Essay Religionswissenschaft HS 2008 Manuel Ottiger
ketzerische Priester der Realität (Physiker) besonders subversive Resultate zu Tage. Motivation und Grund genug für den Religionswissenschaftler, über Physik nachzudenken.
Physikalische Realität
„Die Naturgesetze galten schon, als die Erde noch wüst und leer war. Verstöße gegen sie werden nicht bestraft, sie sind gar nicht erst möglich. Wer verstehen will, was um ihn herum passiert [...], der muss die Naturgesetze kennen.“ 5 Damit beginnt das Vorwort eines Physik-Lehrbuchs und damit wird auch gleich der Universalitätsanspruch der Physik zementiert. Der Traum eines jeden Theoretikers ist es, eine Gleichung zu finden, mit der er das ganze Universum erklären und vorhersagen kann. Doch genau aus diesem Traum wurden die Physiker am Anfang des letzten Jahrhunderts einigermassen unsanft aufgeweckt. Der Logiker würde jetzt vielleicht an Kurt Gödels Unvollständigkeitssätze denken, doch für die folgende Diskussion denke ich an die Theorie, welche die physikalische Realität (quantitativ) am genausten beschreibt: die Quantenmechanik. Die Eigenschaften der Realität, welche die Quantenmechanik offenbarte, waren ein Alptraum. Sie schienen nichts mit der profanen Wahrnehmung der Alltagsrealität eines an Naturgesetze glaubenden Physikers gemeinsam zu haben. Als prominentester Gegner konnte sich Albert Einstein zeitlebens nicht zu einer Realität bekennen, welche von der Quantenmechanik beschrieben wird. Einsteins Konversion wurde durch drei grundlegenden Dogmen seines Weltbildes verhindert: Determinismus, Lokalität und Realis-mus. Das Sakrileg der Quantenmechanik besteht nun darin, dass sich diese drei Dogmen als Häresie herausgestellt haben.
Determinismus
Einstein glaubte weder an die Freiheit des Willens noch an einen würfelnden Gott. So fragte sich Einstein, ob Gott bei der Erschaffung des Universums überhaupt eine Wahl hatte. Die Idee, dass jedes gegenwärtige und zukünftige Ereignis als Wirkung vergangener Ursachen vollständig erklärt werden kann, wird in der Quantenmechanik dadurch fallen gelassen, dass man Wirkungen feststellt, die keine (irdische, himmlische, oder höllische) Ursache haben. Wirkungen ohne Ursachen. Ereignisse also, die durch den reinen Zufall ausgelöst werden. Wahrscheinlich bekanntestes Beispiel ist der radioaktive Zerfall: Wann (und wie) ein
London 2006
5 Harten, Ulrich: Physik. Einführung für Ingenieure und Naturwissenschaftler, Berlin Heidelberg 2003
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bestimmter Atomkern zerfällt, kann niemand vorhersagen - nicht einmal ein allwissender Gott. Man glaubt, dass solche Ereignisse erst im Moment, wo sie stattfinden (beobachtet werden) geboren werden: Creatio ex nihilo. Weil eine Kausalkette fehlt, die dem Atomkern sagt, wann er zerfallen soll, hat er vollkommene Willensfreiheit. (Einzige Einschränkung ist das Zerfallsgesetz.) Und erst im Moment des Zerfalls entscheidet sich der Kern für einen Zerfall. Wer aber einem Atomkern oder dem Zufall keine Entscheidungskompetenz zubilligt, der muss weiter nach Ursachen suchen.
Die Physiker erklären die Welt letztlich mit zwei Begriffen: Mit den vier Grundkräften und mit den Elementarteilchen (oder mit der Stringtheorie). Abstrakt kann eine Kraft als Information (Botenteilchen) und ein Teilchen als Energie 6 (Schwinungszustand in der Stringtheorie) gedacht werden. Allgemein sind Kräfte die Ursachen, welche Wirkungen auf Teilchen ausüben, die sich dadurch durch den Raum bewegen. Weil aber dem Zufall an sich, weder Information noch Energie zugeschrieben werden kann, scheint er keine Erklärung für zufällige/stochastische Prozesse zu sein.
So kann man sich fragen, wie ein Atomkern wissen soll, wann der richtige Zeitpunkt für den Zerfall ist, um dem statistischen Zerfallsgesetz zu genügen (und warum er überhaupt zerfällt). Da im Territorium der Physik (der unbelebten Natur) dazu keine Antworten zu finden sind, ist der Autor zur Annahme geneigt, die Physiker bedürfen der Hilfe von den Parapsychologen. Diese haben in statistischen Experimenten wiederholt gezeigt, dass der Mensch allein mit seiner geistigen Absicht in der Lage ist, den radioaktiven Zerfall zu beeinflussen. Ähnliche Forschungen werden von verschiedenen Instituten betrieben. 7 So könnte also der Mensch die Ursache sein, nach der die Physiker suchen (oder auch nicht suchen, wenn sie glauben der Zufall sei eine hinreichende Erklärung). Damit komme ich zum blasphemischen Schluss, dass der menschliche Geist im Bund mit dem heiligen Geist oder Gott, sich als Mitschöpfer betätigt. Diese Ko-Kreation geschieht kontinuierlich und jederzeit - aber meistens unbewusst. Diejenigen Momente aber, wo wir uns dieser Partizipation bewusst werden oder Gottes Wege für uns ergründlich werden, interpretiere ich dem Wesen nach, als eine religiöse Erfahrung. Solches wäre weder in einer vollständig determinierten, noch in einer völlig zufälligen Realität möglich. Für das Gefühl der Abhängigkeit reicht mir ein Naturgesetz oder der Zufall, dafür brauche ich keinen Gott.
6 Äquivalenz von Masse und Energie (E=mc 2 )
7 Lucadou, Walter von: Psi-Phänomene, Frankfurt a.M. 1997 http://www.parapsychologische-
beratungsstelle.de/
http://www.siib.org/ http://www.icrl.org/ http://www.princeton.edu/~pear/
http://www.ions.org/
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Lokalität
Die Forderung, dass ein Ereignis an einem Ort ein Ereignis an einem anderen Ort nur dann beeinflussen kann, wenn ein Signal genügend Zeit hat, um sich (höchstens mit Lichtgeschwindigkeit) von einem Ort zum anderen fortzupflanzen, hat sich als falsch herausgestellt.
Denn 1972 gelang Freedman und Clauser 8 ein erster experimenteller Nachweis, des von Einstein et al. (1935) 9 als „spukhafter Fernwirkung“ verspotteten Phänomens der Quantenverschränkung. 10
Weil diese Verschränkung auch über beliebige Distanzen (durch das ganze Universum) wirksam bleibt, muss diese „spukhafte Fernwirkung“ zwischen verschränkten Teilchen entstehen. Denn solche Teilchen haben ihre messbaren Eigenschaften nicht einzeln für sich allein, sondern nur als Einheit zusammen. Wenn nun an Teichen A (ein Teil der Einheit), das sich auf der Erde befindet, eine Messung vorgenommen wird, so hat diese Messung instantan Einfluss auf Teilchen B (der andere Teil der Einheit), das sich zum Beispiel auf Pluto befinden kann.
Was fast alle Physiker allerdings noch ablehnen, ist die Möglichkeit, dass auch ganze Menschen und nicht nur Elementarteilchen diese „spukhafte Fernwirkung“ erfahren können. Trotzdem sprechen aber verschiedene Experimente dafür, die zum Teil auch in einem Psychologie-Lehrbuch diskutiert werden. 11
Bei vielen religiösen Erfahrungen scheinen sich die Grenzen von Raum und Zeit aufzulösen. Tatsächlich aber waren diese Grenzen nie vorhanden: Die alltägliche Erfahrung der Raum-Zeit-Struktur erweist sich als eine Illusion. Wie in der von einem schlafenden Menschen konstruierten Traum-Wirklichkeit, lässt sich nicht angeben, was der essentielle Unterschied zwischen Hier und Dort ist. Alles zieht sich auf einen Punkt zusammen. Jedes (räumliche) Dazwischen ist nur eine Hilfe, mit der sich die psychischen Inhalte ausbreiten, entwickeln und bewegen können - und somit für den menschlichen Verstand erfahrbar und begreifbar werden. Die menschliche Erfahrung der Realität lässt sich somit in mindestens zwei Modi einteilen: Einerseits eine religiöse Erfassung der Einheit und andererseits eine Messung von
8 http://link.aps.org/abstract/PRL/v28/p938
9 http://link.aps.org/abstract/PR/v47/p777
10 Zeilinger, Anton: Einsteins Spuk. Teleportation und weitere Mysterien der Quantenphysik, München 2005
http://www.quantum.at/ (der Papst der Quantenphysik :-)
11 Atkinson & Hilgard's Introduction to Psychology, London 2003 siehe: http://dbem.ws/
Radin, Dean: Entangled Minds. Extrasensory Experiences in a Quantum Reality, New York 2006
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Differenzen. Durch Letzteres entsteht der Eindruck von Trennung, alle Dualitäten haben ihre Ursache darin. Die Einheit ist die Quelle, sie wird als das Numinose und Heilige erfahren. Profan wird etwas dadurch, dass es als ausserhalb der Einheit gedacht wird, als getrennt von der Quelle.
Dass Trennung eine Illusion ist, wurde schon gesagt. Ihre Entstehung kann vielleicht noch besser mit dem nächsten Konzept verstanden werden.
Realismus
Einstein glaubte, dass der Mond auch da sei, wenn man nicht hinschauen würde. Die Behauptung, die physikalische Realität bestehe aus Objekten (mit Eigenschaften), die unabhängig von einer Beobachtung (Beobachter, Bewusstsein) existieren, lässt sich nicht beweisen. Jedoch scheint sich die gegenteilige Annahme zu bewahrheiten. 12 Die getrennten (Eigenschaften der) Objekte der Welt entstehen erst durch die Interaktion mit Wesen in ihr, die sie wahrnehmen. So wird die Realität nicht nur im Gehirn konstruiert, sonder auch in situ geschaffen: Eine Ko-Kreation in der Einheit mit Gott und allen Wesen. Dies ist die Essenz der religiösen Erfahrung - und zugleich die der physikalischen Realität. „Der Meister erscheint genau dann, wenn der Schüler bereit ist“, bedeutet nichts anderes, als dass alle Objekte, Wesen und Ereignisse im Leben eines Menschen weder determiniert noch zufällig erscheinen. Das Leben ist der beste Lehrmeister, und wenn der Schüler im Modus der Einheit ist, so erkennt er dies auch und wird sich vielleicht sogar seiner tiefen Mittäterschaft bewusst. In dieser unserer nicht-lokalen und nicht-realen Welt ist alles ein und derselbe Geist. Die Vielfalt der Wesen und Phänomene ist Ausdruck des Mysteriums dieses einen Geistes. In der religiöser Erfahrung ahnen, akzeptieren, lieben, nutzen und feiern wir dies. Der Animismus lässt grüssen und Freud dreht sich im Grabe. Einstein auch?
12 http://www.nature.com/nature/journal/v446/n7138/full/nature05677.html
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"Ein Mensch ist ein räumlich und zeitlich beschränktes Stück des Ganzen, was wir 'Universum' nennen. Er erlebt sich und sein Fühlen als abgegrenzt gegenüber dem Rest, eine optische Täuschung seines Bewusstseins. Das Streben nach Befreiung von dieser Fesselung ist der einzige Gegenstand wirklicher Religion. Nicht das Nähren der Illusion, sondern nur ihre Überwindung gibt uns das erreichbare Maß inneren Friedens." (Einstein 1950) 13 „Für uns gläubige Physiker hat die Scheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur die Bedeutung einer wenn auch hartnäckigen Illusion.“ (Einstein1955) 14
13 http://home.arcor.de/eberhard.liss/komp-apho.htm
14 http://www.focus.de/wissen/wissenschaft/bdw/tid-8332/physik_aid_229944.html
Die Nicht-Lokalität des Raums gilt analog auch für die Zeit (vierdimensionale Raum-Zeit).
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Arbeit zitieren:
Manuel Ottiger, 2008, Religiöse Erfahrungen und physikalische Realität: Ein Widerspruch?, München, GRIN Verlag GmbH
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