zurückgekehrt. Seine Entfremdung von den Mitmenschen ist das Resultat seiner sehr deutlichen Personifizierung dieser Kriegsvergangenheit. Die Nachkriegsgesellschaft, insbesondere in der Frühzeit der Weimarer Republik, ist bestrebt, die Erinnerungen an den Krieg und die damit verbundene Kriegsschuld zu unterdrücken. Hinkemann ist Opfer einer gewandelten Gesellschaft, die für ihn als Kriegsheimkehrer und Kriegskrüppel keine Integrationsmöglichkeit bietet. Diese neue Gesellschaft ist kapitalistisch- und leistungsorientiert. Der Budenbesitzer hat diesen Wandel bereits verinnerlicht und: „Dann müssen Sie auch sehen, dass kein Mensch mehr an Krieg denkt. Mit Kriegsgreuel-Panoptikum verdienen Sie heute keine zehn Pfennig mehr. Aus! Jetzt ist Kultur Trumpf in Europa! Hunderprozentig kann man dran verdienen!“(36) Diese neue Gegenwart bietet keinen Raum für Leidende und Opfer, wie Hinkemann selbst erkennt: „Ein Kranker hat hier nichts zu suchen auf dieser Erde, so wie sie da eingerichtet ist“(52). Profit und Nutzen sind bestimmende Merkmale des Zeitgeists der frühen 1920er, und so gilt das Individuum nur soviel, wie es der Gesellschaft nützt: Für Hinkemann bleibt nur die Rolle des erniedrigten Kriegsversehrten. Vom Budenbesitzer zu einer „Nummer“(35) degradiert wird er Zielscheibe von Hohn und Spott seiner Mitmenschen. Der Budenbesitzer ist die „gesellschaftliche Komplentärfigur“(Rothstein, 158) zum Individuum Hinkemann. Toller benutzt die Figur des Budenbesitzers als Personifizierung dieser neuen Ordnung während Hinkemann stellvertretend für das entfremdete Indivduum steht, wie es Toller in der Nachkriegsgesellschaft sieht. In der Gegenúberstellung der beiden Figuren Budenbesitzer und Hinkemann spiegelt Toller das Verhältnis zwischen Mensch und Gesellschaft an, das insbesondere durch Erniedrigung und Ausnutzung gekennzeichnet ist. Die Gesellschaft, die Toller hier entwirft, bietet dem Individuum kein Mitleid an. Diese Gesellschaft stellt jedoch nicht bloß eine Gemeinschaft dar, die den nutzlosen Einzelnen abweist, sondern ist eine von Zersplitterung und Individualisierung geprägte Gesellschaft: „ ‚Jemeinschaft’ - ‚Wird nicht mehr fabriziert. Hat sich als unrentabel erwiesen’“(40 ff.) heißt es im Hinkemann. Zwischen dem Individuum und der Gesellschaft gibt es keine nennenswerten Berührungspunkte, wie Hinkemann anklagend wie folgt formuliert: „Doch was sehen wir voneinander? Da sitzt du und da sitz ich. Ich sehe dich. Wie sehe ich dich? Ein paar Handgriffe sehe ich und ein paar Worte höre ich. Das ist alles... Nichts sehen wir voneinander... nichts wissen wir voneinander“(29). Hierin verbirgt sich Tollers Kritik an der Gesellschaft, der er vorwirft, träge und entzweit zu sein. Das zeigt sich am deutlichsten an den Arbeitern in der Wirtschaft, die trotz ihrer gemeinsamen Klassenzugehörigkeit unterschiedliche politische Auffassungen vertreten und sich teilweise mit der bestehenden Gesellschaftsordnung arrangiert haben.
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Obwohl Toller seine Figuren in dieser Szene ausreichend zu Wort kommen laesst, hebt ihr phrasenhafter und parodistischer Charakter die Zerstrittenheit, Trägheit und darausfolgernd die substanzielle Schwäche der Arbeiterklasse hervor. Uneinigkeit und Vereinzelung können keine politische Revolution oder Agitation auslösen. Begriffe wie Gemeinschaft und Solidarität werden in Tollers Darstellung des Proletariats sowie in dem Verhältnis zwischen Hinkemann und dem Budenbesitzer deutlich parodiert.
Die im Hinkemann dargestellte Gemeinschaft lässt sich als ironische Antwort lesen auf die nur wenige Jahre zuvor propagierte Gemeinschaft, wie sie beispielsweise in Ernst Jüngers Tagebuch-Roman Im Stahlgewitter und in Walter Flex’ Wanderer zwischen beiden Welten literarischen Ausdruck fand: Beide Autoren rücken nicht das Grauen und das Trauma des Krieges in den Vordergrund, sondern das gemeinschaftliche, kameradschaftliche Erleben dieser Extremsituationen im. Diese Kameradschaft ist ein von Treue und Solidarität geprägtes enges Männerbündnis:
„Wir waren mit dem Kompanieführer vier Offiziere und lebten sehr kameradschaftlich. Jeden Tag tranken wir im Unterstande des einen oder des anderen Kaffee oder aßen zu Abend, oft bei einer oder mehreren Flaschen, rauchten, spielten Karten und führten eine Landsknechtunterhaltung dazu. [...] Diese gemütlichen Stunden wiegen in der Erinnerung manchen Tag voll Blut, Schmutz und Arbeit auf.“(Jünger, 71)
Auch Flex erzählt von kameradschaftlichen Plaudereien und „lustigsten Stunden“(Flex, 19) im Graben und betont besonders eine enge, homoerotisch anmutende Beziehung zwischen dem Erzähler und einem anderen Soldaten: „Auf dieser Wiese haben der Freund und ich unsre letzten Plauderstündchen gehalten, zum letzten Male habe ich mich hier seines gedankenhurtigen und bildkräftigen Plauderns freuen dürfen.“(Flex, 73). Während Flex die Kameradschaft während der Kriegsgefechte beschreibt, ist Jüngers Aufzeichnung ein Rückblick auf das gemeinsame Kriegserlebnis, in dem die Erinnerung an die Kameradschaft so „manchen Tag voll Blut“ und andere potenziell traumatischen Kriegserlebnisse erfolgreich verdrängen können.
Diese Kameradschaft als Resultat des gemeinsamen Kriegserlebnisses widerspricht der Darstellung Ernst Tollers in seinem Stück. Von der von Jünger und Flex geschilderten engen Kameradschaft ist im Hinkemann nichts mehr übrig geblieben. Stattdessen prägen
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Zerstrittenheit und Vereinzelung die Gesellschaft. Wo liegen die Gründe für diesen deutlichen Wandel der zwischenmenschlichen Beziehungen? Für das veränderte Gemeinschaftsgefühl, wie sie exemplarisch in Hinkemann dargestellt wird, sind insbesondere zwei Aspekte zu nennen: Nach dem Kameradschaftserlebnis im Krieg, in dem alle Soldaten einem gleichen Schicksal und Extremsituationen ausgesetzt waren, sind die Männer als Kriegsheimkehrer konfrontiert mit einer Gesellschaftsstruktur, die im Gegensatz zur männerbündischen Kriegskameradschaft nun auch wieder Frauen beinhaltet. Max Brod hat diese Männerwelt der Soldaten wie folgt beschrieben: „In a situation so reduced to elemental defense, love and woman and heart and soul have in fact no place. Youth not only defends itself; experiences of the heart were always raids of conquests into unknown territory“(Huebner, 38-48). Die durch den Krieg abgestumpften Sinne erschweren die Integration der Männer in das Gesellschaftssystem aus der Vorkriegszeit, also das Zusammenleben zwischen Männern und Frauen abseits der Kriegsgräben. Zudem hat sich die Rolle der Frau gewandelt, an die sich der Mann anpassen muss: Die Frau ist aus den Kriegjahren nicht nur unversehrt sondern auch aufgrund des Männermangels an der Heimatfront erstarkt und emanzipiert hervorgegangen. Nun ist Grete in Hinkemann keineswegs in einer starken Position im Sinne einer emanzipierten Frau oder das frühe Abbild der New Woman, jedoch ist sie in ihrer körperlichen Unversehrtheit gegenüber dem verkrüppelten Hinkemann in einer überlegenen Position. Gretes Unversehrtheit ist Anlass von Neid, Hass und dem Gefühl der Unterlegenheit. Unversehrtheit impliziert hier auch Unschuld, die der durch den Krieg (und speziell durch die Kriegsschuld und der anschließenden Niederlage) auf sich geladene Schuld auf seiten der kämpfenden Soldaten gegenübergestellt wird. Rein äußerlich sieht man Hinkemann die erlittene Kriegsverletzung nicht an, dennoch gibt er ein stark geschwächtes Abbild eines Mannes ab: „Der Bikleps schwammig... Brust...Oberschenkel...Waden...schwammig“(15). In der Textkritik vielfach als Allegorie für den Zustand Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg interpretiert, ist Hinkemann eine der ursprünglichen Stärke beraubte Figur. Sein Umgang mit Grete ist von Liebe wie Ekel gleichermaßen bestimmt. Eine Traumatisierung Hinkemanns durch Grenzerfahrungen im Krieg wie die Konfrontation mit dem Tod oder der Anblick toter Kameraden ist im Drama nicht explizit erwähnt, aber sie ist deutlich erkennbar in dem Ekel, den er verspürt beim Anblick von Grete: „Deinen Körper, deinen gesunden Körper, deinen gesunden blühenden Körper... ich mag ihn nicht mehr sehen! In all seiner Gesundheit verwest er! Wie totes Ass ist er vor meinen Augen!“(49). Ekel ist hier eine gesteigerte Form der zwischenmenschlichen Entfremdung verbunden mit der Schande und dem erlebten Spott über
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Arbeit zitieren:
M.A. Bastian Heinsohn, 2005, Nachkriegsschicksal in Ernst Tollers "Hinkemann", München, GRIN Verlag GmbH
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