Einführung
Seit die Moderne von der überwältigenden Flut der untereinander konkurrierenden (Multi-, Massen-) Medien immer mehr überrollt wird, zeigt sich eine Veränderung unserer Aufmerksamkeit. Das Bewusstsein kann faktisch nur einen Bruchteil der tatsächlichen Möglichkeiten der Wahrnehmung realisieren, und somit ist Aufmerksamkeit zur knappen Ressource geworden. Die Medienwissenschaften haben sich in den letzten Jahren deshalb in die Diskussion um Aufmerksamkeit, die innerhalb des Konzepts der Ökonomie der Aufmerksamkeit den Status eines umkämpften Guts, einer wichtigen Währung erhalten hat, vertieft. Zunächst versuche ich einige der gängigen Definitions- und Diskussionsansätze wiederzugeben, gehe auf die Selektion unseres Bewusstseins ein und auf die visuelle Aufmerksamkeit, die als die wichtigste unter den Sinneswahrnehmungen gilt, insbesondere im Hinblick auf Fernsehen, Computer, Virtuelle Welten, Cyberspace etc. Im letzten Abschnitt möchte ich herausarbeiten, wie Medien um unsere Aufmerksamkeit kämpfen und unsere Reaktion hierauf.
1. Verschiedene theoretische Ansätze
Um sich dem Hauptbegriff meiner Arbeit zu nähern, möchte ich zunächst drei Definitionsversuche von Aufmerksamkeit widergeben und dann zwei sehr bekannte theoretische Ansätze diskutieren. Georg Franck hat mit seiner Ökonomie der Aufmerksamkeit einen anspruchsvollen und weit verbreiteten Erklärungsversuch gegeben, dem ich anschliessend Florian Rötzers kontrastierende Ideen gegenüberstellen möchte. Diese Thesen werden im 3. Teil nochmals zur intensiven Auseinandersetzung mit den Medien zu Rate gezogen.
Bereits in den 60er Jahren wurde Aufmerksamkeit diskutiert, insbesondere von Nobelpreisträger Herbert Alexander Simon. 1 Der Diskurs wurde dann in den 90er Jahren, aufgrund des Übergangs zum Informationszeitalter und der überwältigenden Präsenz der Massenmedien, wieder aufgenommen.
1 Nolte, Kristina: Der Kampf um Aufmerksamkeit. Wie Medien, Wirtschaft und Politik um eine knappe Ressource
ringen, Frankfurt a/M 2005, S. 48f
2
1.1 Funktionalistische, physiologische und phänomenalistische Aufmerksamkeit
Laut Jens Eder, seit Juni 2002 Juniorprofessor für Medienwissenschaften in Hamburg 2 , lässt sich der Aufmerksamkeitsbegriff dreiteilen 3 .
1. Funktionalistische Definition
Hierbei wird Aufmerksamkeit über ihre kognitive Funktion bestimmt; dabei kann sie mehrere Formen annehmen, ist aber stets an der Informationsselektion beteiligt. Entweder wird Aufmerksamkeit als Fähigkeit zur Auswahl von Informationen gedacht, als Prozeß derselbigen oder als deren Ursache. Das Gehirn hat eine eingeschränkte Kapazität, es kann nicht unendlich viele Reize gleichzeitig bewusst wahrnehmen und bearbeiten. Daher muss es auswählen, welche Informationen für den Organismus von hoher oder geringer Bedeutung sind und daher weggelassen werden können. Wird einer Information nicht innerhalb von fünf Sekunden Aufmerksamkeit geschenkt, geht sie verloren. Dabei stellt sich nun die Frage, nach welchen Kriterien das Gehirn die Relevanz der Reize beurteilt. So werden einerseits neue Reize mit Aufmerksamkeit (Neugier)bedacht, andererseits richtet sich die Aufmerksamkeit auf emotional belegte Informationen, die ein Marker für Wichtigkeit sind. Je emotionsgeladener ein Reiz ist, desto leichter fällt es uns, unsere Aufmerksamkeit darauf zu richten. Bedürfnisse, Interessen, Einstellungen und Motive spielen daher bei der Entstehung und Verteilung der Aufmerksamkeit eine wichtige Rolle. 4
2. Physiologische Definition
Diese ist mit der oben genannten Definition verbunden, sie sieht Aufmerksamkeit in Verbindung zu bestimmten neuronalen Prozessen. Laut dem Kognitionswissenschaftler David LaBerge sei Aufmerksamkeit ein Vorgang im Gehirn, der aus neuronalen Aktivitäten in drei verschiedenen Hirnbereichen entstünde. Noch ist Aufmerksamkeit jedoch kein gut erforschtes Rhänomeninnerhalb der Neurowissenschaften.
3. Phänomenalistische Definition
Jeder weiß, was Aufmerksamkeit ist. Der Geist nimmt einen Gegenstand klar und lebhaft in Besitz, obwohl zur gleichen Zeit verschiedene Gegenstände (oder Gedankensequenzen)
2 http://www1.uni-hamburg.de/zwo/test/2archiv/index.html?/zwo/test/2archiv/2aktuell/Personen/eder.html
3 Joan Kristin Bleicher, Knut Hickethier (Hrsg.): Aufmerksamkeit, Medien und Ökonomie, Münster 2002, S. 17ff
4 http://de.wikipedia.org/wiki/Aufmerksamkeit
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präsent sind... Zur Aufmerksamkeit gehört es, sich von gewissen Dingen zurückzuziehen, um sich mit anderen wirkungsvoller auseinanderzusetzen. (William James) 5 Das beste Beispiel für diese Definition ist die weit über 100 Jahre alte Beschreibung von William James in seinen Principles of Psychologie aus dem Jahre 1890. Der Prozess der Aufmerksamkeitszuwendung ist dabei gekennzeichnet durch Zuwendung (Orientierung) und Auswahl (Selektivität) der Gegenstände und der damit verbundenen Unaufmerksamkeit gegenüber anderen Gegenständen. Die Zuwendung ist durch eine gesteigerte Wachheit und Aktivierung charakterisiert, während die Selektivität die Funktion eines Filters hat, um wichtige und unwichtige Informationen voneinander zu trennen. 6
1.2 Georg Franck: Attention and awareness
Georg Franck wurde 1946 geboren. Er studierte in München Philosophie, Architektur und Volkswirtschaftslehre mit Promotion. 1974 bis 1993 war er freier Architekt und Entwickler von Software für die räumliche Planung, ab 1991 Unternehmer im Bereich der Entwicklung räumlicher Informationssysteme. Seit 1994 ist er Ordinarius für digitale Methoden in Architektur und Raumplanung an der Technischen Universität Wien. 7 In seinem bekanntesten Werk Ökonomie der Aufmerksamkeit (1998) setzt er sich mit dieser auseinander und formuliert die Thesen, die den heutigen Diskurs am meisten beeinflussen. Zuerst beschreibt er Aufmerksamkeit auf emotionaler und zwischenmenschlicher Ebene, um sogleich auf ihren gesellschaftlichen und ökonomischen Aspekt einzugehen: Die Aufmerksamkeit anderer Menschen ist die unwiderstehlichste Droge. Ihr Bezug sticht jedes Einkommen aus. Darum steht der Ruhm über der Macht, darum verblaßt der Reichtum neben der Prominenz. 8 Hierbei sind Francks zentrale Aussagen beinahe schon zusammengefasst. Im Bereich der Ökonomie zeige sich ein Wandel der Wirtschaftsgüter: Im Informationszeitalter, in dem der Mensch unter der Flut der Informationen untergehe, gelte Aufmerksamkeit als knappe Ressource und sei dadurch sei zu einer Art Währung geworden, da sie die Universalität des Geldes übertreffe. 9 Insbesondere zeige sich dies im öffentlichen Raum- zum Beispiel sei durch Werbung, die eng mit Marke und Produktdesign verbunden ist, ein Markt
5 Andrea Schankin: Wie entsteht visuelles Bewusstsein? Eine EKP-Studie über den Zusammenhang zwischen
Aufmerksamkeit und Bewusstsein, Göttingen 2005, S. 22
6 http://de.wikipedia.org/wiki/Aufmerksamkeit
7 http://wga.dmz.uni-wh.de/wiwi/html/default/mgac-6rpewn.en.html
8 Franck, Georg: Ökonomie der Aufmerksamkeit. Ein Entwurf, München Wien 1998, S. 10
9 Franck, Georg: Ökonomie der Aufmerksamkeit, S. 49ff
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entstanden, auf dem Informationen gegen Aufmerksamkeit und diese gegen Geld eingetauscht werden würde. 10
Auch wenn Franck weiss, dass es hoffnungslos ist, Aufmerksamkeit und Bewußtsein bündig zu definieren 11 , versucht er es und nutzt zwei Begriffe aus dem Englischen, die zusammengesetzt die beste Definition darstellen. Attention, rein transitiv zu betrachten, beschreibe das gezielte und heraushebende, den Gegenstand fokussierende Achtgeben und eine zielgerichtete Informationsverarbeitung. Awareness sei der Zustand von wacher Achtsamkeit, das intransitive Dasein, welches bewusstes Merken, Spüren und Empfinden erlaube. Aufmerksamsein bedeute also stets zugewandte und zugleich wach daseiende Geistesgegenwart. Aus diesem Grund kann nur aufmerksam sein, wer auch ein Bewusstsein hat, somit sind Maschinen, insbesondere der Computer, davon ausgeschlossen. Franck verknüpft demnach funktionalistische mit phänomenologischen Aspekten.
1.3 Florian Rötzer: Selektive Informationsverarbeitung
Florian Rötzer, geboren 1953, ist Journalist und Chefredakteur beim Online-Magazin Telepolis, zu dessen Gründern er gehört 12 . Er veröffentlichte im selben Jahr wie Franck seine Digitalen Weltentwürfe, in denen er ebenfalls versucht, Aufmerksamkeit im Zeitalter der Massenmedien zu positionieren.
Für ihn sei nicht alles, was knapp sei, auch schon wertvoll und nicht alles, was bekannt sei, besitze großen Wert 13 , und steht bereits hier schon Francks Thesen widersprüchlich gegenüber. Er geht dann grundsätzlich gegen Franck, indem er behauptet: Alle Medien sind eine kollektive und verwirklichte Form der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit, ein Filter, der Neuigkeiten selektiert und sie als Informationen inszeniert 14 . Dies würde nur dem Aspekt von attention bei Francks Argumentation entsprechen, da Rötzer weiterhin meint, Bewusstsein sei im Aufmerksamkeitsdiskurs nicht notwendig inbegriffen. Er stellt keine expliziten Begriffsdefinitionen an, er nimmt lediglich eine Dreiteilung vor: Die Aufmerksamkeit des einzelnen Menschen, die auch biologisch durch sein kognitives System gelenkt und begrenzt wird, die kollektive Aufmerksamkeit von gesellschaftlichen Gruppen oder ganzen Gesellschaften, die im weitesten Sinne durch Medien erzeugt und getragen wird. 15 Rötzer
10 Franck, Georg: Ökonomie der Aufmerksamkeit, S. 70ff
11 Franck, Georg: Ökonomie der Aufmerksamkeit, S. 28ff
12 http://de.wikipedia.org/wiki/Florian_R%C3%B6tzer
13 Rötzer, Florian: Digitale Weltentwürfe. Streifzüge durch die Netzkultur, München Wien 1998, S. 62
14 Rötzer, Florian: Digitale Weltentwürfe, S. 63
15 Rötzer, Florian: Digitale Weltentwürfe, S. 75
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Arbeit zitieren:
Valentina L´Abbate, 2008, Der Kampf um die (visuelle) Aufmerksamkeit, München, GRIN Verlag GmbH
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