Routinen, Gewohnheiten und Normen durchbrechen (Irritation) und andererseits als „Suchbewegung auf dem Wege zur eigenen Identität“ 4 , als Ausdruck von Subjektivität und Authentizität verstanden werden (Expression). Das Prinzip der Imagination verbindet die beiden anderen Prinzipien. So öffnet das kreative Schreiben neben dem Fenster mit Blick auf das Wissen „gleichzeitig gestaltend- wahrnehmend unerwartete Räume“, d.h. dass der Schreiber erst mit dem Fertigstellen des Textes weiß, was er hat sagen wollen. 5
Daher ist der Schreibprozess wichtiger als das Produkt. Der Schreibprozess des kreativen Schreibens - Planen, Schreiben, Überarbeiten, Ausgestalten - verläuft im Gegensatz zu den kognitiv ausgerichteten Schreibsituationen vermehrt in unbewusst ablaufenden Prozessen. 6 „Durch [...] häufige und vielfältige Anwendung wird der Vorgang allmählich und in einem ganzheitlichen Sinne zunehmend bewusster.“ 7
Schreiben spricht aber auch die soziale Dimension an, da es häufig in Gruppen stattfindet. In der Schreibgemeinschaft (Schreibkonferenzen) können die Texte vorgestellt, diskutiert, bewertet und weiterverarbeitet werden.
Das kreative Schreiben weist viele Überschneidungen mit anderen Schreibmöglichkeiten auf. So können z.B. alle Anregungen des kreativen Schreibens auch zum freien Schreiben genutzt werden und andersherum. Jedoch liegt der entscheidende Unterschied darin, dass beim kreativen Schreiben eine bewusst gestaltete Inszenierung von Schreibanlässen im Gegensatz zu freier Themenwahl stattfindet. 8
Es gibt 6 Verfahren des kreativen Schreibens: Assoziative Verfahren - Schreibspiele -Schreiben nach Vorgaben, Regeln und Mustern - Schreiben zu und nach (literarischen) Texten - Schreiben zu Stimuli - Weiterschreiben an kreativen Texten.
Der kreative Schreibanlass „Anzünden und Beobachten eines Feuers und Vortragen eines Feuergedichtes“ lässt sich der Methode „Schreiben zu Stimuli“ zuordnen. Das Feuer stellt ein Stimuli dar, welches Reizmittel, Ansporn und Anregung beinhaltet. Es regt von außen zum Schreiben an und gibt keine sprachlichen Gedankenbahnen vor, sondern „provoziert spontane Assoziationen, Fantasie und Imagination und regt das sprachliche kreative Umsetzen an“.
4 Bartnitzky, Horst: Sprachunterricht heute, Berlin 2000, S.12.
5 Vgl. ebd., S.12.
6 Vgl. Bartnitzky, H.: Sprachunterricht heute, S.103.
7 Ebd., S.103.
8 Vgl. ebd., S.103.
4
„Im Sinne der Ganzheitspsychologie werden innere Kräfte aktiviert und tiefenpsychologisch auch unbewusste Wahrnehmungen hervorgeholt.“ 9
Aufgrund des Angebots an Gedichtformen (siehe inhaltliche und didaktisch- methodische Darstellung der angebotenen Gedichtformen) wird auch das Schreiben nach Vorgaben, Regeln und Mustern angesprochen. Die Bereitstellung von verschiedensten Schreibtechniken stellt eine Auswahl von Ausdrucksmöglichkeiten dar. Dies hilft neben eigenen Erfahrungen und Wahrnehmungen, individuelle Gestaltungsmöglichkeiten zu entfalten und im Idealfall sogar eigene Regeln, Muster und Vorgaben zu erfinden. Zu den Methoden zählen formale Kriterien (Akrostichon), strukturelle Regeln (Elfchen, Schneeballgedichte) sowie literarische und textorientierte Muster (Rondell, Haiku). Dieses Schreiben wird als strukturorientiertes Schreiben bezeichnet, da eine produktive Erprobung lyrischer Techniken und Kunstmittel stattfindet. 10
Das kreative Schreiben ist ein prozessorientiertes Konzept, in dem die Veröffentlichung die letzte Phase des Herstellungsprozesses darstellt. Die Präsentation der geschriebenen Texte in Form eines Klassengedichtbandes bietet eine ideale Gelegenheit, um den Schreibprozess als „Ganzheit“ zu erleben. Überarbeitungen, alleine und in Schreibkonferenzen, sollen als wichtige Elemente des Schreibprozesses - wenn auch z.T. unbewusst - wahrgenommen werden, um Texte in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Das Veröffentlichen bedeutet dabei, sein Werk der Wahrnehmung anderer auszusetzen und seine Wirkung an deren Reaktion zu überprüfen. 11
9 Böttcher, Ingrid (Hg.): Kreatives Schreiben, Berlin 1999, S.25.
10 Vgl. ebd., S.24.
11 Vgl. ebd., S.44.
5
3. Lernstruktur
Das Schreiben von Gedichten ist im Lehrplan den Aufgabenschwerpunkten poetisches Schreiben und Schreibprozess: Planen, Schreiben, Beraten, Überarbeiten, Veröffentlichen von Texten zuzuordnen, die im Lernbereich Schriftliches Sprachhandeln, einschließlich Rechtschreiben verankert sind.
So bildet das poetische Schreiben zu Geschehnissen und die Nutzung von Strukturen poetischer Texte für eigene Texte, Unterrichtsgegenstände in den Klassen 3 und 4. Der andere Aufgabenschwerpunkt findet seinen Eingang bei folgenden Tätigkeiten: „Schreibsituationen klären und beim Schreiben beachten“, „Methoden zur Textarbeit nutzen: Entwickeln von Schreibideen, Wortfeldarbeit, Nutzen von Textformaten, Sprachproben“, „Texte in ihrer Wirkung erproben“ ( Schreibkonferenz, Präsentation), „sich über Texte beraten“ ( Schreibkonferenz), „Texte in Bezug auf die äußere Gestaltung, die Sprache und die orthographische Richtigkeit hin optimieren“ ( Einzelarbeit und Schreibkonferenz), „Formen der Veröffentlichung nutzen“ ( Vortrag vor der Klasse und Zusammenstellung in einem Gedichtband). 12
Das Mündliche Sprachhandeln findet mit den Schwerpunkten verstehendes Zuhören und demokratisches Miteinandersprechen in der Orientierung, in den Schreibkonferenzen innerhalb der Transformation sowie in der Reflexion statt. Fähigkeiten wie „das Verstehen durch Rückfragen intensivieren“, „über Strittiges diskutieren“, „Konfliktlösungen anstreben“ und „Meinungen anderer akzeptieren und eigene Meinungen und Sichtweisen mit Argumenten vertreten“ 13 sollen eingeübt und gefestigt werden.
Da die Schreibmotivation eine wichtige Rolle spielt, sollen die Kinder in „vielfältigen und anregenden Unterrichtssituationen“ 14 zum Schreiben angeregt werden. Die Kinder sollen Freude daran gewinnen, sich schriftlich zu äußern und ihre neu erworbenen Fähigkeiten in für sie sinnvollen Situationen anwenden. Sie sollen des weiteren „die grundlegende und beständige Erfahrung machen, dass Schreiben sinnvoll, bedeutsam und bereichernd ist“. 15 Das kreative Schreiben ist für die Unterstützung dieses Prozesses gut geeignet, da es in besonderem Maße die Berücksichtigung des individuellen Entwicklungs- und Leistungsstandes erlaubt.
12 Vgl. Landesinstitut für Schule (Hg.): Richtlinien und Lehrpläne zur Erprobung. Entwurf für das Fach Deutsch,
2003, S.10f
13 Ebd., S.7f.
14 Ebd., S.9.
15 Ebd., S.9.
6
Arbeit zitieren:
Merle Umnirski, 2003, Unterrichtsstunde: Wir verfassen Gedichte zum Feuer, München, GRIN Verlag GmbH
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