strukturelle und soziale Integration, bei der Kenntnisse der dominierenden Sprache unabdingbar sind?
Sozialpsychologische Modelle
Gardner (1983, 1985, 1988) versucht mit Hilfe des socioeducational Modells zu erklären, wie unterschiedliche soziale Zusammenhänge mit Zweitsprachkenntnissen und Einfluss nehmenden Variablen (Motivation, Angstgefühl etc.) zusammenwirken. Berücksichtigung in diesem Schema findet das soziokulturelle Umfeld oder Milieu des/der Lernenden. Dies beinhaltet die herrschende (positiv oder negativ bewertete) Einstellung der eigenen Gemeinschaft gegenüber Bilingualismus (Siegel 2003: 187). Werden Einwanderergruppen, die hier im Mittelpunkt stehen, betrachtet, so scheint eine positive Einstellung zum Erwerb der Mehrheitssprache und evtl. angestrebter Assimilation unentbehrlich. Stigmatisierungen bilingualer Sprecher innerhalb der ethnischen Gemeinschaft könnten sich negativ auf weitere Bemühungen eines Zweitspracherwerbs auswirken.
Verschiedene individuelle Faktoren, die letztendlich den Motivationsgrad zum Spracherwerb bestimmen, können unter Einfluss des soziokulturellen Milieus stehen. Die Motivation stellt die wichtigste Determinante dieses Modells dar und wirkt sich entsprechend auf die Lernsituationen aus.
Sozialstrukturelle Faktoren wie Größe und Status der jeweiligen Sprachgruppen (L1 und L2) werden hier nicht besonders hervorgehoben. Dabei sollte wahrscheinlich die Bedeutung einer ausgebauten ethnischen Gemeinde für eine strukturelle Integration bzw. Assimilation der Migranten nicht vernachlässigt werden. Esser (2001) weist daraufhin, dass sich durch eine gegenseitige Verstärkung räumlicher Segregation und kultureller Segmentation oft funktionale Bereiche und ein eigenes Schichtungssystem ausbilden. Dem Migranten bietet sich die Möglichkeit, den größten Teil seines Lebens in seiner ethnischen Sphäre zu verbringen (Esser 2001: S. 41ff). Im Falle einer solch institutionalisierten ethnischen Gemeinde (Ebd.) werden Integration bzw. Assimilation und auch der Erwerb der Sprache der Aufnahmegesellschaft als Zweitsprache erschwert oder gar verhindert.
Steht in Garnder’s Modell die Motivation als bestimmender Faktor im Vordergrund, so setzen andere sozialpsychologische Modelle den Schwerpunkt auf objektive Charakteristika der sozialen Gruppen beider Sprachen (L1 und L2). Kontakte und Interaktionen werden in den folgenden Modellen als die Determinanten betrachtet.
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Das Modell der Akkulturation (acculturation model) von Schumann (1978a, 1987b, 1986) ist vorrangig auf natürliche Lernsituationen bezogen. Unter der Prämisse, dass sich der Grad der L2 Kenntnisse proportional zum Grad der Akkulturation in die Mehrheitsgesellschaft bzw. die Gruppe der Mehrheitssprache verhält, wird die Variable der sozialen Distanz herangezogen. Der Erwerb der Zweit- bzw. Mehrheitssprache wird also im Zusammenhang
mit Einstellungen und Verhalten gegenüber der Mehrheitsgesellschaft 3 gesetzt (Siegel 2003: 187). Das Ausmaß der Akkulturation hängt, diesem Modell folgend, entscheidend von der sozialen sowie psychologischen Distanz zwischen den Lernenden und der Gruppe der dominierenden Sprache (L2) ab. Es wird die These vertreten, dass bei größerer sozialer und psychologischer Distanz, die Sprachlernenden weniger Kontakt zur Zweitsprache bzw. zu Personen der L2-Gruppe haben werden, folglich ihr Aufwand zum Erlernen der Sprache sinken wird und letztendlich der Grad der Sprachkenntnisse niedriger ist (Ebd.). Nauck (2002) weist im Zusammenhang mit interethnischen Ehen, die, wenn auch sehr
umstritten, teilweise als Maßstab der Assimilation und Integration interpretiert werden 4 , ebenfalls auf die Bedeutung sozialer Distanz hin. Die wahrgenommene Distanz zwischen den unterschiedlichen ethnischen Gruppen und der einheimischen Bevölkerung ist ein wechselseitiger Prozess. Sie kann außerdem von der tatsächlichen Distanz abweichen. In Schumann’s Modell wird die soziale Distanz durch verschiedene Faktoren bestimmt, die die Beziehungen zwischen beiden Gruppen charakterisieren. Dazu zählen die ethnische Gemeinschaft (L1) betreffend u.a.: die Größe der Gruppe, ihr Zusammenhalt oder aber die beabsichtigte Länge des Aufenthalts in der Aufnahmegesellschaft. Die soziale Distanz erhöht sich bei einer großen ethnischen Gruppe mit starkem Zusammenhalt, die ihre Werte und
Traditionen bewahren möchte, ihre eigenen sozialen Bereiche 5 aufweist oder der Einwanderer nur einen temporären Aufenthalt anstrebt (Siegel 2003: 187). Auf der anderen Seite erhöht sich die Distanz, wenn sich die Mehrheitsgesellschaft in einer politisch dominanten Situation
3 Es stehen die Einstellungen zu der Gruppe im Mittelpunkt, die die zu erlernende Zweitsprache
muttersprachig spricht. Nicht zwingend ist dies immer die Mehrheitsgesellschaft. Da aber in dieser Arbeit Migranten als L2 lernende Gruppe betrachtet werden, sind Mehrheitsgesellschaft und die Gruppe, die die Sprache spricht, identisch.
4 Interethnische Heiraten werden als Zeichen für soziale Assimilation und der Existenz von Kontakten zu
einheimischen Bevölkerung angesehen (Esser). Strittig ist, inwieweit interethnische Ehen als Gradmesser für Integration und Assimilation dienen können (siehe u.a. Bundesregierung (2000): Sechster Familienbericht der Bundesregierung. Familien ausländischer Herkunft in Deutschland: Leistungen - Belastungen -Herausforderungen. [http://www.bmfsfj.de/Politikbereiche/familie,did=3470.html]).
5 Siehe Esser 2001: 40ff.
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befindet, einen höheren Status einnimmt 6 oder wenn beide Gruppen jeweils negative Einstellungen zu der anderen Gruppe haben (Ebd.). Die Summe der sozialen und individuellen Faktoren bestimmen indirekt bis zu welchem Grad die Zweitsprache erworben wird. Wie bereits erwähnt erscheint die Notwendigkeit zum Erlernen der Mehrheitssprache in einer ausgebauten ethnischen Gemeinschaft eher gering, die soziale Distanz zur Mehrheitsgesellschaft entsprechend groß.
Das Modell der Sozialen Zusammenhänge (social context model) von Clément (1980) beinhaltet das Konzept der ethno-linguistischen Dynamik (ethnolinguistic vitality) der L1 und L2 Gruppen. Dieses Konzept geht auf die Kombination von verschiedenen Faktoren zurück, die dazu führen können, dass sich Gruppen unverwechselbar verhalten und kollektiv handeln. Je höher die ethno-linguistische Gruppendynamik, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Gruppe als abgegrenzte, ausgeprägte Gemeinschaft fortbesteht (Siegel 2003: 188). Aus der Abhängigkeit dieser Dynamik von ökonomischen Status, demographischer Situation und von institutioneller Unterstützung wird deutlich, dass dieses Konzept von soziostrukturellen Faktoren bestimmt wird. Die jeweilige Gruppendynamik der L1 bzw. L2 Gemeinschaft hat wiederum einen Einfluss auf gegensätzliche Kräfte innerhalb des Lernenden: das Streben nach Integration (integrativeness) und Angst einer Assimilation (fear of assimilation). Durch den Erwerb der Zweitsprache befürchtet der Einwanderer einen Verlust seiner Muttersprache oder Kultur. Auf der anderen Seite strebt er danach, ein anerkanntes Mitglied der Aufnahmegesellschaft zu werden. Im Modell der sozialen Zusammenhänge bilden die konkurrierenden Kräfte den grundlegenden Motivationsprozess (primary motivational process) (Ebd.). In einem unicultural milieu, d.h. eine Sprache bildet deutlich die Mehrheit, wird das Ergebnis dieses Prozesses den Grad der Motivation, eine Zweitsprache zu erlernen, bestimmen. Weiterhin beeinflusst die Balance beider Kräfte das Selbstbewusstsein des Lernenden, mit dem er die Zweitsprache anwendet. Dieses wirkt sich schließlich auf den Grad der Motivation zum Erwerb der Zweitsprache aus (Ebd.: 188f.).
Das letzte Modell, das inter-group Modell von Giles und Byrne (1982) beschäftigt sich auch mit den Charakteristika der Sozialgruppen, richtet den Fokus indes auf die einzelnen Individuen der Gruppe und deren subjektiven Wahrnehmungen von Eigenschaften. Zwar ist auch hier die Motivation wieder eine bedeutende Größe, doch ist die Interaktion der
6 Esser spricht im Extremfall von einer Unterschichtung der Mehrheitsgesellschaft durch eine ethnische Sub-
Gesellschaft bei starker Institutionalisierung ethnischer Gemeinschaften. (siehe Esser 2001).
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Arbeit zitieren:
Sabine Roeber, 2007, Soziolinguistische Rahmenbedingungen zum Zweitspracherwerb bei Migranten in Deutschland, München, GRIN Verlag GmbH
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