I. Einleitung
Mit Beginn der Einführung des Sportunterrichts in Deutschlands Schulen im 19. Jahrhundert begannen bald auch die kontroversen Diskussionen, um eine Berechtigung der Zensierung im Sportunterricht. Diese Tendenz blieb bis in die Gegenwart erhalten, denn auch heute noch ist die Sportzensur häufig Auslöser heftiger Debatten (vgl. Saß, I. 1992, 146). Sie ist und bleibt umstritten, weshalb eine Weiterentwicklung der Bewertungsmöglichkeiten im Sportunterricht vorprogrammiert ist. Besonders ist hervorzuheben, dass künftig jene Akzente verstärkt werden sollen, die aus pädagogischer Sicht die Entwicklung aller Schüler/innen fördert, ihre Freude an sportlicher Aktivität unterstützt und zudem Vorbehalte gegen den Sport abbaut (vgl. Seifert, G. & G. Keil 1989, 237 f.).
Mich beschäftigt vor allem folgende Fragestellung:
Ist eine Abschaffung der Zensur im Sportunterricht aus pädagogischen und organisatorischen Gründen sinnvoll und notwendig, um bestehende Probleme auf Seiten der Schüler/innen und Lehrer/innen zu beheben oder bedarf es eher einer „Reformierung des Bewertungssystems“?
Im Zuge meiner Seminararbeit möchte ich vor allem Antworten auf diese Frage liefern, allerdings werde ich darüber hinaus einen Einblick in die Besonderheiten und Kontroversen der Sportzensur geben und alternative Bewertungs- und Zensierungsmöglichkeiten aufzeigen.
II. Begriffsklärung 2.1 Leistung
Da der Leistungsgedanke im Sportunterricht ein tragendes Prinzip erhält und sich eine Benotung immer auf die vom/von der Schüler/in erbrachte Leistung bezieht, halte ich es an dieser Stelle für angebracht, den Begriff der Leistung zu erläutern (vgl. Stiehler, G. 1974, 287):
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Der Leistungsbegriff ist immensen kulturellen Differenzen und Wandlungen ausgesetzt. So wird er durch die jeweilige Gesellschaft konstruiert und kann selbst in gesellschaftlichen Teilsystemen (z.B. in der Physik oder im Sport) variieren (vgl. Miethling, W. 2007, 155). In Bezug auf den Schulsport interessiert vor allem die pädagogische Sicht der Leistung:
Für Klafki entspricht die Leistung dem Ergebnis und Vollzug einer zielgerichteten Tätigkeit, die mit Anstrengung verbunden ist und für welche Gütemaßstäbe anerkannt werden. In Bezug auf schulische Leistung definiert sich der Leistungsbegriff, als ein „von der Schule gefordertes und vom Schüler zu erbringendes Ergebnis seiner Lerntätigkeit“. (Microsoft Deutschland GmbH 2008). Wichtig ist, dass die Schulleistung unabhängig von besonderen Lernbedingungen des Kindes, allein nach einer Norm, gemessen wird. (Microsoft Deutschland GmbH 2008).
2.2 Bewertung und Zensierung
Allgemein betrachtet gibt die Bewertung eine Einschätzung für eine erbrachte Leistung (vgl. Stiehler, G. 1974, 286). Um auch hier wieder eine Verbindung zur Schule zu ziehen, ist der Blick in das Pädagogische Wörterbuch vonnöten. Dort findet man folgende Definition:
Die Bewertung ist jedoch nicht mit der Zensierung gleichzusetzen, denn in der pädagogischen Bewertung sollen vor allem Beobachtungen zum Leistungsvorgang und zur Entwicklung der Schülerpersönlichkeit einfließen, während die Zensur nur den ziffernmäßigen Ausdruck als Klassifikationssymbol der Leistung darstellt.
Der frühere aber auch gegenwärtige Schulalltag wurde und wird von Noten und Notengebung beherrscht. Die Zensierung steht in einem besonderen Verhältnis zur Bewertung, denn sie stellt eine spezifische Grundform derer dar. Eine Zensierung liegt
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dann vor, wenn das Ergebnis der Bewertung in einer Ziffer (1 bzw. „sehr gut“ bis 6 bzw. „ungenügend“) zum Ausdruck kommt (vgl. Stiehler, G. 1974, 293, 319). Diese Fremdbewertungen von Schüler(n)/innen durch Lehrpersonen werden meist in besonderen Situationen (z.B. Prüfungen) erstellt. Die dazu notwendigen Maßstäbe und Normen werden vom gesellschaftlichen Umfeld in Entscheidungsprozessen festgelegt. Dies mag der Grund sein, warum sie von den Betroffenen (Schüler(n)/innen, aber auch Lehrer(n)/innen) meist als undurchsichtig, unbeeinflussbar und somit auch willkürlich empfunden werden (vgl. Miethling, W. 2007, 156 f.). Zensuren haben immer einen möglichen positiven oder negativen Effekt: Sie können die Kinder motivieren, kränken oder aber auch entmutigen (vgl.
http://www.elternimnetz.de/cms/paracms.php?site_id=5&page_id=97). Zudem gibt eine Note keine Aussage über das Maß der physischen und psychischen Anstrengung, welche der/die Schüler/in aufwendet, um zu einem Ergebnis zu kommen. (vgl. Stiehler, G. 1974, 319 f.).
III. Anfänge und Entwicklung des Zensurwesens in Deutschland
Die erste Zensierung („Zensurierung“) fand im 16. Jahrhundert statt. In der Sächsischen Schulordnung von 1530 z. B. wurden die Knaben jedes Halbjahr einer Examina unterzogen und erhielten als Lohn Semmeln oder dergleichen. Auch in der Württembergischen Schulordnung (1559) gab es eine Zensurierung der Stipendiaten in Klosterschulen. Jedoch lassen sich diese „Gezeugnisse“ nicht mit den Zensierungen der heutigen Zeit vergleichen, denn es existierte keine Kennzeichnung der verschiedenen Leistungsstufen. Sie waren ausschließlich Zeugnisse über Gelehrsamkeit, Fleiß, Betragen, Herkunft, Vermögen der Eltern und die christliche Gesinnung des/der Bewerber(s)/in.
Bevor man zu Zensieren begann, war das Rangieren und Certieren 1 üblich. Aus dem Rangieren hat sich im 17. Jahrhundert die eigentliche Ziffernbewertung entwickelt. Die Nummerierung der Ränge gilt somit als Vorläuferin der Zahlenwertung einer Schulleistung, indem man nach möglichst festen Maßstäben für die Beurteilung der Schülerarbeit suchte und dabei auf die Zahl verfiel. Trotz dessen blieb das Rangieren weiterhin neben der neuen, sich nun langsam ausbreitenden Form der Leistungsbewertung bestehen und verband sich in vielen Fällen mit dem Zensieren zu einem kombinierten System, indem die Zensur die Grundlage der Rangplatzvergabe
darstellte. Die Rangordnung hatte zwei Funktionen: Zum einen sollte sie den Fortschritt der Schüler/in verbildlichen und zum anderen diente sie dazu, den Ehrgeiz der Schüler/in zu wecken. Dahingegen wurde die Rangordnung relativ häufig überprüft: „Durch das Ergebnis [...] aber war der Wettstreit noch nicht abgeschlossen, sondern nach dreißig Tagen hatte der Besiegte erneut die Möglichkeit, sich mit dem Gegner zu messen. So blieb dem Sieger beständig die Sorge um seinen Rang, während der Besiegte durch den Schmerz um seine Niederlage angefeuert wurde, die Schmach baldmöglichst abzuwaschen.“ (Karsdorf, G. 1961, 17). Betrachtet man diese Prozedur, so wird einem die Schädlichkeit dieses Mittels zur Beförderung des Schulfleißes heute sehr schnell bewusst. Bald überwogen die negativen Auswirkungen dieser Form des Ansporns. Bei einigen Schüler(n)/innen wurden Eitelkeit und Ehrsucht angefacht und genährt, bei anderen der Mut niedergeschlagen und wiederum andere empfanden Gefühle wie Neid, Zorn und Rachsucht. Trotz dessen man bereits im 18. Jahrhundert auf seine Abschaffung drängte, wurde das Rangieren nur allmählich abgebaut. Im Jahre 1927 wurde es in Deutschland dann vollständig untersagt. Vergleicht man das Rangieren mit dem Zensieren, so wird deutlich, dass beim Zensieren das erzieherische Moment nicht so im Vordergrund steht, denn durch die Rangordnung wurde jedem/r Schüler/in innerhalb seiner/ihrer Klasse ein bestimmter Platz zugewiesen, wodurch er/sie die Möglichkeit des unmittelbaren Vergleichs mit anderen Schüler(n)/innen erhielt. Das war beim Zensieren nur bedingt möglicht. Häufig wurden die Zensuren gar nicht bekannt gegeben und auch wenn, dann fehlte die anschauliche Vergleichsmöglichkeit. Die Zensur an sich diente damals vor allem zur Klassifikation der Leistungen. Dies wird auch dadurch erklärt, dass sich neben dem Zensieren das Rangieren für einige Zeit erhalten konnte und sogar noch weitere Formen des Ansporns hinzu kamen (z. B. Prämien, Ausstellung ausgezeichneter Reden oder Gedichte im Schulgebäude etc.). Mit dem allmählichen Abbau des Rangierens breitete sich in den Schulen des 18. Jahrhunderts das Zensurwesen immer mehr in Verbindung mit Lob und Tadel aus (vgl. Karsdorf, G. 1961, 15 ff.).
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IV. Die Benotung im Sportunterricht 4.1 Besonderheiten und Kontroversen der Benotung im
Sportunterricht
Wie in anderen Fächern, so sind auch im Fach Sport die Ziele und Inhalte der Stoffgebiete des Lehrplans Grundlage der Zensierungen. So gliedert sich in der Regel der Lehrrhythmus in den Klassen nach den geplanten Zensierungen (vgl. Seifert, Dr. G. & G. Keil 1989, 234; Miethling, W. 2007, 152).
Auf den ersten Blick erscheint das Fach Sport hinsichtlich der Leistungsbewertung einiger Bereiche als sehr simpel. Gemeint sind damit Bereiche wie Leichtathletik und Schwimmen, die eine Bestimmung von exakten, individuellen Leistungsergebnissen zulassen. In solchen Sportbereichen existieren geschlechts- und altersspezifische Leistungstabellen, zudem sind die Leistungen regional und überregional miteinander vergleichbar. Die Probleme setzen hier bei den unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen der Schüler/innen an, denn diese bestimmen die sportmotorische Leistung in besonderem Maße. Aus diesem Grund wird bei unterschiedlicher körperlicher Ausstattung der Kinder eine gleiche Bewertung bei gleicher Leistung als ungerecht empfunden und ist Auslöser häufiger Kritik an der Notengebung. Neben diesem Problem existieren auch im Sport Disziplinen, wie ästhetisch-darstellerische Sportarten oder Mannschaftsspiele, in denen sich messbare Leistungen nur sehr schlecht oder gar nicht erfassen lassen. An dieser Stelle ist die Lehrkraft meist auf sich allein gestellt, denn auch die Wissenschaft gibt dahingegen kaum konkrete „Zensierungs-Hilfen“. Eine weitere Besonderheit der Benotung im Sportunterricht ist die Art und Weise der Notengebung durch die Lehrer/in. Jeder Lehrkörper muss sich bei einer Bewertung nach den klassischen Test-Kriterien der Objektivität, Reliabilität (Zuverlässigkeit) und Validität (Gültigkeit) richten. Häufig jedoch erfüllt die sportunterrichtliche Zensurengebung diese Kriterien nicht hinreichend, da sie anfällig für diverse Verzerrungen ist. Im Folgenden seien einige dieser Verzerrungen genannt:
Der Schichten- und geschlechtsspezifische Effekt. Hier sind die Zusammenhänge zwischen soziobiographischen Hintergründen bei Schüler(n)/innen und Lehrer(n)/innen gemeint.
Der Milde- bzw. Strenge-Effekt und die Tendenz zur Mitte. Diese sind bestehende Präferenzen von Lehrpersonen für bestimmte Notenbereiche. Sportlehrer/innen neigen eher zu einer „weichen“ Notengebung, d.h. sie vergeben überwiegend positive Noten und schöpfen das Benotungsspektrum nicht voll aus.
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Arbeit zitieren:
Theresa Hiepe, 2008, Zur Problematik des Bewertens und Zensierens im Unterrichtsfach Sport, München, GRIN Verlag GmbH
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