Freie Universität Berlin Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften Friedrich-Meinecke-Institut - Geschichte WS 2001/2002
PS 13 355: Deutsches Bürgertum im 19. und 20. Jahrhundert
D a s d e u t s c h - j ü d i s c h e B i l d u n g s b ü r g e r t u m i m S p i e g e l d e r E r i n n e r u n g e n u n d T a g e b ü c h e r d e s V i c t o r K l e m p e r e r - P r o z e s s e d e r V e r b ü r g e r l i c h e r u n g u n d d e r E n t b ü r g e r l i c h e r u n g
René Schlott
Geschichte (Hauptfach)
2. Fachsemester
Berlin, 20.05.2002
3
Inhaltsverzeichnis
Einleitung 4
1
Begriffskl ärungen 7
2
Emanzipation 9
3
Assimilation 12
4
Erster Weltkrieg und Revolution 16
5
Antisemitismus 20
6
Nachwort 24
7
Literaturverzeichnis. 28
8
Zur Zitierweise der Quellen:
Die Erinnerungen und Tagebücher von Victor Klemperer sind die Primärquelle dieser
Arbeit. Auszüge daraus nehmen folglich einen breiten Raum ein. Die Quellenangabe
erfolgt daher nicht in einer Fußnote, sondern in Klammern hinter dem kursiv
gesetzten Zitat, in der Art das zunächst in Abkürzung das Werk, der jeweilige Band
und die entsprechende Seitenzahl genannt wird. (Beispiel CV II, S.344) Folgende
Buchausgaben wurden verwendet:
Curriculum Vitae. Erinnerungen 1881-1918. Hg. von Walter Nowojski, 2 Bde., Berlin
1989. (Zitierabkürzung CV)
Leben sammeln, nicht fragen wozu und warum. Tagebücher 1918-1933. Hg. von
Walter Nowojski unter Mitarbeit von Christian Löser, 2 Bde., Berlin 1996.
(Zitierabkürzung LS)
Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933-1941. Hg. von Walter
Nowojski unter Mitarbeit von Hadwig Klemperer, 2 Bde., Berlin 1995.
(Zitierabkürzung ZA)
4
Einleitung 1
Die von Lothar Gall verfasste Familiengeschichte der Bassermanns, „Bürgertum in Deutschland“, wollte „die konkrete lebensweltliche Verknüpfung von Allgemeinem und Besonderem“ am Beispiel eines Personenverbandes aufdecken und zugleich „Familiengeschichte in allgemeiner Absicht“ 1 sein. Dem Autor gelang es unter Anwendung der historisch-kritischen Methode und unter Beachtung von geschichtswissenschaftlichen, objektivierbaren Kriterien das Standardwerk zur deutschen Bürgertumsgeschichte vorzulegen. Die gleichen Prämissen und Strukturprinzipien nutzte Elisabeth Kraus zur Darstellung der Entwicklung des deutsch-jüdischen Bürgertums im 19. und 20. Jahrhundert. Sie schrieb die Familiengeschichte der Mosses 2 . Eine um den Aspekt der jüdischen Herkunft und Identität erweiterte Bürgertumsgeschichte.
Dieser spezifischen Schicht des deutschen Bürgertums wendet sich auch die vorliegende Arbeit zu. Im besonderen dem Teil, der sich „durch den Besitz von Bildungspatenten“ und durch eine „bestimmte Lebensführung, man kann auch sagen: Kultur“ 3 , als Bildungsbürgertum qualifizierte. Es soll der Versuch unternommen werden, eine „Personengeschichte in allgemeiner Absicht“ zu schreiben, deren Grundlage, wie bei Gall und Kraus, individualgeschichtliche Quellen sind. In wenigen, ausgewählten Teilaspekten soll eine Geschichte des deutschjüdischen Bildungs-bürgertums vorgelegt werden. Der betrachtete Zeitraum beschränkt sich auf die Jahre des Kaiserreiches und der Weimarer Republik. Da Geschichte nicht von ihrem Ende her gedacht werden darf und man die deutschjüdische Geschichte oft nur als Vorgeschichte des Holocaust deutet 4 , ist es um so bedeutender gerade die, der „Kontinuität im Zeichen des Untergangs“ 5 gegenläufigen Tendenzen zu untersuchen. Sie können in den Jahren von 1871 bis 1933 beobachtet
1 Gall, S. 20.
2 Zu dieser weitverzweigten Familie gehören beispielsweise Max Reinhardt, der Nobelpreisträger
Konrad Bloch und die im folgenden noch zitierten Historiker George L. und Werner E. Mosse.
3 Conze/ Kocka, S. 11f. (in Anlehnung an Lepsius)
4 Walser, S.35, meint: „Wer alles als einen Weg sieht, der nur in Auschwitz enden konnte, der macht
aus dem deutsch-jüdischen Verhältnis eine Schicksals-katastrophe unter gar allen Umständen.“
5 Zimmermann, S.79.
5
werden, als sowohl die völlige rechtliche Gleichstellung der Juden erfolgte 6 , als auch eine „jüdische Renaissance“ 7 , als Höhepunkt der jüdischen Kultur in der Zwischenkriegszeit, erblühte.
Exemplarisch für die Entwicklung des gesamten jüdischen Bildungs-bürgertums in diesem Zeitraum soll das Leben des Victor Klemperer, 1881 als neuntes Kind eines Rabbiners in der preußischen Provinz Posen geboren, untersucht werden. Zu Beginn seiner Autobiographie „Curriculum Vitae“ berichtete Klemperer, dass er regelmäßig seit seinem 16. Lebensjahr Tagebuch schrieb: „Ich musste mir über alles schriftliche Rechenschaft ablegen, sonst fehlte mir das Gefühl der Klarheit und sozusagen das Fertigsein mit meinen Erlebnissen.“(CV I, S.6 f.) Er behielt diese Gewohnheit über 64 Jahre bis zum Oktober 1959, d.h. bis kurz vor seinem Tod am 11.Februar 1960, bei. „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten“, unter diesem Titel sind im Herbst 1995 erstmals seine Tagebücher aus den Jahren 1933 bis 1945 erschienen. Als unmittelbare Zeugnisse des Alltagslebens eines Juden im nationalsozialistischen Deutschland, der Beginn und Ende des „Tausendjährigen Reiches“ erlebte, stießen sie auf großes Interesse.
Aufgrund der unerwartet hohen Resonanz wurden in den kommenden Jahren alle Tagebuchaufzeichnungen und Erinnerungen Klemperers veröffentlicht. Darunter auch das Quellenmaterial für diese Arbeit:
1997 erschien „Curriculum Vitae“ 8 , die Erinnerungen Klemperers an den Zeitraum von 1881 bis 1918. Auch wenn Klemperer selbst nicht daran dachte, seine Tagebücher zu veröffentlichen, hatte er doch bereits früh eine Autobiographie ins Auge gefasst, für die sein Tagebuch als biographisches Material dienen sollte. Er hatte „Curriculum Vitae“ 1935 begonnen, als er aufgrund des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ als Romanistikprofessor der Technischen Hochschule Dresden zwangsweise in den Ruhestand versetzt wurde und kurze Zeit später durch Bibliotheksverbot belegt, seine wissenschaftliche Arbeit
6 Die Verfassung des Deutschen Reiches von 1871 übernahm die Gesetzgebung des Norddeutschen
Bundes von 1869, nach der alle mit der Religionszugehörigkeit begründeten Einschränkungen und
Ausschlüsse aufgehoben wurden. Vgl. Volkov 1990, S.112.
7 Brenner, Michael: The Renaissance of Jewish Culture in Weimar Germany, New Haven/ London
1966; B. bezeichnet so den Höhepunkt jüdischen Kulturlebens in den 1920er Jahren und führt
beispielhaft Persönlichkeiten wie Max Reinhardt, Max Liebermann, Alfred Döblin, Alfred Kerr, Franz
Werfel, Fritz Lang, Kurt Tucholsky oder Arnold Schönberg an.
8 Zweitveröffentlichung; Ersterscheinung bereits 1989 bei Rütten & Loening, Berlin.
6
aufgeben musste. Gleichsam als Kompensation für die „...unerträgliche Gegenwart (der Nazizeit, d.V.) verschafft er sich durch die Erinnerung an die eigene Geschichte einen Resonanzboden. Curriculum Vitae wird zu einer Anti-Welt seiner Gegenwart.“ 9 Die Tagebücher aus der Zeit der Weimarer Republik, unter dem Titel „Leben sammeln, nicht fragen wozu und warum“, ebenfalls 1997 herausgegeben, sind die zweite wichtige Quellengrundlage.
Der Literatur-Brockhaus definiert Tagebücher „als regelmäßige, chronologisch aufeinandergereihte Skizzen, in denen der Autor Erfahrungen mit sich und seiner Umwelt unmittelbar festhält“. 10 Tagebücher sind deshalb Dokumente sowohl der Individual-, wie auch der Zeitgeschichte. „Gerade dieses Spannungsverhältnis von Selbstwahr-nehmung und Wahrnehmung des Zeitgeschehens (...) eröffnet ein unverwechselbares, aussagekräftiges historisches Quellenmaterial.“ 11 Weil Tagebücher ohne die Absicht einer späteren Veröffentlichung verfasst werden, gelten sie zudem als sehr authentisch, als Vermittler einer unverfälschten Innensicht des Diaristen. Außerdem war Tagebuch schreiben vor allem eine bürgerliche Ausdrucksform, und ist vielleicht selbst ein Kennzeichen bildungsbürgerlichen Selbstverständnisses. Klemperer stellt sich in klassische, bürgerliche
Aufklärungstradition, wenn er Leben sammeln und Zeugnis ablegen wollte und so über sich und seine Umwelt reflektierte. Daher kann eine Bürgertumsgeschichte gerade auf dieser Quellengrundlage die Innensicht, im Fall Klemperers die Innensicht der jüdischen Bürgerwelt in der deutschen Gesellschaft, darstellen. So geben Autobiographie und Tagebuch Victor Klemperers Einblicke in das enorm erfolgs- und aufstiegsorientierte, stark assimilationswillige deutsch-jüdische Bildungsbürgertum Berlins 12 und damit auch Deutschlands. 13
Auf ihrer Grundlage soll zum einen untersucht werden, ob das individuelle Erleben Klemperers Ausdruck eines allgemeinen Prozesses war, also paradigmatisch für das jüdische Bildungsbürgertum ist. Zum anderen aber werden auch die spezifisch-
9 Bircken,S.197.
10 Habicht, W. u.a. (Hg.): Der Literatur-Brockhaus, Bd.3, Mannheim 1988, S.484.
11 Klose, S.207.
12 Klemperer lebte von 1891 bis 1916 in Berlin.
13 In Berlin lebten 1925 fast ein Drittel der deutschen Juden. Vgl. Zimmermann, S.110 ff., der vom
„Wasserkopf“ Berlin spricht.
7
„klemperischen“ Entwicklungslinien betrachtet, die bei einer Gesamtschau seiner Tagebuchaufzeichnungen gezogen werden können.
Insbesondere soll den Fragen nach einer Interdependenz von Judentum und Bürgertum und nach einer Adaption bürgerlicher Verhaltensweisen durch die jüdischen Deutschen nachgegangen werden. Auch die besondere Rolle der Bildung bei der Integration in die deutsche Gesellschaft wird untersucht. Außerdem soll gezeigt werden, wie die Erfolge der jüdischen Verbürgerlicherung, zur Entstehung einer neuen Judenfeindlichkeit führten, und warum dieser bürgerliche Antisemitismus zugleich der Beginn des jüdischen Entbürgerlicherungsprozesses ist. Die Geschichte der deutschen Juden in der Neuzeit wird zumeist mit drei zentralen Begriffen beschrieben. In chronologischer Reihenfolge sind dies: Emanzipation, Assimilation und Antisemitismus. Diese Themenkreise, so stimmen die meisten Historiker 14 überein, haben das jüdische Leben in Deutschland bestimmt. Sie bilden zugleich in den drei Kapiteln Emanzipation, Assimilation und Antisemitismus den Hauptteil dieser Arbeit. Ein Exkurs zum Ersten Weltkrieg und zur Novemberrevolution 1918, den Schlüsselereignissen zum Verständnis der deutschen
Bürgertumsentwicklung, ergänzt die Darstellung. Zuvor soll jedoch eine Bestimmung der zentralen Begriffe versucht werden.
Begriffsklärungen 2
Die Verwendung der Termini Bürger, Bürgertum und Bürgerlichkeit ist umstritten und schwankt noch immer „zwischen Ideal- und Realtypus hin und her“ 15 . Die größte Übereinstimmung in der Forschung besteht darin, was das Bürgertum nicht war, weder „Klasse“, noch „Stand“ 16 und mehr als eine „Vergesellschaftung von Mittelklassen.“ 17 Einige Merkmale der Bürgerlichkeit im 19. Jahrhundert werden als weitgehend zutreffend von allen Forschern anerkannt. Danach verband das Bürgertum „ein Vierfaches. 1. Eine mindestens auskömmliche und gesicherte Lebenslage und die Abgehobenheit von körperlicher Arbeit (...). 2. Ein gemeinsames Wertesystem: das auf Leistung, Erfolg, auf Fleiß und Arbeit, auf Pflicht und „Beruf“,
14 Vgl. Volkov 1995, S.VII.
15 Hein/ Schulz, S.13.
16 Conze/ Kocka, S.10.
17 Lepsius, S.80.
8
auf rationaler Lebensführung gegründet war (...). 3. Ein gemeinsamer Lebensstil, auf der Basis der Bildung und im Kontext der bürgerlichen Familie (...). 4. Politische Glaubensüberzeugungen, die das Bürgertum integrierten: den Liberalismus, (...) und dann den imperialen Nationalismus.“ 18
Die oft gestellte Frage, ob das Bildungsbürgertum gesellschaftliche Formation oder Historikerkonstrukt sei, weist auch bei dieser Bezeichnung auf eine Definitions- und Begriffsproblematik hin. 19 Kocka definiert als Bildungsbürger jene soziale Schicht, die ihre „Ansprüche auf Einkünfte, Status und Einfluss oder Macht nicht durch Verweis auf Geburt (Adel), Eigentum (Grundbesitzer, Wirtschaftsbürger) (...) erhoben oder absicherten, sondern durch Verweis auf nachgewiesenes Wissen.“ 20 Wehler wählt eine ähnliche Abgrenzungsdefinition, wenn er deren „Bildung als vollwertiges Äquivalent und überlegenen Ausgleich für Adelsprädikat oder Kapitalvermögen“ 21 erklärt. Noch genauer definiert Nipperdey Bildungsbürger als diejenigen, „die ein akademisches Studium absolviert und mit Prüfungen den Erwerb von Bildungspatenten abgeschlossen haben, aufgrund dieser Tatsache ihren Beruf ausüben und ihr Einkommen beziehen.“ 22
Auch eine Begriffsbestimmung des deutschen Judentums ist problematisch. „Definieren sich Juden und Judentum durch Religion, durch Nation, durch Geschichte, durch Herkunft oder durch Selbst-bewusstsein?“ 23 Welche Zuordnung erfahren die Konvertierten und die „Mischlinge“, d.h. die sogenannten Halb- und Vierteljuden? Konnte man Victor Klemperer weiter als jüdisch bezeichnen, auch wenn er 1903 und 1912 zum Protestantismus konvertierte und in einer Mischehe mit einer Christin lebte? Macht die Erlangung der deutschen Staatsbürgerschaft mit der Gleichstellung 1871 die in Deutschland lebenden Juden, schon zu deutschen Juden? „Der gewaltsame Versuch, Juden und deutsche Juden in eine prägnante, treffende
18 Nipperdey 1993, S.393 f.
19 Kocka, S. 9; Ausführlich hierzu auch: Engelhardt, Ulrich: „Bildungsbürgertum“. Begriffs- und
Dogmengeschichte eines Etiketts, Stuttgart 1986.
20 Conze/ Kocka, S.25.
21 Wehler Bd.1 1987, S.216; Nipperdey 1988, S.7, konstatiert: „Es sind das Denken und die Reflexion,
die von nun an anstelle von Anschauung und Überlieferung die Verhaltensnormen vermitteln, die
Weltinterpretation und den Lebenssinn.“; Glaser, S.106, definiert: „Bildung steht im Mittelpunkt des
bürgerlichen Welt- und Selbstverständnisses. Der Bildungsbürger hat ein enges Verhältnis zur
ästhetischen Kultur und Respekt vor der Wissenschaft. Individualismus und Universalismus prägen
ihn.“
22 Nipperdey Bd.1, S.145 ; Vgl. auch Definition von Vondung, S.25-27.
23 Zimmermann, S.80.
Arbeit zitieren:
René Schlott, 2002, Das deutsch-jüdische Bildungsbürgertum im Spiegel der Erinnerungen und Tagebücher des Victor Klemperer - Prozesse der Verbürgerlicherung und der Entbürgerlicherung, München, GRIN Verlag GmbH
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