1. Einleitung
Spanisch ist heutzutage mit 360 Millionen Sprechern die zweithäufig gesprochene Sprache der Welt.
Der größte Teil der spanischsprachigen Muttersprachler befindet sich in Lateinamerika. Seit 1492, seiner Entdeckung, war dieser Kontinent der ständigen Besiedlung von Europäern, vorzugsweise Spaniern, ausgesetzt. Die Siedler brachten als Teil ihrer Kultur natürlich auch ihre Sprache mit. Diese war allerdings während der langen Reise über den Ozean, der Entstehung neuer Siedlungen aus verschiedenen Volksgruppen und dem Kontakt mit den Ureinwohnern Amerikas verschiedenen Einflüssen ausgesetzt und hat sich den sprachlichen Bedingungen schnell angepasst.
Da die Siedler nicht nur überwiegend dem kastilischen Raum entstammten sondern sich Sprecher aller Varietäten des Spanischen auf der Reise trafen, kann man davon ausgehen, dass die Sprache schon bevor sie amerikanischen Boden erlangte, einem starken Koinesierungsprozess erlag und sich auf ihrem Weg der Ausbreitung von den karibischen Küsten bis ins tiefste Festland des Kontinents, durch den Kontakt mit Substraten, wie den Indio- und afrikanischen Sprachen weiter in verschiedene Richtungen entwickelte. Außerdem entscheidend für diesen Fall des „multiplen Sprachwandels“ (Noll 2001: 93) waren die große Entfernung zwischen Spanien und seinen Kolonien und die lange Zeit des Kontakts der beiden Kontinente miteinander, was zur Folge hatte, dass die Sprache für weitere Einflüsse, die die nicht enden wollende Flut von Einwanderern über drei Jahrhunderte mit sich brachte, empfänglich war.
Das führte dazu, dass es sich beim Spanischen, wie auch bei allen anderen Weltsprachen aufgrund ihrer weitläufigen Verbreitung, heutzutage nicht um eine einheitliche Sprache handelt, wobei sich die Varietäten hier weniger unterscheiden als das bei den anderen Weltsprachen der Fall ist.
Was aber sind die bedeutsamsten Merkmale der spanisch-amerikanischen Sprache und wie konnten sie sich in dieser Sprache etablieren?
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2. Besonderheiten des Spanischen in Amerika und ihre Ursachen
Wenn man sich mit der spanischen Sprache auf dem lateinamerikanischen Kontinent befasst, sollte man sich bewusst machen, dass es sich hierbei nicht um einen sprachlich homogenen Raum handelt. Die Vielfalt an Varietäten ähnelt jener der iberischen Halbinsel, wobei zu beachten ist, dass es in beiden Gebieten schwer fällt klare Grenzen zwischen den einzelnen sprachlichen Räumen zu ziehen.
Was jedoch fast allen Varietäten im lateinamerikanischen Raum gemein ist, ist zum Einen der markante Kontrast zum Kastilischen, vor allem bezüglich Aussprache, Wortschatz und Morphosyntax, und zum Anderen, dass der nähesprachliche Sektor in Amerika wesentlich mehr Bedeutung innehat als in Spanien, wohingegen der Schriftsprache bei weitem nicht soviel Gewicht zuteil wird, wie das im spanischeuropäischen Raum der Fall ist.
Die Gründe dafür finden sich sowohl in der historischen Entwicklung der Sprache, dem Stand des Bildungssystems, das der Distanzsprache nur geringes Interesse beimisst und den sozialen Verhältnissen auf dem südamerikanischen Kontinent, die sich, im Vergleich zu Spanien, durch eine sehr kleine Mittelschicht, auszeichnen.
2.1 Sprachliche Phänomene
Wie bereits erwähnt, ist es unmöglich das Spanische in Amerika als Einheit zu betrachten. Trotzdem wahren einige Varietäten verschiedene phonetische, phonologische und morphosyntaktische Gemeinsamkeiten, die sie, als Komplex gesehen, vom Spanischen in Europa unterscheiden.
2.1.1 Phonetik und Phonologie
Die Auffälligkeiten bezüglich Phonetik und Phonologie teilen sich in zwei Extreme auf, dem Vokalismus und dem Konsonantismus, wobei sich dazwischen ein breites Band verschiedener Zwischenstufen auf der „Sonoritätsskala“ befindet.
2.1.1.1 Vokalismus
Auf einen stabilen Vokalismus trifft man vor allem in den Tieflandgebieten, also vor allem in den Küsten und Inselregionen Lateinamerikas.
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Hier werden die Vokale /e/ und /o/ bei Ausfall des finalen /s/ leicht geöffnet, was oft zu Minimalpaaren im Bereich der Bildung des Plurals und der zweiten Person Singular führt, zum Beispiel lamento [la´mento] und los lamentos [los la´mento]. Außerdem fällt auch die Nasalierung betonter Vokale oder auch deren Längung aufgrund des Ausfalls von Konsonanten in diesen Gebieten auf. Aber besonders in den Hochlandgebieten, das heißt vor allem im Andenraum, findet sich eine „variable Tendenz zur Abschwächung unbetonter Vokale“ (Noll 2001: 25) und in Bolivien und Peru aufgrund der dort herrschenden Zweisprachigkeit eine „Tendenz zur Alternanz von unbetontem [e] und [o] mit [i] und [u]“ (Noll 2001: 25) was eine Entwicklung einer allophonischer Alternanz zwischen [e - i] und [o-u] mit sich bringt, wie zum Beispiel me veda ‚mi vida’, da die indigenen Sprachen Quechua und Aimara nur drei Vokale kennen. Dieses Phänomen ist aber stark sozial markiert und gilt in betreffenden Gegenden als volkssprachlich.
2.1.1.2 Konsonantismus
Unter Konsonantismus versteht man eine phonetische Reduktion von Konsonanten, das heißt, dass Konsonanten phonetisch nicht oder nur schwach realisiert werden. In manchen Teilen des Spanischsprachigen Raums existieren deshalb ein bis zwei Einheiten (/θ/, /λ/) weniger.
a) Seseo
Eine der wohl auffälligsten und weitverbreitesten Besonderheiten der spanischen Sprache in Amerika im Vergleich zu dem, das auf der iberischen Halbinsel gesprochen wird, ist wohl der seseo.
Im 15. Jahrhundert reduzieren sich im Kastilischen die beiden altspanischen dentalen Affrikate /dz/ und /ts/ zu prädorsalen Frikativen [z] und [s], die sich jedoch weiter von den apikoalveolaren Frikativen unterscheiden. Später entwickelt sich daraus eine Desonosierung, so dass nur die beiden Phoneme /ś/ und /š/ weiterbestehen. Dieser Prozess nimmt im Norden Kastiliens seinen Lauf und breitet sich langsam nach Süden aus.
Auch im Andalusischen findet sich eine derartige Veränderung, wobei hier die Frikative [z] und [s] mit den apikoalveolaren Frikativen /ż/ und /ś/ zusammenfallen, so dass es zunächst nur die beiden Phoneme /z/ und /s/ gibt, die durch die Desonorierung zu einem einzigen stimmlosen prädorsalen Laut /s/ reduziert werden.
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In Spanien verschiebt sich dieses entstandene /s/ weiter nach vorn und es entsteht der dentale Frikativ [θ], der sich aber erst im 17. Jahrhundert generalisiert und so die Entwicklung in Amerika nicht mehr beeinflussen kann.
Während also im nördlichen Teil Spaniens zwischen /s/ und /θ/ unterschieden wird, hat diese Differenzierung den amerikanischen Kontinent nie erreicht und wird auch in Andalusien nicht in dieser Form realisiert.
Das Konsonanteninventar wurde um ein Phonem reduziert, wodurch homophone Paare, wie zum Beispiel casa ‚Haus’ und caza ‚Jagd’ entstehen.
b) Yeísmo
Der sogenannte Yeísmo, das heißt, der „weitverbreitete Zusammenfall der Phoneme /j/ (
In manchen Teilen Südamerikas wird /j/ auch durch den stimmhaft präpalatalen Frikativ / / ersetzt, genannt Žeísmo. Besonders Argentinien ist für dieses Beispiel bekannt.
c) Realisierung des implosiven /s/
Während in den Gegenden des Hochlandes das implosive /s/, also der /s/-Laut am Ende einer Silbe, zumeist beibehalten wird, ist es, vor allem in den Tieflandgebieten, durchaus kommun, das /s/ am Silbenende zu aspirieren oder zumindest zu einem Hauchlaut [ h ] abzuschwächen. Dieses Phänomen wirkt sich ebenfalls auf die Bildung des Plurals und der zweiten Person Singular aus und ist auch volkssprachlich gekennzeichnet.
d) Neutralisierung von /r/ und /l/
/r/ und /l/ sind Liquide, die in ihrer aveolaren Bildung homorgan sind. Vor allem in den Tieflandgebieten wird /r/ deshalb bevorzugt als /l/ realisiert, da sich /r/ im Zusammenhang mit der Schwächung des Konsonantismus als Vibrant für den
1 Kubarth 1987: 27
2 Kubarth 1987: 32
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Arbeit zitieren:
Raphaela Reiber, 2005, Spanisch in Amerika, München, GRIN Verlag GmbH
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