Inhaltsverzeichnis Seite
Einleitung 02
1 Die Schule als Sozialisationsinstanz 03
1.1 Sozialisation als vielseitig anwendbarer Begriff 04
1.2 Die Verlagerung von Sozialisation in den Schulbereich 04
2 Schulen als Orte gruppendynamischer Prozesse 05
3 Sozialisation nach dem Bezugsgruppenkonzept 08
3.1 Begriffliche Einordnung 08
3.2 Ausgangspunkte der Bezugsgruppentheorie 09
3.3 „Normatives“ vs „Interpretatives Paradigma
der Bezugsgruppentheorie 11
3.4 Relative Deprivation
als Sonderfall der Bezugsgruppentheorie 12
3.5 Soziale u. personale Bedingungen d. Bezugsgruppenwahl. 14
3.6 Bezugsgruppentheorie aus der Personperspektive 17
3.7 Bezugsgruppentheorie aus der Gruppenperspektive 20
4 Schlusswort 20
Literaturverzeichnis 22
1
Einleitung
Die vorliegende Erarbeitung setzt sich mit der Sozialisation von Schülerinnen und Schülern im Lebensbereich Schule auseinander und stellt dabei insbesondere auf die wechselseitigen Prozesse ab, die vor allem die Beziehungen der Schüler untereinander entscheidend beeinflussen. Schule war und ist eine für Kinder und Jugendliche maßgebliche Sozialisationsinstanz, in der zukünftig durch weitreichende Umwandlung in Ganztagsschulen tendenziell mehr Zeit verbracht werden wird als dies bisher der Fall war.
Thematisch richtet die Arbeit ihren übergeordneten Blick auf die Soziologie der Gruppe, so dass nach einer kurzen Vorstellung der Schule als Sozialisationsagentur in Kapitel 1 die vielfältigen gruppendynamischen Prozesse beleuchtet werden sollen. Den Kern der Arbeit stellt das dritte Kapitel dar, in dem zunächst einige theoretische, dann auch praxisbezogene Überlegungen zum Bezugsgruppenkonzept angestellt werden.
Nicht nur im schulischen Kontext, sondern auch in anderen Formen von Bezugsgruppen nimmt die genannte Konzeption einen bedeutsamen Stellenwert in der Gruppensoziologie, vor allem aber auch in der modernen Sozialpsychologie ein. Sie untersucht den Einfluss sozialer Gruppen auf das Wahrnehmen, Denken und Handeln von Personen und sollte somit von Lehrkräften an Schulen und Vorschulen sowie Fachkräften auf anderen pädagogischen Tätigkeitsfeldern nicht unberücksichtigt bleiben. Es wird zu erkennen sein, dass eine Schulklasse als Ganzes ebenso wie kleinere daraus und darüber hinaus entstandene Gruppen eine beträchtliche
Sozialisationswirkung auf das Individuum entfachen.
2
1 Die Schule als Sozialisationsinstanz
Auf die Frage hin, was unter dem Begriff der Sozialisation zu verstehen sei, liefert die einschlägige Fachliteratur eine breite Auswahl an Erklärungen und Definitionen. So schreibt der Soziologe Eberhard Groß beispielsweise:
Unter Sozialisation versteht man alle bewussten oder unbewussten Prozesse, über die dem Menschen die Fertigkeiten, Verhaltensweisen und Wertvorstellungen seiner Gesellschaft und Kultur vermittelt werden. Sozialisation meint also mehr als nur Erziehung, der man gewöhnlich die beabsichtigten und professionalisiert angelegten Lehr- und Lernvorgänge zuschreibt. [...] Sozialisation erfasst auch alles das, was wir später als Erwachsene lernen, wenn wir unser Verhalten zum Beispiel an bestimmten Alters- oder Bezugsgruppen am Arbeitsplatz [..] ausrichten oder an Verhaltensmodelle anpassen, wie sie über die Massenmedien vorgeführt werden. Hier wirken doch nicht nur pädagogische Instanzen im engeren Sinne, sondern auch alle möglichen 'geheimen Miterzieher'. Solche Prozesse laufen über einen komplexen Strang von Einwirkungen aller Art mit ganz verschiedenen affektiven und kognitiven Elementen und in psychologischen, sozialpsychologischen und soziologischen Kanälen.“ 1
Ähnlich definiert Klaus Hurrelmann Sozialisation als den „Prozess der Entwicklung der Persönlichkeit in Abhängigkeit von und in Auseinandersetzung mit der inneren (Körper und Psyche) und der äußeren Realität (sozialer und ökologischer Umwelt).“ 2 Neben Talcott Parsons oder Robert King Merton, von dem an späterer Stelle noch weiteres zu lesen sein wird, haben Sozialwissenschaftler aus dem angelsächsischen sowie dem
deutschsprachigen Raum Definitionsversuche unternommen, die allesamt auf vier wesentliche Aspekte des Sozialisationsbegriffs abstellen: die sozialen Bedingungen, person-interne Vorgänge, den Zeitraum und die Folgen des Sozialisationsgeschehens.
1 Groß (1979): 69.
2 Hurrelmann (1994): 53.
3
1.1 Sozialisation als vielseitig anwendbarer Begriff
Viele Definitionsversuche richten ihr Augenmerk auf Institutionen, Organisationen oder Instanzen von Sozialisation und umfassen diese Aspekte als soziale Bedingungen. Im Falle der vorliegenden Arbeit meint dies die Schule als Sozialisationsinstanz als Ganzes. Personinterne Vorgänge, so schlägt Hermann Gukenbiehl vor, ließen sich zusammenfassend begreifen als Prozesse des Lernens, des Identifizierens mit Bezugspersonen oder -gruppen, dem Internalisieren von Erwartungen, Normen und Werten oder auch als Veränderung von Verhaltensdispositionen. 3 Den Zeitraum des beobachteten und gemeinten Sozialisationsprozesses zu unterscheiden ist wichtig, da in den verschiedenen Lebensphasen des Menschen verschiedene Vorgänge vermittelt durch verschiedene Personen vonstatten gehen. Das vierte Element, auf das sich die Definitionen des Begriffs bezogen, waren die beabsichtigten Ziele und die möglicherweise unbeabsichtigten Folgen der Sozialisation. Damit ist etwa die Enkulturation 4 des Einzelnen, die Übernahme einer sozialen Rolle oder die personale Entfaltung gemeint. 5
1.2 Die Verlagerung von Sozialisation in den Schulbereich
Im Sinne der vorgenannten sozialen Bedingungen ist also das Schulsystem als eine soziologische Institution zu verstehen. In allen bekannten Kulturen und Gesellschaften entstanden Schulen immer dann, wenn Wissen nicht mehr unmittelbar über Generationen weiter gegeben werden konnte. Dabei ging es in erster Linie nicht um technisches Wissen, sondern primär um Religion und Geschichte, die Tradierung der eigenen Kultur. Zusammen mit der Stabilisierung bestehender Gesellschaftsordnungen und der Markierung der Schwelle vom Kindes- oder Jugendalter in die Welt der Erwachsenen sind damit die drei wesentlichen Zwecke von Schulen gestern wie heute benannt. 6
3 Explizit erscheint bereits an dieser Stelle des Papiers der Begriff der Bezugsperson als ein zentraler Kernbegriff der Bezugsgruppentheorie, auf den noch genauer eingegangen wird.
4 Als Enkulturation bezeichnet man die Übernahme eines gesellschaftlichen Wertsystems. Vgl. Groß (1979): 69.
5 Vgl. Gukenbiehl (1979): 57-58.
6 Vgl. Fend (1974): 58-59.
4
Helmut Fend, ein österreichischer Pädagoge, hat sich in langjähriger Forschung und mit zahlreichen Publikationen zum Spezialgebiet der Sozialisation in der Schule auseinander gesetzt. Die Institutionalisierung systematischer Unterrichtung nachvollziehend weist er darauf hin, dass das Unterrichten anfangs als Teil einer allgemeinen Rolle vom Vater oder der Mutter vorgenommen wurde. Zunehmendes Wissen und wachsende Fertigkeiten erforderten schließlich den Lehrer als Beruf und die Schule als Institution. Fend vertritt die Ansicht, dass die Entwicklung von Schulsystemen von kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklungen abhängig ist. Das bedeutet für moderne Gesellschaften das Durchlaufen eines großen sozialen Wandels, welcher wiederum über die Verbreitung von Wissen und durch Innovationen zu einem bedeutsamen Element der Sozialisation in Bildungsinstitutionen wird. 7 Warum sozialer Wandel stärker vor sich geht und inwiefern Schule in Sozialisationsprozesse involviert ist soll das folgende Kapitel in Kürze umreißen.
2 Schulen als Orte gruppendynamischer Prozesse
Sozialisationsprozesse weisen zwei Funktionen auf, die sich gegenseitig unmittelbar bedingen. Einerseits entsteht eine „soziale Persönlichkeit“, welche wie bereits gesagt durch Übernahme kultureller Inhalte wie den Techniken des Lesens und Schreibens oder der Anerkennung und Übernahme bestehender politischer bzw. gesellschaftlicher Strukturen für eine Reproduktion bestehender Kulturen sorgen. Dies traf, so Fend, bei den meisten primitiven Kulturen zu, da kulturelle Übertragung lediglich der Bewahrung des Bestehenden genügen musste. Wissenschaftliche und technologische Neuerungen als Folgen vielfältiger Steigerungsprozesse haben zu einer wachsenden Komplexität der Gesellschaft geführt. Der Umfang von Wissen nimmt zu, so dass die Ausbreitung und Weitergabe nicht mehr ohne Selektion möglich ist. Folglich findet Nicht-Tradierung kultureller Werte häufiger in modernen Gesellschaften statt, was einen sozialen Wandel voran treiben kann.
7 Vgl. ebd.: 59-62.
5
Arbeit zitieren:
Tobias Reiche, 2009, Schulische Sozialisation nach der Bezugsgruppenkonzeption., München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Theorie, Einflussfaktoren und ...
BWL - Marketing, Unternehmenskommunikation, CRM, Marktforschung
Seminararbeit, 17 Seiten
Medientheoretische Grundlagen der Medienkompetenz
Theoretische Perspektiven eine...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Diplomarbeit, 86 Seiten
Definition und Entwicklung des Bilderbuches in der Gegenwart - Eine Üb...
Hausarbeit, 21 Seiten
Kinderbuchklassiker als Bilderbuch
Anmerkungen zu neuen Bildgesch...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Wissenschaftlicher Aufsatz, 34 Seiten
Grundlagen und Techniken des Psychodramas mit Kindern
Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie
Seminararbeit, 31 Seiten
Handlungs- und produktionsorientierter Unterricht: Eine schülerzentrie...
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Seminararbeit, 25 Seiten
Dimensionen der Medienkompetenz: Deskriptive Apekte
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 17 Seiten
Integrative Sportgruppen: Hintergründe, Konzepte und Strategien
Diplomarbeit, 126 Seiten
Postmoderne Vorstellungen zur Modernisierung: Bruno Latour
Hausarbeit, 14 Seiten
Das Bilderbuch im Literaturunterricht der Grundschule
Möglichkeiten, Ziele und Anwen...
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Examensarbeit, 83 Seiten
Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Zur Erzählfähigkeit von Grundschulkindern im Bereich "Schreiben z...
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 30 Seiten
Bericht zum Pädagogischen Einführungspraktikum
Pädagogik - Der Lehrer / Pädagoge
Praktikumsbericht / -arbeit, 23 Seiten
Tobias Reiche's Text Schulische Sozialisation nach der Bezugsgruppenkonzeption. ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Tobias Reiche hat den Text Schulische Sozialisation nach der Bezugsgruppenkonzeption. veröffentlicht
Tobias Reiche hat einen neuen Text hochgeladen
Hurrelmanns Modell der produktiven Realitätsverarbeitung
Einführung in Theorie und Begr...
Mariana Durt
Hurrelmanns Modell der produktiven Realitätsverarbeitung. Schülerband
Einführung in Theorie und Begr...
Mariana Durt
Einführung zur Sozialisation i...
Peter Zimmermann, Arne Niederbacher
Studienbuch Berufliche Sozialisation
Theoretische Grundlagen und em...
Ute Lange, Klaus Harney, Sylvia Rahn
Schulische Eigenverantwortung und staatliche Aufsicht
Eine Untersuchung der Möglichk...
Judith Müller
0 Kommentare