Geschichte hat den Menschen während seiner kulturellen Entwicklung immer wieder fasziniert. Bevor man schreiben konnte, wurden die Geschichten in Legenden eingeflechtet und erzählt, bevor man die Drama erfunden hatte, gravierte man die Geschichte in Steinen und Brettern und bevor man das Kino erfunden hatte, wurde die Geschichte auf der Bühne gebracht. Dann kam der Film...
Seit Beginn des 20.Jahrhunderts wird eine erstaunliche Zahl von Filmen produziert, in denen es entweder um eine historische Person handelt oder eine ganze Epoche beschrieben wird. Obwohl historische Hauptfiguren wie Attila, Alexander, Nero, Julius Caesar, Cleopatra sowie auch Hannibal, Spartacus, Constantine usw. vor tausenden von Jahren gelebt haben, ist für die Filmemacher ihr Vermächtnis immer noch von Interesse. Ihre Geschichten werden im Abstand von einigen Jahren immer neu verfilmt und dank des technischen Vorrangs unseres Zeitalters immer beeindruckvoller wiederbelebt. Gerade weil keine andere Kunstform so sehr unserer Gegenwart angehört wie der Film, beschäftige ich mich in der vorliegenden Arbeit mit der Popularität antiker Motive unter Regisseuren und Filmemachern und der Rolle von Filmen, deren Handlung sich in der Antike oder im Mittelalter vollzieht, in unserer postliteraren Gesellschaft. Im Punkt 2. verfolge ich kurz die Verarbeitung antiker Stoffe im Film von den Anfängen bis zu neueren Produktionen wie Gladiator (2002) oder Troja (2005). Zu dem Genre gehört eine kaum zählbare Menge von Filmen und es wäre unmöglich sowie alle als auch ein einziger davon in allen seinen historischen, archäologischen, theologischen, literarischen, psychologischen und filmischen Aspekten zu analysieren. Deshalb würde ich auf einen ausführlichen Kommentar verzichten. Während meiner Recherche bin ich auf viele Begriffe getoßen, unter denen: Mittelalter- bzw. Antikfilm, biographischer oder religionsbezogener Film, historischer Kostüm- oder Monumentalfilm, Filmcollage und viele andere, die in Zusammenhang mit meinem Thema stehen. Deshalb halte ich es für nötig, sie kurz zu erläutern und zu erklären was für eine Rolle dem s.g. „Antikfilm“ darunter zugeordnet ist. Einen Schwerpunkt setze ich auch auf den Konflikt zwischen historischer Realität und filmischer Inszenierung, wobei ich mich mit dem Stichwort „Authentizität“ aus der Sicht der Historiker und Filmemacher auseinandersetze. Diese kritische Analyse und danach ein kurzes Fazit bilden den Abschluss dieser Arbeit.
2
„Look for it only in books, for it is no more than a dream remembered. A civilization gone with the wind…” 1 Was bedeutet eigentlich die Geschichte für den Menschen? In den oberen zwei Sätzen wurde die Antwort synthesiert: vergangene Epochen, die nur noch ein Traum sind, an dem man sich nur erinnern kann. Kann der Film was Besseres versprechen, was die Bücher und die Träume nicht anbieten können, etwas vor den Augen vorführen, was nicht mehr ist? Wahrscheinlich ja, denn bis zum Jahre 2001 waren die „Antikfilme“ mehr als 400 2 . Bereits von der Är des Stummfilms bis zum heute sind antike Stoffe in der Filmkunst sehr beliebt. Neben Literatur, Kunst und Musik ist der Film ein bedeutendes Medium, mit dessen Hilfe eine Reihe von Filmemachern die Antike in der unmittelbaren Gegenwart neu aufleben lassen.
Es gibt einige Gründe für die Popularität der Geschichte in der Kinowelt. Antike Kampf-und Kriegsführung, glorreiche Spektakel und Triumphe, gewaltige historische Persönlichkeiten wie Julius Caesar und die Pharaonen, verführerisches Königtum wie von Cleopatra und Salome, biblische Figuren wie Jesus Christ und Moses, mythologische Halbgötter wie Herkules und Helena von Troja, zählen zu den bekanntesten und beliebtesten Figuren, die fast alle Menschen tief beeindrucken. Antike Geschichten haben die Filmemacher immer vor die Herausforderung gestellt, auf der Leinwand nachzubilden, was ihre Millionen von Zuschauern schon seit langem in ihrer Phantasie erschafft haben. Sowie die phantastische Umgebung aus der Mythen als auch die einfache Alltagsumgebung untergegangener Reiche und Kulturen bieten den Abenteurern, Eskapisten, Romantikern, Intelektuellen usw. die Möglichkeit in diese Atmosphäre einzutauchen und die Welt der modernen Zivilisationen für kurze Zeit zu verlassen, da, wo antike und mittelalterliche Normen und Gesinnungen keinen Platz mehr finden. Unsere moderne Kultur stammt aber aus den oben beschriebenen Zeiten und obwohl die antike Welt im Kino zu unterschiedlich von unserer gegenwärtigen zu sein scheint, fällt es auf, dass sich die handelnden Personen früher manchmal viel ähnlicher benommen haben wie wir heutzutage. Einerseits wollte ich mit diesem Beispiel auf die kulturelle Gründe für die Popularität der Antike im Kino hinweisen, doch hat das auch viel mit der Identifikationsfunktion des Films zu tun, aber dazu komme ich noch später.
1 Zitat aus dem Film Gone with the Wind, USA, 1939, Regie: Victor Fleming, http://www.imdb.com/title/tt0031381/quotes 2 John Solomon (2001): Preface to the first edition. In: The ancient world in the cinema. Yale University
3
Neben den kulturellen gibt es noch historische Gründe dafür, dass antike Motive oft auf das Bildschirm erscheinen. Als das Kino Ende des 19.Jahrhundert entstanden ist, hat es antike Geschichten als Lieblingsthematik gleich übernommen, weil die eben zu dieser Zeit im Theater, Literatur und Unterrichtswesen sehr populär waren. Ben Hur 3 , Quo Vadis? 4 und The Last Days of Pompeii 5 gehörten bereits zu den „best-selling“ Novellen. Shakespeare’s Julius Caesar und Sophocles’ Oedipus Rex waren unter den beliebtesten Aufführungen, das Bibel lag in der Ausbildung von fast allen zugrunde. Deshalb war die antike Welt eine logische Wahlmöglichkeit für die Pioniere des Kinos.
Wenn es um Zusammenhang zwischen Texte, Bühne und Film geht, muss man auf jeden Fall betonen, wie sich der Film davon abzeichnet und wo seine Vorteile liegen. Durch bildhafte Sprache und Stilmittel: wie z.B. detailierte Beschreibung einer Szene oder sparsame Information über den Gesamtablauf eines Ereignisses, beim Publikum einen Prozess der Imagination in Gang zu setzen und durch Lesen bzw. Hören den Zuschauern im Kopf ein Bild entstehen zu lassen. Doch beim Film ist aus diesem Prozess der Gedankenentstehung und –Entwicklung die fertige Vorführung entstanden. Die hohe Wirklichkeitswirkung des Films und die Möglichkeit eine Gleichzeitigkeit des Gesagten, Gespielten und Gesehenen zu suggerieren, bestimmen den Vorrang der verfilmter Geschichte gegenüber der geschriebenen.
Neben den kulturellen und historischen Vorteilen des Films kommen noch einige visuelle, die mit der ständigen Entwicklung und Modernisierung der heutigen Technologie in einem engen Zusammenhang stehen. Seitdem Antike im Film erschienen ist, haben technische Neuerungen zur signifikanten Verbesserung der filmischen Qualität und Wirkung auf den Zuschauer beigetragen. Das Experimentieren mit ersten Farbszenen, die Erfindung des Kamerawagens, die Entwicklung des Breitwandformats, bis zur Digitalisierung der Medien heutzutage, die unzählige Möglichkeiten bei der Bildbearbeitung in Fotografie und Kino anbietet: alle diese Innovationen bedingen oft die hohen Kosten während des Filmdrehs, steigern aber gleichzeitig durch spektakuläre visuelle Effekte die Attraktivität des Produkts und garantieren dadurch wiederum Kassenerfolge. Als ein relativ aktuelles Beispiel kann hier die Ilias-Verfilmung von Wolfgang Petersen: Troy (USA,
3 ein Roman des polnischen Schriftstellers Henryk Sienkiewicz, der die Anfänge des Christentums in Rom zur Zeit Neros beschreibt.
Er wurde erstmals 1895 veröffentlicht.
4 (in der deutschen Fassung Ben Hur)- der Titel eines 1880 erschienenen Romans von Lew Wallace.
5 Novelle von Edward Bulwer-Lytton, 1834
4
Quote paper:
Tanya Cherneva, 2007, Antike Welten auf moderner Leinwand, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
"Lo real maravilloso" in "El reino de este mundo" ...
Romance Languages - Spanish Studies
Termpaper, 17 Pages
Tragik und Komik in dem Drama ...
Romance Languages - Spanish Studies
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 26 Pages
Die Figur des Don Juan in den Dramen ´Don Juan Tenorio´ von José Zorri...
Romance Languages - Comparative Studies
Scholary Paper (Seminar), 32 Pages
Die veränderte Darstellung der Figur des Dracula
"Nosferatu – Symphonie de...
Communications - Movies and Television
Termpaper, 21 Pages
Die Buchzensur unter Francisco Franco in Spanien
Romance Languages - Spanish Studies
Scholary Paper (Seminar), 23 Pages
Vampirismus - Der mediale Mythos
Communications - Media History
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 20 Pages
Faszinationskraft des Geheimnisvollen – Narrative Analyse der mysteriö...
Communications - Movies and Television
Scholary Paper (Seminar), 20 Pages
Der Aufstieg und Fall des modernen Geschichtsbewußtseins (mit besonder...
Sociology - Classics and Theoretical Directions
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 40 Pages
Tanya Cherneva's text Antike Welten auf moderner Leinwand is now available as a printed book
Tanya Cherneva has published the text Antike Welten auf moderner Leinwand
Tanya Cherneva has uploaded a new text
Antike und Mittelalter im Film
Konstruktion - Dokumentation -...
Simona Slanicka, Mischa Meier
The Films of John Cassavetes: Pragmatism, Modernism, and the Movies
Ray Carney, Raymond Carney
0 comments