Einleitung
Der Konflikt zwischen Pakistan und Indien ist ein ethnisch-religiöser Konflikt, der mit komplexen Ursachen und Motiven sich trotz seiner Tragweite meistens außerhalb unseres politischen Blickwinkels befindet.
Mit Pakistan und Indien stehen sich sowohl auf kultureller als auch auf religiöser Ebene zwei verschiedene Kulturen gegenüber, die zudem in sich eine außerordentliche Diversität aufweisen. Der einstmals eine kohärente politische Einheit bildende Subkontinent wurde mit dem Rückzug der britischen Kolonialmacht in zwei Nachfolgestaaten geteilt, welche jeder für sich unabhängig wurden. Ein chaotischer Verlauf der Teilung und ungeklärte Territorialprobleme bildeten den Nährboden für einen der brisantesten Konflikte der Neuzeit, der durch militärische Eskalationen, latent vorhandenen Terrorismus und die Gefahr einer atomaren Auseinandersetzung gekennzeichnet ist.
Um sich der Problematik annähern zu können, ist eine Betrachtung der Geschichte Südasiens notwendig. Die unterschiedliche innenpolitische und wirtschaftliche Entwicklung der beiden Staaten ist ebenso von Bedeutung für den heute herrschenden Status quo, wie die außenpolitischen Beziehungen der handelnden Akteure.
Die vorliegende Hausarbeit zeichnet die Ursachen und Konfliktlinien der seit Bestehen Indiens und Pakistans existierenden Feindschaft nach und versucht eine Analyse der gegenwärtigen Situation. Abschließend werden mögliche Zukunftsszenarien erörtert.
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1. Geschichtliche Ursachen des indo-pakistanischen Konfliktes
1.1 Kurze Historie des indischen Subkontinents
Der indische Subkontinent wurde in seiner jahrtausendealten Geschichte von verschiedenen Kulturen und Eroberern geprägt. Die ursprünglichen Religionen waren seit dem Auftreten des Siddhartha Gautama, später genannt Buddha, im fünften Jahrhundert vor Christus Hinduismus und Buddhismus. In Südindien existiert eine christliche Gemeinschaft, welche sich auf den Apostel Thomas beruft, der im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung nach Indien gekommen sein soll. Durch den Einzug und erfolgreichen dauerhaften Verbleib muslimischer Mogul-Herrscher in großen Teilen Nordindiens wurde die religiöse Diversität ab dem 13. Jahrhundert um den Islam angereichert. Ab dem 15. Jahrhundert bildete sich in Nordwestindien die Sikh-Religion, die unter den religiösen Minderheiten die bedeutendste war. Der indische Subkontinent war auch Expeditionsziel europäischer Mächte wie Portugal, Frankreich, Holland und schließlich Großbritannien. Portugal errichtete ab Ende des 15. Jahrhunderts erste Handelsstützpunkte an der Westküste Indiens, beispielsweise Daman und Diu, Goa, Cochin und Bombay. Zu Anfang des 16. Jahrhunderts bildeten sich ähnliche Handelsplätze unter französischer Kontrolle, so Pondicherry, hauptsächlich an der Ostküste des Subkontinents, die ihren Einfluß auf erhebliche Gebiete Südostindiens ausdehnten. Durch den Niedergang des Mogulreiches begünstigt, begannen Holländer und Briten ihre Indien-Unternehmungen Ende des 16. Jahrhunderts. Mitte des 17. Jahrhunderts dominierte die britische Ostindienkompanie den Subkontinent in zunehmendem Maße. Zunächst errichteten die Briten Handelsstützpunkte (Kalkutta) und ordneten sich dem Machtmonopol der jeweiligen lokalen Herrscher unter. Relativ schnell fingen sie jedoch an, ihren Einflußbereich nach Westen hin zu erweitern und übernahmen die Verwaltung der Provinz Bengalen. Weitere Gebietseroberungen folgten und bis zum Sepoy-Aufstand von 1857 erstreckte sich die Herrschaft der Briten bereits über ein Gebiet von der heutigen afghanisch-pakistanischen Grenze bis nach Burma. Der Sepoy-Aufstand war die erste große Erhebung gegen die Briten und hatte diverse staatsrechtliche Folgen. Der vom britischen Parlament verabschiedete Government of India Act unterstellte die von der Ostindienkompanie verwalteten Gebiete als Kronkolonien direkter britischer Verwaltung und erlaubte es Indern erstmals, Ämter in Politik und Verwaltung zu bekleiden. Mit diesen Maßnahmen gelang es, die britische Herrschaft in Indien zu stabilisieren und weiter auszubauen. Das eigentliche Britisch-Indien erstreckte sich jedoch nur auf ca. zwei Drittel des Gesamtgebietes, das andere Drittel bestand aus Fürstenstaaten, die der Krone direkt unterstanden und weitgehend unabhängig blieben.
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1.2 Die Unabhängigkeitsbewegung in Britisch-Indien
Ab etwa 1880 begann sich in Indien eine Unabhängigkeitsbewegung zu formieren. Diese Bewegung wurde hauptsächlich von den Organisationen Indian National Congress (Kongreßpartei) und der All India Muslim League (Muslimliga) getragen. 1916 vereinigten sich Teile der Kongreßpartei und der Muslimliga im Lucknowpakt 1 zur All India Home Rule League und beanspruchten zunächst Selbstverwaltung nach dem Vorbild anderer Dominions of the Commonwealth wie Kanada und Australien. 1920 ging die Selbstverwaltungsliga in der Kongreßpartei unter Führung Mohandas Karamchand Gandhis auf. Der Muslimliga-Führer und spätere Staatsgründer Pakistans Mohammed Ali Jinnah setzte sich zunächst auch für eine politische Einheit von Hindus und Muslimen ein, distanzierte sich aber später davon. Gandhis Vision war ein demokratischer und säkularer Staat in der Nachfolge Britisch-Indiens. Ab der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre setzte sich auf der Seite der Muslime die Idee von zwei Nachfolgestaaten auf dem Subkontinent durch, die ihren Höhepunkt in der 1940 von Jinnah verfaßten Lahore-Resolution 2 fand, in welcher die Muslimliga erstmals offiziell eine Teilung Indiens in einen hinduistischen und einen muslimischen Teil vorschlug (Zwei-Nationen-Theorie).
Der Mountbattenplan vom 3. Juni 1947 legte die Teilung des indischen Subkontinents in zwei Nachfolgestaaten fest, ließ aber die endgültige Grenzziehung Indiens zunächst offen. 3 Die mehrheitlich muslimischen Provinzen sollten zu Pakistan und die mehrheitlich hinduistischen zur Indischen Union werden. Für Gebiete mit unterschiedlicher religiöser Ausprägung arbeiteten Grenzkommissionen Teilungspläne aus. Diese Regelung galt jedoch nur für die Gebiete, die der britischen Kolonialverwaltung unterstanden und damit formell zu Britisch-Indien gehörten, den Fürstenstaaten wurde zunächst Wahlfreiheit zugestanden.
Der für den späteren Disput bedeutende Fürstenstaat Jammu und Kaschmir wollte keinem von beiden beitreten sondern nach dem Vorbild der Schweiz unabhängig und neutral bleiben.
1 Keay, John (2004): India - a history, Harper Collins Publishers India, Noida, S.474.
2 Pakistan-Resolution/Lahore Resolution der All India Muslim League vom 04.03.1940, Link: siehe Literaturverzeichnis.
3 Keay (2004), S.502.
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2. Die Gründung Pakistans und Indiens - Beginn einer Feindschaft
2.1 Der erste Krieg um Kaschmir
Am 14. und 15. August 1947 wurden die beiden Nachfolgestaaten Dominion of Pakistan und Union of India in die Unabhängigkeit entlassen. Einen Tag später wurde die offizielle Grenzziehung bekannt gegeben, die massive Proteste auslöste. Alle nordwestlichen muslimisch dominierten Provinzen Britisch-Indiens und der größere Ostteil Bengalens wurden zu Pakistan, alle anderen mehrheitlich hinduistischen zu Indien. Der Staat Pakistan wurde durch die nach ethnischen Grundsätzen durchgeführte Teilung nun durch rund 1800 km indisches Territorium zerschnitten. Mindestens 10 Millionen Menschen siedelten in den jeweils anderen Landesteil über. Der Unmut über die Teilung einzelner Provinzen entlud sich in gewalttätigen Auseinandersetzungen, die bis zu einer Million Menschenleben forderten. 4
Pakistan übte nun auf den Herrscher von Jammu und Kaschmir Druck aus, endlich beizutreten und unterstützte parallel Freischärler, die ausgerüstet durch die pakistanische Armee in Kaschmir einsickerten. 5 Als die Aufständischen bereits einen größeren Teil Kaschmirs unter Kontrolle hatten und sich der Hauptstadt Srinagar näherten, wurde der Beitritt zur Indischen Union vollzogen. Indische Truppen wurden umgehend in Marsch gesetzt, konnten die Angreifer jedoch nur noch aus einem Teil von Kaschmir herausdrängen. Zu diesem Zeitpunkt wurde in Muzaffarabad im pakistanisch besetzten Kaschmir der Staat Azad Kaschmir (Freies Kaschmir) ausgerufen. Indien brachte die Auseinandersetzung vor die Vereinten Nationen, welche die Resolutionen 38, 39 und 47 verabschiedeten und die United Nations Commission for India and Pakistan (UNCIP) einrichteten. 6 Das Karachi Agreement 7 von 1949 beendete den unerklärten Krieg. Das Abkommen definierte die Frontlinie als Waffenstillstandslinie (Cease Fire Line) und Indien wurde durch die UN aufgefordert, in den verbliebenen Gebieten eine Volksabstimmung über den künftigen Status Kaschmirs durchzuführen. Die Waffenstillstandslinie wurde nur bis an den Siachen-Gletscher heran genau bestimmt und sollte entlang einer gedachten Verlängerung über diesen Gletscher laufen. Dadurch entstand später ein weiterer Streitpunkt zwischen Indien und Pakistan. 8 Ab 1953 fanden mehrere bilaterale Treffen zwischen den beiden Staaten statt und für einen kurzen Moment sah es so aus, als könnte der Disput friedlich gelöst werden.
4 Mann, Michael (2007): Die Teilung Britisch-Indiens 1947 - Blutiger Weg in die Unabhängigkeit, Bundeszentrale für politische Bildung, Link: siehe Literaturverzeichnis.
5 Ganguly, Sumit (2001): Conflict unending - India-Pakistan tensions since 1947, Oxford University Press, New York, S.16.
6 Vereinte Nationen: Resolutionen 38 v. 17.01.1948, 39 v. 20.01.1948, 47 v. 21.04.1948 - The India-Pakistan Question , Links: siehe Literaturverzeichnis.
7 Rothermund, Dietmar (2002): Krisenherd Kaschmir - Der Konflikt der Atommächte Indien und Pakistan, Beck Verlag, München, S.51.
8 Chari, P.R. / Cheema, Pervaiz Iqbal / Cohen, Stephen P. (2008): Four Crisis and a peace process -American engagement in South Asia, Harper Collins Publishers India, Noida, S.20-22.
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Das politische Tauwetter fand jedoch bald ein Ende, da Pakistan und die USA 1954 den Gegenseitigen Verteidigungs- und Beistandspakt (Mutual Defense Assistance Agreement) vereinbarten. Unter anderem beinhaltete der Pakt amerikanische Aufbauhilfe sowie Ausrüstung für die pakistanische Armee. Dies erregte großes Mißtrauen in Indien, das sich nun verstärkt Moskau zuwandte.
Der chinesisch-indische Grenzkrieg von 1962 hinterließ Indien geschlagen und führte einerseits zu Gebietsverlusten in den nordöstlichen Bundesstaaten Arunachal Pradesh und Assam sowie andererseits zur Besetzung des zu Kaschmir gehörenden Aksai Chin durch China. Dies gab Pakistan die Gelegenheit, engere Beziehungen zu China zu knüpfen. In Indien führte die Niederlage zu einer verstärkten militärischen Aufrüstung. Damit sollte auch Pakistan abgeschreckt und davon abgehalten werden, zukünftig in Kaschmir zu intervenieren.
2.2 Der Krieg von 1965
Die neue indische Stärke war den pakistanischen Militärstrategen nicht entgangen, gleichwohl unterschätzte man die indische Verteidigungs- und Angriffsfähigkeit. Im Grenzkonflikt um die Rann of Kutch rief Indien internationale Vermittlung an, anstatt offensiv zurückzuschlagen. Dies wurde in Pakistan als militärische Schwäche interpretiert und ließ die Verantwortlichen annehmen, man könne Indien besiegen, wenn man nur schnell genug in Kaschmir zuschlage. Dazu kam, daß Pakistan Proteste der kaschmirischen Bevölkerung gegen die indische Herrschaft fälschlicherweise als pro-pakistanisch wahrnahm. Außerdem vertraute man in Pakistan darauf, daß die befreundete Volksrepublik China im Falle eines Konfliktes eine weitere Front eröffnen würde, welche die Niederlage der Inder besiegeln würde. Vor diesem Hintergrund begann der zweite indo-pakistanische Krieg am 5. August 1965 mit der Operation Gibraltar. 9 Indien gewann diesmal jedoch schnell die Oberhand. Überraschende Angriffe indischer Truppen gegen die im westlichen Punjab gelegenen pakistanischen Städte Lahore und Sialkot führten zum Rückzug pakistanischer Truppen aus den bereits besetzten Gebieten. Die Vereinten Nationen äußerten Anfang September 1965 große Besorgnis über die Eskalation und forderten einen Waffenstillstand (Resolutionen Nr. 209, 210, 211). 10 Da die USA zu diesem Zeitpunkt sehr stark in Vietnam engagiert waren, gelang es der Sowjetunion unter Ministerpräsident Alexei Kossygin, die Vermittlerrolle an sich zu ziehen. Die daraus resultierende Deklaration von Taschkent legte die Wiederherstellung des Vorkriegszustandes hinsichtlich der Grenzziehung fest, den Rückzug der Truppen auf das jeweilige Staatsgebiet und bestätigte die bereits seit dem ersten Krieg bestehende
9 Ganguly (2001), S.43
10 Vereinte Nationen: Resolutionen 209 v. 04.09.1964, 210 v. 06.09.1965, 211 v. 20.09.1965 - The India-Pakistan Question, Links: siehe Literaturverzeichnis.
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Tobias Wolf, 2009, Analyse eines ethnisch–religiösen Konflikts: Der Indien–Pakistan–Konflikt , München, GRIN Verlag GmbH
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