Franz Kafka verfasste den Brief an seinen Vater Hermann Kafka zwischen dem 10. und 20. November 1919 in Schelesen bei Prag während eines Erholungsaufenthalts. In dem mehr als 100 Seiten umfassenden handschriftlichen Brief, behandelt Kafka sehr ausführlich den bestehenden Konflikt zwischen ihm und seinem Vater Hermann Kafka. Zudem bezieht Kafka eindeutige Stellung zu seinem jüdischen Glauben und seiner mangelnden religiösen Erziehung. Die folgenden Überlegungen haben das Ziel, eine Verbindung zwischen dem Judentum und dem Vater-Sohn-Konflikt herzustellen und zu deuten. Um dieses Ziel zu erreichen, dienen zwei Briefe Franz Kafkas als Quelle und Grundlage der Überlegungen: Der „Brief an den Vater“(1919) 1 und der Brief an Max Brod (Juni 1921) 2 .
Ein Konflikt entsteht, wenn Meinungen und Interessen im Gegensatz oder Widerspruch zueinander stehen. Diese Interessenvertretung führt sehr oft zu Meinungsverschiedenheiten und endet möglicherweise im Streit. Der zwischen Hermann und Franz Kafka bestehende Vater-Sohn-Konflikt ist geprägt durch das Aufeinandertreffen ihrer unterschiedlichen Charaktere und Interessen. In dem Brief wird der Vater als lebenskräftiger, starker und selbstbewusster Mann charakterisiert. Er ist ein strenger Herr und ein autoritäres Familienoberhaupt (Patriarch), aber auch ein liebevoller Ehemann mit aufbrausendem Temperament. Seine Körperstatur wird als robust, kräftig und groß beschrieben, weitere Charaktereigenschaften als tyrannisch, launisch und ungerecht dargestellt. Diese herrische Person trifft auf den Sohn Franz Kafka, einen schwachen, kränklichen Mann ohne Selbstvertrauen, gequält von permanenten Schuldgefühlen und Ängsten. 3
In dem Brief vergleicht Kafka seinen Charakter mit dem seines Vater:
„Vergleiche uns beide: ich, um es sehr abgekürzt auszudrücken, ein Löwy mit einem gewissen Kafka´schen Fond, der aber eben nicht durch den Kafka´schen Lebens-, Geschäfts-, Eroberungswillen in Bewegung gesetzt wird, sondern durch einen Löwy´schen Stachel, der geheimer, scheuer, in anderer Richtung wirkt und oft überhaupt aussetzt. Du dagegen ein wirklicher Kafka an Stärke, Gesundheit, Appetit, Stimmkraft, Redebegabung, Selbstzufriedenheit, Weltüberlegenheit, Ausdauer,
Geistesgegenwart, Menschenkenntnis, einer gewissen Großzügigkeit, natürlich auch mit allen zu diesen Vorzügen gehörigen Fehlern und Schwächen, in welche Dich Dein Temperament und manchmal Dein Jähzorn hineinhetzen.“ 4
1 Kafka, Franz: Brief an den Vater. Fassung der Handschrift, 5. Auflage, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 2003, 5-61.
2 Pasly, Malcolm (Hrsg.): Max Brod Franz Kafka. Eine Freundschaft II. Briefwechsel, Frankfurt am Main: Fischer Verlag 1989, 356-361.
3 Vgl. Anz, Thomas: Franz Kafka, 2. Auflage, München: Beck Verlag 1992, 26.
4 Kafka, Franz, 2003, 7.
2
In den Gegensätzen und der Verschiedenheit der beiden Charaktere sieht Franz Kafka für sich eine große Gefahr:
„Jedenfalls waren wir so verschieden und in dieser Verschiedenheit einander so gefährlich, daß, wenn man es hätte etwa im voraus ausrechnen wollen, wie ich, das langsam sich entwickelnde Kind, und Du, der fertige Mann, sich zueinander verhalten werden, man hätte annehmen können, dass Du mich einfach niederstampfen wirst, dass nichts von mir übrigbleibt.“ 5
Die Angst vor dem „Niederstampfen“ bekam Kafka in Form der erdrückenden Macht und der geistigen Oberherrschaft des Vaters in seinem Leben immer wieder zu spüren, wodurch er starke Minderwertigkeitskomplexe entwickelte. Nicht nur Selbstwertlosigkeit, sondern auch große Schuldgefühle und körperliche Gebrechen Kafkas, waren das Resultat der väterlichen Autorität. Der Vater vermittelte ihm immer wieder das Gefühl der Nichtigkeit. Franz Kafka erinnert sich besonders an ein sehr prägendes Ereignis in seiner Kindheit, bei dem er wegen seiner Bitte nach Wasser vom Vater auf die Pawlatsche hinausgetragen wurde. Das zeigte Kafka, dass er für seinen Vater ein „Nichts“ war. Das Pawlatsche-Ereignis verstand Franz Kafka als Niederlage. Das Verhältnis zu seinem Vater war daher geprägt durch Furcht. Das wird besonders deutlich in den ersten Zeilen des Briefes, in denen das Wort „Furcht“ insgesamt viermal in zehn Zeilen auftritt.
Es stellt sich die Frage, wie ein Familienvater so beängstigend auf seine Kinder wirken konnte, dass dadurch ein Minderwertigkeitskomplex, Schuldgefühle und Selbstzweifel bei seinem Sohn Franz entstanden?
Zur Beantwortung der Frage ist es sicherlich hilfreich, den Vater näher kennen zu lernen. Hermann Kafka war sicherlich gekennzeichnet durch seine schwere Jugend, die starken Einfluss auf seine Persönlichkeitsentwicklung hatte. Die Erfahrungen, die er während des Militärdienstes machte, prägten sein Wert- und Normensystem nachhaltig. 6 Seiner Ansicht nach teilte man die Früchte seiner Arbeit, aber nicht die damaligen Sorgen, die unmittelbar mit dem Wohlstand verbunden waren. Zudem hoffte der Vater, dass sein Erbe Franz den elterlichen Laden übernehmen und somit das Lebenswerk des Vaters weiterführen würde. Als Franz Kafka einen anderen Lebensweg einschlug, muss der Vater darauf mit Enttäuschung und Verunsicherung reagiert haben. In ihm wuchs die Angst, alles Erreichte zu verlieren. Daraufhin versuchte er sich mit dem herrischen System anzupassen und sich damit zu identifizieren. Die Angst vor dem sozialen Abstieg trat er entgegen, indem er tyrannisch auf andere Menschen wirkte. 7
5 Kafka, Franz, 2003, 8.
6 Kafka, Franz, 2003, 70.
7 Vgl. Gassmann, Arno A.: Lieber Vater, Lieber Gott? Der Vater-Sohn-Konflikt bei den Autoren des engeren Prager Kreises, Literatur- und Medienwissenschaft 83, Oldenburg: Igel Verlag Wissenschaft 2002, 21-22.
3
Eine Entfremdung zwischen Vater und Sohn zeichnete sich ab, der Franz Kafka aber entschieden entgegentreten wollte. Die einzige Möglichkeit sah Kafka daher in seinem jüdischen Glauben, denn im Judentum hoffte er eine Rettung vor dem Vater zu finden und gleichzeitig eine mögliche Einigkeit zwischen Vater und Sohn zu erreichen. „Ebenso wenig Rettung vor Dir fand ich im Judentum. Hier wäre ja an sich Rettung denkbar gewesen, aber noch mehr, es wäre denkbar gewesen, daß wir uns beide im Judentum gefunden hätten oder daß wir dort einig ausgegangen wären.“ 8
Kafka konnte sich lange Zeit nicht mit dem jüdischen Glauben identifizieren, aufgrund seiner mangelnden religiösen Erziehung. Hinsichtlich seiner jüdischen Erziehung erhebt Kafka schwere Vorwürfe gegen den Vater:
„Aber was war das für ein Judentum, das ich von dir bekam!“
„Es war ja wirklich, soweit ich sehen konnte, ein Nichts, ein Spaß, nicht einmal ein Spaß.“ 9 Der Vater brachte aus der kleinen ghettoartigen Dorfgemeinde, in der er seine Kindheit verbrachte, nur wenig religiösen Glauben mit. Dieses Judentum war sehr dürftig und verlor sich beim Militär und in der Stadt. Trotzdem, so berichtet Kafka, reichten noch Eindrücke und Erinnerungen der väterlichen Jugend gerade noch zu einer Art jüdischen Lebens aus, „ [...] aber zum Weiter-überliefert-werden war es gegenüber dem Kind zu wenig, es vertropfte zur Gänze während Du [Vater] es weitergabst.“ 10 Zudem wirft Kafka seinem Vater in dem Brief eine oberflächliche und gleichgültige Beziehung zum Judentum vor. Nach Kafkas Ansicht hat das Judentum für den Vater keinen Selbstwert mehr, und kann dadurch an den Sohn nur noch durch Überredung und Drohung vermittelt werden. 11 Franz Kafka beschloss nun, sich intensiver mit den Wurzeln und Traditionen des Judentums zu beschäftigen. Ausgelöst wurde dieser Schritt durch „die Berührung mit dem Ostjudentum, vor allem durch Besuche der Vorstellungen einer jiddischen Schauspieltruppe, die im Winter 1911/1912 in Prag gastierte [...].“ 12
Hartmut Binder vermutet, dass sich Kafkas Verhalten durch dieses Ereignis grundlegend veränderte und er sich seines Judentums bewusst wurde. Daraufhin reflektierte Kafka die Problematik der Assimilation und seine persönliche Familiensituation, die er für seine Schwierigkeiten verantwortlich machte. Die Rolle von Vater und Mutter interpretierte er neu, d.h. jüdisch und geriet so in immer stärkere Opposition zu seinem Vater. 13
8 Kafka, Franz, 2003, 37.
9 Ebd.
10 Kafka, Franz, 2003, 39.
11 Vgl. Kafka, Franz, 2003, 39.
12 Kafka, Franz, 2003, 89.
13 Vgl. Gassmann, Arno A., 2002, 23-24.
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Arbeit zitieren:
Michael Becker, 2004, Der Vaterkonflikt und das Judentum in Franz Kafkas „Brief an den Vater“ und im Brief an Max Brod (Juni 1921), München, GRIN Verlag GmbH
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