1. Einleitung
Ein wesentlicher Forschungsschwerpunkt der historisch vergleichenden Sprachwissenschaft ist die Analyse genetischer Sprachbeziehungen. Auf diese Weise können Sprachen hinsichtlich diachronisch-historischer Gesichtspunkte klassifiziert werden (vgl. Hutterer 1999: 11). Den ersten wissenschaftlichen Nachweis für die genetische Verwandtschaft der indogermanischen Sprachen konnte FRANZ BOPP (1791-1867) erbringen, indem er Flexionsendungen der verschiedenen Einzelsprachen verglich und dabei auf Gemeinsamkeiten stieß. Seither gilt er als der Begründer der vergleichenden Indogermanistik (ebd.). Das Ergebnis dieser vergleichenden Methode war die Zusammenfassung genetisch verwandter Sprachen unter den Begriff indogermanische Sprachfamilie (ebd.). Damit verbunden war die Erkenntnis, dass die indogermanischen Sprachen auf eine gemeinsame Grundlage zurückgeführt werden können (ebd.: 12). Die moderne Forschung geht dabei aus von einer „(…) indogermanische[n] Grundsprache, die als Beziehungsbasis verwendet wird (…)“ (Hutterer 1999: 30; Hervorhebungen im Original). Dieses Bezugssystem kann die tatsächliche dialektale Vielfalt der damaligen Sprache nicht widerspiegeln. Sie bleibt ein abstraktes Konstrukt, mit deren Hilfe neu erschlossene indogermanische Sprachen in ihre Familien eingeordnet werden können.
Die Rekonstruktion der indogermanischen Grundsprache schließt die Rekonstruktion des urindogermanischen Lautsystems, den „Archetypen“ der Laute der modernen idg. Sprachen mit ein (Hutterer 1999: 32). Die Erforschung des uridg. Lautsystems verlief dabei auf vielen Um-und Irrwegen. Nach Einbezug des Hethitischen und des Tocharischen in die indogermanistische Sprachfamilie im 20. Jahrhundert, hat sich der Umfang des Ausgangsmaterials für die Rekonstruktion der indogermanischen Grundsprache stark vergrößert (ebd.). Seitdem beschäftigen sich indogermanistische Sprachforscher eingehend mit theoretischen Fragestellungen. Besondere Aufmerksamkeit kam dabei einer revolutionären Theorie FERDINAND DE SAUSSURES zu, mit der er 1879 das gesamte indogermanische Vokalsystem auf den Kopf stellte. Diese Theorie, die erst später unter dem Namen Laryngaltheorie in die indogermanistische Sprachwissenschaft einging, legte nämlich jeder urindogermanischen Wurzel nur einen einzigen Vokal (-e-) zugrunde (vgl. Tichy 2000: 34). Fortan wurden DE SAUSSURES Gedanken von Sprachwissenschaftlern kontrovers diskutiert und weiterentwickelt. Diese Entwicklung aufzuzeigen ist ein Anliegen des dritten Kapitels dieser Arbeit. Ihm steht ein knapper Überblick über das urindogermanische Lautsystem im zweiten Kapitel voran. Im dritten Kapitel steht die Theorie DE SAUSSURES selbst im Vordergrund. Dabei werden die
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Entwicklungsgeschichte, das Grundprinzip der Laryngaltheorie und ihre Auswirkungen auf wesentliche indogermanische Sprachen vorgestellt. Das hethitisch ª spielte eine bedeutende Rolle bei der Konstituierung DE SAUSSURES rein theoretischer Überlegungen zu einer materiell nachweisbaren Theorie. Dieser anatolische Laut ist daher ebenfalls Gegenstand des dritten Kapitels. Die Revolution des urindogermanischen Vokalsystems verändert auch die bisherigen Überlegungen zur Wirkungsweise des urindogermanischen Ablauts. Das vierte Kapitel beschäftigt sich deshalb mit dem urindogermanischen Ablaut aus der Perspektive der Laryngaltheorie. Die Kernaussagen dieser Arbeit werden im fünften Kapitel zusammengefasst, dass mit einem kurzen Ausblick abschließt.
2. Das Lautinventar der indogermanischen Grundsprache
„Die Einheit der Auffassungen zur indogermanischen Lautlehre, die im 19. Jahrhundert nach Kämpfen und Umwälzungen (FRITZ BECHTELS Buch von 1892 beschreibt sie) einen vorläufigen Haltepunkt erlangt zu haben schienen - sie ist noch nicht erreicht.“
(Mayrhofer 2004: 54)
Dieses Zitat MANFRED MAYRHOFERS beschreibt den Forschungsstand zum Phonem- und Lautinventar der idg. Grundsprache. Es verdeutlicht, wie schwer sich die Suche nach einem einheitlichen System erweist. Bis heute existieren viele verschiedene Modelle parallel.
Das Lautsystem der idg. Grundsprache wird durch die Auswertung idg. Wortgleichungen rekonstruiert. Zwei Vorgangsweisen sind dabei sehr hilfreich: a) das Prinzip der Lautgesetzlichkeit und b) das Prinzip der artikulatorischen Nähe, bei dem Laute ausgewählt werden, die ihren einzelsprachlichen Entsprechungen so ähnlich wie möglich sind (vgl. Mayrhofer 2004: 54.)
TICHY (2000) gibt einen Überblick über das uridg. Lautinventar, das zwar nicht unbestritten ist, aber zum Verständnis der vorliegenden Arbeit genügt (Tichy 2000: 25f.):
Vokale: Kurzvokale e o a Langvokale À
Resonanten: Engvokale unsilbisch i u
Nasale unsilbisch n m c _ s i l b i s c h
Liquiden unsilbisch r l w S s i l b i s c h
Labiale
Dentale Palatale (reine) Velare Sibilant Laryngale h 1 h 2 h 3
3. Die Laryngaltheorie
Im Folgenden werden die Entwicklungsgeschichte der Laryngaltheorie sowie das zugrunde liegende Prinzip und wichtige durch sie erzielte Forschungsergebnisse vorgestellt.
3.1. Begriff und Symbolik
Laryngale bezeichnen drei uridg. Phoneme, genauer Konsonanten der idg. Grundsprache, die so genannten Engellaute (vgl. Meier-Brügger 2002: 106). Die Bezeichnung der Konsonanten als Laryngale liegt in ihrer Forschungsgeschichte begründet (vgl. Meier-Brügger 2002: 106). In der heutigen Forschung werden die Laryngale durch die Konsonanten *h 1 *h 2 und *h 3 vertreten. Wenn nur ein h-Charakter, nicht aber die konkrete Zuordnung zu * h 1 , *h 2 und *h 3 rekonstruiert werden kann, wird das Cover-Symbol H verwendet (vgl. Meier-Brügger 2002: 106).
3.2. Die Geschichte der Laryngaltheorie
FERDINAND DE SAUSSURE gilt als Begründer der Laryngaltheorie, nachdem er das indogermanische Vokalsystem in seinem Buch „Mèmoire sur le système primitif des voyelles dans les langues indo-europèennes“ (Leipzig 1879) eingehend untersuchte (vgl. Szmerényi 1990: 128). Durch seine Analysen veränderte DE SAUSSURE das Bild des ältesten idg. Vokalismus (ebd.). Seine Ergebnisse bilden die Basis für die heutige Laryngaltheorie. Dabei geht die Bezeichnung Laryngal auf den den Dänen Hermann Möller zurück (ebd.).
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In seinem Mèmoire geht er davon aus, dass idg. *, *, *À ursprünglich Diphtonge waren, die später monophtongiert wurden. Er konnte feststellen, dass „Überall da, wo andere Verbalwurzeln Normalstufe haben (d.h. *a 1 i, *a 1 u, a 1 r, a 1 n usw.; *a 1 = Brugmanns *e), weisen z.B. Wurzeln vom Typus gr. st- „stehen“ einen langen Vokal auf.“ (Lindemann 1970: 19). DE SAUSSURE schlussfolgerte daraus, dass die auf Langvokal endenden Wurzeln (*st) ursprünglich diphtongische Wurzeln gewesen seien. Ein gr. st- wie in st-(mÀn) ‚Aufzug am Webstuhl“ wäre folglich ursprünglich ein *sta 1 A- (vgl. Lindemann 1970: 19). Dabei handelt es sich nach DE SAUSSURE bei a 1 um den Grundvokal aller idg. Wurzeln und bei A um den Partner der mit a 1 den Diphtong der Wurzel bildet (ebd.). Weil DE SAUSSURE A für die zweite Komponente eines Diphtongs hielt, musste es sich dabei um einen von ihm so bezeichneten „sonantischen Koeffizienten“, also um einen Halbvokal handeln (ebd.). Neben A kommen auch *i, *u, *r, *l, *m und *n als „sonantische Koeffizienten“ in Betracht (ebd.). Durch theoretische Überlegungen, kommt DE SAUSSURE zu dem Schluss, dass dem Wurzelvokal -e- ein sonantischer Koeffizient folgen kann, der in der Nullstufe zum Kern der Silbe werde. Der Vokal -e- erscheint in der Nullstufe selbst nicht mehr (Memoire: 127, zitiert in Szmerènyi 1990: 127). Die folgenden Beispiele verdeutlichen diese Aussage (Szmerènyi 1990: 127): Beispiele: Vollstufen: *deik-vs. Nullstufen: *dik
Ein kurzes -a- wie in gr. statos führt DE SAUSSURE auf ein ursprüngliches *stA- zurück, so dass sich die Gleichung st-(mon):sta-(t)s) = *sta 1 A:stA ergibt (vgl. Lindemann 1970: 19). In Analogie führt DE SAUSSURE dÀ- (wie in gr. Präs. dídÀmi) und dÂ- (gr. PP. dÂt)s) auf *da 2 O bzw. *dO- zurück (ebd.). O steht dabei stellvertretend für einen weiteren sonantischen Koeffizienten (vgl. Szmerènyi 1990: 128). Die Wurzelvokale -a- und -o- wären laut DE SAUSSURE immer die Nullstufe von eA und eO (ebd.). Die Vollstufe entstehe folglich durch eine Kontraktion zwischen dem sonantischen Koeffizienten und dem vorstehenden Vokal -ein der Nullstufe. Mit dieser Erkenntnis entstand die Idee, von der Einvokaligkeit des indogermanischen Vokalsystems, bei dem die langen Vokale als Kontraktion von e+A/O zu sehen sind (ebd.).
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Auf diesen Annahmen beruhend, betrachtet DE SAUSSURE den alten Ablautswechsel *e/o nun als *a 1 /a 2 , mit a 1 und a 2 in ihrer Stellung vor den beiden „sonantischen Koeffizienten“ A und O.
Es ergeben sich für ihn dann die folgenden lautlichen Entwicklungen (vgl. Lindemann 1970: 19): *a 1 A > * *a 2 A > *À *a 1 O > *À *a 2 O > *À
Wurzeln auf *--, wie in idg. *dh- ‚setzen’, erklärt DE SAUSSURE ebenfalls aus der Verbindung a 1 A, die allerdings, seinen Ausführungen folgend, bereits *-- ergab (vgl. Szmerényi 1990: 128). Eine gute Begründung für diesen Schluss konnte er allerdings nicht liefern (ebd.). In diesem Punkt liegt auch der Mangel seiner Theorie. Er nahm nur zwei Koeffizienten für die Bildung von drei Langvokalen an, konnte dies allerdings nicht eindeutig erklären. Abhilfe schaffte bereits ein Jahr später H. MÖLLER, der einen dritten Koeffizienten E ansetzte, mit dem er die Bildung von *-- aus a 1 + E überzeugend darlegen konnte (ebd.).
Auch die langen silbischen Liquide und Nasale sowie die Langvokale -¯- und -Ì- führt DE SAUSSURE auf ursprüngliche Verbindungen mit dem sonantischen Koeffizienten A zurück (ebd.):
Liquide + A > lange silbische Liquide
Nasale + A > lange silbische Nasale *i + A >*¯ *u + A >*Ì
Beweisen konnte er diese Theorie nicht. Seine Annahmen standen vermutlich mit den Erkenntnissen der O-Abtönung in Verbindung (vgl. Szmerènyi 1990: 127), bei der betontem -edes Grundwortes ein unbetontes -o- der Ableitung gegenübersteht. HIRT schloss deshalb daraus, dass -o- aus -e- entstanden wäre, „wenn dieses den Gegenton bekam, d.h. wesentlich in der Komposition oder bei Akzentverschiebung“ (Hirt in „Der idg. Ablaut“: 156, zitiert in Szmerènyi 1990: 125).
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Auch DE SAUSSURES Schluss, die Wurzelvokale -a- und -o- seien immer die Nullstufen dieser Kontraktion, revidierte MÖLLER. Er bemerkte, dass ein *agÀ genau wie ein *ed-mi Vollstufe zeige und verdeutlicht dadurch, dass die Koeffizienten, die er Laryngale nannte, nicht nur einen vorausgehenden sondern auch einen nachfolgenden Vokal umfärben konnten (vgl. Szmerényi 1990: 128). Folglich ist *ag- nicht auf Ag- zurückzuführen, sondern auf Aeg. Der Laryngal färbe dann das -e- zu -a- und schwindet im Anschluss (ebd.).
MÖLLER (1879/1880) ging davon aus, dass *E, *A und *O keine Halbvokale, sondern Konsonanten waren. Diese Konsonanten seien den Kehlkopflauten der semitischen Sprachen ähnlich (ebd.).
Darüber hinaus vertrat er die Auffassung, dass ein Vokal in indogermanischen Sprachen erst dann im Wortanlaut stehen könne, wenn davor ein Laryngal (konsonantisch) ausgefallen ist (ebd.). Dieser Ansicht folgte der französische Sprachforscher ALBERT CUNY, der für die indogermanische Grundsprache drei Laryngale annahm, die sich nur in der Stellung zwischen Konsonanten zu Vokalen wandelten (ebd.). Ein Laryngal war ihm zu folge entweder ein palataler Laut ©, der in interkonsonantischer Stellung zu -e- wurde, ein velarer Laut ©, der später zu -a- wurde oder ein Labiovelar ©, der zu -o- wurde (ebd.).
Doch diese Annhamen wurden von den Junggrammatikern nicht geschätzt (ebd.). Die klassische Indogermanistik konnte DE SAUSSURES Auffassung, von der Existenz von zwei sonantischen Koeffizienten in der idg. Grundsprache nicht teilen (ebd.). An ihrer Stelle setzte sie stattdessen den Murmelvokal *© an, das ‚Schwa indogermanicum’, dass im klassischen Sinne eine Ablautsschwächung der ursprünglichen Längen *, * und *À darstellte (vgl. Lindeman 1970: 24). Die vollstufigen set-Wurzeln hätten demzufolge nicht auf den sonantischen Koeffizienten DE SAUSSURES, sondern auf dem Schwa indogermanicum ausgehen müssen
(vgl. Meier_Brügger 2002: 102). So gehe ved. jan i auf *§en©- zurück (ebd.).
Diese damalige allgemein angenommene Erkenntnis wurde 1912 von ALBERT CUNYwider-
legt (ebd.). Er wies darauf hin, dass wenn ved. jan i < *§en©- gilt, die Schwundstufe uridg. *§n© (mit vokalischem -©- nach konsonantischen -n-) lauten müsste, was als ved. *ji- weitergeführt werden würde. Da aber diese Form nicht existiert, sondern stattdessen ved. j(-tá-) gefunden wurde, das über *jaH(-tá-) auf uridg. * §¼H-t)- zurückgeht, konnte CUNY die Ansicht der klassischen Indogermanistik widerlegen (ebd.). Aus diesem fundamentalen Gedanken ergab sich auch die Annahme, dass die konsonantischen Koeffizienten keine Halbvokale,
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Arbeit zitieren:
Andrea Meissner, 2009, Grundzüge der Laryngaltheorie, München, GRIN Verlag GmbH
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