Einleitung Der Christus-Medicus-Gedanke, wie er immer wieder in theologischen und medizinischen Schriften des Mittelalters, aber auch in der poetischen Literatur (wie z.B. bei Hartmann von Aue) vorkommt, hat seine Wurzeln schon in der frühsten, vorchristlichen Zeit der kulturgeschichtlichen Anfänge des Abendlandes. Ziel dieser Arbeit ist es sowohl die philosophisch-religiösen, wie auch die kultisch-rituellen Aspekte des Heilgottglaubens in ihrer historischen Kontinuität von der heidnischen Antike bis zur christlichen Neuzeit darzustellen, wie es im Rahmen des Umfangs einer Hausarbeit möglich ist. Besonders berücksichtigt soll hier die poetische Ausgestaltung des Christus-Medicus-Gedanken in „Der arme Heinrich“ von Hartmann von Aue werden.
Die in Kapitel 1 vorgestellten Grundlagen mythologischer, medizinhistorischer und wissenschaftsgeschichtlicher Natur sollen die nötigen Hintergründe liefern um die These von der ununterbrochenen Präsenz eines Heilgottglaubens in der abendländischen Kultur zu untermauern. Kapitel 2 soll die Genese des Christus- Medicus-Gedanken näher beschreiben und Kapitel 3 der Hausarbeit beschäftigt sich mit der literarischen Gestaltung des Motivs in der deutschen poetischen Literatur des Mittelalters unter besonderer Berücksichtigung Hartmanns von Aue.
1. Grundlagen
1.1 Iatrotheologie und theurgische Medizin
Die Iatrotheologie (
2 Eckart 1990: 35
2
Element bei der Suche nach den Ursachen der Erkrankung). Der gläubige Patient konnte seinen Gesundheitszustand durch kultische Heilhandlungen, mit Hilfe eines Priesterarztes, positiv beinflussen. Die Orte, an denen die theurgische Medizin praktiziert wurden, waren in der Antike die gottgeweihten Tempel. Verbreitete antike Heilkulte waren in Ägypten der Imhotep-Heilkult und in Griechenland der Asklepios- Heilkult.
1.1.1 Asklepios
Der ägyptische Imhotep-Heilkult geht auf den gleichnamigen, historisch belegten, Priesterarzt zurück, der etwa 3000 v.Chr. gelebt hat. Zweieinhalb Jahrtausende später hatte sich die überlieferte Figur des Imhotep zum Heilgott entwickelt, dessen Heilkult eine besondere Stellung im späten Ägypten einnahm 3 . Ungefähr zur selben Zeit begann sich auch ein ähnlicher Kult in Griechenland zu verbreiten (im 3. und 4. Jahrhundert v. Chr. bereits über ganz Griechenland). Dort war es Asklepios, dem Mythos zufolge Sohn Apollons und der Nymphe Koronis, der die zentrale Figur des Heilkultes bildete. Asklepios (gr. ?s???p???), der im Lateinischen den Namen Aesculapius (dt. Äskulap) bekam, geht eventuell, wie Imhotep, auf einen realen Arzt im archaischen Griechenland zurück und soll um 1260 v. Chr. in Epidauros geboren worden sein. Im Mythos wuchs Asklepios bei dem Zentauren Chiron auf, der ihn in der Heilkunst unterwies. Schon bald vermochte der begnadete Arzt sogar den durch Poseidon getöteten Helden Hippolytos zum Leben zu erwecken, worauf er sich den Zorn Hades’ zuzog. Zur Strafe, sich über die Gesetze der Natur (und der Götter) hinweggesetzt zu haben, wurde er von Zeus mit einem Blitz erschlagen. Nachdem Apollon aus Rache die blitzeschmiedenden Zyklopen tötete, besänftigte ihn Zeus indem er Asklepios wieder das Leben schenkte, allerdings in Form des Sternbildes Serpens. So wurde die Heilschlange zum magischen Tier Asklepios’, der Äskulap- Stab ist bis heute ein verbreitetes medizinisches Symbol.
Als die Begründer der Asklepiaden, die zugleich Ärztegemeinschaft und Priesterschule waren, gelten im Mythos die Kinder des Heilgottes. Darunter Hygieia, Göttin der Gesundheit und ihres Schutzes (der Hygiene) und Panakeia, die Göttin der Arzneien (gr. pa???e?a bedeutete Allheilkraut, bzw. bezeichnete einen Gruppe von Pflanzen mit vielfältigen Heilzwecken 4 ). Panakeia taucht auch als allheilendes Öl
3 Hierzu: Pollak (1968): 10ff.
4 Lücke 1999: 83.
3
auf, das Apollon von seinen Locken tropft und die Stadt, auf die es fällt vor der Pest schützen soll (zur Rolle von Apollon als Heilgott siehe Kapitel 1.1.3).
1.1.2 Theurgische Praxis des Asklepios-Kultes
Die Heiligtümer des Asklepios, die Asklepieien, befanden sich in großen Heilzentren in zahlreichen griechischen Städten. Sie bestanden aus dem eigentlichen Tempel, Bade- und Unterkunftsstätten, gelegentlich auch Sport- und Theaterplätze und waren unseren heutigen profanen Kurbetrieben nicht unähnlich. „Die kultische Handlung war ein komplexes, psyche und soma (Seele und Körper) des Heilsuchenden gleichermaßen betreffendes Geschehen.“ 5 Wie auch im ägyptischen Imhotep-Kult war die zentrale theurgische Kulthandlung der heilende Tempelschlaf, die Inkubation. In einem besonderen Schlafraum (Enkoimeterion) wurden die Patienten mittels eines berauschenden Getränks in einen Traumschlaf versetzt. Anschließend sollten die Träume durch die Priesterärzte gedeutet werden. Die Heilung sollte durch den Gott oder seine Kinder eingeleitet werden bzw. in den Traumorakeln medizinische Ratschläge erteilt werden, die die Asklepiaden ausführen sollten. Erstaunlicherweise befanden sich diese Schlafstätte im Abaton (oder Abyton), t? ?ßat?? - das „Unzugängliche“, dem innersten, allerheiligsten Raum des Tempels, wo gewöhnlich nur die Priester Zugang hatten. Den Heilungssuchenden wurde im Asklepios-Tempel folglich ein Privileg zuteil, das sie in anderen Kultstätten nicht genießen durften. Überhaupt stellt sich der griechische Heilgott als ein den Menschen sehr verbundenes Wesen, als ein Mittler zwischen ihnen und den Göttern dar, was ihn schon in die Nähe von Jesus Christus bringt, wie in Kapitel 2 noch näher ausgeführt werden soll.
Neben der Inkubation spielen aber auch magische Beschwörungen und nichttheurgische Heilhandlungen, wie Bäder oder Blutegeltherapie, eine Rolle. Jean- Noël Biraben fasst zusammen:
„In den Iatreien, eher mit Ambulatorien als mit Sanatorien vergleichbar, waren, wie Hippokrates später mitteilt, Medikamente, Schwämme zur Reinigung von Wunden und der Augen sowie Instrumente und Einrichtungen vorhanden, die Antiphanes näher bezeichnet hat: Arzneibüchsen, Schröpfköpfe, Spritzen, Lanzetten, Becken, Badewannen usw.“ (Biraben 1996: 362)
5 Eckart 1990: 36.
4
Dennoch blieb „das medizinische Denken jener Zeit [...] im wesentlichen magisch- religiös bestimmt. Die Ärzte behandelten, wie man Homer entnehmen kann, nur Wunden, aber nicht die von den Göttern gesandten Krankheiten.“ 6 Zum Heilkult des Asklepios gehörten auch Opfergaben, die von den Patienten aus Dankbarkeit gespendet wurden, oder, und das ist besonders interessant, in Erwartung göttlicher Hilfe. Die Tempel waren gefüllt mit Votivgaben in Form einzelner Körperteile, die beim Patienten erkrankt sind. Sie bestanden meist aus wertvollem Material, wie Silber oder anderen Edelmetallen, und je wertvoller sie waren, desto größer war die Chance auf Heilung, so die Vorstellung. Hat die plastische Darstellung des erkrankten Organs als Opfergabe einen eher magisch-religiösen Hintergrund, so hat die Vorstellung, die mit dem Wert der Objekte verbunden ist, eher einen materiellen Charakter, der einem Honorar der Asklepiaden gleich kommt.
Votivgaben sind heute noch genauso im Einsatz wie damals, die Parallelität der kultischen Opferhandlung ist frappierend. In katholischen Pilgerstätten, z.B. im Sanktuarium der heiligen Rosalia in Palermo, aber auch in katholischen Zentren in Süddeutschland, finden sich heute noch genau die gleichen Votivgaben plastischer Organdarstellungen wie wir sie aus der Antike kennen. In Palermo ist ein ganzer Handwerkszweig der Goldschmiede von diesem Brauch finanziell abhängig. Christliche Heilige sind hier in die Rolle der alten heidnischen Gottheiten getreten. Der Gedanke, die Verantwortlichkeit bestimmter Lebensbereiche, wie Gesundheit und Heilung, bestimmten göttlichen oder gottähnlichen Wesen zuzuordnen war so fest im Brauchtum der antiken Gesellschaften verwurzelt, dass sie nach Einführung des monotheistischen Christentums, in leicht veränderter Form, übernommen wurden. Die Legende der heiligen Rosalia reflektiert noch ein altes Denkschema: Rosalia, eine normannische Adlige, zog sich im Mädchenalter als Einsiedlerin auf den vor Palermo monolithisch gelegenen Monte Pellegrino (dt. Pilgerberg) zurück, um ein Leben nur für Gott zu leben. Der Berg, der schon seit Urzeiten Heiligtümer der verschiedenen Kulturen Siziliens barg (z.B. ein phönizisches Tanit-Heiligtum und einen römischen synkretischen Tanit-Minerva-Tempel), wurde ihr zum Grab. Erst im
17. Jh., als in Palermo die Pest wütete, geschah das „Wunder“. In einem Traum
erschien sie einem Jäger auf dem Monte Pellegrino, der Schutz vor einem Unwetter suchte und einschlief (sind das nicht Reflexe der Inkubation, des heiligen Schlafes an einem geweihten Ort?). Sie zeigte ihm im Traum die Höhle, in der sie lebte und starb,
6 Biraben (1996): 362.
5
wo man daraufhin ein weibliches Skelett fand. In einer feierlichen Prozession wurden ihre Gebeine durch die Stadt getragen, woraufhin die Pest schlagartig aufhörte. Rosalia wurde heilig gesprochen und die jährliche Prozession im Juli, il festino (it. das Festchen), gehört heute noch zur bekanntesten folkloristischen und religiösen Veranstaltung Palermos. Der Reliquien- und Wunderglaube steht in enger Verbindung mit dem Christus-Medicus-Motiv.
Die Inkubation, der heilige Tempelschlaf, lebt in der im oströmischen Reich gängigen Praxis des „Kirchenschlafs“ weiter. 7 Ein weiteres Beispiel für eine (vermutlich) durchgängige Linie im Brauchtum von der Antike bis heute ist die Opfergabe eines Huhnes für den Heilgott nach erfolgreicher Genesung. Belegt ist der Brauch auch durch die berühmten letzten Worte Sokrates’: „Oh Kriton, wir sind dem Asklepios einen Hahn schuldig, entrichtet ihm den, und versäumt es ja nicht! (Phaidon 115 b-118 a)”. Noch bis ins 20. Jahrhundert war es in Sizilien Brauch, dem Hausarzt ein Huhn zu schenken, aus Dank für eine Genesung 8 . Der Hahn, neben der Schlange ein weiteres Symboltier Asklepios’, ist ein Zeichen der Auferstehung, der Wiedergeburt und wurde so auch zum Symbol Jesu Christi.
1.1.3 Apollo Medicus
Apollon, Sohn des Zeus und der Leto, wurde wegen seiner Macht von Ordnung, Maß und Einsicht verehrt. Er war zuständige Gottheit für vielerlei Bereiche, darunter ist hier seine Rolle als Heilgott besonders relevant. Sein Beiname Phöbus (gr. F??ß??, „Strahlende“), ordnet ihm die Sonne zu, die wie Macrobius berichtet, in milder Ausprägung gesundheitsfördernd und mit ihren heftigen Strahlen aber auch Krankheiten verursachen kann. Apollon ist auch Gott der Ärzte, da seine Sonnenstrahlen die Heilpflanzen gedeihen lassen und der Sonnenlauf im Sinne der Humoralpathologie das Gleichgewicht der Säfte fördert 9 . Seine Funktion als Heilgott ist historisch älter und wurde langsam von Asklepios, seinem Sohn, übernommen. Der Apollo-Kult wurde später auch in Rom praktiziert, wo die Vestalinnen den Heilgott Apollo Medice anriefen. „Ich schwöre bei Apollon dem Arzt und bei Asklepios, Hygieia und Panakeia und allen Götter und Göttinnen, sie zu Zeugen anrufend, daß ich erfüllen will nach meinem können und Urteil diesen Eid und diesen
7 Vgl. hierzu Pollak (1969): 347.
8 Furnari (1988): 54.
9 Lücke (1999): 88f.
6
Quote paper:
Hagen Augustin, 2003, Der Christus-Medicus-Gedanke: Motivgeschichte und literarische Gestaltung in der mittelhochdeutschen Dichtung, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Gotthilf Heinrich Schubert und E.T.A. Hoffmann. Die Bedeutung der roma...
German Studies - Modern German Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 16 Pages
Das Wort vom leidenden Gottesknecht im Kontext der Botschaft Deuteroje...
Examination Thesis, 78 Pages
Der Genie-Gedanke in der deutschen Literatur des Sturm und Drang und d...
German Studies - Modern German Literature
Diploma Thesis, 133 Pages
"Kehrt um und lauft nach Santiago" - Der Jakobsweg als Merkm...
Examination Thesis, 161 Pages
Zu: Paul Gerhardts "O Haupt voll Blut und Wunden"
Theology - Historic Theology, Ecclesiastical History
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 20 Pages
Die natur- und heilkundlichen Theorien der Hildegard von Bingen
History Europe - Other Countries - Middle Ages, Early Modern Age
Scholary Paper (Seminar), 23 Pages
Baum des Lebens - Baum der Erkenntnis
Theology - Didactics, Religion Pedagogy
Scholary Paper (Seminar), 31 Pages
Claudio - Leben eines Toten. Analyse des Dramas "Der Tor und der ...
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 32 Pages
Zur Entwicklung des organischen Charakters der menschlichen Seele in C...
Philosophy - Philosophy of the 19th Century
Termpaper, 15 Pages
Der Heilige Bernhard von Siena und der Heilige Antonius von Padua
Theology - Systematic Theology
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 29 Pages
Obrigkeitliche Maßnahmen zur Regulierung der Prostitution in der spätm...
History Europe - Other Countries - Middle Ages, Early Modern Age
Scholary Paper (Seminar), 21 Pages
>>Von deinem Gott war die Rede, ich sprach/ gegen ihn<<: A...
Theology - Systematic Theology
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 21 Pages
Jona in der christlichen Tradition
Theology - Historic Theology, Ecclesiastical History
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 33 Pages
"Als die Nacht in der Mitte angelangt war..." - Die biblisch...
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 27 Pages
Die Handauflegung als Zeichen der heilenden Nähe Gottes
Termpaper, 27 Pages
Hagen Augustin has published the text Der Christus-Medicus-Gedanke: Motivgeschichte und literarische Gestaltung in der mittelhochdeutschen Dichtung
Hagen Augustin has uploaded a new text
Medizinische Theologie: Christus Medicus Und Theologia Medicinalis Bei...
Johann Anselm Steiger
German Poetry from the Beginnings to 1750: Hartmann Von Aue, Wolfram V...
Ingrid Walsoe-Engel, Wolfram Von Eschenbach, George C. Schoolfield
El Islam y el Grial : : estudio sobre el esoterismo del Parzival de Wo...
Pierre Ponsoye, Jordi Quingles Fontcuberta
0 comments