Ludwig-Maximilians-Universität München
Volkswirtschaftliche Fakultät
Lehrstuhl für Wirtschaftsgeschichte
SS 2005
Die Auswirkungen der großen Agrarkrisen der
Zeitgeschichte auf die heutige Wirtschaftsordnung.
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Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis... 2
I) Einleitung... 3
II) Hungerkrise ... 4
III) Die großen Agrarkrisen in Mitteleuropa zwischen 1500 und 1800... 6
1) Die Krise des 16. Jahrhunderts ... 6
2) Die Krise des 18. Jahrhunderts ... 8
IV) Subsistenzkrise 1816/17 ... 10
1) Ursache der großen Krise ... 10
2) Die Krise des 19. Jahrhunderts ... 11
a) Gegebenheiten zu Beginn des 19. Jahrhunderts ... 11
b) Ursachen jener Krise ... 12
3) Die Krise und ihre Auswirkungen an einem Beispiel ... 13
VI) Schluss ... 14
Bildanhang ... 16
Quellen- und Literaturverzeichnis... 18
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I) Einleitung
Europa war im Mittelalter geprägt von mehreren großen Hungerkrisen, die den
Bevölkerungszuwachs merklich stagnieren ließen oder gar zu rückläufigen Entwicklungen
führten. Diese Krisen, die hauptsächlich enorme Auswirkungen auf die von der Land-
wirtschaft abhängigen Bevölkerungsschichten hatten, traten in unregelmäßigen Ab- ständen in
Mitteleuropa auf. Zu den größten Agrarkrisen1 zählen die Jahre um 1571/74,2 um 1771/723
und die Krise der Jahre 1816 und 1817. Diese wird auch als die letzte große Subsistenzkrise4
in Mitteleuropa angesehen. Das Jahr 1816 wird oft auch als das ,,Jahr ohne Sommer"
bezeichnet, in den USA trägt es den bezeichnenden Namen ,,Eighteen hundred and froze to
death"5. Ausgelöst wurde die Hungerkrise durch einen lang anhaltenden Winter im Jahre
1816, selbst die Sommermonate kennzeichneten sich durch kurze aufeinander folgende
Wetterumschwünge aus. Schnee und Frost wechselten sich mit lauer Luft, Tauwetter und
stürmischen Regen ab. Dadurch verzögerten sich die Ernten, falls sie überhaupt einen Ertrag
abworfen. Denn das schlechte Wetter führte in vielen Teilen des mittleren Europas dazu, dass
,,das Obst [...] nicht reif, die Kartoffeln blieben zurück und mit dem schwindenden Futterwert
des Heus durch die ständigen Niederschläge ging auch die Milchleistung der Kühe zurück".
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All diese Faktoren führten in den Jahren 1816 und 17 zu einem Rückgang der Erträge der
Kulturpflanzen, dies wiederum erhöhte die Preise für Nahrungs- und Futtermittel. In den
Teuerungsjahren waren Preissteigerungen von über 400 Prozent keine Seltenheit, vorallem in
den im Binnenland gelegenen Dörfern und Ortschaften. ,,Die Getreidepreise, die erst seit 1816
wieder regelmäßig notiert worden sind, demonstrierten den Krisenverlauf: Seit 1817 fielen die
1
Sering,Max von, Agrarkrisen und Agrarzölle.Berlin 1925. S.7 ,,Wir verstehen darunter ,,eine Preisgestaltung
und ein daraus folgendes Verhältnis der Einnahmen zu den Kosten und Lasten, welches viele Landwirte mit dem
Verlust von Haus und Hof oder gar große Bezirke mit der Verödung bedroht."
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Abel,Wilhem, Massenarmut und Hungerkrisen im vorindustriellen Deutschland.Göttingen 1972. S.37-45 ,,Die
Kaufkraft der breiten Massen wurden in den Teuerungsjahren von den Nahrungsmitteln aufgesogen. Für die
Güter des ,,gehobenen"Bedarfes, wozu in den Notjahren bereits Fleisch und die Kleidung gehörten, blieb wenig
oder nichts mehr übrig."(S.40) ,,Nimmt man Nürnberg als Beispiel und einen Arbeiter, der das Glück hatte, auch
in den Hungerjahren noch Arbeit zu finden, so zeigt sich folgendes: Im Jahre 1565 konnte der Mann mit seinem
Tagesverdienst von 24 Pfennigen rund 6 kg Brot kaufen, einige Jahre später nur noch 1,3 kg."(S.43).
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Abel,Wilhelm, Massenarmut und Hungerkrisen im vorindustriellen Deutschland.Göttingen 1972. S.46-54 ,,Da
die Arbeitsentgelte sich in den Teuerungsjahren kaum veränderten, schrumpfte die Kaufkraft des
Bergarbeiterlohnes auf zwei Sechspfundbrote die Woche und, was vielleicht noch ärger war, blieb auch der
Nebenverdienst der Frauen und Kinder aus."(S.48).
4
Dr.Gräber-Seißinger,Ute u.a.,Der Brockhaus Wirtschaft.Leipzig,München 2004.S.574. ,,Subsistenzwirtschaft
[engl. Subsistence >>Versorgung<<]: landwirtschaftliche Wirtschaftsform, die ganz oder überwiegend für die
Selbstversorgung produziert. Subsistenzwirtschaft ist besonders in Entwicklungsländern verbreitet, wird aber
auch in entwickelten Ländern noch von kleinen Minderheiten betrieben, fast immer aus religiösen oder
weltanschaulichen Gründen (z.B. die Amische in den USA)."
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Übersetzung ins Deutsche etwa: ,,Achtzehnhunderttotgefroren".
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Pfister, Christian, Wetternachhersage. 500 Jahre Klimavariationen und Naturkatastrophen (1496-1995), Bern
1999. S.154.
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Getreidepreise bis zu ihrem Tiefpunkt im Jahre 1825, wo sie nur noch 23% ihres Standes von
1817 betrugen."
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Um die Auswirkungen der großen Subsistenzkrisen in vollem Maße verstehen zu können, ist
es notwendig die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und land- wirtschaftlichen
Gegebenheiten jener Jahre näher zu betrachten. In dieser Arbeit soll versucht werden alle
nötigen Aspekte, die zu einer solchen Krise führen zu beachten und zu untersuchen.
II) Hungerkrise
Die zentrale Frage bei der Begriffsklärung einer Hunger- bzw. Agrarkrise liegt in ihrer
Definition. In der breiten Bevölkerungsmasse ,,besteht vielfach die Neigung, jede Notlage der
Landwirtschaft ohne Rücksicht auf die entscheidenden Ursachen als Agrarkrisis zu
bezeichnen;"
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Jedoch werden jegliche Veränderungen auf dem Agrar- markt
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als
Preisgestaltungen aufgefasst
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, von einer Agrarkrise sind meistens alle Landwirtschaften in
irgendeiner Weise betroffen. Aber nicht wie man vielleicht darausschließen könnte, die
gesamte Volkswirtschaft eines Landes. Damit bestätigt sich die These, dass Wirtschaftskrisen
nicht zwangsläufig mit Subsistenzkrisen zu -sammmenfallen müssen. Dies wird auch durch
die Gegenüberstellung von Spiethoff
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der gekennzeichneten ,,Wechsellagen" mit den
aufgetretenen Agrarkrisen in den Jahren 1822 bis 1913 aufgezeigt. Es wird deutlich sichtbar,
dass deren Verlauf nicht zu- sammenfällt. In diesem Zeitraum gab es ,,zehn Kreisläufe der
Konjunktur,aber nur zwei Agrarkrisen"
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,damit wird klar,dass der Konjunkturverlauf einer
Volkswirtschaft nicht den Verlauf oder die Stärke einer Agrarkrise hervorrufen kann. Im
Gegenzug dazu lässt sich auch umgekehrt schließen, dass eine Subsistenzkrise,egal in welcher
Größen- ordnung sie auftritt, nicht in der Lage ist, einen Auf-bzw. Abschwung der Wirtschaft
7
Abel,Wilhelm, Agrarkrisen und Agrarkonjunktur.Eine Geschichte der Land-und Ernährungswirtschaft
Mitteleuropas seit dem hohen Miittelalter. Berlin 1978. S.211.
8
Dietze,Constantin von, Agrarkrisen,Konjunkturzyklen und Strukurwandlungen,in:
Elster,Ludwig(Hrsg.),Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik,Band 134 Jahr 1931,S.513-528.
9
Dr.Gräber-Seißinger,Ute u.a.,Der Brockhaus Wirtschaft.Leipzig,München 2004.S.19. ,,Agrarmarkt: die
Gesamtheit aller auf landwirtschaftliche Erzeugnisse gerichteten Austauschbeziehungen zwischen Angebot und
Nachfrage. Das Angebot vieler Erzeugnisse unterliegt jahreszeitlichen Schwankungen, die Produktmenge ist
nicht genau im Voraus zu bestimmen, während die Nachfrage weitgehend konstant ist. Die Folge sind
jahreszeitliche und zufällige Preisschwankungen. Zur Vermeidung von Störungen greifen die meisten Staaten
regulierend ein (...)".
10
Sering,Max,Agrarkrisen und Agrarzölle.Berlin 1925.S.7. ,,Ich verstehe unter Agrarkrisis eine Preisgestaltung
und ein daraus folgendes Verhältnis der Einnahmen zu den Kosten und Lasten, welches viel Landwirte mit dem
Verlust von Haus und Hof oder gar große Bezirke mit der Verödung bedroht."
11
Spiethoff, Arthur, Die wirtschaftlichen Wechsellagen. Zürich 1955.
12
Dietze,Constantin von, Agrarkrisen,Konjunkturzyklen und Strukurwandlungen,in:
Elster,Ludwig(Hrsg.),Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik,Band 134 Jahr 1931,S.513-528.
5
zu implizieren. Belegt werden kann diese Behauptung durch den ,,Aufschwung der Jahre
1822-25", der ,,mit den schlimmsten Jahren der Agrarkrise,welche den Napoleonischen
Kriegen
13
folgte" zusammenfiel.
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In der früheren Geschichte wurde versucht ein
Zusammenhang zwischen der allgemeinen wirtschaftlichen Lage und den Vorgängen in der
Landwirtschaft zu finden. ,,Hat man doch (Jevons,Dietzel) Verlauf und Dauer der
Konjunkturzyklen sogar unmittelbar vom Ernteausfall abhängig machen wollen."
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Jedoch
zeigte sich im Verlauf der Geschichte, dass man keine allgemeingültigen Regeln für das
gleichzeitige Auftreten von Agrar- und Wirtschaftskrisen aufstellen kann. Es gab immer
wieder in Europa Jahre mit ertragsreichen Ernten, die aber zugleich mit einer großen
wirtschaftlichen Krise zusammenfielen. Damit kann also ,,von einem regelmäßigen oder gar
notwendigen Zusammenhang positiver oder negativer Art [...] keine Rede sein."
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Die
Schwankungen beim Ernteertrag haben also keinerlei Auswirkungen auf die Phasen der
Konjunktur ebenso wenig sind sie in der Lage Subsistenzkrisen weder negativ noch positiv zu
beeinflussen. Denn schon Constantin von Dietze stellte in seinem 1933 veröffentlichtem
Aufsatz fest, ,,auch auf dem Gebiet der Agrarkrisen kann das Ernteergebnis nur eine ohnehin
vorhandene Bewegung verstärken oder mildern."
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Nun stellt sich aber natürlich die Frage von was, wenn nicht vom Ernteergebnis ist eine
Subsistenzkrise denn nun abhängig. Die Landwirtschaft produziert im Gegensatz zur Industrie
,,für einen ziemlich gleichbleibenden Bedarf und ist an langsame Wachstumsvorgänge
gebunden."
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Man kann ohne weiteres bei genauer Beobachtung der Preise für
Agrarerzeugnisse einen positiven Trend erkennen, dies lässt sich sehr einfach mit der
Angebots-Nachfrage-Theorie erklären. Mit einer wachsenden Be- völkerung wächst zugleich
auch die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Gütern, je mehr Menschen nach Nahrung
verlangen, desto mehr muss produziert werden um die Nachfrage decken zu können. Ist es
den Landwirten nicht möglich den steigenden Be- darf an lebensnotwendigen Gütern zu
gewährleisten, so zeigt sich die Veränderung der Bevölkerungszahlen an zunehmenden
Preisen. Es ist schwierig die Nachfrage in aus- reichendem Maße zu befriedigen, denn dies ist
,,unter sonst gleichen Verhältnissen nur durch vermehrten Aufwand an Arbeit bezw.
13
Napoleonischen Kriege: bestehen aus den sieben Koalitionskriegen der Jahre 1792 bis 1815.
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Dietze,Constantin von, Agrarkrisen,Konjunkturzyklen und Strukurwandlungen,in:
Elster,Ludwig(Hrsg.),Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik,Band 134 Jahr 1931,S.513-528.
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Dietze,Constantin von, Agrarkrisen,Konjunkturzyklen und Strukurwandlungen,in:
Elster,Ludwig(Hrsg.),Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik,Band 134 Jahr 1931,S.513-528.
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Schäffner,Rudolf, Zur Geschichte der Agrarkrisen im neunzehnten Jahrhundert. Bruchsal 1933.S.1.
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Sering,Max von, Agrarkrisen und Agrarzölle. Berlin 1925.S.8.
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