Stellung der Nase, der Ohren, die des Körpers und vor allem die des Mundes immer gehorsam erscheinen muss, was nur dem Eleven Kraus einwandfrei zu gelingen scheint. Er (Kraus) ist die Personifikation des Institutsideals, dem es gelungen ist, sich bis zur Selbstverleugnung zu bescheiden. Folglich hat er „nichts anderes im Sinn […] als zu helfen, zu gehorchen und zu dienen 4 .” Er hat sich sozusagen auf ein instinkthaftes, wunschloses Dasein reduziert, dessen „Ich” komplett annuliert wurde. Die Auslöschung des „Ichs” spielt im Roman ohnehin eine zentrale Rolle, da es sich hierbei indirekt um Walsers primäre Kritik an der modernen Kultur und Gesellschaft handelt. Der Einzelne ist nämlich, so scheint es, nur noch als einer von vielen denkbar, weil die Individualität des Einzelnen, in der Masse untertaucht. Deshalb sagt auch Jakobs Bruder Johann im Laufe des Romans zu ihm, dass „der Einzelne [...] der Sklave des grossartigen Massengedankens 5 ” ist. Das moderne Ich, was vor allem an Kraus’ Beispiel deutlich wird, muss, wie auch Sigmund Freud in seinem Werk Die „kulturelle" Sexualmoral und die moderne Nervosität andeutet, einen Grossteil seiner Persönlichkeit und die dazu gehörenden Wünsche und Triebe abtreten, um sich in der modernen Lebenswelt zurechtzufinden und sich in ihr als „kugelrunde Null” zu etablieren. Andernfalls wird es von ihr abgestossen oder steht ihr als Verbrecher gegenüber. Symbolisiert wird die Assimilation Jakobs und die Auslöschung seines Subjekts, durch das im Institut obligatorische Tragen der Uniform. Dadurch wird Jakob auf dieselbe Stufe der anderen Eleven gesetzt. Einen ähnlichen Prozess wird, so scheint uns Walser mitteilen zu wollen, vom modernen Menschen durchlebt, da dieser, wie bereits bemerkt, seine persönlichen Merkmale abtreten muss, um schliesslich in der bürgerlichen Lebenswelt als „Mann ohne [individuelle] Eigenschaften” (cf. Musil) nahezu verloren zu gehen. Jakob ist sich aber dieses Prozesses mehr als bewusst. Er ist ja freiwillig ins Institut gegangen, und scheint sich sogar froh zu unterwerfen, denn er ist wie er selbst anerkennt „gern unterdrückt 6 ”, da er nur in den „untern Regionen atmen 7 ” kann. Somit
4 Robert Walser, Jakob von Gunten. Ein Tagebuch, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main 1985,
S.22
5 Robert Walser, Jakob von Gunten. Ein Tagebuch, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main 1985,
S. 67
6 Robert Walser, Jakob von Gunten. Ein Tagebuch, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main 1985,
S. 122
7 Robert Walser, Jakob von Gunten. Ein Tagebuch, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main 1985
S. 145
freut er sich auch, eine Uniform aufgezwungen zu bekommen, weil er sonst nicht recht wüsste, was er anziehen sollte. Das liegt scheinbar daran, dass ihm seine eigene Identität diffus erscheint. Zudem erkennt er die im Institut herrschende Atmosphäre der Stagnation, was aus seinen Beschreibungen hervorgeht. Die Eleven und Vorsteher leben träge und geistesabwesend vor sich hin, weswegen Jakob resümierend feststellt: „Ich entwickle mich nicht 8 ”. Dass Jakob diesen Punkt der Entwicklungslosigkeit erreicht hat, setzt voraus, dass er sich zuvor untergeordnet und klein gemacht hat. Jedoch wird im Laufe des Romans auch schnell deutlich, dass Jakob viele der Tugenden und Ideale des Instituts Benjamenta erst langsam verinnerlicht. Seine Wünsche und Hoffnungen zum Beispiel kommen, konträr zu denen von Kraus, in einzelnen Stellen immer wieder hervor, und das obwohl „es [den Eleven] streng untersagt [ist], Lebenshoffnungen in der Brust zu hegen. 9 ” Hervorheben kann man da vor allem Jakobs Vorstellung der „inneren Gemächer”, in denen die Erzieher wohnen sollen, und zu denen die Eleven keinen Zugang haben. So träumt er einmal, seine Lehrerin Lisa Benjamenta führe ihn durch diese „inneren Gemächer”, welche reich mit allerhand lüsternen Szenen bespickt sind. Doch schon wenig später muss der Protagonist erkennen, dass diese heiligen „inneren Gemächer”, nichts weiter als zwei spärlich eingerichtete Räume sind 10 . Im Gesamtkontext heisst dies, dass Jakob wahrnehmen muss, dass das moderne Leben nicht mit den Wünschen vereinbar ist, sondern vielmehr dem Individuum die Wünsche und Träume raubt. Die Welt ist somit, ähnlich wie sie Schopenhauer beschreibt, ein „Jammertal” voller Leiden, in dem alles Glück nur Illusion ist. Das Leben Jakobs „schwingt also, gleich einem Pendel, hin und her zwischen dem Schmerz und der Langeweile. 11 ” Folglich kann man Jakob von Gunten als fiktionale Fortsetzung von Musils Die Verwirrungen des jungen Törless ansehen, in dem das Bild kommender Diktatur und die Vergewaltigung des Individuums durch das System visionär vorgezeichnet wird. Es geht aber bei Jakob von Gunten nicht, wie Matthias Luserke
8 Robert Walser, Jakob von Gunten. Ein Tagebuch, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main 1985
S. 144
9 Robert Walser, Jakob von Gunten. Ein Tagebuch, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main 1985,
S.92
10 Robert Walser, Jakob von Gunten. Ein Tagebuch, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main 1985,
S. 130
11 Ludger Lütkehaus (Hrsg.): Das Buch als Wille und Vorstellung: Arthur Schopenhauers Briefwechsel mit
Friedrich Arnold Brockhaus. Beck, München 1996
Arbeit zitieren:
Ricardo Correia, 2008, Eine Analyse von Robert Walser: "Jakob von Gunten. EinTagebuch", München, GRIN Verlag GmbH
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