Sowohl „Die Soldaten“ als auch „Der Hofmeister“ sind wesentlich
gesellschaftskritische Stücke: Weder Läuffer noch Mariane sind ausschließlich als
Person verantwortlich für das Unglück, das sie trifft, sondern sie sind vor allem Opfer
allgemeiner gesellschaftlicher Mißstände.
In Lenz´ Werken dominiert die Bedrängtheit der Figuren, d.h. sie stehen in einer
Gesellschaft, die durch Zwänge und hohe Ansprüche auf sie einwirkt. Dadurch werden sie
in Bahnen gedrängt, die sie nicht mehr realistisch einschätzen oder gar durchschauen
können. Im Gegensatz dazu stehen die Triebhaftigkeit und der Drang nach sozialer
Anerkennung, durch welche die Helden beherrscht werden. Seine Figuren stehen in
einem ständigen Konflikt zwischen der Gesellschaft und sich selbst. Mariane, die
Protagonistin in Lenz´ Komödie Die Soldaten, erlebt, gekennzeichnet von eigener
kindlicher Naivität sowie äußerlichem Druck, einen gesellschaftlichen Abstieg, der auch
durch den Rettungsversuch der Gräfin de La Roche nicht aufgehalten werden kann. Das
zentrale Thema, welches in Lenz' Werk thematisiert wird, ist, ob eine Hure immer eine
Hure sei oder ob sie erst dazu gemacht würde. Diese allgemeine Fragestellung möchte
ich in dieser Arbeit konkretisieren und an Hand von für diese Analyse wichtigen Szenen,
klären, ob Mariane ihren sozialen Abstieg selbst verschuldet hat oder ob sie Opfer von
gesellschaftlichen Normen und Regeln geworden ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1 Figurenkonstellation
2.2 Analyse
2.2.1 Erster Akt, dritte Szene – Desportes überredet Mariane, ihn in die Komödie zu begleiten
2.2.2 Die Rolle der Komödie und des Komödienbesuchs für Mariane
2.2.3 Erster Akt, fünfte und sechste Szene – Mariane beichtet ihrem Vater den Komödienbesuch
2.2.4 Marianes gesellschaftlicher Absturz – die Trennung von Desportes und der Rettungsversuch der Gräfin de la Roche
3. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den gesellschaftlichen Abstieg der Protagonistin Mariane Wesener in J.M.R. Lenz’ Komödie „Die Soldaten“ mit dem Ziel zu klären, inwieweit dieser Prozess durch eigenes Verschulden der Figur oder durch gesellschaftliche Zwänge und äußere Einflüsse determiniert ist.
- Analyse der Figurenkonstellation und sozioökonomischer Abhängigkeiten
- Untersuchung der Rolle gesellschaftlicher Normen und Moralvorstellungen
- Reflektion über das Spannungsfeld zwischen individueller Naivität und äußerem Druck
- Einordnung der Handlung in den Kontext des Sturm und Drang
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Erster Akt, dritte Szene – Desportes überredet Mariane, ihn in die Komödie zu begleiten
In dieser Szene befindet sich Desportes bei Mariane im Hause der Familie Wesener. Wie an späteren Äußerungen zwischen Desportes und Vater Wesener deutlich wird, kennen sich beide bereits aus einer geschäftlichen Bekanntschaft. Desportes steht als Soldat und Adliger gesellschaftlich in einem höheren Stand als die bürgerliche Familie Wesener. Diese Überlegenheit nutzt er aus, indem er der Tochter Mariane Komplimente macht. Er verführt sie durch seine gehobene gesellschaftliche Stellung und seinen Reichtum. Sie ist ein höfliches Mädchen, was sich beispielsweise daran zeigt, dass sie von allen Seiten durchaus positiv dargestellt wird, und will den adligen Desportes nicht vor den Kopf stoßen. Dies zeigt sich ganz deutlich an ihrem Umgang mit ihm. Sie möchte seinen Schmeicheleien widerstehen und antwortet auf seine Komplimente: „O Herr Baron hören Sie auf, ich weiß doch daß das alles nur Komplimente sein.“ (I,3)
Sie wirkt stark und widerstehlich. Ebenfalls betont sie mehrmalig die Meinung ihrer Mutter, die sie vor Männern wie Desportes gewarnt hat.
Dies wird durch die zweimalige Wiederholung der Wörter meine Mutter besonders deutlich. Ebenfalls lässt dieser Bezug auf die Aussagen der Mutter nochmals auf Marianes Naivität und ihre starke Elternbindung schließen. Desportes antwortet auf diese Anschuldigungen: „Ist das falsch wenn ich mich vom Regiment wegstehle, da ich mein Semestre doch verkauft habe und jetzt riskiere daß man erfährt, daß ich nicht bei meinen Eltern bin wie ich vorgab, man mich in Prison wirft wenn ich wiederkomme, ist das falsch, nur um das Glück zu haben Sie zu sehen, Vollkommenste? (I,3)“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das gesellschaftskritische Werk ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach der Eigen- oder Fremdverschuldung von Marianes sozialem Abstieg.
2. Hauptteil: Der Hauptteil beleuchtet zunächst die autobiografischen Bezüge des Autors, analysiert dann die Figurenkonstellation und untersucht detailliert die Schlüsselszenen, die zu Marianes Entfremdung und ihrem sozialen Absturz führen.
2.1 Figurenkonstellation: In diesem Kapitel wird das Beziehungsgeflecht der handelnden Personen analysiert und deren Einflussnahme auf Mariane grafisch sowie inhaltlich dargelegt.
2.2 Analyse: Dieses Kapitel bildet das Zentrum der Untersuchung, in welchem der chronologische Handlungsverlauf in Bezug auf Marianes Interaktionen mit ihrem Vater, Desportes und der Gräfin de la Roche analysiert wird.
2.2.1 Erster Akt, dritte Szene – Desportes überredet Mariane, ihn in die Komödie zu begleiten: Die Analyse dieser Szene verdeutlicht die Verführung Marianes durch den Baron Desportes, der seinen höheren gesellschaftlichen Status geschickt ausnutzt.
2.2.2 Die Rolle der Komödie und des Komödienbesuchs für Mariane: Hier wird die gegensätzliche Wahrnehmung der Komödie durch die Soldaten und die geistlichen Vertreter beleuchtet, welche als moralischer Spiegel für das Geschehen dient.
2.2.3 Erster Akt, fünfte und sechste Szene – Mariane beichtet ihrem Vater den Komödienbesuch: Das Kapitel behandelt das Zusammentreffen von Vater und Tochter sowie den väterlichen Eigennutz, der zu einem folgenschweren Ratschlag führt.
2.2.4 Marianes gesellschaftlicher Absturz – die Trennung von Desportes und der Rettungsversuch der Gräfin de la Roche: Abschließend wird der endgültige Abstieg Marianes und die ambivalente Rolle der Gräfin bei ihrem gescheiterten Rettungsversuch dargelegt.
3. Fazit: Das Fazit fasst die Analyseergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass Mariane zwar eine gewisse Mitschuld trägt, jedoch primär als Opfer gesellschaftlicher Umstände und fremder Interessen zu werten ist.
Schlüsselwörter
J.M.R. Lenz, Die Soldaten, Mariane Wesener, Desportes, Sturm und Drang, gesellschaftlicher Abstieg, bürgerliches Trauerspiel, Moral, Ständehierarchie, Naivität, soziale Abhängigkeit, Komödie, Schuld, Gräfin de la Roche.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Schicksal der Hauptfigur Mariane Wesener in J.M.R. Lenz’ Werk „Die Soldaten“ und analysiert, inwiefern sie für ihren gesellschaftlichen Abstieg selbst verantwortlich ist.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Fokus stehen der Einfluss des Adels auf das Bürgertum, die moralische Bewertung von Frauenfiguren im 18. Jahrhundert sowie die Wirkmacht gesellschaftlicher Normen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, ob Mariane Opfer gesellschaftlicher Umstände und Manipulationen durch Männer wurde oder ob ihr Abstieg die direkte Konsequenz ihres eigenen Handelns darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Die Arbeit nutzt eine chronologische Textanalyse, ergänzt durch die Einbeziehung zeitgenössischer Sekundärliteratur und autobiografischer Bezüge des Autors.
Welche inhaltlichen Aspekte bilden den Schwerpunkt des Hauptteils?
Der Hauptteil analysiert die soziale Hierarchie im Werk, die Verführungsstrategien von Desportes sowie die ambivalenten Reaktionen von Vater Wesener und der Gräfin de la Roche auf Marianes Situation.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Zentrale Begriffe sind soziale Determination, Standesunterschiede, elterliche Bindung, moralische Integrität und die Gattungsproblematik des „bürgerlichen Trauerspiels“.
Welche Rolle spielt der Vater im Prozess von Marianes Abstieg?
Vater Wesener wird als ambivalente Figur gezeichnet, die einerseits seine Tochter schützen will, andererseits jedoch aufgrund eigener Ambitionen und Eigennutz den sozialen Absturz seiner Tochter indirekt befördert.
Wie bewertet die Arbeit den „Rettungsversuch“ der Gräfin de la Roche?
Die Arbeit bewertet das Handeln der Gräfin als primär eigennützig, da ihr das Wohl der Tochter weniger wichtig ist als die Wahrung des eigenen Rufes und des Ansehens ihres Sohnes.
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- Mareike Gruse (Author), 2009, Mariane – Opfer gesellschaftlicher Einflüsse oder ihrer eigenen Triebhaftigkeit?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129698