Einleitung 3
Die Bedeutung von Reisen im Mittelalter 3
Reisen als Symbol der Zugänglichkeit der Welt und der Selbstbestimmung des
Individuums................................................................................................................... 5
Die erste Reise: Flucht vor der Armut. 6
Die zweite Reise: Fortunatus als reicher Weltenbummler 9
Die dritte Reise: Flucht vor Langeweile und Alltag. 14
Fazit 18
Literaturverzeichnis. 20
2
Einleitung
Reisen bedeutet Freiheit, das sieht man auch heute noch so. Wer freiwillig auf Reisen geht, braucht die nötige Zeit und das entsprechende Geld. Reisen ist dabei immer ein Ausbruch aus dem Alltag, eine Distanzschaffung zu dem, was uns bedrückt oder beunruhigt. Außerdem aber verbinden wir mit Reisen ins Ausland auch immer das Sammeln von Eindrücken und Erfahrungen: über Menschen, Kulturen, Landschaften und Gebäude.
Als Gegensatz dazu kann Reisen aber auch als unglücklicher Ausbruch verstanden werden. Wenn Reisen nicht mit der Rückkehr zur gesellschaftlichen Verpflichtung verknüpft ist, wird man als Reisender zum sogenannten „Aussteiger“, zum Verlierer, der dem Druck der heimischen Gesellschaft nicht standhält.
Was wir heutzutage unter Urlaub verstehen, hat seine Ursprünge vor einigen hundert Jahren. Das Reisen als Zeitvertreib, aus Neugier und zur Erholung ist eindeutig ein neuzeitlicher Brauch, denn Reisen galt im Mittelalter als beschwerlich und hatte mit unserer Vorstellung davon wenig zu tun. Man kann sich in etwa ein Bild davon machen, wie viele Jahre jemand unterwegs war, der im glücklichsten Fall mit dem Schiff, ansonsten auf Pferden, Eseln, Ochsen oder sogar zu Fuß Europa erkundete. Ungleich bedeutender wirkt sich eine Reise daher auf den Reisenden im Mittelalter oder der frühen Neuzeit aus. Wie aber wurde ein solcher von seinen Zeitgenossen wahrgenommen? Was bedeutete der Aufbruch in fremde Länder, die Entfernung von der Heimat für die Menschen im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit? Als beispielhafte Literatur steht dabei das Volksbuch „Fortunatus“ in dieser Arbeit im Mittelpunkt. Zuerst wird hierzu das Reisen in den mittelalterlichen Kontext eingeordnet. In Bezug auf die Hauptfigur des Romans soll schließlich erörtert werden, inwiefern Reisen der Selbstverwirklichung und -bestimmung des Fortunatus dient.
Die Bedeutung von Reisen im Mittelalter
Die ursprüngliche Bedeutung von Reisen war, im Gegensatz zum heutigen Gebrauch des Ausdrucks, eher damit verbunden, einen Kriegszug zu unternehmen, aufzubrechen oder von einem Ort wegzugehen, auch unfreiwillig. Reisen war also lange Zeit gleichzusetzen mit dem Verlassen der vertrauten Heimat, also dem Aufbruch in Ungewissheit und Fremde. 1 Als die eigentlichen Vorreiter des Reisens müssen die
1 Vergl. Norbert Ohler: Reisen im Mittelalter, Artemis & Winkler, Düsseldorf 2004, S. 12
3
Missionare genannt werden, die durch ihre Arbeit unbekannte Teile der Welt erschlossen. Nach und nach reiste praktisch jede Gesellschaftsschicht: Könige zum Zwecke der Repräsentanz im eigenen Reich, Bischöfe bereisten ihren Sprengel, Päpste und Prälaten waren unterwegs zu Synoden. Trotz offiziellen Verbots reisten auch Mönche und Nonnen. Verschiedenste Berufsfelder gehörten zu den Reisenden: erst nur Kaufleute, Boten und Hirten, seit dem Hochmittelalter zunehmend aber auch Siedler, Bergleute, Handwerker, Studierende, Künstler auf Arbeitssuche und ebenso Räuber, Gauner, Sklaven und Kriegsgefangene.
Zu Völkerfluchten kam es schon im Frühmittelalter. Katastrophen, Seuche, Krieg und Armut gelten als Auslöser dafür. Auch Wallfahrten verschiedener
Religionsgemeinschaften bildeten ein Motiv zum Aufbruch, obwohl solche Pilgerreisen sich schleichend zu Bildungs- und Vergnügungsreisen entwickelten. Zunehmender Wohlstand in allen Bevölkerungsschichten begünstigte die Möglichkeiten zu Reisen. Dadurch konnten Reiseaufwand und
-beschwerlichkeit durch Bezahlung von Dienstleistungen verringert werden. 2 Denn Reisen war oft begleitet von Hunger, Durst und, je nach Jahreszeit und Ziel, auch von Hitze und Kälte. Bei längeren Reisen war immer mit Krankheit und sogar dem Tod zu rechnen. 3
Während verschiedene Berufsgruppen meist bei ihresgleichen Unterkunft suchten, bauten sich hohe Geistliche teils sogar eigene Höfe. Gasthäuser, die Nachtlager boten, kamen erst im Hochmittelalter auf.
Ein weiteres Problem bildete die Unsicherheit, der man sich als Reisender aussetzte. Außerhalb des eigenen Landes war man besonders auf die Wahrung des Rechtes angewiesen. Schutz bieten sollte daher auch das Reisen in der Gruppe, d. h. in einer Schar, ‚Hanse’ oder Karawane. 4 Zum Überleben musste ein Reisender sich der Gefahren bewusst sein und ein Gespür dafür entwickeln, wie er natürlichen Widrigkeiten entgegenwirkt und bösartige Menschen umgeht. 5 Ein zusätzlicher Faktor, der das Reisen so mühselig machte, waren die, an heute gemessenen Standards nur sehr langsamen, Möglichkeiten der Fortbewegung. Dabei schaffte ein Erwachsener zu Fuß etwa 40 Kilometer, ein Reiter bis zu 60 Kilometer am Tag. Schnelle Galeeren schafften bis zu 200 Kilometer, hochseegängige Schiffe noch
2 Vergl. Lexikon des Mittelalters, Band 7, LexMA-Verlag, München 1995, S. 672 - 673
3 Vergl. Norbert Ohler, S. 183
4 Vergl. Lexikon des Mittelalters, S. 673 / 674
5 Vergl. Norbert Ohler, S. 14
4
deutlich mehr. 6 Dadurch nahmen Reisen oft Monate oder Jahre in Anspruch, und man kann in Märchen und Romanen feststellen, dass das langsame Vorankommen und der Wunsch nach schnelleren Fortbewegungsmethoden ein Thema für die Menschen des Mittelalters war 7 (so etwa das Wünschhütlein im Volksbuch Fortunatus). Für unsere Betrachtung ist die allgemeine Verweltlichung der Reise in der beginnenden Neuzeit von besonderer Bedeutung. Im Gegensatz zur religiösen Dogmatik stellte die aufblühende Reiselust verschiedenster Bevölkerungsschichten die Neugier in den Vordergrund. Planung und Durchführung der Reisen erforderten eine starke weltliche Zuwendung. Auch konnten in der Fremde gemachte Erfahrungen die kirchlichen Lehren der Heimat in Frage stellen und vehement eingetrichterte Vorurteile gegenüber anderen Kulturen ins Wanken bringen. Reisen ohne Zwang oder nicht auf Pflichterfüllung gerichtetes Reisen war also nie im Sinne der Kirche - es führte nach Ansicht dieser nur dazu, dass von ihr aufgestelltes Wissen und Behauptungen verteidigt werden müssen. Die zunehmende Welterfahrung durch Reisen wurde empfunden als „Bedrohung der überlieferten geistigen Ordnung“ und „Laster der Neugier“ 8 . Das Reisen zum Zwecke der Welterfahrung wurde daher noch bis ins 18. Jahrhundert verbunden mit sündhaftem Zeitvertreib und Abwendung von der Tugendhaftigkeit. 9
Reisen als Symbol der Zugänglichkeit der Welt und der Selbstbestimmung des Individuums
Das Volksbuch „Fortunatus“ erschien erstmals 1509 in Augsburg in gedruckter Form. Der Autor ist bis heute nicht zu bestimmen. Es gehört zu den bedeutendsten Volksbüchern und gilt als einer der ersten neuzeitlichen Romane. Das Buch ist beispielhaft für die langsam einsetzende Neuorientierung der Gesellschaft, speziell in Bezug auf das Reiseverhalten und der Rezeption des Ausdrucks „Reisen“. Der Protagonist der Geschichte, Fortunatus, unternimmt im Laufe der Handlung mehrere Reisen, die auf verschiedene Art und Weise motiviert sind. Man kann dabei drei Abschnitte grob unterscheiden:
6 Vergl. Lexikon des MA, S. 674
7 Vergl. Norbert Ohler, S. 16
8 Hannes Kästner: „Fortunatus. Peregrinator Mundi. Welterfahrung und Selbsterkenntnis im ersten
deutschen Prosaroman der Neuzeit“, Rombach Verlag, Freiburg 1990, S. 105
9 Vergl. Hannes Kästner, S. 104 - 105
5
1. Das beinahe erzwungene Verlassen des Elternhauses aufgrund von Armut. 2. Die Erkundung der Welt als „Pilger“ und reicher Mann nach Erhalt des Geldsäckels. 3. Die Reise aus Langeweile und als Flucht vor dem Alltag.
Die erste Reise: Flucht vor der Armut
So muss Fortunatus mit achtzehn Jahren die Heimat Famagusta auf Zypern verlassen, da der Vater sein gesamtes ererbtes Hab und Gut verspielt und verschwendet hat:
[Theodorus] het sein junge tag unnützlich verzert / unnd ward so arm das er weder knecht noch magt vermocht und musst die gut fraw Graciana selber kochen unnd waschenn als
ain armes verkaufftes weib. 10
Voller Verständnis und guten Mutes nimmt der Sohn Fortunatus diese Situation an und ist der Meinung, dass noch vil glüks in dieser welt [ist]. 11 Obwohl er kund nichts dann ploß ainen namen schreiben und lesen 12 lässt er sich nicht aufhalten und verlässt, ohne das Wissen der Eltern, seine Heimat mit einem flandrischen Grafen, dem er sich als Diener unterstellt. Es ist bemerkenswert, mit welchem Selbstbewusstsein Fortunatus sich hier aus dem bisher so sicheren Heim entfernt. Kein Gedanke kommt auf ans Scheitern in der Ferne. Dabei ist, besonders im Mittelalter, das Reisen geprägt von der Aufgabe von Sicherheiten für Leib und Leben. 13 Dass der Grund für seine Sorglosigkeit Naivität und Unwissenheit sind, wird auf dieser ersten Reise, spätestens in London, aber auch schon im Zusammenspiel mit den anderen Knechten des flandrischen Grafen und besonders dem gerissenen, und Fortunatus überlegenem, Rupert, klar. Seinem hinterlistigen Plan, Fortunatus vorzulügen, der Graf plane, ihn zu kapponen 14 , „hat der naive Held nichts entgegenzusetzen.“ 15 Die Konsequenz ist eine völlig übereilte, und eigentlich unbegründete, Flucht vom Hofe des Grafen. Sogar die Diener des Grafen wundern sich über Fortunatus vermeintliche Dummheit, alle Privilegien bei dem ihm mehr als gut gesinnten Grafen aufzugeben: wie ist Fortunatus so unweiß gewesen / war
10 Fortunatus, hg. v. Hans-Gert Roloff, Philipp Reclam jun., Stuttgart 1996, S. 7
11 Ebd. , S.8
12 Ebd. , S.7
13 Vergl. Folker Reichert: Fernreisen im Mittelalter, in: „Das Mittelalter. Perspektiven mediävistischer
Forschung, Band 3, Heft 2, Akademie Verlag 1998, S. 6
14 Fortunatus, S. 18
15 Hannes Kästner, S. 38
6
Arbeit zitieren:
Daniel Bittmann, 2007, Reisen als Symbol der Zugänglichkeit der Welt und der Selbstbestimmung des Individuums im Volksbuch "Fortunatus", München, GRIN Verlag GmbH
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