Inhaltsverzeichnis
1. Fragestellung und Einordnung in den aktuellen Theoriediskurs 3
2. Forschungsstand 4
3. Datensatz und Vergleich mit amtlichen Daten. 8
3.1. Grundgesamtheit des Familiensurveys und Grundgesamtheit der amtlichen Statistik 8
3.2. Vergleich der Surveydaten mit der amtlichen Statistik. 8
3.3 Gründe für die Abweichungen und weitere Einschränkungen der Repräsentativität 9
4. Deskriptiver Teil 11
4.1. Grundlagen der Untersuchung. 11
4.2. Auswahl der Grundgesamtheit. 12
4.3. Univariate Verteilung der Altersabstandsvariablen. 13
4.4. Verschiedene Aspekte des Altersabstands 14
5. Bivariate Analyse 16
5.1. Grundsatzentscheidungen. 16
5.2. Forschungslogik und Hypothesenableitung 17
5. 3. Ergebnisse der bivariaten Analyse 22
6. Multivariate Analyse 24
6.1. Anwendungsvorausetzungen und Transformation der Prädiktoren 24
6.2. Regressionsmodelle und Interpretation der Ergebnisse. 27
7. Zusammenfassung 32
9. Literatur 35
2
1. Fragestellung und Einordnung in den aktuellen Theoriediskurs
"LIEBHABER u. FREUND, groß an Geist und
Körper, ab 45 J. gesucht. Von IHR, 43/168/65, langh. (...)"
"ATTRAKTIVE Feminine (28/177) träumt von maskul. Attraktion (mind. 30/187, sportl., bauchu. bartlos (...)"
"Ist doch einfach! Sie muß einfach richtig gut sein! Dazu schl./zierl., powerful, 25-35, (...). Die Beste soll sich bitte melden bei M39/173/schl./NR (...)" "INDIANA JONES: mutig mit atemberaubender Ausstrahlung, (...), bezaubernder Typ (30, 183, sehr sportl. u. gutaussehend!)(...) Bist Du der 20-25 jähr. goldige Schatz (...)" 1
Partnerwahl Mitte der neunziger Jahre: Immer noch geprägt von uralten Mustern? Er muß und will größer, älter und stark sein, sie muß und will kleiner, jünger und hübsch sein? Welche Bedeutung haben Merkmale wie Körpergröße, Attraktivität, Alter, Bildung und ökonomische Situation? Ist die Norm des ungleichen Paares, verbunden mit Rollenzuweisung und Machtgefälle, nicht vielmehr überholt?
In dieser Arbeit wollen wir uns auf eine der genannten Normen konzentrieren: Gegenstand einer empirischen Analyse soll der Altersunterschied in Paarbeziehungen sein. Es soll untersucht werden, ob die Norm der jüngeren Partnerin, respektive des älteren Partners, tatsächlich noch uneingeschränkte Gültigkeit hat oder in der Auflösung begriffen ist und inwieweit die Beobachtungen soziologich begründet werden können. Dieser Forschungsbericht ist Ergebnis unserer einsemestrigen Arbeit zu dieser Fragestellung.
Die aktuelle Entwicklungsrichtung fortgeschrittener Wohlfahrtsstaaten wie der Bundesrepublik Deutschland ist durch hochkomplexe, interdependente Tendenzen in den verschiedensten Lebensbereichen gekennzeichnet: innovative Formen der Arbeitsteilung, Flexibilisierung von Arbeits-, Frei- und Rentenzeiten, anhaltende Bildungsexpansion, immer umfassendere Risikenabsicherung durch sozialstaatliche Transferleistungen, emanzipatorische Fortschritte in Politik und Rechtssprechung, aufbrechende Normen- und Wertstrukturen, um nur einige zu nennen.
Ursache und Wirkung sind den einzelnen Veränderungen nicht mehr eindeutig zuzuordnen. Aus diesem Prozeß hervorgehende Entwicklungen - zunehmende Individualisierung und Pluralisierung von Lebensstilen - schlagen bis zur Ebene individuellen Verhaltens durch und
1 meier. Das Stadtmagazin, Mannheim, März 1995, S.188/190
3
lassen sich mittels sozialwissenschaftlicher Indikatoren wie Scheidungsquoten, Mobilitätsraten, Abgabenbelastung, Ledigenquote u.ä. veranschaulichen. Im Zuge dieser Entwicklungen werden Normalbiographien zunehmend von Wahlbiographien abgelöst. 2 Diese Wahlfreiheit, dieser 'freedom of choice', gilt auch für interpersonelle Beziehungen , insbesondere für die Wahl eines ehelichen oder nichtehelichen Lebenspartners. Wo früher staatliche Heiratsgesetze (Heiratsverbote etwa für Dienstboten und ökonomisch abhängige Personen) und vor allem bindende Normen (Klassenschranken, die Voraussetzung ökonomischer Unabhängigkeit des Mannes usw.) das 'field of eligibles' einschränkten, sollte heute stattdessen eine individuelle und unabhängige Wahl diesen Matching-Prozeß bestimmen.
"Was Familie, Ehe, Elternschaft, Sexualität, Erotik, Liebe ist, meint, sein sollte oder sein könnte, kann nicht mehr vorausgesetzt (...) werden, sondern variiert in Inhalten, Ausgrenzungen, Normen, Moral (...) von Individuum zu Individuum, Beziehung zu Beziehung" so BECK. 3
Doch wird die Partnerwahl so zu einem 'Random Mating' (R. KLEIN), dem Bild in der römischen Mythologie entsprechend, in dem Amor seine Pfeile mit verbundenen Augen verschießt?
Sicher nicht. Daß bei der Partnerwahl eine Vielzahl beispielsweise kognitiver und behavioristischer Selektionsmechanismen greifen, ist aus der sozialpsychologischen Attraktivitäts- und Sexualitätsforschung bekannt. Inwieweit auch heute noch normative Schranken oder gar strukturelle Besonderheiten des Partnermarktes die Freiheit bei der Partnerwahl einschränken, soll in der vorliegenden Arbeit untersucht werden.
2. Forschungsstand
Die deutschsprachige Literatur zu unserem Explanandum 'Altersendogamie in Paarbeziehungen' zerfällt in zwei große Blöcke: Zum einen findet sich eine Vielzahl sozialpsychologischer Ansätze, die den Prozeß der Partnerwahl und teilweise auch den daraus resultierenden Altersabstand mit sozialpsychologischen Mechanismen zu erklären suchen. Exemplarisch seien HEIDERs kognitionspsychologische Balance-Theorie und die soziale Austauschtheorie HOMANs bzw. in ihrer erweiterten Form von THIBAUT und KELLEY genannt. Da sozialpsychologische Erklärungsansätze oft nur im kleinen experimentellen Rahmen mit auf gesamtgesellschaftliche Verhältnisse nicht verallgemeinerbaren Stichproben
2 vgl. Ley, K., S. 239ff.
3 Beck, U., S. 13.
4
empirisch überprüft werden, sollen sie hier nicht weiter expliziert werden. Trotzdem könnten diese durchaus geeignet sein, latente Motivationsstrukturen hinter den beobachteten Zusammenhängen zu erklären, so daß wir bei der Herleitung unserer Hypothesen gegebenenfalls auf sie rekurrieren werden.
Der zweite Block theoretischer wie empirischer Literatur zum Thema beinhaltet die soziologischen Erklärungsansätze. Jene sind allerdings, vor allem im Theoriebereich, in der BRD spärlich gesät. Bevor die -vor allem empirischen- Quellen zusammengefaßt werden sollen, scheint vorab eine Klärung des basalen Begriffspaares 'Homo- versus Endogamie' sinnvoll. Wir schließen uns einer Differenzierung JÄCKELs an, die Homogamie als die Ähnlichkeit beider Partner hinsichtlich psychíscher Merkmale definiert. Endogamie bezeichne dagegen die Zugehörigkeit der beiden Partner zu sozial "gleichen Gruppen im weitesten Sinne" 4 -beispielsweise Schicht, Konfession, Rasse oder Altersgruppe. Angesichts des Umstandes, daß die Begriffe Homogamie und Endogamie in der Literatur nicht logisch stringent benutzt werden, teilweise mit dem Terminus "Altersendogamie" auch alle Dyaden bezeichnet werden, in denen der Mann älter (sic!) ist, sollen innerhalb dieses Forschungsberichtes in der Folge alle Paare als altersendogam bezeichnet werden, in denen der Mann gleichalt respektive bis zu drei Jahren älter ist als die Frau. Doch zurück zu den empirischen Befunden:
Altersabstände:
SIMM berichtet im Rahmen einer 1981-83 durchgeführten Studie an insgesamt ca. 1000 verheirateten und nicht verheirateten Paaren aus vier bundesdeutschen Städten von der ungebrochenen Norm der jüngeren Frau. In 79% der Fälle war die Frau jünger, in nur 9% war sie älter und demnach zu 12% gleichalt wie ihr Partner. 5 Ähnliche Zahlen berichten RÜCKERT et al. unter Berufung auf amtliche Daten : Von den ca. 3,6 Millionen zwischen 1960 und 1970 geschlossenen Ehen war zu 75% die Frau jünger, in ca. 15% älter und zu 10% gleich alt.
Einfluß des Heiratsalters:
Allerdings, so RÜCKERT et al. weiter, nehme der Altersabstand mit zunehmendem Heiratsalter der Frau fast linear ab, um diesen schließlich ab dem 30. Lebensjahr ins Negative
4 Jäckel, S.7, Hervorhebung durch die VerfasserInnen.
5 vgl. Simm, S. 18.
5
zu verkehren. Frauen im Heiratsalter unter 21 Jahren haben durchschnittlich einen 4,1 Jahre älteren, Frauen ab 35 dagegen einen durchschnittlich 1,8 Jahre jüngeren Mann geheiratet. 6
Einfluß des Schulabschlusses:
Zudem fanden die Autoren einen Zusammenhang zwischen dem Schulabschluß des Befagten und der Altersdifferenz. So heirateten die Gruppe der 25-29jährigen Frauen mit Volksschulabschluß einen um 1,4 Jahre, diejenigen mit mittlerem Bildungsabschluß einen um 1,5 Jahre und diejenigen mit Abitur bzw. Hochschulabschluß einen um 2,7 respektive 2,4 Jahre älteren Mann.
Einfluß der Religionszugehörigkeit:
Schließlich konnten RÜCKERT et al. noch den Einfluß der Religionszugehörigkeit nachweisen. Demnach würden z.B. in rein protestantischen Ehen vorwiegend altersnahe Verbindungen bevorzugt, wohingegen Katholikinnen deutlich ältere und vice versa Katholiken deutlich jüngere Partnerinnen wählten.
Einfluß des Geburtsjahrganges:
TÖLKE zieht als Datenbasis für ihre Aussagen den Familiensurvey des Deutschen Jugendinstitutes von 1988 heran. Auf Paarebene berichtet sie von einem Zusammenhang zwischen Geburtsjahrgang und Altersabstand. So sei, ausgehend von einem relativ geringen Altersabstand der 1933-35 Geborenen, die altersmäßige Ungleichheit bei den Jahrgängen 44-46 und 49-51 kulminiert, um sich danach mit den jüngeren Geburtsjahrgängen (54-54 und 59-61) wieder auf das ursprüngliche Niveau zu reduzieren. Es handele sich also um eine umgekehrt U-förmigen Verlauf. 7 Allerdings sei hier angemerkt, daß die Autorin nur eine Teilmenge der erhobenen Jahrgänge einbezieht., was zu Verzerrungen des -laut ihrer Aussagen- ohnehin nur schwach ausgeprägten kurvilinearen Verlaufes führen könnte. Ein Vergleich mit unseren Ergebnissen könnte also interessant sein . Im übrigen weist TÖLKE auf einen Befund hin, der auch für uns wegen der identischen Datenbasis relevant werden könnte: Daß nämlich Männer den Altersabstand zur Partnerin durchgängig etwas geringer angeben als die weiblichen Befragten (vgl. dazu Absch. 4.4.). 8 Soweit zu den empirischen Befunden der von uns gesichteten Literatur.
6 vgl. Rückert et al. , S.87.
7 vgl. Thölke, S. 131. 8 vgl. a.a.O., S. 132.
6
Theoretische Interpretation der Befunde:
Theoretische Interpretationen, die die explizierten Befunde erklären, finden sich, wenn überhaupt, so nur am Rande. Dabei lassen sich vier konkurrierende Ansätze unterscheiden: Zum einen können Alterdifferenzen auf normativen Mustern beruhen, beispielsweise in dem Sinne, daß ein im Vergleich zur Frau älterer Mann mit traditionellen, patriarchalischen Wert-und Rollenvorstellungen und/oder der instrumentellen Führerschaft innerhalb der Familie eher zu vereinbaren ist. 9
Andere Autoren betonen dagegen den Einfluß der sozialen Gelegenheitsstruktur auf die Partnerwahl im allgemeinen und die Altersdifferenz im besonderen. Weil beispielsweise die Kreise, in denen man verkehre, in Bezug auf einzelne Merkmale (wie Bildung, Alter, Konfession, IQ) homogen waren, ergäbe sich Endogamie als eine "Funktion der Gelegenheiten" 10 .
Ebenfalls soziostrukturellen Einflüssen zuzurechnen sind Effekte des sogenannten 'marriage squeeze' im Sinne einer historischen Perpetuierung zahlenmäßiger Dysbalancen aufeinanderfolgender Geburtsjahrgänge. 11
Neben diesen beiden Ansätzen sollen zwei weitere nicht unerwähnt bleiben: Der entwicklungsbiologische und der psychoanalytische. Zunächst zu ersterem:
Entwicklungsbiologisch beginnt die Pubertät bei Mädchen im Vergleich zu Jungen rund zwei Jahre früher. 12 Diese zeitliche Differenz korrespondierender Entwicklungsphasen könnte auch den Zeitpunkt der ersten heterosexuellen Beziehung beeinflussen, und zwar in der Richtung, daß Mädchen in jüngerem Alter ihre erste Paarbeziehung eingehen und dabei aufgrund ihres Entwicklungsvorsprunges auf ältere Jungen zurückgreifen. 13 Hier könnten dann erste Ungleichgewichte auf dem Partnermarkt entstehen, die dann bis ins Heiratsalter fortbestehen und sich ggf. verstärken.
Psychoanalytisch orientierte Autoren betonen dagegen das ödipale Muster der Partnerwahl. Am Beispiel der Partnerwahl der Frau -oder in FREUDs Worten 'der Objektwahl des Weibes'läßt sich dies verdeutlichen: "Die Bedingungen der Objektwahl des Weibes sind häufig genug durch soziale Verhältnisse unkenntlich gemacht. Wo sie sich frei zeigen darf , erfolgt sie oft nach dem narzistischen Ideal des Mannes, der zu werden das Mädchen gewünscht hatte. Ist das Mädchen in der Vaterbindung , also im Ödipuskomplex, verblieben, so wählt es nach dem
9 vgl. Jäckel, S. 11.
10 a.a.O. 11 vgl. Klein, S. 240. 12 vgl. Oerter, R., Montada, L., '87, S. 270.
13 Einige Hinweise für unsere Vermutung finden sich in : Silbereisen, R.K. et al., S. 51.
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Arbeit zitieren:
Privatdozent Dr. Sven Schneider, 1995, Altersunterschiede in Paarbeziehungen, München, GRIN Verlag GmbH
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