Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 4
2. Die Entwicklung Estrithes 5
3. Estrithe als Erzieherin. 9
4. Der Innere Konflikt und der Aspekt des Privaten 11
5. Estrithe als Vorläuferin der Heldin des bürgerlichen Trauerspiels 16
6. Fazit 17
1. Einleitung
Im Sommer des Jahres 1746 vollendete Johann Elias Schlegel „Canut“, sein letztes Trauerspiel, bevor er 1749 in Sorø starb. Das Stück handelt von der Zeitenwende von der „Barbarei“ zum Zeitalter der Aufklärung. Schlegel stellt in der Hauptperson des Canut seine Idealvorstellung eines aufgeklärten Monarchen vor. Canut, der nicht mit Gewalt regiert, sondern das Herrschen als die hohe Verpflichtung gegenüber den Untertanen versteht 1 , war von Schlegel als Vorbildfigur für den realen König von Dänemark, Friedrich V. konzipiert 2 , und verkörperte seine Vorstellung vom aufgeklärten Absolutismus.
Ihm gegenüber steht Ulfo als Außenseiter der neuen Gesellschaft, der mit dem neuen Verständnis von Gemeinschaft nichts anzufangen weiß 3 . In der allgemeinen Forschung wurde viel über den Gegensatz dieser Welten geschrieben und über die Bedeutung und Funktion Ulfos im Stück. Bereits die zeitgenössischen Kritiker wie Lessing und Nicolai konzentrierten sich vollends auf die Gestalt des Ulfo und ihre Wirkung auf die Zuschauer. Nicolai geht sogar so weit, das Stück ändern zu wollen und Ulfo den Canut ermorden zu lassen, welcher ihm sterbend vergeben und so seine Güte besser zum Ausdruck bringen sollte 4 . Die neuere Forschung und die zeitgenössische Kritik haben diese einseitige Fokussierung auf die Personen Canut und Ulfo gemeinsam, nur selten wird auf die Gestalt der Estrithe, Canuts Schwester und Ulfos Ehefrau, dezidierter eingegangen. Ihre Rolle wird meist auf den Konflikt zwischen ehelichen und verwandtschaftlichen Pflichten reduziert. Eine rühmliche Ausnahme bildet hierbei Sybille Plassmann mit ihrem im Jahr 2000 erschienenen Buch „Die humane Gesellschaft und ihre Gegner in den Dramen von J.E. Schlegel“. Sie geht darin vor allem auf die Entwicklung der Figur ein.
Diese Arbeit soll nun neben dem Aspekt der Entwicklung Estrithes auch ihre Funktion bei dem Versuch der Erziehung Ulfos zu einem den neuen
1 Wolf, Peter, Die Dramen Johann Elias Schlegels, ein Beitrag zur Geschichte des Dramas im 18. Jahrhundert, Zürich, 1964, S. 143.
2 Plassmann, Sibylle, Die humane Gesellschaft und ihre Gegner in den Dramen von J.E. Schlegel, Münster, 2000, S. 176.
3 Ebd. S. 180.
4 Ebd. S. 193f.
gesellschaftlichen Normen angepassten Menschen eingehen, und zeigen, in wie fern Estrithe als Verkörperung des Privaten und als Vorläuferin der Heldin des bürgerlichen Trauerspiels gesehen werden kann.
2. Die Entwicklung Estrithes
Zu Beginn und über den größten Zeitraum des Stückes befindet sich Estrithe Ulfo gegenüber in einer passiven, flehenden und bittenden Position 5 . Bereits im zweiten Satz des Stückes macht Ulfo durch die Bemerkung „Dein Wunsch ist dir gewährt“ 6 deutlich, das er nur auf Estrithes Bitten hin in Kopenhagen weilt. Lange Zeit ist Estrithe nicht dazu fähig, auf andere Weise zu versuchen, Einfluss auf ihren Mann zu nehmen. Auch bei dem sich anbahnenden Duell zwischen Ulfo und Godewin versucht sie es wieder bittend mit den Worten „Willst du mir nicht sein Blut für meine Liebe schenken?“ 7 . Dieses Bitten und Flehen erreicht jedoch bei ihrem Gemahl Ulfo nichts. Estrithe erkennt dies sehr wohl. „[…] so hat mich der falsche hintergangen. Du weißt, wie oft ich ihm mit Tränen zugesetzt“ 8 klagt sie ihrer Vertrauten Gunhilde ihr Leid. Estrithe gerät dennoch zusehends in immer tiefere Abhängigkeit von ihm 9 , erkennt richtig: „Ulfo, find ich stets dies harte Herz bei dir? Je mehr ich dir gehorcht, je mehr versagst du mir.“ 10 Auch ihre Unfähigkeit, sich aus dieser Abhängigkeit von Ulfo zu befreien, erkennt sie. „Ich haßte, was du tatst, und tat doch, was du wolltest“ 11 wirft sie ihm vor, ohne jedoch seinen Sinn ändern zu können. Trotz der Erkenntnis, das Ulfo sie bezüglich seiner Absichten hinsichtlich einer Versöhnung mit Canut belogen hat, und ihrer richtigen Klassifizierung Ulfos als „Verräter“ 12 kann Estrithe sich nicht von ihm distanzieren. Sie versucht, das Problem mit einer weiteren Bitte, diesmal an ihren Bruder Canut, zu lösen. Sie belügt ihn und versucht, alle Schuld auf sich zu nehmen, obwohl sie nach dem Verrat Ulfos nicht mehr verpflichtet ist, diesen zu unterstützen.
Und so befindet sie sich nicht nur ihrem Gatten, sondern auch ihrem Bruder gegenüber immer wieder in der Bittenden Position, will bei ihm „um Vergebung
5 Plassmann, S.170.
6 Erster Aufzug, Z. 1.
7 3. Aufzug, 1. Auftritt, Z. 620.
8 1. Aufzug, 2. Auftritt, Z. 120f.
9 Siehe auch Plassmann, S. 170.
10 1. Aufzug, 1. Auftritt, Z. 34.
11 Ebd. Z. 44.
12 1. Aufzug, 2. Auftritt, Z. 135.
flehn“ 13 . Auch als es später zum Duell zwischen Ulfo und Godewin kommt ist ihr letztes Mittel: „ich eile [...] und bitte den Canut“ 14 . Nach der Entdeckung, dass das Fundament ihrer Ehe mit Ulfo auf doppeltem Betrug basiert, steht Estrithe weiter zu ihm. Ulfo hatte sie in den falschen Glauben gesetzt, Canut hätte ihr die Heirat mit Ulfo befohlen, und auch noch Rufmord an ihrem Verlobten Godewin begangen, um ihr Herz von ihm abzuwenden. Obwohl sie den Sisyphuscharakter ihres Flehens an Ulfo erkennt, bittet sie erneut bei Canut für ihn: „ Doch für dies Herz, das ich mit Tränen oft bestritten, das ich nicht beugen kann, für dies muss ich noch bitten“ 15 fleht sie um Gnade für Ulfo. Wenig später formuliert sie ihren eigenen Anspruch an Ruhmreiche Taten, denn „was Ehre bringt, daß muß auf Recht gegründet sein“ 16 , und erkennt dabei nicht, dass Ulfo dieser von ihr selbst formulierten Grundbedingung in allen seinen Taten und seinem Streben widerspricht.
Estrithe kann sich noch immer nicht von Ulfo distanzieren. Um ihr Herz von ihrem Verlobten Godewin abzuwenden, hatte es letztlich nur eines unbestätigten Gerüchts aus dem Munde Ulfos bedurft, dessen Aussage sie gleichsetzt mit „ [...] was alle Welt gesehn“ 17 . Doch alle Beweise gegen Ulfo und alle seine Schandtaten und Verbrechen können sie nicht von ihm entzweien. Und das obwohl sie erkennt, dass Ulfo nur „durch Betrug in dieses Herz gedrungen“ 18 , nur durch „verfluchte List“ 19 die Ehe mit ihr arrangieren konnte, und die Liebe, die er fordert nicht verdient 20 . Wäre also die eheliche Pflicht das einzige Bindeelement dieser Verbindung, könnte „Estrithe ihren Mann wegen andauernder und wissentlicher Mißachtung [sic] derselben ohne weiteres verlassen und sich ganz auf die Seite Canuts stellen“, wie Sybille Plassmann schreibt 21 . Trotzdem steht sie mit der Aussage „Ich liebe Dich“ 22 weiter zu ihm.
Steven D. Martinson sieht im „Canut“ keinerlei Hinweise auf „sinnliche“ Liebe gegeben, er kann nur „brüderliche Liebe“ entdecken 23 . Dem entgegen schreibt
13 1. Aufzug, 2. Auftritt, Z. 174.
14 3. Aufzug, 1. Auftritt, Z. 625.
15 3. Aufzug, 2. Auftritt, Z. 701ff.
16 3. Aufzug, 1. Auftritt, Z. 660.
17 2. Aufzug, 1. Auftritt, Z. 278.
18 2. Aufzug, 5. Auftritt, Z. 591.
19 Ebd. Z. 593.
20 Ebd. Z. 606.
21 Plassmann, S. 168.
22 2. Aufzug, 5. Auftritt, Z. 619.
23 Martinson, Steven D., Canut: Johann Elias Schlegels klassisches Geschichtsdrama, in: Studia Neophilologica. A journal of Germanic and Romance Languages and Literature, Vol. 61, Stockholm, 1989, S. 52
Arbeit zitieren:
Daniel Brüggemann, 2002, Estrithe Erzieherin und Verkörperung des Privaten in Johann Elias Schlegels -Canut-, München, GRIN Verlag GmbH
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