0. Einleitung 3
1. Zeit und Bewegung 4
2. Das Jetzt 5
2.1 Eigenschaften des Jetzt 5
2.2 Gezählte Zeit. 9
2.3 Bewegungsvergleich 10
3. Subjektive Zeit 13
3.1 Wahrnehmung von Zeit. 13
3.2 Zählende Seele 14
3.3 Einheitlichkeit des Jetzt. 16
4. Einheitliche Zeit 17
4.1 Einheitliche Zahl 18
4.2 Einheitliche Bewegung. 19
5. Schluss. 21
6. Literaturverzeichnis. 23
2
0. Einleitung
Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Zeittheorie von Aristoteles, wie sie im Buch IV der „Physik“ 1 beschrieben ist. Besondere Bedeutung wird dabei der Frage nach dem subjektivistischen Moment der Theorie zugewiesen. Versteht Aristoteles Zeit eher als etwas Subjektives oder als etwas Reales? Oder ordnet er sie keinem der beiden Bereiche eindeutig zu? Diese Frage hängt auch mit der Frage nach der Einheit von Zeit zusammen. Gibt es eine universale Zeit, oder gehört zu jeder Bewegung eine eigene Zeit? In diesem Sinne schenke ich auch der Zeitmessung besondere Aufmerksamkeit. „Das ist Zeit: Die Meßzahl von Bewegung hinsichtlich des >>davor<< und >>da- nach<<.“ 2 Vondieser Definition geleitet, gliedern sich die einzelnen Kapitel folgendermaßen:
1. Es wird die Beziehung von Zeit und Bewegung dargestellt. Sind beide gleichzusetzen, oder sind sie etwas Unterschiedliches? Welche Eigenschaften besitzen sie und wie hängen sie zusammen?
2. Dieses Kapitel beschäftigt sich mit dem Jetzt. Welche Eigenschaften besitzt es? Wie begrenzt es Bewegung in ein früher und später? Wie verhält es sich zur Zeit? Was hat die Zahl mit ihm zu tun? Schließlich wird noch die Messung von Zeit behandelt. 3. Nun wird das subjektivistische Moment der Zeittheorie reflektiert. Wenn nichts da ist, das zählen kann, gibt es dann trotzdem Zeit? Ist Zeit an sich Zahl oder nur Zahl im menschlichen Bewusstsein? Wie verhält sich Zeit zur Wahrnehmung, wo existiert sie? Gibt es etwas bewusstseins-unabhängiges an der Zeit?
4. Letztlich wird die Einheit der Zeit hinterfragt. Wenn Zeit mit Bewegung zusammenhängt, gibt es dann genauso viele Zeiten wie Bewegungen? Es werden die zwei von Aristoteles gebotenen Lösungen dargestellt und reflektiert. 5. Der Schluss zieht noch mal ein Resümee und gibt den Eindruck wieder, den ich nach dieser Arbeit von der Zeittheorie des Aristoteles bekommen habe.
Noch eine Anmerkung: Der von mir benutzte Text ist eine Übersetzung von H. G. Zekl. Da ich keine Griechischkenntnisse habe, kann ich die Güte dieser oder anderer Übersetzungen nicht beurteilen. Da es sich um einen altgriechischen Text handelt, bei dem schon die Rekonstruktion Schwierigkeiten bereitet, ist jede Übersetzung, stärker als bei
1 Alle Quellnachweise dieser Arbeit, die nicht explizit auf andere Quellen verweisen, beziehen sich auf
Buch IV der „Physik“(siehe Literaturverzeichnis). Die Sigles der benutzten Literatur zu Aristoteles lösen
sich im Literaturverzeichnis auf.
2 219 a (51)-219 b (2).
3
zeitgemäßen Texten, auch schon eine Interpretation. Ein Punkt, an dem mir das deutlich wurde, ist der Ausdruck Meßzahl in oben genannter Definition. In Kommentaren zu Aristoteles’ Zeittheorie steht auch oft nur der Ausdruck Zahl. Der Unterschied scheint nicht besonders groß zu sein 3 , soll jedoch deutlich machen, dass mein Verständnis von der Zeittheorie auch von dem Verständnis des Übersetzers abhängig ist. So sind die Zitatnachweise aus der Physik auch auf die Seitenzahl (des griechischen Manuskripts) begrenzt. Die Zeilenzahl in Klammern dahinter bezieht sich auf die von mir benutzte deutsche Übersetzung.
1. Zeit und Bewegung
Da Zeit und Bewegung für Aristoteles in einem engen Zusammenhang stehen, geht er am Anfang seiner Zeittheorie erst einmal der Frage nach, wie dieser Zusammenhang besteht. „Die einen sagen nämlich, sie [d.i. die Zeit] sei die Bewegung des Alls, die anderen setzten sie gleich mit der Weltkugel selbst.“ 4 Von diesen Lehrmeinungen anderer 5 , die Zeit mit Bewegung gleichsetzten, will Aristoteles sich distanzieren. „Da aber die Zeit in besonderem Maße eine Art Bewegung zu sein scheint und Wandel, so wäre dies zu prüfen“. 6 Nun vergleicht Aristoteles die Eigenschaften von Bewegung und Zeit. Er findet, dass Bewegung nur an dem Ort und dem Gegenstand der Bewegung selbst sei. Zeit dagegen sei „sowohl überall, als auch bei allen (Dingen).“ 7 Des Weiteren kann Bewegung schneller oder langsamer ablaufen. Zeit dagegen läuft nicht schneller oder langsamer, denn diese Eigenschaften werden eben erst durch die Zeit bestimmt. So müsste also die Geschwindigkeit von Zeit selbst wieder durch Zeit gemessen werden, was in einen unendlichen Regress führt. 8 Aus diesen verschiedenen Eigenschaften von Zeit und Bewegung schließt Aristoteles, dass Zeit „nicht mit Bewegung gleichzusetzten ist“. 9
Weiter analysiert er aber, dass Zeit auch nicht ohne Bewegung ist, denn wenn keine Bewegung wahrgenommen wird, wird auch keine Zeit wahrgenommen. 10 Zeit und Be-
3 VomStandpunkt aus, dass Zahl immer Zahl von etwas, also Anzahl ist, scheint der Ausdruck Meßzahl
doch die bessere Übersetzung. Jedoch ist eben dies schon Interpretation des Übersetzers.
4 218 a (55) - 218 b (2).
5 Ich gehe in dieser Arbeit nicht der Frage nach, inwieweit Aristoteles hier eine korrekte Wiedergabe
anderer Lehrmeinungen liefert.
6 218 b (15).
7 218 b (20). Hier setzt Aristoteles also schon die Einheit von Zeit voraus, um ihre Differenz zur Bewe-
gung zu verdeutlichen. Später aber erst geht er der Frage nach, ob die Zeit einheitlich sei, wenn sie eben
das Maß jeder einzelnen Bewegung ist. Logisch gesehen arbeitet er also nicht ganz sauber.
8 Vgl. auch MES 40.
9 218 b (28f). Vgl. dazu auch etwa CON 33.
10 Vgl. 218 b (32ff).
4
wegung werden folglich immer zusammen wahrgenommen. „Das Argument lautet also: Tritt die Wahrnehmung von etwas immer zusammen mit der Wahrnehmung von etwas anderem auf, so kann ersteres nicht ohne das letztere bestehen.“ 11 Jedoch erbringt Aristoteles „hier weder den Nachweis, daß Zeit analytischer Bestandteil von Bewegung ist, noch daß Zeit notwendig ist zur Beschreibung von Bewegung.“ 12 Ihm reicht die phänomenologische Einsicht und scheint gar nicht an ihrer Richtigkeit zu zweifeln, so dass die Beispiele nur der Formalität wegen zu erfolgen scheinen. 13 Da nun Zeit nicht gleich Bewegung ist, Bewegung aber auch nicht ohne Zeit, so muss Zeit „etwas an dem Bewegungsverlauf sein.“ 14 Sie ist also eine Eigenschaft, ein Prädikat der Bewegung.
2. Das Jetzt
2.1 Eigenschaften des Jetzt
Das Jetzt spielt in Aristoteles Zeittheorie eine wichtige Rolle. Ich hebe drei zentrale Punkte hervor: Erstens bildet es den Zusammenhang von Vergangenheit und Zukunft. 15 Zweitens ist das Jetzt ausdehnungslos. 16 Drittens bewirkt seine begrenzende Funktion die Einteilung der Bewegung nach dem >vorher< und >nachher< 17 .
„Die Zeit ist […] aufgrund des Jetzt sowohl zusammenhängend, wie sie (andererseits) auch mittels des Jetzt durch Schnitte eingeteilt wird.“ 18 Den Zusammenhang bildet das Jetzt wohl, indem es zwischen Vergangenheit und Zukunft steht. 19 Da die eine noch nicht ist, die andere aber schon vergangen 20 , scheint es sich nicht um zusammenhängende Zeitstücke zu handeln. Jedoch besteht „aus diesen Stücken […] sowohl die (ganze) unendliche, wie auch die jeweils genommene Zeit.“ 21 Das Jetzt ist nun, und in diesem Sinne ist es auch Grenze, das Ende der Vergangenheit und der Anfang der Zukunft. Und obwohl es beides ist, muss es als ein Jetzt begriffen werden 22 , da es eben ausdehnungs-
11 CON40.
12 MAR 72.
13 In der Logik begegnet oft das Beispiel: Alle Schwäne sind weiß. Auch das mag eine Erfahrungstatsache
sein. Jedoch beweist diese Erfahrung nicht, dass es nicht auch andersfarbige Schwäne geben könnte.
14 219 a (12f).
15 Vgl. 222 a (14ff).
16 Vgl. etwa Buch VI: 233 b (50ff) und 234 a (37ff).
17 219 b (17f).
18 220 a (7ff).
19 Vgl. 222 a (9ff).
20 Vgl. 217 b (58ff).
21 217 b (61)-218 a (1).
22 Vgl. Buch VI: 234 a (3ff).
5
lose Grenze ist. Auch bildet es erst in seiner Ausdehnungslosigkeit den Zusammenhang. Würde das Jetzt als gegenwärtige Zeitspanne begriffen werden, dann gäbe es keinen Zusammenhang mehr zwischen Vergangenheit und Zukunft. Die Gegenwart, als Zeitspanne, könnte den Zusammenhang nicht liefern, da in ihr selbst wieder einige Teile Vergangenheit, einige Zukunft sein müssen, da man Zeit, als Kontinuum, endlos teilen kann. 23 So ist das Jetzt des Aristoteles ein mathematischer, theoretischer Begriff, dessen ausdehnungsloser Teilungscharakter eben in der theoretischen Möglichkeit logisch notwendig ist. Real kann aber nichts teilen, ohne zu teilen, ohne etwas zwischen die beiden Teile zu schieben und den Zusammenhang zu zerstören, denn eben das bedeutet teilen.
„Die Bestimmungen >>davor<< und >>danach<< gelten […] ursprünglich im Ortsbereich“ 24 und sind als unterschiedliche Anordnungen des bewegten Gegenstands zu begreifen. Wegen der engen Beziehung von Ort, Bewegung und Zeit gelten sie jedoch auch für die Zeit. 25 „Früher und Später sind […] nicht als selbständige Dinge oder Zeitteile verstanden, sondern als verschiedene Zustände einer bewegten Sache.“ 26 Wenn ich also zwei Jetzte habe, das eine früher, dass andere später, so sind das erst einmal zwei Bewegungs- oder Ortzustände. Da Bewegung aber immer mit Zeit wahrgenommen 27 wird, und umgekehrt, so bezieht sich früher und später eben auch auf etwas Zeitliches. Aristoteles’ Definition von Zeit 28 kann man in diesem Sinne, dass die Begriffe davor und danach schon Zeit voraussetzten würden, deshalb keine Zirkularität vorwerfen. 29 Dennoch war „die Bedeutung des Früher und Später für die Zeitdefinition […] in der Aristotelesinterpretation immer umstritten.“ 30 Die Gründe fand man in dem fehlenden Zusammenhang von räumlicher und zeitlicher Bedeutung des „Früher und Später“, oder, wenn die Begriffe zeitlich verstanden wurden, eben in dem argumentativen Zirkel der Definition. „Dieser Zirkel entspricht aber durchaus der Struktur des Kontinuums. Wir wissen aus der Physik, dass Größe, Bewegung und Zeit in einem Folgeverhältnis zueinander stehen.“ 31
23 Vgl. 220 a (44ff).
24 219 a (20f).
25 Vgl. 219 a 22ff.
26 WIE 323.
27 Vgl. 218 b (45ff).
28 Vgl. 219 a (51)-219 b (2).
29 Vgl. auch MAR 105, MES 363, GAL 4.
30 MES 363.
31 MAR 80. Welche enge Beziehung in moderner Physik auch noch besteht. Man denke etwa an Einsteins
Raum-Zeit und an Zeitreisen, die durch Überschreiten der Lichtgeschwindigkeit theoretische Möglichkeit
erhalten.
6
Arbeit zitieren:
Magister Henning Braun, 2005, Zeit bei Aristoteles und ihr subjektivistisches Moment , München, GRIN Verlag GmbH
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