Es scheint kein Zufall zu sein, dass Motive, Themen und Handlungen des Nibelungenlieds schon lange vor der Entstehung des Großepos, teilweise davon abgekapselt in früherer Ausprägung existierten und überliefert wurden. Genannt seinen nur das Sigurdlied oder die Bur-gundersage. Diese Tatsache unterstreicht die Relevanz des Verhältnisses von Erzählung und Geschichte in der Heldenepik. Wenn Großepen wie das Nibelungenlied richtig gedeutet und hermeneutisch analysieren werden sollen. Zunächst muss aber ein fundamentaler Rahmen geschaffen werden, um dieses Verhältnis näher untersuchen zu können. Dazu werde ich den Gattungsbegriff ´Heldenepik´ in seine tragenden Elemente zergliedern und versuchen mithilfe der Resultate einem Lösungsversuch näher zu kommen.
Der Weg zur epischen Großform ist lang und beschwerlich. Die Heldenepik stellt das Ziel, einen dichterisch-schöpferischen Endpunkt dar. Ihr Gegenstand sind exorbitante Handlungen und übermenschliche Taten, vollbracht von einer zentrierten Figur des heroischen Zeitalters. Der Held ist ein hervorragender Mann, er schreckt vor keiner lebensbedrohlichen Herausforderung zurück. Kraft, Standhaftigkeit und überschwänglicher Mut charakterisieren seine Person. Ein mittelalterlicher Supermann, der genauso wie die modernen Comichelden auf überirdische Fähigkeiten zurückgreifen kann und damit seinen feudalgesellschaftlichen Status in königliche Nähe katapultiert.
Alles beginnt mit der Oralitätskultur, einer Tradition der Mündlichkeit als erste Voraussetzung eines Heldenepos. Im Mittelpunkt der mündlichen Überlieferung steht die Handlung (Plot), die nahezu unverändert die Erzählgenealogie überdauert. Daneben besitzt die Oralitätskultur jedoch einen großen Spielraum an Variation und Improvisation. Die Wiedererzähler verändern arbiträr Orte, Namen oder Charaktere. Sagen bilden den Erzählstoff, die wiederum die manifeste Grundlage der Heldendichtung darstellen. Sie sind wesentlicher Bestandteil der mündlich-volkssprachlichen Laienkultur und überliefern i.d.R. geschichtliche Ereignisse. Von See betont die Relation der germanischen Heldensage zur germanischen Völkerwanderungszeit (ca. 375-568) 1 . Darunter fällt z.B. die Burgundersage ( 937), die den Untergang der Bur-gundern gegen die Römer und Hunnen (ca. 493) thematisiert. Aber auch die Dietrichsage aus den Quedlinburger Annalen (ca. 493), die die Eroberung Italiens durch Theodorich gegen Odaker beschreibt. Somit ist klar: „Heldensagen haben i.d.R. tatsächlich einen historischen Kern.“ 2 Unterschiedliche geschichtliche Ereignisse werden verständlich aufbereitet, Zufälli-
1 See,Klaus von: Germanische Heldensage. Stoffe, Probleme, Methoden. Eine Einführung, Frankfurt a.M. 1971,
S. 9.
2 Heinzle, Joachim: Was ist Heldensage? in: Jahrbuch der Oswald von Wolkenstein Gesellschaft 14 (2003/04),
S. 11.
ges wird als notwendig dargestellt. Behandelt werden meist innerweltliche Konflikte aus ursprünglich mündlicher Erzählung. Damit einher geht die Amalgamierung der Sagenstoffe und Verschmelzung historischer Zeiten im Epos. Zwei unterschiedliche Generationen leben ne-beneinander her: „Zeitgenossen, zu Angehörigen einer oder zweier Generationen [...]“ 3 Beispielsweise sind im Nibelungenlied mehrere Stufen zusammengefasst, obwohl sie zeitlich auseinander liegen: Der Untergang der Burgundern (437); die Burgunderkönige Gunther, Gernot und Giselher; Attila (453) und Theodorich (526). Durch die Gleichstellung historisch divergierender Figuren auf einer Erzählebene geht eine Enthistorisierung einher. Durch Reduktion werden in der Heldensage geschichtlichen Konstellationen auf menschliche Regungen zurückgeführt. Polithistorische Herrschaftshandlungen werden personalisiert und privatisiert. Das geschichtliche Faktum erfährt eine Minderung in Form von Verwandtenkonflikten. So findet sich der Brugunderuntergang von 437, als politischer Konflikt der Völkerwanderungszeit in reduzierter Form im Nibelungenlied wieder: Die Rachegeschichte Kriemhilts gegen ihren Bruder Gunther. Daraus folgt, dass die Adaptation der Geschichte durch die Dichtung einhergeht und wiederum resultierendes Merkmal der Heldenepik ist. In Folge dessen stellt sich die Frage, welchen Beitrag das Erzählen für die Aneignung von Geschichte leistet. Haug erklärt dazu in seinem normativen Modell:
Geschichte an sich ist sinnlos - jedenfalls sub specie hominis, allein die Erfahrung, die
der Mensch der Geschichte gegenüber macht, ist strukturiert, d.h. es ist ihm möglich
ihr für sich selbst Sinn abzugewinnen und von daher wiederum sinnvoll zu handeln. 4
Ferner betont Haug die Existenz sinngebender Strukturen (Muster), die in der Lange sind sich literarisch zu konkretisieren und „[...] damit zu traditionellen Denk- und Darstellungsformen werden“ 5 . Verbleiben wir beim Beispiel Nibelungenlied, so sind auch hier offensichtlich eindeutige Erzählmuster zu erkennen. Das Brautwerbungsmuster kann eine zentrale Rolle beim Verständnis des Liedes einnehmen. Das Erzählmuster besitzt ein Raumprogramm, d.h. zwei voneinander getrennte Machtbereiche konkurrieren z.B.: Sîvrit vs Gunther; Xanten vs. Worms. Eine Figurenkonstellation ist ebenfalls vorhanden (Werber, Werbungshelfer, Braut, Brautvater), die allerdings im Nibelungenlied in Variation auftritt. Während Gunther (Werber) mit Sîvrit (Werbungshelfer) nach Isenstein segelt, um die amazonhafte Brünhilt (Braut)
3 See: Germanische Heldensage, S. 11.
4 Walter Haug: Normatives Modell oder hermeneutisches Experiment: Überlegungen zu
einer grundsätzlichen Revision des Heuslerschen Nibelungen-Modells. In: Strukturen als
Schlüssel zur Welt. Kleine Schriften zur Erzählliteratur des Mittelalters. Tübingen
1989, S. 215.
5 Ebd., S. 215.
Arbeit zitieren:
Daniel Loch, 2008, Wie gestaltet die Heldenepik das Verhältnis von Erzählung und Geschichte?, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hausarbeit (Hauptseminar), 36 Seiten
Täter und Opfer im Überwachungsstaat am Beispiel von Heinrich Bölls &q...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 22 Seiten
Die Widersprüchlichkeit in der Person des Galilei - Eine Interpretatio...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 29 Seiten
Erinnerung und Gedächtnis: Die Konzepte von Halbwachs, Assmann & C...
Hausarbeit, 29 Seiten
Zur Verarbeitung und Funktion zeitgeschichtlicher und autobiographisch...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 34 Seiten
Brecht, Bertolt- Das Leben des Galilei #
Referat / Aufsatz (Schule), 4 Seiten
Vergangenheit erleben - Das Gedächtnis und seine drei Formen
Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft
Seminararbeit, 19 Seiten
Die Ehebruchsproblematik in Effi Briest
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 28 Seiten
Hartmann von Aue. Forschungsüberblick und sprachliche Befunderhebung i...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Seminararbeit, 21 Seiten
Über das dialektische Theater von Bertold Brecht
In "Mutter Courage und ih...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Studienarbeit, 19 Seiten
Zu: Gottfried Keller: "Der grüne Heinrich"
Judith und Anna - Kellers Gese...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 31 Seiten
Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik
Hausarbeit (Hauptseminar), 40 Seiten
Die Intermedialität von Brechts Theaterkonzeption
Medien / Kommunikation - Mediengeschichte
Seminararbeit, 20 Seiten
Gottfried Kellers "Der Grüne Heinrich" - Realistische Epoche...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Essay, 21 Seiten
Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)
Referat (Ausarbeitung), 8 Seiten
Der Mimesisbegriff als Fundamentalkategorie der Brechtschen 'Theat...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 29 Seiten
Stefan Zweig, Schachnovelle - eine Analyse und Interpretation
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Daniel Loch hat den Text Wie gestaltet die Heldenepik das Verhältnis von Erzählung und Geschichte? veröffentlicht
Daniel Loch hat einen neuen Text hochgeladen
Die Bibel und die Frauen 2/1. Neues Testament. Evangelien. Erzählungen...
Mercedes Navarro Puerto, Marinella Perroni
0 Kommentare