Einleitung
Der vorliegende Text von Peter Schöttler über Furcht und Notwendigkeit des linguistischen Paradigmenwechsels im 20. Jahrhundert liefert Überlegungen zu der Eingrenzung des Diskursbegriffes, den theoretisch und empirischen Bezügen des sprachlichen Wandels („linguistic turn“) und ihrer Bedeutung für die Geschichts- und andere Geisteswissenschaften. Es sollen Ansätze geliefert werden, die zur Erfassung von (historischer) Wirklichkeit mithilfe sprachanalytischer Betrachtungsweisen führen.
Der Autor erörtert unter anderem die These, inwiefern der Prozess des sprachlichen Wandels „Angst […] unter [deutschen] Historikern“ verbreite und beleuchtet dabei dessen Ursache (S. 147).
Für mich stellt sich die Leitfrage, ob und inwiefern Nutzen aus dem „linguistic turn“ für uns angehende Historiker zu ziehen ist. Zudem gilt es die Entwicklung des sprachlichen Wandels zu erfassen, zu definieren und gegebenenfalls Rückschlüsse auf die Gegenwart zuzulassen.
Der Begriff des Diskurses als bedeutendste Wortneuschöpfung der „letzten Jahrzehnte“
Ausgehend von Frankreich in den 60er Jahren, über England und USA in den 70ern fand die wissenschaftliche Verwendung des Wortes „Diskurs“ in (West-)Deutschland erst in den 80er Jahren des 20ten Jahrhunderts Einzug (S.134).
War der „Diskurs“ anfangs ein von „tabuisierten Autoren“ (Foucault) verwendeter Begriff (S. 134), so durchzieht er heute sämtliche Lebensbereiche wie Bildung, Medien und Politik (S. 135) und hat sich zu einem „Allerweltsbegriff“ entwickelt (S. 134). Er gibt sogar eine erste Definition des Begriffes, wonach jeder „freimütige Dialog, jeder offene Meinungsaustausch in sachlicher Atmosphäre“ inzwischen zum Diskurs stigmatisiert worden ist (S.136.) Diesen Prozess wertet Schöttler als eventuelle Modeerscheinung, die vor allem ostdeutschen Wissenschaftlern nach der Wende zu gefallen scheint (S. 135). Die Gründe dafür sieht er in der Vielschichtigkeit und positiven Assoziierung des Diskursbegriffes und vertritt die These, dass er eine „Beschwörungsformel gegen Ausschluss“ sei (S. 136). [Diskursbegriff als Mittel der (Wieder-)Annäherung zwischen Ost und West nach Wiedervereinigung, also als Integrationshilfe?]
Immerhin kann jeder am Diskurs teilnehmen, der dessen „Spielregeln der Rationalität“ einhielte (S. 136/137) und bezieht sich damit auf Jürgen Habermas „philosophischen Diskurs der Moderne“ (vgl Fußnote 7). Sobald aber Reglementierungen getroffen werden, wird aus der vorurteilsfreien „Kommunikationsgemeinschaft Diskurs“ eine auf bestimmte Sichtweise beschränkte Kommunikation, in der lediglich „gesagt wird was gesagt werden darf“ (S. 137). Diesem scheinbaren Widersinn möchte Schöttler getreu dem Motto „der Weg ist das Ziel“ mittels Begriffs(er)klärung und Diskussion anhand dreierlei Fragen entgegentreten, an denen sich seine folgenden Aussagen orientieren und Bezug nehmen (S. 138). 1. Frage: Was ist unter dem Begriff „Diskurs“ zu verstehen? Wie jedes Wort ist auch der Diskurs nicht eindeutig und abhängig vom zu verwendenden Kontext und Sinnzusammenhang zu verstehen. Diese grundlegende Uneindeutigkeit erfährt beim Diskurs eine Verdoppelung, da wir mindestens zwei divergierende Konzepte vorfinden (S. 138).
Das wäre zum Einen das in den 70ern durch den Philosophen und Soziologen Jürgen Habermas geprägte Konzept der „Theorie des kommunikativen Handelns“, wonach der Diskurs als philosophischer Begriff auf ein bestimmtes Ideal abzielt ohne empirische
Arbeit zitieren:
Tom Zeddies, 2009, Exzerpt zu Peter Schöttler "Wer hat Angst vor dem ‚linguistic turn’?", München, GRIN Verlag GmbH
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