I. Einführung
Das Phänomen „Copyshop China“ ist in den vergangenen Jahren in unserer Gesellschaft oft thematisiert worden. Der Umgang in den Medien und die Stimmung in der Bevölkerung legen dabei nahe, dass dies nicht ausschließlich wirtschaftliche Gründe hat. Das plakative Thema passt sehr gut in ein Feindbild Chinas als aufstrebende Supermacht, die danach trachtet Deutschlands die Kernkompetenz, das internationale Aushängeschild „made in Germany“, zu zerstören. 1 Es ist nicht so, dass chinesische Unternehmen die einzigen sind, die kopieren, bloß tun sie es besonders erfolgreich (sowohl was Menge als auch die Genauigkeit betrifft). Dieser Erfolg wird Ihnen hierzulande nicht gegönnt (vgl. Mahbubani, S.115) und doch gefördert. Der deutsche Konsument kauft bereitwillig chinesische Importprodukte sobald sie auf dem Markt sind, macht gerne als Kulturtourist getarnt auch einen Besuch in der berüchtigten Silk Alley 2 in Peking und freut sich etwa beim Kauf einer „authentic“ Rolex-Armbanduhr im Internet (Versand von Hongkong). Auf diese Weise unterstützt er natürlich noch das Geschehen. Doch gleichzeitig ist das Arbeitnehmerherz in seiner Brust unfrohen Mutes: 1,3 Mrd. mutmaßlich skrupellose Chinesen, die nicht nur Rohstoffpreise immer weiter in die Höhe treiben, sondern nun auch noch mit erstaunlichen Resultaten High-tech kopieren (vgl. Scheuss, S.18) gefährden Arbeitsplätze und Wohlstand im Westen. Spätestens beim Automobil ist die Toleranzgrenze des Deutschen erreicht. Wenn einzelne Mittelständler durch Imitate Bankrott gehen, so stört dies die Massen nicht besonders. Mit der Automobilindustrie verhält es sich da schon anders. Ihr verdanken in Deutschland circa eine Million Menschen ihre Einkommen. Viele Arbeitsplätze, sowohl auf der Input- als auch auf der Vertriebsseite sind an die Konjunktur in der deutschen Automobilbranche gebunden. Ein Handeln der Politik in ihren Interessen wird von den ArbeitnehmerInnen, aber auch von den Unternehmen gefordert. Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Automobilindustrie ist ein nationales Interesse. Gerade vor diesem Hintergrund ist es auch vertretbar,
1 Auch das aggressive Vokabular des Wirtschaftsjournalismus trägt nicht gerade zu einer Entmystifizierung bei. Inwieweit ehrfürchtige Stimmen tatsächlich vor den Fähigkeiten der Chinesen (die ihre eigenen ja zunächst einmal unberührt lassen) zittern oder einfach nur versuchen alle denkbaren Kompensierungen für stärkeren Wettbewerb „abzusahnen“ ist eine weitere Frage.
2 Matzig, Gerhard (2008): Fälscher und Kopisten in Peking - Lob der Lüge, im Internet: http://www.sueddeutsche.de/reise/572/303567/text/, Zugriff am 05.01.09.
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wenn Lobbyisten Politiker auf das internationale Parkett schicken um sie für die Interessen der Automobilindustrie kämpfen zu lassen. Dies ist aber sicherlich nicht der einzige Weg (wenn auch der wahrscheinlich günstigste und deshalb attraktivste) um wirtschaftlichen Schäden durch Produktpiraterie vorzubeugen. Was unternehmen deutsche Automobilhersteller bereits und welche Möglichkeiten im Kampf gegen Produktpiraterie haben sie noch nicht ausgeschöpft? Welche politischen, rechtlichen, technologischen, aber auch wirtschaftliche Strategien können die Unternehmen der deutschen
Automobilindustrie im Kampf gegen die negativen Folgen der chinesischen Produktpiraterie verfolgen?
In dieser Arbeit wird aus betriebswirtschaftlicher Perspektive analysiert, inwieweit hiesige Ängste vor den Kopierkünsten der Chinesen begründet sind und wie derartigen Herausforderungen seitens einheimischer Unternehmen begegnet werden kann. Dies geschieht am Beispiel des wichtigsten Wirtschaftszweiges Deutschlands - der Automobilindustrie. Am Anfang der Arbeit steht eine Schilderung der Natur, des Ausmaßes und der Gründe chinesischer Produktpiraterie in der Automobilindustrie. Die sich anschließende Einschätzung der Gefahren, welche von dem Phänomen auf die deutsche Automobilindustrie ausgehen, wird von der Identifikation und kurzen Beschreibung von Schutzmöglichkeiten und Strategien gefolgt. Der Schlussteil fasst die Ergebnisse zusammen.
II. Was wird kopiert und weshalb?
Produktfälschungen können Patente, Gebrauchsmuster, Urheberrechte, Geschmacksmuster oder direkte Markenrechte verletzen (vgl. Welser, S.24). Im Falle „Deutsche Automobilindustrie und China“ ist die Verletzung von Patenten ein akutes Problem. Unter dem „Trade Related Agreement on Intellectual Property Rights“ (TRIPS) gehören hierzu “technisches Wissen in Form von Erzeugnissen, Verfahren, Verrichtungen und Anordnungen” (vgl. Tannert, S. 21). Als WTO-Mitglied ist das TRIPS auch für China verbindlich. Des Weiteren wurden durch chinesische Unternehmen Geschmacksmuster (beispielsweise die besonders dreisten (weil
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offensichtlichen) Exterieur-Design-Kopien von deutschen Fahrzeugen 3 ) und Markenrechte von Unternehmen der deutschen Automobilindustrie verletzt. Dass sich das Ausmaß des Handels mit gefälschter Ware aus China in den letzen Jahren drastisch vergrößert hat ist insbesondere darauf zurück zu führen, dass die Anzahl der Anbieter aufgrund hoher Gewinnmargen stark gestiegen ist. Die hohe Profitabilität kommt vor allem durch folgende Faktoren zustande: Chinesische Kopier-Unternehmen haben billige Produktionsbedingungen und können eine rege Nachfrage (auch aus dem Ausland) mittlerweile mit teilweise sehr guter Qualität bedienen. Entscheidend ist, dass diesen Unternehmen keine hohen Kosten für Forschung, Entwicklung oder Marketing entstehen. Dies ermöglicht ihnen zusätzlich günstige Preise um mehr Absatz zu erzielen (vgl. Welser, S.22). Die unzureichende Rechtslage in Verbindung mit der notorischen Tatenlosigkeit der chinesischen Regierung und Behörden sind das Kernproblem. Ein deutscher Automobilhersteller muss und sollte dies jedoch prinzipiell als Umweltkonstante hinnehmen beziehungsweise nur sehr diplomatisch seine Anliegen formulieren. Das Unternehmen hat immerhin auch noch das Wohlwollen der Chinesen zu verlieren. 4
Oft sind die Unternehmen aber auch selber Schuld. So kann bereits durch die Wahl der Markteintrittsform und des mit ihr verbundenen Grades an Kontrollverlust wertvolles Wissen unkompensiert übertragen werden. Für Schwellenländer wie China stellen dieses Industriewissen und die generierten Einkommen wichtige Ressourcen für die Wohlstandsentwicklung dar. Aus diesem Grund werden die Fälscher in China auch nicht entschieden verfolgt und bestehende Gesetze sind faktisch unwirksam (vgl. Staake, S.2). Es ist damit zu rechnen, dass diese halblegalen Unternehmungen in Zukunft, wie von der chinesischen Führung vorgesehen und durch sie beschützt, zu echten Wettbewerbern aufgebaut werden, die Kopieren bald nicht mehr nötig haben. 5
3 Z.B. das Design des BMW X5.
4 In China hat das Kopieren, im Gegensatz zu Deutschland, eine positive Konnotation.
5 In der Tatsache, dass China von dem Phänomen (noch) profitiert sieht Hung (2003) (Staake, 29) das Kernproblem, dem Unternehmen gegenüberstehen, denn hierauf können Sie nur schwer Einfluss nehmen.
3
III. Die wirtschaftlichen Folgen
China belegte 2004, gemessen an der Anzahl konfiszierter Fälscherware mit einem Anteil von 54% in Europa, den ersten Platz unter den Kopiernationen. 6 Die Tendenz ist steigend (Wert 2003: € 177 Mio.; Wert 2005: € 213 Mio.). Mit den Beschlagnahmungen, die dieser Statistik entnommen werden können ist lediglich ein kleiner Teil der Schäden verhindert worden, die durch Fälschungen bei EU-Importen verursacht wurden. Großer Schaden entsteht aber auch durch Technologiekopien vor Ort in China. Gestohlenes Wissen wird für den Aufbau eigener Produkte benutzt. Diese können später zu Konkurrenzfähigkeit reifen und den Absatz der deutschen Automobilhersteller gefährden. Für die Originalhersteller birgt die Produktpiraterie zunächst noch akutere Gefahren.
So wird er schnell einen Teil seines Absatzes an die Imitatoren verlieren und Umsatzeinbußen erleiden. Die Imitatoren produzieren naturgemäß kostengünstiger und können daher niedrigere Preise verlangen und dem Originalhersteller geht zusätzlicher Absatz verloren.
Die Qualitätssteigerung von gefälschten Produkten ist häufig nur illusorisch (d.h. sie bezieht sich lediglich auf das Wiedererkennungsmerkmal). Funktion oder Haltbarkeit des Produktes weisen jedoch oft erhebliche Mängel auf. Konsumenten machen häufiger schlechte Erfahrungen und es kommt zu einem negativen Spillover-Effekt, der die Nachfrage nach den Originalprodukten weiter senkt. Der Goodwill wird auch in Mitleidenschaft gezogen, da die Marke an Exklusivität verliert (vgl. Staake, S.2).
Eine weitere Gefahr für die deutschen Automobilunternehmen sei ebenfalls erwähnt: Fehlerhafte Verarbeitung und mangelhafte Produkteigenschaften treten bei einem komplexen Produkt wie Kraftfahrzeugen leicht auf, können aber kostspielige, im schlimmsten Fall sogar fatale, Folgen haben. Es ist nicht denkbar, dass in großem Stil gefälschte BMWs verkauft werden, da eine perfekte Kopie nur sehr teuer realisierbar wäre (im Gegensatz zu Ersatzteilen). Nicht auszuschließen ist aber, dass bestimmte Funktionen oder Eigenschaften, die der Originalhersteller entwickelt und in seine Produktpalette aufgenommen hat, fehlerhaft imitiert werden. Solche Funktionen, sind bei den deutschen Automobilherstellern oftmals allein für einen positiven Ergebnisbeitrag der Modelle verantwortlich und stellen häufig den
6 Europäische Kommission. (2006): im Internet:
http://trade.ec.europa.eu/doclib/docs/2006/october/tradoc_130398.pdf, Zugriff: 05.01.09.
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Arbeit zitieren:
Niels Doose, 2009, Copyshop China, München, GRIN Verlag GmbH
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