Das Interpretieren und Analysieren mittelalterlicher Literatur stellt den modernen Rezipienten nicht selten vor große Herausforderungen. Die Literatur des Mittelalters ist behaftet mit einer „Andersartigkeit“, die befremdlich auf den Leser wirkt und Kohärenzen nur scheinbar bruchstückhaft freigibt. Ein Grund hierfür sind nicht allzu oft die divergierenden kulturellen Kontexte, indem die mittelalterlichen Texte verfasst wurden und die sich vor einem postmodernen Leseverständnis verschließen.
Als mögliche Abhilfe können literarische Texte mittels der Kulturtheorie gedeutet werden. Hierbei wird davon ausgegangen, dass jeder Text in einem kulturellen Zusammenhang eingebettet ist und das Begreifen der textinhärenten Kultur zu einem Verstehen des Werkes führt. Demnach sollen folglich einige Kulturtheorien vorgestellt und deren Nutzen für die Literaturwissenschaft bewertet werden. Zunächst ist aber eine engere Betrachtung des Begriffs „Kultur“ notwendig, um eine Annäherung an die multiperspektivische Kulturtheorie zu bewerkstelligen.
Im Wissenschaftsbetrieb herrscht derzeit kein Konsens über einen einheitlichen Kulturbegriff. Nichtsdestotrotz lässt sich der Kulturbegriff über Oppositionsverhältnisse beschreiben: Beispielsweise über das Verhältnis von Natur vs. Kultur. Unter dem Blickwinkel der Naturwissenschaft unterliegt die Natur Veränderungen aufgrund von Gesetzmäßigkeiten. Wohingegen die Kultur ein Raum von historischen Veränderungen darstellt. Dagegen bezeichnet die Natur in der Kulturwissenschaft das Wilde und Ungeordnete, während die Kultur durch eine verlässliche Ordnung und Konventionen - die das Wilde überwinden sollen - gekennzeichnet ist. Darüber hinaus kann Kultur als ein Prozess der Zivilisation verstanden werden, nämlich im Sinne von Fortschritt durch Disziplinierung von Emotionen und Trieben. Damit einher geht die räumliche, zeitliche und wertende Dimension von Kultur als ein unstatischer, variabler Begriff.
Diese Vielschichtigkeit des Kulturbegriffs setzt sich auch in der Kulturtheorie fort. Dabei kann sie sowohl die Summe aller Theorien über Kultur bezeichnen, als auch auf einzelne kul-turtheoretische Perspektiven begrenzt werden. Die Kulturtheorie versucht immer eine menschliche Kultur zu verstehen, indem die Verhältnisse zwischen Mensch und Kultur, Mensch und Gesellschaft, Mensch und Natur geklärt werden sollen. Infolgedessen ist die Kul-turtheorie immer ein Verzweigungspunkt unterschiedlicher Wissenschaftsbereiche, wie z.B. Anthropologie, Soziologie, Ethnologie, aber auch Literaturwissenschaft. Nach einer kurzen Abgrenzung der Begrifflichkeiten sollen nun einige Kulturtheorien eingehender betrachtet werden.
Die Anthropologische Kulturtheorie ist im Kern philosophisch-historisch ausgerichtet und befasst sich mit der Frage: Was ist der Mensch? Hans Blumenberg erkennt in dem Menschen ein Sonderwesen, der sich auf die Alternative eines reichen oder armen Wesens reduzieren lässt. „Daß der Mensch biologisch nicht mehr auf eine bestimmte Umwelt fixiert ist, kann als fundamentaler Mangel einer ordentlichen Ausstattung unserer Selbsterhaltung oder als Offenheit für die Fülle einer nicht mehr vital akzentuierten Welt verstanden werden.“ 1 Denn nach der Philosophie Blumenbergs besitzt der Mensch gar keine Daseinsberechtigung, sondern schafft sich eine eigene Welt und blendet damit seine Nichtigkeit aus. Diesen Zustand der Wirklichkeit, der den Menschen dezentralisiert nennt der Philosoph 'Absolutismus der Wirklichkeit'. Um seine Thesen zu untermauern und den Menschen als „das von der Natur im Stich gelassene Mängelwesen“ zu denunzieren, nennt Blumenberg drei große Ent-Täuschungen der Menschheit:
• Das im Spätmittelalter von dem Astronomen Kopernikus aufgestellte heliozentrische Weltbild, das dass vom Christentum vertretene geozentrische Weltbild falsifizierte und somit die Vorstellung vom Menschen als Mittelpunkt des Universums auflöste. • Die vom Biologen Charles Darwin 1859 entwickelte Evolutionstheorie, welche die Entstehung der Arten auf der Erde durch einen natürlichen selektiven Vorgang beschreibt. Somit nahm der Mensch keinen Sonderweg der Schöpfung ein, sondern entstammte - wie die Tiere - aus einem gemeinsamen Ursprung. • Schließlich begründete der Wiener Neurologe Siegmund Freud 1890 die Psychoanalyse. Sie besagt im Kern, dass menschliches Handeln oft unbewusst geschieht und nicht beeinflusst werden kann. Vielmehr handelt der Mensch nach Reiz-Reaktions-Mechanismen (Es-Ich-Über-Ich).
Hintergrund dieser Ent-Täuschungen sind die unterschiedlichen Menschenbilder in den Epochen (Conditio humana), beginnend mit der Antiken Anthropologie. Hier galt die Natur als höherwertiges Prinzip, dass „[...] alles andere erschaffen zuhaben scheint“ 2 . Das menschliche Dasein wird hingegen als Zustand im Rahmen eines Körper-Geist-Dualismus betrachtet. Der Mensch widerspricht als Spezies den Gesetzmäßigkeiten und Ordnungsprinzipien der Natur und sein zerbrechliches Leben ist nur zu meistern, indem er sich der Naturordnung unterwirft. Die Mittelalterliche Anthropologie stellt den Menschen ebenfalls als gespaltenes Wesen dar, indem sich die zwei Pole dignitas hominis (menschliche Würde) und miseria hominis (menschliche Erbärmlichkeit) gegenüberstehen. Hierbei gilt der eigene Leib als Feind. Eine
1 Egert Pöhlman: Der Mensch - das Mängelwesen? Zum Nachwirken antiker Anthropologie bei Arnold Gehlen,
in: Archiv für Kulturgeschichte 52 (1970), S. 297-313.
2 Ebd. S.297-313.
Arbeit zitieren:
Daniel Loch, 2008, Was leistet die Literatur unter dem Blickpunkt der Kulturtheorie?, München, GRIN Verlag GmbH
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