozialen Realität wahrzunehmen und zu reflektieren. Büchner erkennt die Unvereinbarkeit zwischen der Vorstellung eines Ideals und den wirklichen Lebensverhältnissen.
Zu dieser Zeit bildet sich bei ihm ein kritisches Bewusstsein heraus, das ihn zeitlebens dazu
38 Vgl. ebd., S. 10.
39 Mayer [Anm. 34], S. 48.
40 Vgl. Knapp [Anm. 8], S. 10.
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Arbeit zitieren:
Martina Esterhaus, 2009, Georg Büchners Gesellschaftskritik als werkbiographische Konstituente , München, GRIN Verlag GmbH
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