Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 3
2. Anfänge der Forschung durch Rudolf Lenz. 4
3. Eigenschaften des Kontaktes zwischen Spanisch und amerindischen Sprachen. 5
4. Geschichte des Sprachkontaktes während der spanischen Conquista. 8
5. Beispiele von Sprachkontakt in Hispanoamerika. 11
5.1. Kontakt Spanisch - Nahuatl 11
5.2. Kontakt Spanisch-Quechua 15
5.3. Kontakt Spanisch-Guaraní. 20
6. Schlussbemerkung. 25
Literaturverzeichnis. 27
2
1. Einleitung.
Die spanische Sprache war im Laufe ihrer Geschichte schon immer durch einen regen Kontakt mit anderen Sprachen, die das Spanische beeinflusst haben, gekennzeichnet. Bereits in Zeiten des Vulgärlateins in der ersten Hälfte des ersten Jahrtausends n. Chr. gab es einen Einfluss des Iberischen, einer vorlateinischen Sprache, welche nicht sofort mit dem Auftreten des Lateinischen verschwand. Daraufhin folgte in der Zeit zwischen dem 5. und dem 8. Jahrhundert ein Kontakt mit der germanischen Sprache der Westgoten, einem Superstrat, der auch im heutigen Spanisch Spuren hinterlassen hat. Ab dem Jahre 711, als die Araber weite Teile Spaniens eroberten, folgte ein intensiver Austausch des Spanischen mit der arabischen Sprache, deren eindeutige Präsenz in der spanischen Lexik unumstritten ist.
Doch das Jahr 1492, als die Araber in Spanien endgültig besiegt wurden, stellt nicht nur geschichtlich, sondern auch sprachwissenschaftlich einen Wendepunkt für Spanien dar: mit der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus trat das Spanische nun zum ersten mal mit amerindischen Sprachen in Kontakt. Dieser Sprachkontakt weitete sich mit der Conquista, also der Eroberung des Kontinentes Amerika durch die Spanier, immer weiter aus, und heute kann man in Hispanoamerika viele verschiedene Phänomene dieses Sprachkontaktes beobachten. Auf diese Art und Weise sind nicht nur das Spanische, sondern auch viele andere europäische und nicht-europäische Sprachen mit der Lexik amerikanischer Indianersprachen bereichert worden.
Diese Arbeit versucht, auf jenen Sprachkontakt einzugehen und ihn zu Analysieren. Dabei werden zunächst die Anfänge der Erforschung des Einflusses amerindischer Sprachen auf das Spanische durch Rudolf Lenz behandelt, mit weiteren allgemeinen Informationen zum spanisch-amerindischen Sprachkontakt, auch in Anbetracht auf die Geschichte der spanischen Conquista. Daraufhin wird konkret auf drei verschiedene Kontaktsituationen des Spanischen mit amerindischen Sprachen eingegangen: dem Kontakt mit dem Nahuatl, also der ehemaligen Aztekensprache, dem Quechua, einer Inkasprache der Anden, und dem Tupí-Guaraní, das heute vor allem in Paraguay gesprochen wird.
Die Hauptfragen, mit denen sich diese Arbeit beschäftigt, sind, inwieweit dieser Sprachkontakt heute und früher die spanische Hochsprache beeinflusst haben, welche
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Phänomene im regionalen Rahmen auftreten können, beides im Bezug auf Phonologie, Morphologie und Lexik, und wie die zukünftige Situation dieses Kontaktes zweier Sprachen aussehen könnte. Die Antworten auf diese Fragen werden vor allem an den drei vorher genannten Kontaktsituationen gesucht und verdeutlicht.
2. Anfänge der Forschung durch Rudolf Lenz.
Die Erforschung des Sprachkontaktes vom Spanischen mit amerindischen Sprachen in Hispanoamerika begann bereits vor über 110 Jahren, als der deutsche Wissenschaftler Rudolf Lenz die Eigenheiten des chilenischen Spanisch untersuchen wollte 1 . Als Rudolf Lenz im Jahre 1890 in Santiago de Chile als Französisch-, Italienisch- und Englischlehrer am Instituo Pedagógico arbeitete, fiel ihm der für ihn merkwürdig anmutende dort gesprochene Dialekt der unteren Bevölkerungsschichten auf. Da diese Sprachvarietät Wörter enthielt, die er vom europäischen Spanisch nicht kannte, begann er fortan, sich Aufzeichnungen zu dieser Sprache zu machen und sie zu untersuchen. Rudolf Lenz war ein Pionier auf diesem Forschungsgebiet, da andere Wissenschaftler sich nicht für die „Sprache des niederen Volkes“ interessierten, deren Erforschung in der heutigen Sprachwissenschaft jedoch unabdingbar ist. So veröffentlichte Lenz also in den Jahren 1891 und 1892 die Aufsätze Chilenische Studien in der Zeitschrift Phonetische Studien der Universität Marburg, welche zunächst in Chile unbekannt waren 2 .
Konkret gesehen vermutete Rudolf Lenz, dass die Phonologie und die Lexik des chilenischen Spanisch und vor allem einiger chilenischer Dialekte auf den Einfluss der dort gesprochenen Indiosprache Araucano zurückzuführen sei, die bei den Sprechern selbst als Mapuche bezeichnet wird 3 .
Mit dieser Behauptung war Lenz der Begründer der sog. Indigenismo-These, die sich auch auf Ascolis 1876 erschienene Substrat-These bezieht, und im Jahre 1932 durch die Begriffe des Superstrat und des Adstrat bereichert und präzisiert wurde. Heutzutage wird diese These kritisch betrachtet, da viele der von Lenz analysierten Eigenschaften auch in anderen Regionen Südamerikas vorkommen, wo durchaus andersartige
1 Roth, Wolfgang: Sobre la influencia de las Lenguas amerindas en el castellano. In: Lenguas en contacto
en Hispanoamérica. Frankfurt a. M., Madrid 1995. S. 35.
2 Lenz, Rudolf: Dialectología Hispanoamericana. In: Español en Chile. Buenos Aires 1940. S. 16 f.
3 Lenz, Rudolf: Para el Conocimiento del Español de América. In: Español en Chile. Buenos Aires 1940.
S. 232 f.
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amerindische Sprachen gesprochen werden 4 . Man versuchte also, andere Erklärungen für die Beschaffenheit des Amerikanischen Spanisch zu finden, und versuchte u.a. mit der Andalucismo-These die Eigenarten des südamerikanischen Spanisch zu erklären , wonach amerikanische Varietäten des Spanischen durch eine Vielzahl von frühen Einwanderern und Eroberern aus Andalusien andalusisch geprägt seien 5 . Dennoch war mit den Forschungen von Rudolf Lenz ein Anfang für die Erforschung des spanischen Sprachkontaktes mit amerindischen Sprachen gemacht, und man wird im Laufe dieser Arbeit feststellen, dass indigene Sub- und Adstrate eine wichtige Rolle dabei spielen.
3. Eigenschaften des Kontaktes zwischen Spanisch und amerindischen Sprachen.
In der heutigen Sprachforschung ist es klar, dass der über Jahrhunderte andauernde Sprachkontak mit indigenen Sprachen in Hispanoamerika Spuren im Spanischen hinterlassen hat und immer noch hinterlässt, da viele amerindische Sprachen noch gesprochen werden. Viele Substrate aus dem indianischen haben heute einen festen Platz in der spanischen Hochsprache.
Es wurde bereits erwähnt, dass Ascoli im Jahre 1876 die Substratthese in die Sprachwissenschaft einführte. Er stellte diese These auf, als er bei gewissen Lauten des Französischen einen Einfluss einer keltischen vorlateinischen Sprache vermutete. Diese These wurde fortan auch bei der spanischen Sprache in Europa angewandt, wo man die Einflüsse von Sprachen vor der Eroberung der Iberischen Halbinsel durch die Römer wie des Iberischen oder des Tartessischen analysierte. Das Problem hierbei war und ist jedoch, dass jene vorlateinischen Sprachen schon seit über einem Jahrtausend nicht mehr gesprochen werden, und die heute diesbezüglichen Informationen mehr als dürftig sind und eine eindeutige Untersuchung des Einflusses auf das Spanische erschwert. Doch die Situation in Lateinamerika ist anders und für Linguisten und Sprachforscher weitaus attraktiver, da viele der Indiosprachen, deren Einfluss auf das Spanische untersucht werden soll, heute noch gesprochen werden. Somit kann man beide Sprachen direkt miteinander vergleichen und Unterschiede des europäischen Spanisch zum
4 Noll, Volker: Das amerikanische Spanisch. Tübingen 2001. S. 72.
5 Noll 2001. S. 72 f.
5
lateinamerikanischen anhand von eventuellen Parallelen zu amerindischen Sprachen genauer untersuchen 6 .
Des weiteren unterscheiden sich die Untersuchung der vorlateinischen Substrate im europäischen Spanisch und der amerindischen in Hispanoamerika dadurch, dass in Europa ein Zustand analysiert wird, der sich nicht mehr verändert, während es sich beim amerindischen Einfluss auf das Spanische in Hispanoamerika um einen Prozess handelt, der noch im Gange ist und wegen des ständigen Sprachkontaktes in manchen Regionen noch für eine unabsehbare Zeit weiter bestehen wird 7 Da es bei dem Begriff der Strate in der Sprachforschung oft zwei verschiedene Meinungen gibt, wobei gewisse Sprachphänomene von den einen Wissen-schaftlern dem Einfluss einer vorherigen oder parallel gesprochenen Sprache zugeschrieben werden, von anderen jedoch mit der Eigendynamik der Sprache im Laufe der Zeit erklärt werden, ist es vonnöten, amerindische Phänomene im Spanischen möglichst sicher belegen zu können. Hierbei sind die Resultate nicht immer zufriedenstellend, trotz der vorher beschriebenen vorteilhaften Situation in Lateinamerika, dass viele Indiosprachen noch gesprochen werden: während in der Lexik amerindische Substrate relativ leicht nachgewiesen werden können, sind viele scheinbare indigene Einflüsse in der Phonetik und der Morphologie heute gar nicht oder nicht ausreichend belegt und zum Teil auch gar nicht belegbar 8 .
Damit man von einem Substrat sprechen kann, muss es im betreffenden Gebiet eine Etappe vom Bilingualismus gegeben haben, bei der zwei Sprachen im Kontakt zueinander standen, wobei diese Etappe der Vergangenheit angehören muss. Ist der Bilingualismus weiter existent, spricht man von einem Adstrat. In Lateinamerika sind beide Situationen gegeben, da einige Indiosprachen, die das Spanische beeinflusst haben, bereits ausgestorben sind ( z.B. das Arauhaco oder das Tainio im karibischen Raum), andere jedoch noch gesprochen werden ( z.B. Quechua). In Lateinamerika stellt sich jedoch die Frage, ob man erst von einem Substrat bzw. Adstrat sprechen kann, wenn amerindische Phänomene in der Hochsprache auftauchen, oder bereits dann, wenn diese lediglich in der regionalen gesprochenen Sprache zu erkennen sind 9 . Doch hierbei stellen sich noch weitere allgemeine Fragen zum Sprachkontakt, die nicht alle eindeutig zu beantworten sind. Wie viele zweisprachige Sprecher des
6 Sánchez Méndez, Juan: Historia de la lengua española en Améica. Valencia 2003. S. 75.
7 Roth 1995. S. 37 f.
8 Roth 1995. S. 37.
9 Roth 1995. S. 38 f.
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Spanischen und einer amerindischen Sprache müssen mindestens gegeben sein, um von einer Adstratsituation zu sprechen? Wie ist das Prestige der beiden Sprachen in einem bestimmten Gebiet? Welche der beiden Sprachen ist die zuerst gelernte Muttersprache? 10
Während in der heutigen Sprachforschung der strukturelle Einfluss amerindischer Sprachen auf das Hochspanische weiterhin oft zweifelnd betrachtet wird und man zum Teil auch afrikanische Einflüsse im Hintergrund des kolonialen Sklavenhandels in Einbetracht zieht 11 , so steht bei einigen regionalen gesprochenen Sprachsituationen der amerindische Einfluss außer Frage. In der Phase, die zwischen einem Ursprünglichen amerindischen Monolingualismus und dem letztendlich erreichten spanischen Monolingualismus in einem Land oder einer Region liegt, kommt es zu Phänomenen wie der sog. Media lengua oder dem Interlekt. Es handelt sich um ein Spanisch, welches mit einer Vielzahl indianischer Merkmale durchsetzt ist. Es handelt sich um ein español popular, das in einem regionalen Rahmen vorkommt 12 .
Es ist trotz allem eine unbestreitbare Tatsache dass die amerindischen Sprachen Lateinamerikas, vor allem die am häufigsten gesprochenen, das Hochspanisch in der jeweiligen Region beeinflussen, da darin viele lexikalische Elemente vorkommen, die in Spanien nicht benutzt werden. Vor allen Dingen handelt es sich dabei um Begriffe aus der Zoologie, der Botanik und der Ethnologie. Bei der Morphologie ergeben sich hingegen meist Probleme: hier sind indigene Substrate weitaus schwieriger zu belegen. Bei Derrivationsmorphemen ist dies noch eher möglich als bei Flexionsmorphemen, wo man, wenn überhaupt, nur indigene Einflüsse bei gewissen Interlekten feststellen kann. Die Syntax ist im Bezug auf amerindische Substrate am schwierigsten zu untersuchen 13 . Was die Anzahl amerindischer Substrate und Indigenismos im Spanischen Lateinamerikas betrifft, so nimmt diese im allgemeinen ab, je höher die Sprache diastratisch angesiedelt ist. In der überregionalen Hochsprache kommen demnach, neben den allgemeinen Indigenismos, weitaus weniger Substrate vor als in der gesprochenen Sprache, wo amerindische Einflüsse immer zuerst auftauchen 14 , und von wo aus sie evtl. mit der Zeit auch in die Hochsprache aufgenommen werden.
10 Roth 1995. S. 39.
11 Noll 2001. S. 76 ff.
12 Roth 1995. S. 40.
13 Roth 1995. S. 42 f.
14 Roth 1995. S. 45.
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Arbeit zitieren:
Jakub Slodowicz, 2008, Spanisch im Kontakt mit amerindischen Sprachen in Hispanoamerika, München, GRIN Verlag GmbH
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