Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung (S. 1)
2. Begriffserläuterungen (S. 2-3)
2.1 Sozialkapitalbegriff nach Pierre Bordieu (S. 4-5)
2.2 Sozialkapitalbegriff nach James Coleman (S. 6-8)
2.3 Sozialkapitalbegriff nach Robert Putnam (S. 8-10)
2.4. Gemeinsamkeiten aller drei Großkonzepte (S. 10-11)
2.5 Vertrauen (S. 12-14)
2.6 Zum Begriff der „Überlebensgesellschaft“ (S. 14-15)
4. Gegenwärtige Gesellschaftstransformationsphänomene „soziale Exklusion und
Prekarit ät“ (S. 16-20)
5. Zusammenhänge zwischen der Sozialkapitalforschung, dem soziologischen
Vertrauensbegriff und dem sozialen Wandel (S. 21-26)
6. Resümee (S. 27)
Literaturverzeichnis (S. 28-30)
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Sozialkapital, Vertrauen und soziale Exklusion. Verworfene und ihr sozialer Mangel in der Moderne.
1. Einleitung
Im Rahmen des Seminars „Sozialkapital in Überlebensgesellschaften“ soll diese Ausarbeitung zu aller erst, die bezüglich der Allgemeinthematik rund um den Begriff soziales Kapital, einen Überblick über klassische soziologisch-politologische Konzepte liefern, um dann im nächsten Schritt weitere Begriffe und kleinere Theorien zu erläutern, die durchaus im Zusammenhang mit dem Allgemeinbegriff des sozialen Kapitals stehen. Nachdem zentrale Begrifflichkeiten dann erklärt wurden, sollen insbesondere die Zusammenhänge der Dreierbeziehung zwischen den soziologischen Begriffen Sozialkapital, Vertrauen und dem gegenwärtigen, in der deutschen Sozialwissenschaft brandheiß diskutierten und in der Realität daseienden Phänomen der sozialen Exklusion untersucht und aufeinander bezogen werden. Also werden sozusagen gesellschaftliche in-der-Gegenwart nach Ausdeutung vorhandene gesellschaftliche Transformationsprozesse wie die Debatte um das neue Prekariat und das Sozialexklusionsphänomen mit Hilfe der drei klassischen Sozialkapitalbegriffskonzeptionen erklärt und so in einen Kontext gebracht. So soll u.a. einerseits gezeigt werden das man Sozialphänomene auf unterschiedliche Art und Weise interpretieren, deuten, erklären und verstehen kann, je vom jeweiligen Standpunkt des Theorienpluralismus der Sozialwissenschaften aus. Andererseits stellt diese Hausarbeit eine Zusammenfassung und Verknüpfung der Thematiken des oben genannten Seminars und der Vorlesung „Vertrauen und soziale Exklusion“ die ich im selben Semester gehört habe dar, weil ich denke viele Kohärenzen zwischen den beiden Veranstaltungen entdeckt zu haben und innerhalb meiner Literaturrecherche zu beiden Themen auch noch keine Arbeit in derlei Art wie diese ist gefunden hatte, was mich wiederum dazu ermutigte solch ein Unterfangen in Angriff zu nehmen. So ist man selbst beim schreiben hoch erfreut erworbenes Wissen mit neuem zu verknüpfen und seine Ansicht der wissenschaftlichen Weltdinge in einer eigenen Darstellung auszuarbeiten und so nicht nur vorhandenes Wissen wider zu geben, sondern auch neues, wenn auch nur für einen selbst sozusagen, zu generieren.
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2. Begriffserläuterungen
Der Begriff „Sozialkapital“ entstammt keiner Theorie in dem Sinne, als das er in eine eingebettet wäre und seinen festen, unumstößlichen Platz dort hätte. Viel eher verwenden viele Soziologen und Politologen den Begriff in vielfältigen Forschungskontexten und er wurde zu verschiedenen wissenschaftlichen Forschungszwecken oftmals modifiziert. Von daher existieren mehrere Definitionen auf dem Begriffsmarkt der Sozialwissenschaften zur Erklärung sozialer Phänomene. Der Begriff ist also „nicht eindeutig definiert“, es ist „keine klare Operationalisierung vorhanden“ und „eine Einbettung in eine formale, deduktive Theorie fehlt“ (Euler: 2006, S. 15; Vgl. auch Täube: 2002, S. 11). Zur Begriffsgeschichte ist kurz zu schreiben, dass die Kategorie Sozialkapital ab den 70er Jahren in die Sozialwissenschaften Eingang gefunden hat und seitdem eine lange Rezeption und Publikationsliste nach sich gezogen hat. Vorher wurde er eher im
wirtschaftswissenschaftlichen Zusammenhang zur Erklärung bezüglich des Begriffs „Humankapital“, worunter „Fähigkeiten, Wissen, Gesundheit und Gewohnheiten von Individuen verstanden“ (Täube: 2002, S. 11) werden können, verwendet und es gab eher nur kleinere sozialwissenschaftliche Ansätze und Verwendungen, die kein großes Aufsehen erregten innerhalb der scientific community. Doch ab den 70er Jahren wurde es vom Ökonomen „Glenn Loury in strikterer und reflektierterer Form ausgearbeitet (…) in einer Arbeit, die sich mit der Erklärung von Einkommensdifferenzen zwischen den Rassen in USA befasste“ (Harriss: 2005, S. 267). Danach entstanden nennenswerte und größere theoretisch, sowie empirisch fundierte soziologische Konzeptionen & Veröffentlichungen von den Soziologen Pierre Bordieu (1983) und James Coleman (1990) als auch vom Harvard-Politologen Robert Putnam (1993) (Vgl. Euler: 2006, S. 13; Harriss: 2005, S. 267; Brauer: 2005, S. 257). Diese wurden nicht nur im wissenschaftlichen Diskurs kontrovers diskutiert und rezipiert, sondern fanden auch enorme Resonanz in der politischen Öffentlichkeit, wodurch der Begriff eine hohe Popularität erlangte (Vgl. für Beispiele in der Politik, Euler: 2006, S. 9). Zunächst möchte ich erst einmal, den eben schon erwähnten, ökonomischen Begriff Humankapital vom soziologischen Begriff Sozialkapital kurz unterscheiden: Humankapital bezieht sich auf solche Ressourcen, „die bereits das Resultat sozialer Beziehungen darstellen“, wohingegen sich das Sozialkapitalkonzept „auf die Entstehung und Verwertung von sozialen Beziehungen als Ressourcen, mittels derer u.a. Humankapital produziert wird“ richtet (Täube: 2002, S. 13).
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Man kann diese zwei Begriffe auch den zentralen Menschenmodellen der beiden Wissenschaften hinzuordnen und behaupten das sie ihnen inhärent sind: Der Homo oeconomicus der Wirtschaftswissenschaften, als strikt rational kalkulierendes und so auf der Basis der reinen Vernunft utilitaristisch handelndes Individuum, welches ständig nur seinen eigenen Vorteil und Nutzen im Sinn hat und so egoistisch durch die Welt geht, um sein Humankapital zu mehren. Ihm entgegen steht der Homo sociologicus der Sozialwissenschaft: Der Mensch als sozial handelndes Wesen, Träger und Inhaber einer sozialen Position, Status und seiner Rollen, welche in hoher Anzahl zu mehr Sozialkapital führen und ihm so u.a. mehr Handlungsmöglichkeiten ermöglichen.
Allgemein lässt sich die Kategorie Sozialkapital innerhalb der Soziologie zwei traditionellen und paradigmatischen Haupttheorieströmungen zuordnen: „Die Vertreter der einen Richtung sehen im sozialen Kapital bzw. dem Sozialen eine individuelle nutzbare Ressource, die anderen verstehen es als Aspekt sozialer Makrophänomene bzw. ganzer Gesellschaften“ (Euler: 2006, S. 16):
1. Sozialkapital innerhalb der individualistisch, atomistisch, elementaristisch, partikularistisch orientierten handlungs -und akteurstheoretischen Sozialtheorien sozusagen auf Mikroebene, d.h. als bedeutsam und von Nutzen für das einzelne Individuum, 2. Sozialkapital innerhalb der kollektivistisch, holistisch orientierten struktur -und systemtheoretischen Sozialtheorien sozusagen auf Makroebene, d.h. als bedeutsam und konstituierend für einzelne Makrophänomene und Gesellschaftsteile wie z.B. Institutionen und Organisationen.
Hier wird die ganz alte Henne-Ei-Frage nach der Relation von Individuum und Gesellschaft und wie soziale Ordnung und gesellschaftliche Kohärenz möglich sind, im Kontext der Sozialkapitalkonzeptionen deutlich (Vgl. Täube 2002: z.B. S. 16 und S. 21; Euler: 2006, S. 16-18). Beide Theorietraditionen bilden zusammen ein Dilemma und sind miteinander unvereinbar. Die im nächsten Abschnitt folgenden Erläuterungen der drei populärsten Sozialkapitalbegriffe werden immer die jeweilige Zugehörigkeit der Autoren zu einer, vielleicht beiden oder gar keiner der Theoriedenkschulen berücksichtigen.
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2.1 Sozialkapitalbegriff nach Pierre Bordieu
Bordieu definierte im Rahmen seiner neomarxistischen Theorie der Praxis drei Kapitalarten: Das ökonomische, kulturelle und soziale Kapital. Hier soll es vordergründig um die Klärung des Sozialkapitalbegriffs gehen: „Das Sozialkapital ist die Gesamtheit der aktuellen und potentiellen Ressourcen, die mit dem Besitz eines dauerhaften Netzes von mehr oder weniger institutionalisierten Beziehungen gegenseitigen Kennens und Anerkennens verbunden sind“ (Bordieu: 1992, S. 63). Aus dieser Gruppenzugehörigkeit (z.B. aufgrund eines gemeinsamen Namens, der jeweiligen Klasse, des jeweiligen Stammes, einer gemeinsamen Schule in denen die Schüler eine Gruppe bilden) des gegenseitigen Kennens und Anerkennens der Individuen oder des einen Individuums mit den anderen Individuen resultiert so ein, nicht unbedingt intendiertes, Ressourcenvorkommen. Dabei existiert an sich ein Gesamtkapital aller Gruppenmitglieder, welches die Gruppe zusammenhält und so zur (Ab)Sicherung der Gruppe dient und das Sozialkapital jedes einzelnen für sich. Diese jeweilige Gruppe und vor allem das in ihr stattfindende und passierende gegenseitige Anerkennen der Gruppenmitglieder beruht auf einem Minimum „von >>objektiver<< Homogenität unter den Beteiligten“ (Bordieu: 1992, S. 64).
Diese Tatsache bezeichnen Soziologen auch als das „Wir-Gefühl“ einer Gruppe. Der Sozialkapitalumfang eines jeden einzelnen, welches ihm zur Nutzung als Ressource zur Verfügung steht, hängt dabei ab von der Anzahl der Sozialbeziehungen die er quasi besitzt und auch von den Sozialbeziehungen die seine Sozialbeziehungen wiederum besitzen. Denn dadurch kann er wiederum neue Kontakte knüpfen und diese womöglich nutzen. Der Kitt dieser sozialen Beziehungen, welcher für eine gewisse Stabilität und Dauerhaftigkeit zur Aufrechterhaltung beiträgt, sind nach Bordieu so genannte Austausch, oder Tauschakte zwischen den Akteuren in materieller und symbolischer Form „von Worten, Geschenken, Frauen usw.“ (Bordieu: 1992, S. 66). Also ist folglich z.B. Kommunikation als soziale Interaktion die Grundlage und Voraussetzung für das Kennenlernen, Kennen und Anerkennen innerhalb der Gruppe, jedoch nicht ausschließlich, wie viele Theoretiker und Vertreter des Strukturalismus, des symbolischen Interaktionismus und der Ethnomethodologie behaupten. Man kann dass Austauschprozedere auch als „Beziehungsarbeit“ interpretieren. Denn das wir Menschen als Akteure überhaupt Sozialbeziehungen eingehen, „ist weder eine natürliche noch eine soziale Gegebenheit“, sondern „sie ist vielmehr das Produkt einer fortlaufenden Institutionalisierungsarbeit“ (Bordieu: 1992, S. 65). 5 5
Diese Beziehungsarbeit (z.B. Hilfeleistungen) ist notwendig, um das akkumulierte Sozialkapital zu reproduzieren. Innerhalb dieser, bestätigen und anerkennen sich die Personen immer wieder neu. Die Menschen investieren bei dieser Beziehungsarbeit immer wieder Zeit und Geld, um die Sozialbeziehungen aufrecht zu erhalten. Geld ist ein Teilaspekt des ökonomischen Kapitals, welches hierbei also auch „ausgegeben“ wird. Bordieu behauptet auch vehement, das diese drei Kapitalarten notwendig sind zur Erklärung von Sozialphänomenen, d.h. man kann nicht alles auf diese oder jene Kapitalform reduzieren. Viele Ökonomen vertreten aber z.B. diesen „Ökonomismus“, ohne dabei das alle Kapitalumwandlungen durchdringende „Prinzip der Erhaltung sozialer Energie“ zu beachten (Bordieu: 1992, S. 71). Das eine Kapital kann also, durch spezifisch abzuleistende Arbeit, in ein anderes konvertieren.
Ein anschauliches Beispiel einer solchen Umwandlung wäre neben dem eben erwähnten: Ein Junge besitzt auf Grund einer kulturell sehr interessierten Familie spezielles Hintergrundwissen über zeitgenössische Kunst, z.B. über die Malerei Rembrandts. Mal angenommen die Familie zieht um in eine andere Stadt und der Junge kommt in eine neue Klasse der gymnasialen Oberstufe. So kann er dieses kulturelle Kapital nutzen, um in sozialen Interaktionssituationen, welche zwangsläufig stattfinden müssen, damit der Junge sich in die Gruppe seiner Klasse integrieren kann. So schließt der Junge neue Sozialbeziehungen oder auch Bekanntschaften und Freundschaften, indem er sein Kunstwissen (Kulturelles Kapital) im Gespräch ausspricht und preisgibt und somit sagt: Ich gehöre zu euch, ich will zu eurer Gruppe gehören. Wenn er dann mehr oder minder dauerhafte Sozialbeziehungen eingeht und sich häufiger austauscht und so Beziehungsarbeit leistet, hat er sein kulturelles Kapital (Kunstwissen) in Sozialkapital (die Zugehörigkeit der Gruppe „Schulklasse“) umgewandelt (Vgl. der Gesamtkonzeptzusammenfassung: Bordieu: 1992, S. 49-79).
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2.2 Sozialkapitalbegriff nach James Coleman
Auch der Anhänger der Theorie der rationalen Wahl, James Coleman, interpretiert den Sozialkapitalbegriff als Ressourcen, welche aus mehr oder minder dauerhaften sozialen Beziehungen sich entwickeln. Durch verschiedene „Arten von Tauschhandlungen und einseitigen Kontrollübertragungen, die von Akteuren zur Realisierung ihrer Interessen vorgenommen werden, resultieren“ (Coleman: 1991, S. 389) soziale Beziehungen. Diese sozialen Beziehungen können als soziales Kapital verschiedene Formen annehmen, so z.B. Herrschaftsbeziehungen, Vertrauensbeziehungen und Rechtsallokationen sein. Diese Sichtweise des Sozialkapitals als Ressource übernimmt Coleman von Loury. Dabei verfolgt Coleman als Rational-Choice Theoretiker (Vgl. Harriss: 2005, S. 268) sozusagen die soziologische Ideologie von den einzig realen Akteuren und Individuen aus denen die Gesellschaft sich konstituiert. Dieser Gesellschaftscluster von Individuen setzt er gleich mit einem ökonomischen Markt, auf dem Konkurrenz unter den Marktschreiern herrscht und führt Adams Smith´s berühmte Metapher der unsichtbaren Hand, die diesen Markt reguliert und steuert so das er sich selbst erhält an. Seine Auffassung begründet Coleman damit, das der soziale Wandel der letzten Jahrhunderte die Individuen und ihre Partikularinteressen immer mehr vereinzelt und unabhängiger voneinander gemacht hätte und so würden sie auch quasi egoistischer handeln. Er führt dann verschiedene Beispiele aus der Ökonomie an, um seine Sichtweise zu begründen (Vgl. Coleman: 1991, S. 390-391). Und so definiert er seinen Sozialkapitalbegriff nicht begrifflich klar und scharf, sondern eher graduell. Insgesamt lässt er sich ungefähr wie folgt formulieren:
Soziales Kapital sind Ressourcen als Kapitalvermögen für das Individuum: „Soziales Kapital stellt eine bedeutende Ressource für Individuen dar und kann ihre Handlungsmöglichkeiten und ihre subjektive Lebensqualität stark beeinflussen“ (Coleman: 1991, S. 412). Weiter definiert Coleman es nach seiner Funktion: Das Ziel, mittels des akkumulierten Sozialkapitals und sozialer Organisation der Beziehungen, produktiv Ziele zu erreichen, „die sich andernfalls gar nicht oder nur zu höheren Kosten verwirklichen ließen“ (Coleman: 1991, S. 394). Dieses Sozialkapital wohnt also immer einer Beziehungsstruktur von mindestens zwei Personen inne (Dyade) und wie Coleman anhand von einigen Beispielen zeigt, ist ein Mangel an Sozialkapital immer folgenschwer für Teile der Gesamtgesellschaftskonstellation: So z.B. argumentiert er, dass die Klagen gegen Ärzte in den USA immer mehr zugenommen hätten, weil die Menschen durch einen Mangel an Sozialbeziehungen weniger generalisiertes 7 7
Arbeit zitieren:
Konrad Kalisch, 2007, Sozialkapital, Vertrauen und soziale Exklusion, München, GRIN Verlag GmbH
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