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In seinem Entwurf zur Kritik der historischen Vernunft behandelt Wilhelm Dilthey die Frage, wie in den Geisteswissenschaften, obwohl sie prinzipiell das subjektive Erleben als Gegenstand haben, trotzdem objektives Wissen möglich ist. Er stellt sich die Aufgabe die Beschaffenheit der Geisteswissenschaften zu erkennen, um sie durch eine genaue Terminologie von den Naturwissenschaften, insbesondere was ihre Methode betrifft. Der Gegenstand der Geisteswissenschaften ist die geistige Wirklichkeit des Subjekts. Dies steht im Gegensatz zum Gegenstand der Naturwissenschaften, die sich ausschließlich mit den physischen Phänomenen, die rein objektiv und unabhängig vom Menschen sind, auseinandersetzen. Deshalb ist eine Erkenntnistheorie der Geschichte mit den Kategorien von Kant nicht möglich, die als Maßstäbe Mathematik und formale Logik für die Denkformen und Denkgesetze im Subjekt verwenden. Dilthey erschafft neue Kategorien, die helfen sollen die Objektivität der im Subjekt geschaffenen geistigen Welt zu erkennen und die Frage zu klären, inwiefern dies zur Lösung des Erkenntnisproblems beitragen kann.
In dem zu behandelnden Abschnitt seines Entwurfes, befasst sich Dilthey mit dem Begriff des Erlebens. Das Erleben steht in Beziehung zum Ausdruck und dem Verstehen. Um genau zu sein: Das Erlebte wird ausgedrückt, der Ausdruck wird verstanden. Das, was im Erleben aufgefasst wird, ist der objektive Wert der Kategorien der geistigen Welt, die Dilthey als „Arten der Auffassung von Gegenständen“ 1 definiert. Dilhey teilt die Kategorien in formale und reale ein. Formale Kategorien sind Aussageformen, die die ganze Wirklichkeit betreffen (Einheit, Vielheit, Gleichheit, Unterschied, Grad, Beziehung). Reale Kategorien haben in der geistigen Welt ihren Ursprung, und können auch nur in dieser Anwendung finden (auch wenn sie durch Umwege ebenfalls auf die ganze Wirklichkeit Anwendung finden können).
1 Wilhem Dilthey, Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften,
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main: 1981, S. 236
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Die wichtigste kategoriale Bestimmung des Lebens ist für Dilthey die Zeitlichkeit. Wir beschreiben unser Dasein im Rahmen der Zeit; sprich in Gleichzeitigkeit, Aufeinanderfolge, Zeitabstand, Dauer und Veränderung. Diese Zeitverhältnisse dienten Kant zur Entwicklung seiner Lehre der Phänomenalität der Zeit. Diese Verhältnisse bilden aber nur den Rahmen des Erlebnisses von Zeit. Das Erlebnis von Zeit an sich wird allerdings „erfahren als rastloses Vorrücken der Gegenwart“ 2 , ähnlich einem Fluss, in dem das momentan Erlebte zu etwas Vergangenem wird und das Künftige gegenwärtig wird. Aus diesem Zeitbegriff leitet Dilthey zwei neue Kategorien ab: Die der Wirklichkeit (die Vergangenheit, an die wir uns nur passiv erinnern, allerdings nichts mehr an ihr ändern können) und die der Möglichkeit (die Zukunft, die noch offen steht und aktiv auf verschiedene Art und Weise gestaltet werden kann). Deshalb ist auch Kants Idealität der Zeit innerhalb der Geisteswissenschaften sinnlos, weil die Zeit hier nicht etwas hinter oder über dem Leben Stehendes ist, sondern die Zeiterfahrung des Lebens selbst betrifft. Gegenwart ist niemals, da sie für den, der sie erlebt, stets durchdrungen ist von Erinnerung an das, was eben gegenwärtig war. Als Erlebnis bezeichnet man die kleinste Einheit im präsenten Moment der Gegenwart. Das Erleben ist eigentlich von Veränderung geprägt, „da ja der folgende Augenblick immer sich auf den früheren aufbaut“ 3 . Jeder noch nicht erfasste Moment wird Vergangenheit. Diese Behauptung Diltheys wirft nun die Frage auf, ob wir nur dann die Gegenwart wirklich erleben, wenn wir das Präsente beobachten, ohne uns dabei an etwas zu erinnern oder an etwas anderes zu denken oder unsere Konzentration auf etwas anderes zu richten als auf das momentan Erlebte. Dilthey liefert folgende Antwort: „Die Beobachtung aber zerstört das Erleben“ 4 , weil es nicht den Fluss des Lebens erlebt, sondern immer auf das fixiert ist, was das Fließende gerade festhält. Somit kann man das
2 Ebd. S 237
3 Ebd. S. 239
4 Ebd. S. 239
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Wesen des Lebens selbst nicht erfassen. Aufgrund dieser Struktur der realen Zeit ist der Zeitverlauf nicht erlebbar. „Die Präsenz des Vergangenen ersetzt uns das unmittelbare Erleben.“ 5
Der Lebensverlauf besteht aus zusammenhängenden Erlebnissen, so, wie man auch in allem Geistigen Zusammenhänge findet, wodurch Zusammenhang eine Kategorie ist, die ihren Ursprung im Leben hat. Diese Kategorie wiederum kann man unter einer umfangreichen Kategorie auffassen: dem Verhältnis des Ganzen zu Teilen (totum pro parte).
Das Physische ist zwar Voraussetzung für das geistige Leben, aber durch das Erleben verlässt man die Welt des Materiellen und befindet sich in der geistigen Wirklichkeit, die einen von ihren physischen Bedingungen unabhängigen Wert hat.
[Dilthey: „Ihr Erkenntniswert ist ganz unabhängig vom Studium ihrer physischen Bedingungen.“ 6
Eine kleine Anmerkung von mir: Die Naturwissenschaft erklärt doch auch zum Teil das Erlebte, z.B. sehe ich den Mond als eine natürliche Erscheinung, ich erlebe ihn, und weiß dennoch, dass er ein kugelförmiger Himmelskörper ist, obwohl ich nur einen leuchtenden Kreis sehen kann. Die physische Wirklichkeit ist doch Teil meiner geistigen Wirklichkeit. (?)]
Das Wissen von der geistigen Welt entsteht in dem „Zusammenwirken von Erleben, Verstehen anderer Personen, historischer Auffassung von Gemeinsamkeiten als Subjekten geschichtlichen Wirkens, schließlich des objektiven Geistes.“ 7 Ausschließlich das Erleben führt zur Kenntnis von
5 Ebd. S. 240
6 Ebd. S. 241
7 Ebd. S 241
Arbeit zitieren:
Deniz Tavli, 2007, Darstellung und Diskussion des Projekts einer "Kritik der historischen Vernunft" bei Dilthey, München, GRIN Verlag GmbH
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