1. Einleitung
Johann Heinrich Pestalozzi war einer der größten Volkspädagogen der Neuzeit, ein hervorragender volkstümlicher Schriftsteller und als Mitglied der patriotischen helvetischen Gesellschaft zugleich auch ein Repräsentant der bürgerlichen Aufklärungsbewegung. Seine Bedeutung basiert auf seinem Ruf als Begründer einer Pädagogik, in deren Fokus die allseitige Menschenbildung stand.
Obwohl Pestalozzis Wege zur Verbesserung der Gesellschaft irreal und utopisch erscheinen mögen und all seine pädagogischen Vorhaben erfolglos verliefen, wird er dennoch aufgrund seiner Liebe zu den Kindern als ein unvergängliches pädagogisches Vorbild betrachtet, das trotz aller Hindernisse, nie die längerfristigen Effekte von Erziehung und Bildung bezweifelt hat.
Zeitlebens befasste er sich mit der Frage nach dem Wesen des Menschen, da diesbezügliche Erkenntnisse die Basis seines Denkens und Handelns darstellten. Von der Auffassung seines Menschenbildes, das im Zuge seines Wirkens variierte, leitete er entsprechend der jeweiligen sozialen Verhältnisse seine Erziehungstheorie ab. Eine Konstante, die in den sechs Jahrzehnten seines Wirkens deutlich nachvollziehbar bleibt.
Thema dieser Arbeit ist Pestalozzis Auffassung von natur- und kulturgemäßer Erziehung sowie Bildung, welche ich anhand relevanter Werke darstellen werde, um abschließend einige grundlegende Gedanken zusammen zu fassen.
2. Historischer Kontext
Ausgehend von Pestalozzis Lebensdaten beziehe ich mich zeitlich betrachtet auf die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts sowie auf jene Epoche , die stark durch gesellschaftliche Missstände gekennzeichnet war, da das vorherrschende absolutistische System dieser Zeit nicht nur zur Unterdrückung des Volkes, sondern auch zur Verarmung breiter Volksschichten führte. Ein Umstand, der massive Kritik bei den geistigen Repräsentanten der Aufklärung hervorrief, welche im Namen der Philanthropie unerlässliche Veränderungen anstrebten. Sie vertraten die Auffassung, dass „eine grundlegende Änderung der gesellschaftlichen Mißstände nur durch Erziehung zu bewirken sei“. 1
Zu den Aufklärungsschriftstellern, die konstruktive Beiträge zu dieser Erziehungslehre leisteten, zählte auch Pestalozzi, der als zeitgenössisches Vorbild angesehen wurde. Er
1 Rattner, J.: Große Pädagogen. München 1980, S. 94
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beklagte sowohl die politischen uns wirtschaftlichen Zustände als auch den allgemeinen Sittenverfall. Aspekte, die ihn in dem Entschluss bestärkten, sich der Reformation der Volkserziehung zu widmen. Nach Pestalozzis Überzeugung stellen Erziehung und Bildung die wesentlichsten Voraussetzungen für die Mitsprache im Staat und die Ausübung der Regierungsgewalt dar.
Seine Ansichten über Erziehung und Bildung, schildert Pestalozzi in mehreren pädagogischen Werken, von denen drei im folgenden näher untersucht werden.
3. „Abendstunde des Einsiedlers“
1780 erschien Pestalozzis erstes pädagogisches Werk, die ‚Abendstunde des Einsiedlers‘, welches bereits die wesentlichen Grundgedanken seiner späteren Schriften in programmatischer Form enthielt. In diesem Werk orientiert sich Pestalozzis Auffassung des Menschenbildes und Naturbegriffes stark am Rousseauschen Vorbild, der von der ursprünglichen Güte der menschlichen Natur überzeugt war, genauso wie von der Vorstellung, dass die Vergesellschaftung des Menschen unweigerlich zu dessen Verdorbenheit führe. Aufgrund eigener Erfahrungen sollte Pestalozzi jedoch feststellen, dass die natürliche und gesellschaftliche Erziehung von Geburt des Menschen an verbunden werden müssen, so dass seine Anschauung im weiteren Entwicklungsprozess deutlich von der jetzigen abwich.
Zentrales Thema der Abendstunde ist das Wesen des Menschen. Dem Wissen über die Bestimmung, Ziel und Weg des Menschen schrieb Pestalozzi in Bezug auf dessen Erziehung eine große Bedeutung zu, da diese nur so angemessen und effektiv sein könne. Den Ausgangspunkt seiner Überlegungen stellten die Individuallage und die konkreten Bedürfnisse des Kindes dar, an denen es sich zu orientieren galt. Da der Mensch in die Individuallage hinein geboren wird, kann er ihr nicht entweichen und ist deshalb gezwungen sie zu meistern. Pestalozzi entwickelte in diesem Zusammenhang die Theorie der konzentrischen Lebenskreise, welche den Menschen umgeben. Der Mensch lebt in den drei äußeren Kreisen: dem Vaterhaus, dass die „Grundlage aller reinen Naturbildung“ und die „Schule der Sitten und des Staats“ 2 darstellt, sowie dem Berufs- und Standeskreis, dessen Bildungsziel „immer dem allgemeinen Zweck der Menschenbildung untergeordnet“ 3 sein muss und schließlich dem Staat, den Pestalozzi als erweiterte Wohnstube betrachtete. Diese drei äußeren Kreise stehen in engem Bezug zum inneren Lebenskreis, der zum Mittelpunkt
2 Pestalozzi, J. H.: Ausgewählte Werke. Bd. 1, Berlin 1962, S.118
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des Menschen führt und den das Kind durch eigene unmittelbare Erfahrungen mit Vorstellungen füllt. Pestalozzi hielt es für falsch, diesen eigenen Erfahrungsraum vorzeitig zu verlassen, da der von Natur aus angeborene Erfahrungskreis seiner Meinung nach bereits über alle Kenntnisse verfüge, die der Mensch in den jeweiligen Lebenslagen benötige. Zusätzliche Wissensaneignung würde vielmehr einer Belastung gleichen und dem Kind deshalb sogar eher schaden als nützen.
Ein Gesichtspunkt, der Pestalozzis ablehnende Haltung gegenüber den Praktiken der Schule seiner Zeit widerspiegelt. Er kritisiert jedoch nicht nur die Methodik des bloßen Auswendiglernens ohne Erläuterungen durch den Lehrer, sondern „jede Methode, sofern nicht die Natur selbst und unmittelbar diktiert“. 4 Jede Methode, die nicht der Natur den Menschen entspricht, führe demnach aufgrund ihrer künstlichen Ordnungsfolge zu ungewollten Einseitigkeiten in der Entwicklung des Menschen. Pestalozzi bevorzugte daher die freiheitliche Form des Unterrichts: die Lehre in der Natur, also Unterricht wie ihn Rousseau verstand. Aber im Gegensatz zu Rousseau war er sich bewusst, dass naturgemäße Erziehung „unter dem Aspekt der gesellschaftlichen Erfordernisse durch planvolle Zucht erfordernde Einübung der notwendigen Fertigkeiten ergänzt werden“ 5 muss, auch wenn es dem Lehrer unmöglich sei, auf die individuellen Bedürfnisse jedes einzelnen Kindes einzugehen. Demnach könne Unterricht niemals der Bahn der Natur gemäß sein, welche durch die individuellen, naturgegebenen Anlagen und besondere Umstände des einzelnen Menschen gekennzeichnet ist.. Bildung durch die Natur zielt jedoch nicht nur auf das Wesen des Menschen, sondern auch auf die Vorbereitung für die äußeren Verhältnisse. 6 Diese beruht auf dem ersten sozialen Verhältnis des Vaterhauses, das für die spätere Entwicklung des Menschen von grundlegender Bedeutung ist und Modellcharakter für die entfernteren sozialen Beziehungen besitzt. Nach Pestalozzis Überzeugung bildet „Vatersinn [...] Regenten - BrudersinnBürger (und) beide erzeugen Ordnung im Hause und im Staate“. 7 Anhand der Theorie der Lebenskreise zeigt Pestalozzi auf, dass er das Vaterhaus bzw. die Wohnstube für entscheidend in Bezug auf die Erziehung des Kindes hielt und erläuterte diesen Aspekt deshalb ausführlich in Lienhard und Gertrud, einem Volksroman, der zwischen 1781 und 1787 entstand.
3 ebd. S. 117
4 Liedke, M.: Johann Heinrich Pestalozzi. Reinbek bei Hamburg 1968, S. 64
5 ebd. S. 65
6 vgl. Pestalozzi a.a.O., Bd. 1, S. 118
7 ebd. S. 118
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Arbeit zitieren:
Inga Oriwol, 2005, Pestalozzi über natur- und kulturgemäße Bildung, München, GRIN Verlag GmbH
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