Vorbemerkungen
Ein * am Ende eines Wortes bedeutet, dass es zu diesem Begriff eine Erläuterung in Teil D Glossar gibt.
(Abb. #) bedeutet, dass sich zu diesem Thema eine Abbildung unter der entsprechenden Nummer in Teil E Anhang: Bilder befindet. Sämtliche Bilder sind Eigenaufnahmen.
Inhaltsverzeichnis
A Einleitung: Allgemeines zur japanischen Schrift und ihrer Problematik 4
B. I Geschichtlicher Überblick über die Schriftentwicklung 6
B. I. 1 Übernahme der chinesischen Schriftzeichen als Beginn des
Verschriftungsprozesses 6
B. I. 2 Entwicklung der Silbenschriften Katakana und Hiragana 10
B. I. 3 Einführung der lateinischen Schrift 11
B. I. 4 Moderne westliche Einflüsse auf die Schriftentwicklung 12
B. II Linguistische Analyse der verschiedenen Schriftsysteme 14
B. II. 1 Kanji als Bedeutungsträger: logographische Schrift 14
B. II. 2 Kana: phonographische Silbenschrift 16
B. II. 3 Lateinische Buchstaben und Zahlen 18
B. III Sozio-kulturelle Aspekte hinsichtlich der japanischen Sprache und Schrift 20
B. III. 1 Die Bedeutung der japanischen Sprache und Schrift für die Japaner 20
B. III. 2 Reformwillen und -unwillen als Spiegel des National-bewusstseins 22
B. III. 3 Der Gebrauch von fremdsprachlichen Ausdrücken und ihre Wirkung 26
C Zusammenfassung und Ausblick 29
D Glossar 31
E Anhang: Bilder 35
F Literatur- und Quellenverzeichnis
3
A Einleitung: Allgemeines zur japanischen Schrift und ihrer Problematik
„Wie vielleicht keine andere Sprache ist das Japanische in seiner Geschichte durch Einflüsse der Schrift bestimmt worden.“ 1 schreibt Florian Coulmas über die japanische Schrift.
Die japanische Schrift ist trotz aller Reformen und Reformversuche eine der, wenn nicht die komplexeste noch gebräuchliche Schrift, nicht zuletzt weil sie sich vier verschiedener Schriftsysteme bedient, einer logographischen Schrift, die zudem noch kontextabhängig ver-schiedene Lesarten beinhaltet, zweier Silbenschriften und einer Alphabetenschrift 2 . Japanische Schüler und Studenten verwenden im Vergleich zum Westen mehr Zeit auf das Lernen und Studieren allein aufgrund der Schwierigkeit, die das Erlernen einer solchen Schrift und insbesondere der für jeden Fachbereich spezifischen Kanji* mit sich bringt. Ferner ist das heute übliche Schreiben am Computer ungleich zeitraubender für einen Japaner, da dieser jedes Wort zuerst in Kana*-Schreibweise eingeben muss, um dann aus einer oftmals bis zu zehn Elemente langen Liste das bzw. die richtige(n) Kanji* auszuwählen.
All dies wirft natürlich - insbesondere von einem europäischen Standpunkt aus gesehen - die Frage auf, warum sich ein solches Schriftsystem bis heute gehalten hat und warum Versuche, die japanische Schrift auf ein einziges Schriftsystem zu reduzieren, sei es z.B. auf ein originär japanisches, wie dies vergleichsweise in Korea mit Einführung der Hangul-Schrift geschehen ist, oder alternativ durch Übernahme des lateinischen Alphabets wie etwa in Vietnam geschehen, kaum Chancen auf Erfolg hatten und haben. Die Gründe hierfür werden wir im nachfolgenden anhand dreier Aspekte betrachten: erstens, anhand einer historischen Einführung zur Entstehung und Entwicklung aller vier Schriftsysteme, wobei wir auch stellenweise Vergleiche zu Verschriftungs- und Verschriftlichungsprozessen in anderen Ländern ziehen werden; zweitens, anhand einer Analyse der einzelnen Schriftsysteme und ihres jeweiligen Stellenwerts in einem japanischen Text, wobei wir wiederum Vergleiche mit anderen Sprachen und Schriften anstellen werden; sowie drittens, anhand einer sozio-kulturellen Analyse der Bedeutung der
1 Zitiert nach: Coulmas 1982, S. 78
2 Klassischerweise spricht man von drei Schriftsystemen unter Ausschluss des Alphabets; diese Ansicht ist jedoch m.E. überholt. Manchmal wird auch die Romaji*-Schrift als viertes Schriftsystem benannt, dies ist jedoch ebenfalls nicht richtig (s. hierzu Kapitel B.II.3, B.III.3 und D Glossar: Romaji).
japanischen Sprache und Schrift für die Japaner und deren Auswirkungen auf
etwaige Reformierungsüberlegungen.
Abschließend werden wir dann auf dieser Basis versuchen, die eingangs gestellte
Frage, warum sich eine derart komplexe Schrift etabliert und bis heute gehalten hat,
beantworten.
B. I Geschichtlicher Überblick über die Schriftentwicklung
Um eine Schrift, ihre Funktion und Bedeutung in ihrer heutigen Form verstehen und beurteilen zu können, muss zuallererst ihre historische Genese betrachtet werden. Dies ist insbesondere bei einer Schrift wie der japanischen der Fall, deren Entwicklung so stark mit der japanischen Kultur und nationalen Identität verbunden ist. Daher werde ich in diesem ersten Kapitel die Entstehung und Entwicklung aller vier Schriftsysteme vorstellen.
B. I. 1 Übernahme der chinesischen Schriftzeichen als Beginn des
Verschriftungsprozesses
Es kann nicht mit absoluter Sicherheit gesagt werden, wann zum ersten Mal Schrift in Japan verwendet worden ist. Die ältesten beschrifteten Artefakte, die in Japan gefunden wurden, sind chinesische Münzen, die zwischen 8 und 25 n.Chr. geprägt worden sind. 3 Ebenfalls gibt es Hinweise auf Schriftelemente in Form von Inschriften auf Schwertern oder Spiegeln, die vor dem 4. Jh. aus China oder Korea eingeführt worden sind. 4 Gewiss ist jedoch, dass die Japaner keine eigene Schrift hatten, bevor diese aus China - wahrscheinlich über Korea - importiert worden ist; dabei wurden wohl Kopien der Konfuzianischen Klassiker von koreanischen Reisenden im 4./5. 5 Jh. nach Japan gebracht. 6 Offiziellen Aufzeichnungen zufolge wurden aber erstmals im Jahr 531 dem japanischen Kaiser Kinmei vom König von Paekche (Teil des heutigen Korea) buddhistische Schriften und Bilder präsentiert. Von da an strömte immer mehr Literatur nach Japan und der Buddhismus verbreitete sich in weiten Teilen des Landes. Die aus China importierten buddhistischen und konfuzianischen Schriften wurden vervielfältigt und damit wurde auch die damals führende chinesische Kultur und Schrift adaptiert. 7 In diesem lange währenden Prozess wurden dieselben Hanzi* teilweise nicht nur einmal, sondern sogar mehrmals zu verschiedenen Zeitpunkten zwischen dem 5. und 14. Jh. nach Japan importiert. 8 Im
5. und 6. Jh. wurden chinesische Bücher sowie chinesische Übersetzungen von
3 Seeley 1991, S. 9 4 Habein 1984, S. 7f
5 Anderen Quellen zufolge geschah dies bereits im 3. Jh. (vgl. Lewald 1997, S. 33f) 6 Hosking 1966, S. 45f, u.a. 7 ebd. 8 Graap 1993, S. 67
Sanskrit-Arbeiten zum Buddhismus nach Japan gebracht und dort studiert. 9 Im 7. Jh. finden sich erstmals von Japanern verfasste Schriftzeugnisse, geschrieben in Kabun, einem chinesischen Schreibstil nach dem Vorbild des klassischen Chinesisch. 10 Ursprünglich war nur der Adel an der Schrift interessiert; die eigentliche Verbreitung der Schrift unter der Bevölkerung begann um das Jahr 600, nachdem der japanische Kronprinz Shotoku-taishi den Buddhismus zur Staatsreligion erklärt hatte. Da das buddhistische Gedankengut jedoch in Hanzi* geschrieben war und so nur einer Minderheit zugänglich war, mussten diese Hanzi* auf sinngleiche Wörter der eigenen Sprache übertragen werden. Dieser systematische Prozess der Umwandlung der Hanzi* in Kanji* wurde etwa um das 8. Jh. abgeschlossen. 11
Hierbei sollte erwähnt werden, dass die chinesische Schrift damals „einer der Kristallisationspunkte asiatischer Kultur“ 12 war und diese daher aufgrund der kulturellen und ökonomischen Vorherrschaft Chinas von mehreren ost- und südostasiatischen Ländern übernommen wurde, wo sie auf keine bestehende Schrifttradition stieß. 13
Es zeigte sich jedoch bald nach der Einführung der Hanzi*, dass diese für die Niederschrift der japanischen Sprache eher ungeeignet waren, da das Japanische (ebenso wie das Koreanische und das Vietnamesische, die ebenfalls die chinesische Schrift übernommen hatten) im Gegensatz zum Chinesischen eine agglutinierende Sprache ist, wodurch es zu grammatischen Problemen bei der Adaption kam. 14 Darüberhinaus war 15 das Chinesische eine monosyllabische, das Japanische jedoch eine polysyllabische Sprache, was eine solche Übernahme ebenfalls erschwerte. 16 Aus diesen Gründen wurden die Hanzi* wohl auch anfangs in Japan nur dazu
9 Habein 1984, S. 8
10 ebd.
11 Lewald 1997, S. 33f
12 Zitiert nach: Coulmas 1982, S. 62
13 ebd.
14 ebd.
15 Erst in der Neuzeit, als neue Begriffe, insbesondere aus dem Westen, in die chinesische Sprache einflossen, entstanden auch zwei- und, seltener, drei- oder mehrsilbige Wörter, die im Wesentlichen Zusammensetzungen einsilbiger Hanzi* sind.
16 Stalph 1985, S. 8
verwendet, um Chinesisch zu schreiben. 17 Erst im frühen Mittelalter wurden zusätzliche Silbenschriften entwickelt, um die chinesische Schrift auch für japanische Texte besser verwendbar zu machen. 18 (s. hierzu Kapitel B.I.2)
Bei der Übertragung der chinesischen Schriftzeichen in das Japanische wurden zwei verschiedene Adaptionsstrategien verwendet:
Bei der lautorientierten Adaptionsstrategie, heute sino-japanische oder On-Lesart* genannt, wurde ein Schriftzeichen allein aufgrund seines Lautes übernommen und dieser Laut der japanischen Phonetik angepasst. 19 Diese Art der Adaption war insbesondere nötig, um japanische Namen schreiben zu können, und war bereits in China zu diesem Zwecke weit verbreitet. 20 Ursprünglich wurde diese Lesart auch zur Schreibung von Verbendungen und dergleichen verwendet, für die es kein chinesisches Pendant gab, jedoch führte dies zu einem weiteren Problem, nämlich dem der phonetischen Polyvalenz, da für denselben Laut mehrere Schriftzeichen übernommen wurden, viele sogar mehrmals während verschiedener Epochen, da sich die chinesische Phonologie im Laufe der Jahrhunderte veränderte. 21
Die zweite Adaptionsstrategie war eine bedeutungsbezogene, heute auch originärjapanische oder Kun-Lesart* genannt. Dabei wurde ein Schriftzeichen für die Schreibung eines bedeutungsgleichen japanischen Wortes übernommen und mit der entsprechenden japanischen Aussprache versehen. 22 Dies führte dazu, dass ein einzelnes Kanji*, dass im Chinesischen grundsätzlich nur mit einer Silbe ausgesprochen wird, im Japanischen meistens mehrsilbig ausgesprochen wird.
Ferner wurden die zahlreichen 23 chinesischen Lehnwörter mit ihren entsprechenden Hanzi* geschrieben. 24 Da die phonetischen Töne des Chinesischen bei der
17 Seeley 1984a, S. 214
18 Haarmann 1991, S. 395
19 Stalph 1985, S. 8f
20 Seeley 1984a, S. 215
21 Coulmas 1982, S. 63ff
22 ebd., Stalph 1985, S. 8f
23 Etwa die Hälfte des heutigen japanischen Vokabulars ist chinesischen Ursprungs. (Coulmas 1982, S. 78)
24 Coulmas 1982, S. 65
Quote paper:
Esther Fischer, 2009, Schrift und Schriftkultur in Japan, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Race and gender in: "M. Butterfly" - Committing suicide &quo...
English Language and Literature Studies - Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 24 Pages
Das Drama "Des Teufels General" als Film (1955) und als Thea...
German Studies - Modern German Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 20 Pages
Eine kurze Darstellung des St. Galler Klosterplans
History Europe - Other Countries - Middle Ages, Early Modern Age
Termpaper, 19 Pages
Raumgestaltung und gesellschaftliche Positionierung in dem Roman "...
German Studies - Modern German Literature
Scholary Paper (Seminar), 26 Pages
Die koloniale Sprachpolitik der Jesuiten in Mexiko und Paraguay
Romance Languages - Spanish Studies
Research Paper, 34 Pages
Geography / Earth Science - Demographics, Urban Management, Planning
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 42 Pages
Esther Fischer's text Schrift und Schriftkultur in Japan is now available as a printed book
Esther Fischer has published the text Schrift und Schriftkultur in Japan
Esther Fischer has uploaded a new text
Assimil. Japanisch ohne Mühe. Die Kanji-Schrift. Lehrbuch (Kalligrafie...
Catherine Garnier, Mori Toshiko
Anna, Alex, Tim - japanische Schriftzeichen für meinen Vornamen
Katakana-Zeichen für Visitenka...
Michiko Ebato
0 comments