1. Kurze Einführung
Der Shojo-Manga etablierte sich als eigenständige Gattung in den fünfziger Jahren. Es gab vorher bereits diverse Mädchenzeitschriften, die auch Mangas enthielten, jedoch schaffte Tezuka Osamu 1953 mit der Publikation seines Shojo-Mangas Der Ritter mit der Schleife den endgültigen Durchbruch. Daraufhin erschienen viele Publikationen, die sich mit den typischen Themen beschäftigten: Die Darstellung des Umgangs mit inneren Konflikten, die meist aus der erwachenden Sexualität resultiert, also Homosexualität, Pubertät, Sehnsüchte, Wünsche, Freundschaften, Beziehungen zwischen Mädchen.
Erst neunzehn Jahre nach Osamus unvergessenem Werk erschien ein neuer Hit unter den Shojo-Mangas: Lady Oscar- Die Rosen von Versailles von Riyoko Ikeda. Sie entwirft ein Abbild der historischen Geschehnisse um die Französische Revolution in Frankreich und baut darin eine komplexe Beziehungslandschaft auf. Im Mittelpunkt stehen die historische Figur Marie Antoinette und die erfundene Lady Oscar; die Königin von Frankreich ist in einem Sturm von Intrigen, Liebe, Leidenschaft und Schmerz gefangen, sie kommt mit ihrer Rolle nicht zurecht und leidet unter der Liebe zu Graf Hans Axel von Fersen. Lady Oscar hat die männliche, militärische Rolle- Sie ist Beschützerin der Königin und Komandant der Leibgarde. Aufgrund ihrer Erziehung zum Mann-Sein kann sie sich nicht richtig mit ihren Gefühlen auseinandersetzen, verliebt sich auch in Fersen und übersieht ihr Leben lang die Liebe von André, ihrem Begleiter und Untergebenen seit Kinderjahren. Die Autorin zählt zu der Gruppe der 24er 1 , die dem Mädchenmanga einige Erneuerungen brachte. Insbesondere das Verhältnis von Wort und Bild war betroffen. Die Gewichtung von Dialogen, inneren Monologen und Lautzeichen wurde bestärkt- Stimmungsmalerei und seelische Erkundung traten in den Vordergrund, Innerlichkeit war gefragt. Im Mädchenmanga überlappen sich Dialoge und innere Monologe, die Figurenrede dient demnach der Charakterisierung der Figur und erfordert Einfühlung von Seiten der Leser. Die Aufnahme der Innerlichkeit führte also zu einer immer komplexeren Seitengestaltung; auch die Zeitstrukturen wurden unübersichtlicher, da die Erzählebenen häufiger wechselten. Eine bunte Mischung von Vor-und Rückblenden, inneren Monologen und Dialogen wurde auf einer Doppelseite vereint und machte das Manga-Lesen zu einem sehr anspruchsvollen Prozess, in dem die Leserinnen auch auf eigene Teilnahme und emotionales Mitgefühl zurückgreifen mussten.
1 Berndt, Jaqueline: Phänomen Manga: Comic -Kultur in Japan, Berlin 1995, S. 111ff
2. Erzählperspektive
Ich möchte mich im Folgenden mit der Erzählperspektive und der im Manga verwendeten Sprache beschäftigen. Im Falle von Lady Oscar scheint mir diese Analyse eine besondere Gewichtung zu haben, da die Anzahl von Sprechblasen und die Menge an Text sofort auffallen. Ikeda hat bewusst viel Schrift eingebaut, da dieses Element einerseits eine typische Charakteristika des Shojo-Mangas darstellt, andererseits spezifische Wirkungen hat, wie ich anhand der ersten drei Bände des Mangas erläutern werde. 2 Es sind insgesamt drei Perspektiven vorhanden.
Allwissender/ auktorialer Erzähler
Dieser Erzähler schaltet sich immer wieder in Form von Blockkästen ein, die dicker umrandet sind als die anderen. Dahinter verbirgt sich Ikeda selbst, die ihrem Manga durch dieses stilististische Mittel vor allen Dingen eine bedeutende kultur-historische Nuance geben will, damit die geschichtlichen Fakten in Frankreich und in der Französischen Revolution nicht unter der Dominanz der vielen sentimentalen Romanzen untergehen. Die geschichtlichen Hintergrundinformationen betonen natürlich auch die Authentizität des Comics und lassen für den Leser im ersten Moment den Eindruck entstehen, es könne wirklich eine Persönlichkeit wie Lady Oscar gegeben haben. Dies ist insbesondere der Fall, wenn Ikeda auf den ersten Seiten des Mangas das Geburtsjahr von Marie Antoinette, Lady Oscar und Graf von Fersen nennt und dann direkt in die Darstellung historischer Ereignisse übergeht- da es sich bei den anderen beiden um historische Figuren handelt, kommt man schnell in den Glauben, Lady Oscar gehöre ebenso dazu (Bd. 1, S. 9ff).
Der allwissende Erzähler begleitet den gesamten Comic und hält den Leser somit immer auf dem Laufenden bezüglich der historischen und politischen Ereignisse- aufgrund dessen kann er auch als Chroniker bezeichnet werden, da der Manga wie eine Chronik die wichtigsten Etappen der geschichtlichen Begebenheiten aufzeigt und erläutert. Dies geschieht folgendermaßen: Die Blockkästen enthalten geschichtlich relevante Informationen, jedoch immer in geraffter Form, sodass jahrelange Geschehnisse zusammengefasst werden, oder
2 Ikeda, Riyoko: Die Abenteuer der Lady Oscar.Die Rosen von Versailles, Carlsen Verlag Bd. 1-3, Hamburg
2003
übergangslos eine neue Jahreszahl genannt wird, um längere Zeitabschnitte zu überbrücken (Bd. 1, S. 14). Es werden auch retrospektive und zukunftshinweisende Aussagen gemacht, diese vermitteln das nötige Hintergrundwissen, das historisch vor oder nach den im Manga beschriebenen Ereignissen liegt, aber Relevanz für diese hat (Bd. 1, S. 253). Die Blockkästen treten oft übergangslos auf, sodaß der Leser erst bei Nennung der neuen Jahreszahl merkt, dass ein Zeitsprung erfolgt ist.
Figurenrede Dialoge und Monologe
Dialoge
Dialoge begleiten den gesamten Comic; sie sind zahlreich auf fast jeder Seite vorzufinden und sind Hauptantreiber des Gesamtverlaufs. Sie stellen somit einen fundamentalen Bestandteil des inhaltlichen und stilistischen Aufbaus des Mangas Lady Oscar dar. Bei so häufigem Auftreten von Dialogen ist diesen unter anderem natürlich die Aufgabe zugeteilt, die Figuren anhand ihre Rede zu charakterisieren, da Ikeda jede Figur durch ihre eigene Sprache darstellt. So ist zum Beispiel Marie Antoniettes Sprache gekennzeichnet von vielen Interjektionen und affektiven Worten (Oh, je, ach..meine Liebe, mein Liebster...), bei Oscar hingegen finden sich nur an bestimmten Stellen solche Ausdrücke, da bei ihr die Militärsprache und formelle Hofsprache überwiegen. Durch diese bewusst gewählte Ausdrucksform werden gezielte Emotionen im Leser hervorgerufen, was ich aber im Abschnitt Monologe noch vertiefen möchte.
Wie ich bereits erwähnte, bringt die Figurenrede das Geschehen voran: Dies manifestiert sich innerhalb der Gespräche in Vor- und Rückblenden (Hintergrundinformationen, die wichtig für den Leser sind), Botenberichten (zum Beispiel aus Paris nach Versailles oder von André zu Oscar), und Kommentaren zu den aktuellen historischen und politischen Ereignissen, die dem Leser helfen, sich eine eigene Meinung zu den dargestellten Sachverhalten zu machen (Bd. 2, S. 254f).
Monologe- Gedankenwiedergabe
Diese Art der Figurenrede ist äusserst häufig im Manga anzutreffen. Es handelt sich hierbei um Monologe, beziehungsweise direkte Widergabe der Gedankenströme der einzelnen Figuren. Da Lady Oscar ein Prachtbeispiel für den Shojo-Manga darstellt, ist diese Form sehr wichtig: Der Leser erhält die Möglichkeit, an den Emotionen und Gedanken der jeweiligen
Arbeit zitieren:
Valentina L´Abbate, 2007, Perspektive und Erzählstruktur im Shojo-Manga am Beispiel von Lady Oscar, München, GRIN Verlag GmbH
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