Marion Zimmermann
Ethnologie/ Musikwissenschaft: 10.Semester
Moderne Indologie: 4.Semester
30.09.01
Heiratspräferenzen in Tamil Nadu
und die brahmanische Hochzeit
am Beispiel von Ganesh und Sripriya
aus Madras
Karl-Ruprecht Universität Heidelberg
Abteilung Moderne Indologie Südasien Institut
SS 2001
Seminar: Lebensstadien und Übergangsriten einer Tamil- Frau
Thema der Hausarbeit: Hochzeit in Tamil Nadu
Inhalt
Seite
Einf ührung 1
1. Heiratspräferenzen in der Verwandtschaft 2
1.1. Kreuzcousin/ - cousinen Hochzeit (KcH) und MB - Hochzeit in Tamil Nadu 2
1.2. Matrilaterale und patrilaterale Präferenz 5
1.3. Traditioneller Kontext von nicht - Brahmanen und Brahmanen Hochzeit in 5
Kapadias Aruloor
1.4. Vorteile der Nahverwandtschaftsheirat bei nicht - Brahmanenfrauen im 6
Vergleich mit Brahmanenfrauen in Aruloor
1.5. Zusammenfassung 8
2. Planung und Durchführung einer Hindu - Brahmanenhochzeit am Beispiel des 8
Ehepaares Ganesh und Sripriya
2.1. Die Hochzeitsriten bei Ganesha und Sripriya im traditionellen Vergleich 11
2.2. Schlussfolgerung 15
3. Literatur 15
Einf ührung
Ich möchte in dieser Hausarbeit einen allgemeinen Einblick über die Heiratpräferenzen bei
nicht - Brahmanen und Brahmanen in Tamil Nadu geben. Dabei beziehe ich mich
haupts ächlich auf die Ausführungen von Karin Kapadia. 1993. „Marrying Money: Changing
Preference and Practice in Tamil Marriage.“ Wie sind die Heiratspräferenzen der
drawidischen Gesellschaft, in der seit der Entstehung des Kastensystems vor allem
Endogamie herrscht?
Im zweiten Teil gehe ich auf die Durchführung einer traditionellen Brahmanenhochzeit in
Tamil Nadu ein. Ich möchte dies anhand eines Beispiels meiner Informanten in Madras
darlegen. Ich habe mir dabei die Frage gestellt, ob sich die Hochzeit von Brahmanen aus
Madras in der heutigen Zeit verändert hat, wenn man sie der ´traditionellen Durchführung
gegen überstellt.
1
1. Heiratspräferenzen in der Verwandtschaft
1.1. Kreuzcousin/ -cousinen Hochzeit (KcH) 1 und MB 2 - Hochzeit in
Tamil Nadu
Sowohl nicht- Brahmanen als auch Brahmanen in Tamil Nadu praktizieren gewöhnlich KcH (also endogame Heirat). Die Kinder der kreuzgeschlechtlichen Geschwister der Eltern des Egos sind als Kreuzcousin oder Kreuzcousine bevorzugte Ehegatten zum Ego. Kreuzcousin oder Kreuzcousine sind also die Kinder von MB bzw. FZ. Die Kinder der Parallelgeschwister der Eltern des Egos, das heißt, die Kinder von MZ oder FB, sind als Ehegatten des Egos tabu. Sie stehen gegenseitig in einer klassifikatorischen Geschwisterbeziehung. (Kapadia 1993: 26-27)
Die bevorzugte oder vorgeschriebene KcH ist bei drawidischen 3 Verwandtschaftssystemen am häufigsten. Hierbei heiratet das Ego eine Frau aus den Kategorien 4 seiner FZD, seiner MBD oder in wenigen Fällen auch seiner ZD. Manche Gruppen erlauben alle diese Möglichkeiten. (Trawick 1992: 118) Im Falle einer MB - Heirat sind die bevorzugtesten Verbindungen, solche, in denen der Bruder der Mutter (MB) die Tochter seiner älteren Schwester (eZD) heiratet. (Kapadia 1993: 27)
Die meisten Gruppen im drawidischen Verwandtschaftssystem heiraten nur in eine Richtung. Das heißt, im allgemeinen darf ein Mann seine MBD heiraten („matrilaterale KcH“), aber eine Heirat mit seiner FZD wird missbilligt. Die umgekehrte Richtung wird weniger häufig praktiziert, in der ein Mann bevorzugt seine FZD („patrilaterale KCH“) heiratet. (Trawick 1992: 118)
1 Der Einfachheit wegen kürze ich folgend „Kreuzcousin/ -cousinen Hochzeit“ mit „KcH“ ab.
2 Ich übernehme die englische Schreibweise der Verwandtschaftsterminologie: M = Mother, F = Father, Z =
Sister eZ = elderly Sister, B = Brother, D = Daughter, S = Son, W = Wife, H = Husband.
3 „drawidisch“ ist ein Begriff, der sich auf die Sprachfamilie hauptsächlich in Südindien bezieht. Diese
Sprachfamilie ist völlig unabhängig in ihrer Struktur und in ihrem Ursprung von der sogenannten „indoarischen„
Sprachfamilie, deren Sprachen in Nordindien gesprochen werden. Die Struktur der drawidischen
Verwandtschaftsterminologie ist im Wesentlichen in ganz Südindien identisch. (Trawick 1992: 118- 119)
4 In der drawidischen Verwandtschaftsterminologie stehen einzelne Termini für verschiedene Personen, die aber
der gleichen Kategorie angehören. Zum Beispiel gehören zur Kategorie mman: MB, FZH und F- in- law; zum
Terminus attai gehören: FZ, MBW und M- in- law; zu maccn zählen: FZS, MBS und WB; zu macci: FZD,
MBD und WZ. (Trawick 1992: 122- 121)
2
Ein entscheidendes Merkmal des drawidischen Verwandtschaftssystems ist, dass entweder Matrilinearität oder Patrilineariät oder beides gleichzeitig innerhalb eines Heiratssystems existieren kann. Manche südindischen Gruppen sind matrilineal und matrilokal. Die meisten sind patrilineal und patrilokal (aber viele davon werden an zweiter Stelle als matrilineal assoziiert). In matrilateralen und patrilokalen Gruppen bleiben alle Mitglieder der patrilinealen Gruppe innerhalb eines Haushaltes zusammen. Dabei werden die Mitglieder der matrilinealen Gruppe auf getrennte Haushalte verteilt. Bei matrilateralen und matrilokalen Heiraten bleiben die Mitglieder der matrilinealen Gruppe in einem Haushalt zusammen. Die Mitglieder der patrilinealen Gruppen verteilen sich auf separate Haushalte. Der gleiche Konflikt entsteht bei patrilateralen Heiraten. (Trawick 1992: 121/125) In Kapadias Forschungsgebiet 5 wird Heirat bei nicht- Brahmanen als Reproduktion der schon existierenden Verbindung der Verwandschaft (condam) gesehen. Es zeigt, wie viel Wert auf die Einheit der Verwandtschaft gelegt wird. Kapadia definiert das tamilische nicht-Brahmanen System nach ihren Darlegungen wie folgt:
„ Consequently the Tamil non- Brahmin system can be defined as essentially bilateral in emphasis with a strong stress on the unity of kin.(1993: 27)
Trawick ist etwas anderer Meinung, indem sie gegen einen „Prototyp“ des drawidischen Verwandtschaftssystem argumentiert. Ihre Aussage lautet:
„ .., Dravidian kinship may never have been one single system, but always, as it is today, a set of variant systems, no one of which matches the ´protosystem` of bilateral cross- cousin marriage which the semantic structure of all of them seems to presuppose. Perhaps it would be better, then, to speak of ´meta- Dravidian kinship`rather than of ´proto- Dravidian kinship`.” (1992: 148) Tatsächlich verleitet die geteilte semantische Struktur der drawidischen
Verwandtschaftsterminologie dazu, die bilaterale KcH als idealen Fall anzusehen, da sie die Einheit der Verwandtschaft betont. In der bilateralen KcH tauschen zwei Männer ihre Schwestern für die Heirat aus, weiter tauschen ihre Söhne ihre Schwestern aus, usw. durch die Generationen hindurch, so dass MBD und FZD die gleiche Person ist. In Wirklichkeit ist dieser Fall sehr selten. (Trawick 1992: 121)
5 Kapadia studierte vier nicht - Brahmanen Kasten und eine Brahmanen Kaste in Aruloor (Pseudonym) im
Trichy Distrikt in Tamil Nadu vom Januar 1987 bis Mai 1988 und weitere kürzere Besuche. (Kapadia 1993: 25)
3
Arbeit zitieren:
Marion Zimmermann, 2001, Heiratspräferenzen in Tamil Nadu und die brahmanische Hochzeit am Beispiel von Ganesh und Sripriya aus Madras, München, GRIN Verlag GmbH
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