Inhaltsverzeichnis
1. Ein Generationenproblem. 3
2. Das Leben des Johann Mathesius 4
3. Zeitgenossen, Schriftsteller und Historiker 5
3.1 Quellen und Fakten. 5
3.2 Wertungen 7
3.3 Glauben. 7
3.4 Erklärungen. 8
3.5 Pädagogik 8
4. Die Predigten als Ausnahmeerscheinung? 9
5. Kritikpunkte. 9
6. Wahrheit und Realität 10
Literaturangaben : 12
2
1. Ein Generationenproblem
Georges Sorel war der Meinung, dass die Geschichtsschreiber der Zukunft (…) finden werden“, dass das Denken vergangener Generationen „voller Einbildungen gewesen ist.“ 1 Wir blicken heute auf Sorels Zeit und die Zeiten davor zurück, und sind in Folge dessen nur allzu oft versucht dem französischen Sozialphilosophen Recht zu geben. Unumstößliche Erkenntnisse vergangener Jahrhunderte gelten mittlerweile als überholt. Berühmte Schriften, einst Meilensteine der Wissenschaft, entführen uns in der Gegenwart in eine Welt von Kuriositäten. Es fällt uns manchmal schwer sie von epischer Literatur zu unterscheiden.
Die Geschichtswissenschaft, als eine der wandelbarsten Wissenschaften, ist von diesem generationsbedingten Verständnisproblem stark betroffen. Sie hat Barrieren geschaffen um sich von den ‚Irrungen’ der Vergangenheit abzuschotten. Historiker sind der Ansicht, dass jeder Geschichtsforscher, der vor der Zeit des großen Leopold von Ranke lebte, eher Literat, denn Wissenschaftler war. Am härtesten trifft diese Abgrenzung die ‚Historikerzunft’ der frühen Neuzeit. Sie steht der Schwelle zur Anerkennung durch heutige Generationen sowohl zeitlich als auch fachlich am nächsten. Warum jedoch misslingt es den frühneuzeitlichen ‚Historikern’ jene Schwelle zu überwinden? Was unterscheidet sie so sehr von Wissenschaftlern wie Leopold von Ranke? Zur Beantwortung dieser beiden Fragen, bietet es sich an einen genauen Blick auf das Leben und Schaffen eines frühneuzeitlichen Geschichtsforschers zu werfen.
Um möglichst effektiv vorgehen zu können, soll hierbei die Anfangsphase der frühen Neuzeit als Zeitrahmen dienen. Genauer gesagt die Zeit der lutherischen Reformation. Martin Luther, der große Reformator, hat viele Generationen von Menschen fasziniert. Von der frühen Neuzeit bis heute entstanden zahllose Aufsätze und Bücher über ihn. Diese Schriftstücke können als Quellen- und Referenzmaterial genutzt werden, wenn wir Leben und Werk eines Luther-Biografen als Objekt unserer Untersuchung wählen.
1 Originaltext : „Nous savons parfaitement que les historiens futurs ne manqueront pas de trouver que notre pensée a été pleine d'illusions“, Georges Sorel, Réflexions sur la violence, Paris 1908, S. 113.
3
2. Das Leben des Johann Mathesius
Einer der bekanntesten Luther-Biografen war Johann Mathesius. Er wurde 1504 in Rochlitz geboren. Sein Vater, Wolfgang Mathesius, war ein wohlhabender Ratsherr. Er ermöglichte seinem Sohn eine gute Schulbildung. Nach dem Tod des Vaters begab sich Johann Mathesius auf Wanderschaft. 1522 begann er ein Theologiestudium in Ingolstadt. Schon ein Jahr später brach er dieses Studium aus Geldmangel ab. 1530 fiel dem gescheiterten Studenten Martin Luthers Flugschrift „Eyn sermon geprediget zu Leyptzigk (…)“ 2 in die Hände. Mathesius zog daraufhin nach Wittenberg um den großen Reformator kennenzulernen. Begeistert von Luthers Predigten, und finanziell gestärkt durch mehrere Jahre Arbeit, schrieb er sich an der Wittenberger Akademie ein. Hier studierte er Theologie und Philosophie. 1533 brach Mathesius zum zweiten Mal sein Studium ab. Wieder auf Grund von Mittellosigkeit. Mit dem Geld, das er in den kommenden Jahren am Gymnasium Altenburg und als Rektor der Lateinschule in der Silberstadt St. Joachimstal verdiente, gelang es ihm 1540 nach Wittenberg zurückzukehren. Die beiden Reformatoren Martin Luther und Phillip Melanchthon nahmen ihn nach kurzer Zeit in ihren engeren Kreis auf und sorgten dafür, dass er noch im selben Jahr den Titel eines ‚Magister der Künste’ verliehen bekam.
1542 zog es Mathesius mit glänzenden Zeugnissen wieder nach St. Joachimstal. Hier arbeitete er zunächst als Prediger. 1545 wurde er zum Pfarrer der Joachimstaler Kirchengemeinde berufen. Von 1562 bis 1564 hielt Mathesius Predigten über das Leben von Martin Luther. Diese Predigten gingen ein Jahr nach seinem Tod, 1566, unter dem Titel „Historien von Martin Luthers Anfang, Lehr, Leben und Sterben.“ in Druck. Auf Grund der großen Nachfrage folgten mehrere Neuauflagen.
Wirft man einen genauen Blick auf den Lebenslauf des Johann Mathesius, werden Unterschiede zwischen ihm und den meisten, heute anerkannten Historikern deutlich. Erstens: Mathesius kannte Martin Luther. Er hatte also einen Teil der Ereignisse über die er berichtete miterlebt, stand in direktem Bezug zu den daraus resultierenden Folgen. Zweitens: Die Bearbeitung geschichtlicher Zusammenhänge war nie seine eigentliche Profession. Mathesius war Schreiber, Lehrer und Theologe, kein studierter Historiker.
2 Martin Luther, Eyn sermon geprediget zu Leyptzigk auff dem Schloß, Nürnberg 1519.
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Arbeit zitieren:
Stefan Noack, 2008, An der Schwelle zur Wissenschaft , München, GRIN Verlag GmbH
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