Universität Bremen
Institut für Religionswissenschaft und Religionspädagogik
Shared Mental Models - Ein institutionenökonomischer Ansatz zur Beschreibung des Einflusses von Religion
In ökonomischen Entscheidungssituationen aus religionswissenschaftlicher Perspektive
Christian Holtbrügger
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung ... 1
1.1 Aufbau der Arbeit ... 2
2 Begriffsbestimmungen ... 3
2.1 Handeln ... 3
2.2 Wirtschaftliches Handeln ... 3
2.3 Religion ... 4
2.4 Modell ... 5
3 Darstellung der Rational-Choice-Theorie ... 6
3.1 Historische Entwicklung des Homo-Oeconomicus-Modells ... 6
3.2 Darstellung der Rational-Choice-Theorie ... 8
3.2.1 Der Homo-Oeconomicus als Menschenbild der Rational-Choice-Theorie ... 9
3.2.2 Sechs Grundannahmen des Modells ... 9
3.2.3 Der Homo-Oeconomicus in Entscheidungssituationen ... 11
3.2.4 Koordination und Interdependenz des Homo-Oeconomicus ... 14
3.3 Kritische Würdigung der Rational-Choice-Theorie unter Zuhilfenahme der drei Dimensionen nach R. Manstetten ... 16
3.3.1 Die axiomatische Dimension des Modells: Kritik am methodologischen Individualismus ... 17
3.3.2 Die phänomenologische Dimension: Kritik an der Realitätsferne der Annahmen ... 19
3.3.3 Die ethisch-politische Dimension: Kritik am Menschenbild der Rational-Choice-Theorie ... 20
3.4 Die Rational-Choice-Theorie und Religion ... 22
3.4.1 Vom Haushaltsmodell zum Markt der Religionen - Die Anwendung Ökonomischer Theorie zur Beschreibung von Religion ... 22
3.4.2 Religion als Präferenz im Ökonomischen Modell ... 26
3.5 Fazit ... 27
4 Darstellung des Konzepts der Shared Mental Models ... 28
4.1 Forschungsprogramm der Institutionenökonomik ... 28
4.2 Kritik an der Rational-Choice-Theorie durch die Institutionenökonomik ... 29
4.3 Modellierung von Entscheidungssituationen in der Institutionenökonomik ... 30
4.4 Verhaltenswirkung mentaler Modelle ... 32
4.4.1 Der deskriptive Charakter von mentalen Modellen ... 33
4.4.2 Der präskriptive Charakter von mentalen Modellen ... 34
4.4.3 Lernen: Über die Entstehung mentaler Modelle ... 34
4.4.4 Direktes Lernen aus eigener Erfahrung ... 35
4.4.5 Indirektes Lernen durch Kommunikation ... 36
4.5 Kommunikation und Kultur ... 36
4.6 Ideologien ... 37
4.7 Institutionen ... 38
4.8 Organisationen ... 39
4.9 Fazit ... 39
5 Das Konzept der Shared Mental Models und Religion ... 40
5.1 Übertragung des Modells auf den Bereich Religion ... 40
5.2 Wirkung von Religion auf wirtschaftliches Verhalten ... 41
5.2.1 Funktionale Wirkung von Religion ... 42
5.2.2 Dysfunktionale Wirkung von Religion ... 44
5.3 Fazit ... 46
6 Diskussion des Konzepts der Shared Mental Models ... 47
6.1 Historisch-Kritische / Hermeneutische Diskussion ... 47
6.2 Diskussion des Konzepts der mentalen Modelle ... 49
6.2.1 Menschenbild ... 51
6.2.2 Religion ... 52
6.2.3 Interaktion und Koordination ... 54
6.2.4 Restriktionen versus Präferenzen ... 54
6.2.5 Transaktion ... 55
6.3 Fazit ... 55
6.4 Zur Anwendung des Konzepts der mentalen Modelle in der Religionswissenschaft ... 55
6.4.1 Aussagekraft von Modellen ... 55
6.4.2 Religionswissenschaft und mentale Modelle ... 57
6.4.3 Religionswissenschaft und Rational-Choice ... 57
7 Ausblick und Schlussbetrachtung ... 59
7.1 Ausblick: Annäherungen an die Wirklichkeit ... 59
7.2 Schlussbetrachtung ... 61
8 Literatur ... 63
1 Einleitung
Die Bedeutung von Religion als grundlegendes Muster menschlichen Handelns wird seit den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts verstärkt wahrgenommen, u. a. sowohl von der Geschichtswissenschaft als auch von den ökonomischen Disziplinen. Zu dieser Zeit des cultural turn wurden Kultur und Religion als handlungsbestimmende Kräftw wiederentdeckt und anschließend an Max Weber und Clifford Geertz in größerem Maße als prägende Elemente der menschlichen Lebensführung begriffen.
Seit den 1990er Jahren entwickelt sich die Religionsökonomie als Unterdisziplin der Religionswissenschaft. Neben Finanzierungsfragen von Religion und der Beschreibung von Religion mittels ökonomischer Modelle behandelt sie die Frage, in wie weit religiöses Handeln und Verhalten von Einzelnen und Gemeinschaften wirtschaftlich relevant ist (vgl. Schulz 2006 a). Die Religionswissenschaft beansprucht bei ihrem Vorgehen keine wirtschaftswissenschaftliche Kompetenz, versteht sich jedoch als Kulturwissenschaft, die sowohl die ökonomische Relevanz als auch die spezifischen ökonomischen Dimensionen religiösen Handelns und Verhaltens untersucht. In modernen Gesellschaften sind die Wechselbeziehungen zwischen ausdifferenzierten Lebensbereichen tagtäglich national und global zu erfahren, z. B. auf den miteinander verflochtenen Konsumgüter-, Produktionsmittel- und Finanzmärkten. (Schulz 2006 b)
Auch in den ökonomischen wissenschaftlichen Disziplinen hat man begonnen, sich explizit mit Kultur und damit auch implizit mit Religion als einem Teil von Kultur auseinander zu setzen. Einflüsse von Kultur auf ökonomisches Handeln werden als signifikant erachtet, erforscht und die gewonnen Erkenntnisse umgesetzt, z. B. in Form von interkulturellen Trainings oder Ethnomarketing, bei dem Produkte und Werbung auf unterschiedliche Kulturen zugeschnitten werden. Festzuhalten ist dabei, dass Kultur hauptsächlich im Allgemeinen und nicht Religion im Speziellen untersucht wird.
Das Bild des Menschen, das vom Paradigma der rationalen Wahl propagiert wird, ist der nach Nutzenmaximierung strebende, perfekt informierte Homo-Oeconomicus, mit dem bisher ökonomisches Verhalten erklärt wurde. In diesem Modell kommt Religion aber nicht vor. Die Institutionenökonomik als ein Teilbereich der Ökonomik hat in jüngerer Zeit mit dem sich von der Rational-Choice-Theorie absetzenden Konzept der überindividuell geteilten mentalen Modelle einen Ansatz hervorgebracht, mit dem die Beschreibung von Einflüssen religiöser Vorstellun- gen auf das Verhalten in ökonomischen Entscheidungssituationen möglich ist. Ihn zeichnet aus, dass er sich in Unsicherheit befindet, also nicht alle Handlungsalter- nativen und daraus resultierenden Konsequenzen kennt und daher nur begrenzt rational handeln kann.
Da das Konzept der Shared Mental Models in der Religionswissenschaft bisher wenig diskutiert wurde, soll es hier dargestellt werden, um anschließend zu erörtern, ob die Darstellung von Religion in wirtschaftlichen Handlungszusammenhängen mit Hilfe dieses Ansatzes gewinnbringend ist.
1.1 Aufbau der Arbeit
Zunächst werden in Kapitel 2 Begriffsbestimmungen vorgenommen. Da die Fragestellung der Arbeit ist, welche Modelle bzw. Theorien für die Modellierung von Auswirkungen von Religion auf wirtschaftliches Verhalten geeignet sind, soll in Kapitel 3 zunächst die Rational-Choice-Theorie dargestellt werden. Sie ist das Modell, mit dem wirtschaftliches Verhalten bislang beschrieben wurde. Es schließt sich die Untersuchung an, ob Religion in der Rational-Choice-Theorie Platz findet. Kapitel 4 stellt das Konzept der mentalen Modelle dar, welche kulturelle Faktoren in die Beschreibung von wirtschaftlichen Zusammenhängen einführt. In Kapitel 5 wird die Übertragung des Konzepts der mentalen Modelle auf den Bereich Religion unternommen und überblicksartig mögliche Einflüsse von Religion auf ökonomische Entscheidungssituationen dargestellt. Anschließend findet in Kapitel 6 eine Diskussion der beiden Ansätze auf ihre Leistungsfähigkeit hinsichtlich der Darstellung von Religion in wirtschaftlichen Situationen statt. Kapitel 7 schließt mit einer Annäherung an die Realität und einer Schlussbetrachtung die Arbeit ab.
2 Begriffsbestimmungen
Im Folgenden werden die Begriffe »Handeln«, »wirtschaftliches Handeln«, »Reli- gion«, sowie ein allgemeiner »Modellbegriff« in der Weise dargestellt, wie sie im weiteren Verlauf der Arbeit vorausgesetzt und mitgedacht werden.
2.1 Handeln
Nach Weber wird Handeln von Verhalten differenziert, und zwar dahingehend, dass Verhalten absichtslos, spontan und unreflektiert erfolgt, wohingegen Handeln sinnhaft ist, Zweck hat und der handelnde Menschen damit Interessen verfolgt, auch wenn dem Akteur Sinn und Zweck seines Handelns oft nicht bewusst ist. Weber unterscheidet weiter zwischen Handeln allgemein und sozialem Handeln, wobei soziales Handeln dasjenige bezeichnet, das am Verhalten anderer orientiert ist (vgl. Hirsch-Kreinsen 2005, 14-15)1. Als Beispiel für Handeln sei ein Angler genannt, der sein Tun darauf ausrichtet, Fische zu fangen. Er muss sich dabei mit der Natur auseinandersetzen, nicht aber mit anderen Menschen. Dies ändert sich, wenn derselbe Angler seine gefangenen Fische auf einem Markt zu verkaufen versucht. Dort handelt er zwar immer noch zweckhaft, muss sich aber auf das Verhalten anderer Menschen einstellen und sich z. B. am aktuellen Preis für die von ihm gefangenen Fische orientieren (vgl. Hirsch-Kreinsen 2005, 14).
2.2 Wirtschaftliches Handeln
Wirtschaftliches Handeln sei jenes, das an einem »Begehr nach Nutzleistungen« orientiert ist. Dabei ist der Handelnde interessiert an der »Verfügungsgewalt über Sachgüter und Leistungen, die als Mittel für Bedürfnisbefriedigung wie aber auch als Handlungsressourcen zu begreifen sind« (Hirsch-Kreinsen 2005, 16). Es umfasst sowohl Prozesse des Tausches von Gütern und Ressourcen als auch deren kollektive Produktion. Wirtschaftliches Handeln erfolgt dabei, häufig im Unter- schied zu weiteren Formen sozialer Aktivitäten, zweckrational, d. h. »die Mittel und die Zwecke der Aktivitäten werden "planvoll" gegeneinander abgewogen« (Hirsch-Kreinsen 2005, 16).
Zwei weitere Begriffe, die eng in Verbindung mit wirtschaftlichem Handeln stehen, sollen auch kurz eingeführt werden. Zum einen ist die Transaktion zu nennen, die den Tausch materieller und immaterieller Güter, Leistungen und Rechte bezeichnet. Davon zu unterscheiden ist der Begriff der Interaktion, die eine weitere Form des sozialen Handelns darstellt, bei der wechselseitige kommunikative, symbolische, kulturelle und normativ geprägte Beziehungen eine Rolle spielen. Sie kann sich auf den gezielten Tausch von Ressourcen beschränken, muss dieses aber nicht tun, wohingegen Transaktionen stets auch Interaktionen sind, weshalb kulturelle und normative Bedingungen dort immer eine Rolle spielen (vgl. Hirsch-Kreinsen 2005, 16).
[...]
1 Diese Idee verfolgen auch der Sozialpsychologe George H. Mead (1973) und auf diesem aufbauend Herbert Blumer. Mead unterstellt, dass sich der Sinn der Handlung eines Akteurs A erst durch die Reaktion eines zweiten Akteurs B einstellt. Akteur A interpretiert seine Handlung aufgrund der Reaktion von B. Er kann die Reaktion von B in Form einer Geste dazu heranziehen, sein Handeln zu korrigieren. Ruft eine Handlung sowohl bei A als auch bei B die gleiche Reaktion hervor, wird sie zur »signifikanten Geste«.
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Christian Holtbrügger, 2008, Shared Mental Models - Ein institutionenökonomischer Ansatz zur Beschreibung des Einflusses von Religion, Munich, GRIN Publishing GmbH
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