Einleitung
Armut in ihren vielfältigen Ausdrucksformen und mit all ihren Folgen ist ein derart komplexes Thema, daß sich der Verfasser auf wenige ausgewählte Aspekte konzentrieren wird. Das heißt nicht, daß andere Bereiche dieses Problems weniger bedeutsam sind.
Gegenstand dieser Arbeit ist jedoch nicht ein Aneinanderreihen von Zahlen und Statistiken, die an anderer Stelle gut und umfangreich aufbereitet zu finden sind. 1 Die Frage ist vielmehr, was
Armut gesellschaftlich bedeutet und welche Ursachen dahinter stehen.
Zunächst soll über die beiden hauptsächlichen Definitionen von Armut und Vergleiche, auch internationaler Art, der durchaus unterschiedliche Charakter von Armut herausgearbeitet werden. Im Weiteren wird der Fokus auf das permanent in der Öffentlichkeit präsente Thema Armut in Deutschland gelenkt. Wie sich Armut in Deutschland darstellt, welche Arten von Armut es gibt und wie dem sozialpolitisch begegnet wird und begegnet werden könnte, wird deutlich gemacht.
Wie der sozialpolitische Status quo verändert werden kann wird abschließend aufgezeigt und diskutiert.
1 So beispielsweise: Hradil, Stefan: Die Sozialstruktur Deutschlands im internationalen Vergleich, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 2004.
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1. Armut jenseits oberflächlicher Vorstellungen
1.1 Das Phänomen Armut
Sobald Armut thematisiert wird, liegt der Fokus üblicherweise auf der Wahrnehmung materieller Mangelversorgung als Symptom. Betrachtet man die Lebensumstände der Bevölkerungen der weltweit ärmsten Länder, so ist diese Wahrnehmung sicher zutreffend. Mangel, der aus rein monetärer Knappheit resultiert, erfaßt jedoch nicht das Gesamt-Phänomen Armut, das sich in die Wohlstandsgesellschaften des industrialisierten Westens eingeschlichen hat. Armut wird immer im Verhältnis des durchschnittlichen Wohlstandsniveaus und gesamtgesellschaftlicher Standards beschrieben, zu denen neben Einkommensindikatoren unter anderem die Teilhabe an bestimmten vorhandenen kulturellen und gesellschaftlichen Systemen und Aktivitäten sowie soziale Kontakte gehören. Zudem unterscheidet man die relative (beispielsweise Europa) von der absoluten Armut (beispielsweise Afrika). Auf diese Unterscheidung wird im weiteren Verlauf noch einzugehen sein.
Die einfach zu messenden finanziellen Zwangslagen von Einzelnen oder Gruppen reichen ergo als Armutsindikator nicht aus. Aus diesem Grund muß der Armutsbegriff um andere, auf die individuellen Lebensumstände wirkende Faktoren erweitert werden, die im Folgenden dargestellt werden. Als hilfreich erweisen sich die Ansätze zur Klassifizierung, die als ressourcenbedingte und lebenslagenbedingte Armut bezeichnet werden. 2
Nicht jeder, der definitorisch arm ist, fühlt sich auch arm. Umgekehrt ist nicht jeder, der sich arm fühlt, wirklich arm. Das Begriff der sozialen Exklusion beschreibt das Problem ebenfalls nur sehr allgemein.
Der erweiterte Armutsbegriff umfaßt demnach neben der monetären Knappheit (Ressourcenansatz) fehlende oder schlechte Zugangsmöglichkeiten zum Arbeitsmarkt, mangelnde Bildungsmöglichkeiten, fehlende soziale Kontakte, schlechtem Gesundheits-zustand, Langzeitarbeitslosigkeit, etc (Lebenslagenansatz). Diese Liste ließe sich beliebig verlängern. Die genannten Symptome verdichten sich zu einem Zustand, der je nach Intention als Soziale oder Kulturelle oder Gesellschaftliche Exklusion bezeichnet werden kann. Es ist sicher unstrittig, daß eine echte Exklusion eines erheblichen Teils einer Bevölkerung auf Dauer
2 Hradil (2004), S.220 ff.
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zu einem bestandsbedrohenden Problem für ein politisches oder gesellschaftliches System werden würde.
Allerdings sind gerade bei der Frage der Exklusion individuelle Voraussetzungen und Einstellungen der Betroffenen sowie äußere Umstände von Bedeutung. Populistische und polemisierende Standpunkte und Äußerungen aus dem linken wie dem rechten politischen Spektrum erreichen zwar fast immer publikumswirksam die sich zuverlässig empörende öffentliche Wahrnehmung, sind jedoch aufgrund ihrer reinen Anklageintention für echte Lösungsansätze untauglich, da sich das meist allgemein formulierte Problem eben nicht auf jeden Einzelnen übertragen läßt.
Nicht jeder, der arm ist, ist gleichzeitig auch ausgeschlossen und umgekehrt. Ausgeschlossen sein kann man aus vielerlei Gründen, so aufgrund des familiären Umfeldes, des Lebensalters insbesondere bei Älteren hinsichtlich ihrer Vermittlungsfähigkeit am Arbeitsmarkt, mangelnder Akzeptanz durch vorhandene oder zugeschriebene persönliche Merkmale, unzureichender Bildung, mangelnder Sprachkenntnisse bei Zuwanderern, kaum vorhandener sozialer Kontakte, schlechter Gesundheit, andauernder Arbeitslosigkeit, Alleinerziehungsverantwortung besonders bei Frauen und durch Schicksalsschläge ausgelöste Lebenslagen. 3 Bei einer zunehmenden Verdichtung der beschriebenen Symptome kann der Absturz in monetäre Armut und gesellschaftliche Isolation mehr oder weniger schnell, bzw. stark ausgeprägt stattfinden. Wie Betroffene in ihrem persönlichen Umfeld und unter den jeweiligen lokalen Bedingungen integriert sind, spielt auch eine Rolle, ob und wie sie Wege aus ihrer Lage finden können oder nicht. Arm zu sein muß nicht unbedingt heißen, daß man außerhalb von integrierenden und stützenden Familien lebt. Es muß auch nicht heißen, daß jegliche Bildungschancen oder Arbeitsmöglichkeiten fehlen. Besonders in konsumorientierten Wohlstandsgesellschaften besteht die Gefahr, daß sich aufgrund vorhandener und möglicherweise unerfüllbarer Ansprüche an Staat, Gesellschaft und Konsum eine Lethargie und Passivität in der Wahrnehmung des eigenen Lebens einstellt, welche die individuelle Situation noch verschärft und in eine anhaltende Abwärtsspirale münden kann.
3 Bude, Heinz: Die Ausgeschlossenen - das Ende vom Traum einer gerechten Gesellschaft, Lizenzauflage der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn, 2008, S.9 ff.
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1.2 Graduelle Betroffenheit von Armut
Wie im Abschnitt 1.1 dargelegt, beschränkt sich Armut nicht nur auf finanzielle oder materielle Aspekte. Gleichwohl ist die der Armut meist inhärente monetäre Knappheit ein wichtiger Teil des Gesamt-Phänomens, da die finanziellen Möglichkeiten letztendlich für die Lebensgestaltungsoptionen mitbestimmend sind.
Der Grad der Betroffenheit von Armut ist jedoch unterschiedlich. So gibt es die Situation, die von latenter Armut gekennzeichnet ist und in der sich Lebensumstände nicht oder kaum verändern und eine Gruppe temporärer Armut, die durch vorübergehende Arbeitslosigkeit oder finanzielle Schicksalsschläge gekennzeichnet ist. Unter erstere fallen auch die zuweilen so bezeichneten Armuts- oder Sozialhilfekarrieren, in denen bestimmte Sichtweisen und Einstellungen durch dauerhaft mangelnde Perspektiven generationenübergreifend „vererbt“ werden. Hiervon sind hauptsächlich Zuwanderer betroffen, da diese aufgrund vielfach fehlender beruflicher Qualifikationen und Sprachkenntnisse in Arbeitsmärkten mit sinkenden Angeboten für Geringqualifizierte kaum Chancen haben, den Sprung aus der Armut zu schaffen. 4 Temporär ist Armut dann, wenn es Betroffenen beispielsweise gelingt, sich nach einer Phase der Arbeitslosigkeit wieder in den Erwerbsprozeß zu integrieren.
Des Weiteren gibt es eine Gruppe prekären Wohlstands, die von Armut bedroht ist, sobald eine unvorhersehbare Lebenslage eintritt, die Ersatzbeschaffung für langlebige Haushaltsgüter notwendig ist oder der Verlust des Arbeitsplatzes droht. 5 Allen gemeinsam ist eine latent oder temporär vorhandene monetäre Armut, welche das Sozialsystem je nach Bedürftigkeitsgrad zu bekämpfen sucht. Mangel an finanziellen Möglichkeiten hat verschiedene Seiten und von Individuum zu Individuum unterschiedliche Auswirkungen. So gibt es Betroffene, die mit den Regelsätzen der deutschen Sozialgesetzgebung auf niedrigem Niveau auskommen. Die überwältigende Mehrheit kann dies jedoch nicht oder kann sich nicht mit den Verhältnissen arrangieren. Die Ursachen sind verschieden, je nach Lebenslage, persönlichen und traditionellen Einstellungen und Werten, Konsum- und Suchtgewohnheiten, krankheitsbedingten oder familiären Situationen sowie allgemeiner schlechter finanzieller Verfassung. 6
4 Hradil (2004), S.225.
5 Bude (2008), S.39.
6 Ebd., S.52.
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1.3 Relative Armut und absolute Armut
Absolute Armut ist in Deutschland erfreulicherweise kaum vorhanden. Die hierzulande gültige Definition bezieht sich auf relative Armut. Wer über weniger als 40-60% des durchschnittlichen Einkommens (mittleres Äquivalenzeinkommen aller Einkommensbezieher) verfügt gilt als relativ arm. Wenn man den Blick über die Grenzen unseres abgeschlossenen Sozialsystems hinaus richtet, lassen sich einige nicht unwesentliche Fakten zu Armut finden, die geeignet sind, die Situation in Deutschland hinsichtlich ihrer Lebensumstände etwas zu relativieren.
Doch wie sieht absolute Armut aus? Welche Kriterien kennzeichnen diese Definition? Die Antwort ist: Es gibt keine! Zumindest keine, die einfach festlegt, was absolute Armut bedeutet, geschweige denn eine, die überall auf der Welt gleichermaßen anerkannt wäre, wie ein Bericht eines Expertenseminars des UN-Wirtschafts- und Sozialrates über Menschenrechte und extreme Armut aus dem Jahr 2001 zeigt. 7
Extreme (oder absolute) Armut sei demnach gekennzeichnet durch die Abwesenheit oder Verweigerung der Menschenrechte und -würde und Mangel an grundsätzlichen Ressourcen, wie ausreichendem Zugang zu Wasser und Nahrungsmitteln sowie einfachster medizinischer Versorgung. Doch nicht nur materieller Mangel als Kriterium für Armut fand Eingang in dieses Dokument. Unter Bedingungen latent vorhandener Gewalt zu leben, Demütigung, Macht- und Bedeutungslosigkeit zu erfahren und ganz allgemein politisch, sozial und gesellschaftlichkulturell ausgeschlossen zu sein, gehört ebenso zur absoluten Armut.
In Südasien, Teilen Mittel- und Südamerikas und insbesondere in Afrika kämpfen ca. eine Milliarde Menschen täglich um das nackte Überleben. Allein in Afrika sind das knapp 700 Millionen Menschen, die weder über ausreichende Nahrung, noch Trinkwasser verfügen. Ein fehlendes Gesundheitssystem hält diesen Kontinent im Würgegriff von Krankheiten, wie Malaria und AIDS, die in den Industriestaaten der westlichen Welt nahezu unbekannt sind. Zu diesen epidemischen, aber bekämpfbaren Krankheiten kommen der Unterversorgung geschuldete Krankheiten, wie Tuberkulose, Durchfallerkrankungen, akute Atemwegserkrankungen und Infektionskrankheiten. In den am stärksten betroffenen Ländern Afrikas stirbt jährlich 1% der Bevölkerung allein an AIDS. 8 Die durchschnittliche Lebenserwartung
7 United Nations - Econonomic and Social Council: Report of the expert seminar on Human Rights and Extreme Poverty, 7-10 Feb.2001, S.5.
8 Auszug aus der UN-Datenbank zur Mortalität von HIV-Infizierten in Afrika vom 17.03.2009.
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Arbeit zitieren:
Tobias Wolf, 2009, Armut in Deutschland, München, GRIN Verlag GmbH
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