Inhaltsverzeichnis Seite
1. Einleitung 3
2. Thematische Einführung
2.1 Bourdieu/Passeron: „Die Illusion der Chancengleichheit“ 3
3. Der Kapitalbegriff in den Sozialwissenschaften 13
3.1 Pierre Bourdieu: „Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital“14
3.1.1 Das kulturelle Kapital 14
3.1.2 Das soziale Kapital 16
3.2 Die Kapitalumwandlung 17
4. Paul DiMaggio: „Cultural capital and school success: the impact of status culture
participation on the grades of u.s. high school students 18
5. Empirische Phase 20
5.1 Deskripitve Statistik 20
5.2 Formulierung der Hypothesen 24
5.3 Nominaldefinition der Begriffe und Variablen 25
5.4 Faktorenanalyse: Kulturelles Kapital 26
5.5 Regressionsanalysen 27
5.6 Überprüfung der Hypothesen 29
6. Zusammenfassung der Ergebnisse 32
7. Anhang 35
I. Literaturverzeichnis 35
II. Tabellen- und Abbildungsverzeichnis 36
III. Auszüge aus den Fragebögen 38
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1. Einleitung
Die Bildungsexpansion kann als die wichtigste Veränderung im Bildungswesen der letzten Jahrzehnte gewertet werden. Zielsetzung dieser Bildungsexpansion war unter anderem, die Bildungschancen für alle Bevölkerungsschichten zu verbessern. Eine Chancengleichheit besteht jedoch nur formal, wie die PISA-Studie bestätigt hat. Theoretisch ist es jedem möglich, die Schulbildung zu erhalten, zu der er befähigt ist. So gilt hierbei das Leistungsprinzip, d.h. dass jeder nach der tatsächlich erbrachten Leistung bewertet und eingestuft wird und aufgrund dieser weitere Zulassungen erhält. Eine Selektion nach wirtschaftlicher Situation oder Schichtzugehörigkeit wird öffentlich dementiert, der Zugang zur Bildung stehe jedem gleichermaßen offen. Unterzieht man das deutsche Bildungssystem nur einer oberflächlichen Betrachtung, wird dieser Schein gewahrt. Eine tiefergehende Untersuchung zeigt jedoch deutlich, dass dadurch einige einflussreiche Faktoren, die den Zugang zur Bildung ebenfalls bedingen, außen vor gelassen werden und unberücksichtigt bleiben. Solche Faktoren sind zum Beispiel die soziale Stellung der Eltern, deren wirtschaftliche Lage und die Einbindung in das soziale Netzwerk. Unter anderem ergab die PISA-Studie, dass das deutsche Bildungssystem im Bezug auf die soziale Vererbung bzw. die Weitergabe des sozialen Status das selektivste ist. Dies zeigt, dass der Begriff der Chancengleichheit bei einer tiefer greifenden Betrachtung nicht haltbar ist. Statistiken weisen zum Beispiel deutlich nach, dass der Anteil der Kinder aus Arbeiterfamilien in höheren Bildungsgängen deutlich niedriger ist als beispielsweise der Anteil der Kinder der Freiberuflichen und Führungskräften. Der Anteil der Arbeiterkinder an Universitäten in Deutschland beläuft sich auf nur etwa 2 %. Dies lässt sich sicherlich nicht auf eine geringere naturgegebene Begabung der Kinder in unteren Schichten zurückführen. Es müssen im Gegenteil andere Gründe hierfür in Betracht gezogen werden.
In dieser Arbeit sollen mögliche direkte und indirekte Faktoren, die den Zugang zur Bildung beeinflussen herausgearbeitet werden. Die daraus entstandenen Modelle sollen, anhand des im Gemeinschaftsprojekt der Universitäten Konstanz und Zürich von Herrn Prof. Dr. Helmut Fend und Herrn Prof. Dr. Werner Georg erhobenen Datensatz überprüft werden. Die theoretische Erarbeitung wird sich überwiegend an den Überlegungen von Pierre Bourdieu / Jean-Claude Passeron sowie James Coleman orientieren, welche im Folgenden ausführlich dargestellt werden.
2. Thematische Einführung.
2.1 Pierre Bourdieu / Jean-Claude Passeron: „Die Illusion der Chancengleichheit“ Bevor wir uns nun im Folgenden dem Text von Bourdieu/Passeron „die Illusion der Chancengleichheit“ widmen, muss noch festgestellt werden, dass die Autoren ihre Ergebnisse auf in den 60er und 70er Jahren in Frankreich erhobene Studien stützen. Diese sind auf die Gegenwart und die BRD nicht 1:1 übertragbar. Die Schlussfolgerungen von Bourdieu/Passeron stellen jedoch eine
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fundierte theoretische Basis dar, die in ihrer Gesamtheit nach wie vor Geltung findet und für diese Arbeit relevant ist.
Die tatsächliche Verteilung der Studenten an deutschen Hochschulen hinsichtlich ihrer Schichtzugehörigkeit zeigt, dass die Arbeiterkinder im Vergleich zu den Kindern der mittleren und höheren Schicht, unter Berücksichtigung der Populationsverteilung. deutlich unterrepräsentiert sind. Bourdieu gliedert die Chancen für einen Hochschulbesuch in vier Kategorien. Dem zufolge haben die Kinder der unteren Schicht nur eine symbolische Chance zum Hochschulbesuch (5%). Die Chancen der Kinder der mittleren sind etwa dreimal so hoch wie die der unteren Schicht (15%). Die der oberen Mittelschicht verdoppeln sich demgegenüber noch einmal (30%). Mit 60% liegen die Chancen zum Hochschulzugang für Kinder der Oberschicht am höchsten. Aktuelle Daten aus der 16. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks zeigen ähnliche Verhältnisse, wie aus folgender Grafik 1 ersichtlich wird:
Abbildung 1: Bildungsbeteiligung nach Herkunft
Bei einer nahezu gleich großen Anzahl von 19 - 24 Jährigen aus den Schichten der Arbeiter wie der Angestellten liegt die Bildungsbeteiligungsquote, also die relative Anzahl derer, die ein Studium aufnehmen, in der Schicht der Angestellten dreimal so hoch wie in der Arbeiterschicht. Für Beamte
1 Aus: 16. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerk, 2001
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und Selbständige nimmt die Bildungsbeteiligungsquote gegenüber den Angestellten ebenfalls um fast das Doppelte zu. Wie folgende Grafik 2 zeigt, sind seit den 1980er Jahren die Zahlen für die Bildungsbeteiligung in der mittleren und unteren Schicht zum Teil stark rückläufig (von 34% auf 28% bzw. von 23% auf 13%), während sie in der höchsten Schicht stark zugenommen haben (von 17% auf 33%). Einzig bei der gehobenen Schicht blieb der Wert über die Jahre relativ konstant. Abbildung 2: Bildungsbeteiligung nach Herkunft und Jahr
Laut Bourdieu/Passeron lassen sich die Ursachen für ein derartiges Gefälle auf verschiedene Faktoren zurückführen. Zum einen ist hierfür das Schulsystem verantwortlich, welches in den verschiedenen sozialen Schichten verschieden stark Eliminierungen vornimmt. Nachstehende Grafiken 3 , Bildungstrichter genannt, illustrieren diese Tatsache: Abbildung 3: Bildungstrichter hohe soziale Herkunft
2 wie 1
3 Aus: 15. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerk, 1996
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Während Kinder aus einer höheren sozialen Herkunftsgruppe auf dem Weg zur Hochschule nur einer geringen Eliminierungsrate ausgesetzt sind, ist Kindern aus unteren sozialen Herkunftsgruppen schon der Weg zu Schulen, die den Hochschulzugang ermöglichen, deutlich erschwert. Von hundert Kindern aus niederen Schichten haben nur 33 überhaupt die Möglichkeit, die Hochschulreife zu erlangen. Von den übrigen sind es dann ganze 8 Kinder, die tatsächlich eine Hochschule besuchen. Abbildung 4: Bildungstrichter nieder soziale Herkunft
Diese ungleich verteilten Eliminierungen sind im Schulsystem begründet. So hat ein Schüler aus einer niedereren Schicht mehr Leistung zu erbringen als ein Schüler aus einer höheren Schicht, um dieselbe Anerkennung zu erhalten. Gleiche Leistungen der Schüler werden besonders bei den Empfehlungen für die Sekundarschule unterschiedliche bewertet. 4 Laut Bourdieu/Passeron wird die von d en Lehrkräften vorgenommene Beurteilung der Schüler vom jeweiligen sozialen Status der Eltern beeinflusst. Hier wird unter anderem davon ausgegangen, dass Kinder aus höheren Schichten eine bessere schulbegleitende Unterstützung vom Elternhaus bekommen. Darüber hinaus werden derartige Entscheidungen des zur Mittelschicht gehörende Lehrkörper bewusst oder unbewusst von seinem eigenen Schichtzugehörigkeitsgefühls und der Bewunderung der höheren Schicht beeinflusst. Eine weitere Ursache für das Gefälle an Hochschulen ist das schichtspezifische Selbstbild, mit welchem die Selbstverständlichkeit des eigenen Studiums zu- bzw. abnimmt. Ist für den einen die Vorstellung vom Studium eine „unerreichbare“ Zukunftsperspektive, stellt es für andere eine „mögliche“ oder sogar „selbstverständliche“ Aussicht dar. Entsprechend des Ausbildungswerdegangs der Eltern entstehen die Bildungserwartungen der Kinder. Während für die Kinder der höheren
4 So hat die neueste PISA-Studie ergeben, dass für ein und dieselbe Leistung im Fach Mathematik Noten
zwischen „gut“ und „ungenügend“ vergeben wurden. Ohne den Lehrkräften dies unterstellen zu wollen, bleibt zu
prüfen, ob dies nur auf Sympathie und Antipathie gegenüber den einzelnen Schülern zurückzuführen ist, oder ob
dabei auch die Schichtzugehörigkeit eine Rolle spielt.
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Schichten ein Hochschulbesuch als ein gewöhnlicher Ausbildungsweg angesehen wird, bleibt dieser den Kindern aus niederen Schichten fremd. Denn selbst wenn einem Kind aus der Arbeiterschicht der Weg zu höherer Bildung aufgrund der Begabung freisteht, so sind die Entscheidungen über den Bildungsverlauf immer Resultate einer schichtspezifischen Kalkulation zu den Kosten und Nutzen der Bildung. Tendenziell überschätzen untere soziale Schichten die Kosten der Bildung und unterschätzen den Nutzen (Einkommen, Prestige). Stehen die wirtschaftlichen Voraussetzungen einer Familie vergleichsweise schlecht, dann wird das „Risiko“ einer weiterführenden Schulbildung nur dann in Kauf genommen, wenn die Erfolgsaussichten hierfür überdurchschnittlich gut sind. Dagegen sind Eltern höherer Schichten eher bereit Bildungskosten, trotz unter Umständen geringerer Erfolgswahrscheinlichkeit zu tragen, da ein Statusabstieg weniger gern in Kauf genommen wird als die Kosten für eine höhere Bildung. Demzufolge entwickeln sie größere Anstrengungen auch bei schlechteren individuellen Voraussetzungen als niedrigere Schichten. Nicht nur höhere finanzielle Investitionen in die Bildung sind die Folge, sondern auch eine höhere Risikobereitschaft ebenso wie größerer Durchsetzungswillen (z.B. geringere Berücksichtigung von Schulempfehlungen, sofern diese nicht den eigenen Vorstellungen entsprechen).
Analog lassen sich auch Unterschiede bei den Studenten zum Studium selbst feststellen. Nach Bourdieu/Passeron vertreten Studenten aus höheren Schichten häufiger die Begabungsideologie und sind von der eigenen Begabung auch stärker überzeugt. Daher ist ihr Studienverhalten stark von Dilettantismus gekennzeichnet. Sie lesen beispielsweise weniger der in den Studienprogrammen vorgeschriebenen Werke, richten ihr Studium vielseitiger aus und sind in der Beurteilung der eigenen Leistungen optimistischer als Studenten aus unteren Schichten. Mit diesem Selbstbild kann eine Selbstsicherheit entwickelt werden, welche den Studenten in Prüfungssituationen, zum Beispiel mündlichen Prüfungen, einen entscheidenden Vorteil bringt. Die Distanziertheit bürgerlicher Studenten zum Studium ermöglicht es ihnen, den größten Nutzen aus dem universitären Angebot zu ziehen. Darüber hinaus ziehen sie aus ihrer privilegierten Herkunft weitere Vorteile: „die privilegiertesten Studenten verdanken ihrem Herkunftsmilieu […] Gewohnheiten, Fähigkeiten und Einstellungen, die für das Studium nützlich sind“ 5 . Besonders ausschlaggebend ist dabei die Beherrschung der dem Bildungswesen spezifischen Sprache, welcher eine humanistische Ausbildung, wie sie vor allem Kinder höherer Schichten erhalten, zugrunde liegt. In diesem Zusammenhang muss festgestellt werden, dass heutzutage kaum noch, weder an den deutschen Gymnasien, noch an den Gesamtschulen eine vollhumanistische Bildung mit Latein und Griechisch gelehrt wird. Dennoch verlieren Bourdieu/Passerons Schlussfolgerungen ihre Gültigkeit nicht vollständig. Trotz der neusprachlichen und naturwissenschaftlichen Züge an den weiterführenden hochschulqualifizierenden Schulen, ist Latein zumindest teilweise noch in den Lehrplänen enthalten. Dies nutzen im Besonderen Eltern aus privilegierten Schichten, welche ihre Kinder bevorzugt auf eben diese Schulen schicken, die altsprachliche Züge anbieten.
5 Aus Bourdieu/Passeron: „Die Illusion der Chancengleichheit“ S.35
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Neben der prozentualen Unterrepräsentation der niedereren Schichten an den Hochschulen insgesamt lässt sich ferner eine fachbezogene Ungleichverteilung der sozialen Schichten feststellen. Dies wird in folgender Tabelle 6 erkenntlich: Tabelle 1: Bildungschancen nach sozialer Herkunft (1961/1962)
Darin zeigt sich, dass Kinder aus unterprivilegierten Schichten zum größten Teil auf die naturwissenschaftliche und geisteswissenschaftliche Fakultät beschränkt sind (80%). Ein deutlich geringerer Anteil ist in der juristischen Fakultät eingeschrieben (15%). Die Wahrscheinlichkeit in den Studiengängen Medizin oder Pharmakologie Studenten aus unteren Schichten anzutreffen, ist äußerst
6 Aus Bourdieu/Passeron: „Die Illusion der Chancengleichheit“ S.21
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Arbeit zitieren:
Bene Schuhholz, 2003, Soziokulturelle Reproduktion im deutschen Bildungssystem, München, GRIN Verlag GmbH
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