Inhalt Seite
1. Einleitung 3
2. Geschichte der Heimerziehung vor 1945 4
3. Zentrale Entwicklungslinien in der Heimerziehung 6
4. Die Situation um 1945 8
5. Reformbestrebungen nach 1945 9
5.1. Familienerziehung nach Mehringer 9
5.2. Kritik an Mehringer 10
5.3. Familienprinzip in Kinderdörfern 11
6. Probleme der Heimerziehung in den 60er Jahren 11
7. Die Heimkampagne 12
7.1. Voraussetzungen für die Entstehung der Heimkampagne 12
7.2. Reformbedarf in der Heimerziehung 13
7.3. Aktionen während der Heimkampagne 13
7.4. Vorwürfe gegen die Heimerziehung 15
7.5. Die Staffelbergkampagne 16
7.6. Probleme in Frankfurt und die Jugendwohnkollektiven 17
8. Von der Heimkampagne zur Reformdiskussion 18
8.1. Die sozialistische Aktion 18
8.2. Reaktion der Behörden und Verbände 19
8.3. Empfehlungen zur Heimerziehung des Beirates in Hessen 20
9. Von der Reformdiskussion zur Wiedereinführung geschlossener Unterbringung 22
9.1. Voraussetzungen für die Forderung nach geschlossener Unterbringung 22
9.2. Argumente für und gegen geschlossene Unterbringung 23
9.3. Alternativen zur geschlossenen Unterbringung 23
10. Die Hamburger Heimreform 24
10.1. Gesellschaftlicher Kontext in den 80er Jahren 24
10.2. Die Leitprinzipien der Heimreform 25
10.3. Kritik an der Heimreform 26
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10.4. Ergebnisse der Heimreform 27
10.5. Grenzen (der Reformen) der Heimerziehung 28
11. Heimerziehung in den 90er Jahren 30
11.1. Allgemeine Entwicklungen 30
11.2. Das neue Kinder und Jugendhilfegesetz 30
11.3. Erziehungshilfen im KJHG 32
11.4. Heimerziehung in Kontext des KJHG 32
12. Heimerziehung heute 34
13. Literaturverzeichnis 36
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1. Einleitung
„Wenn wir die Feinheiten und Elaboriertheiten akademischer Sprache beiseite lassen, dann müssen wir feststellen, dass Heimerziehung immer dann, ’wenn es nicht mehr geht’ – dem einen zur Entlastung, dem anderen zur Drohung – zur Verfügung stehen muß [!]. Dies verweist auf die gesellschaftliche Funktion von Heimerziehung und den Beitrag, den sie zur sozialen Kontrolle leistet.“ (Peters 1991, S.1) Mit diesen Worten leitet Friedhelm Peters sein Buch „Jenseits von Familie und Anstalt“ ein und gibt damit ebenfalls die Meinung einer breiten Öffentlichkeit wieder, wenn es um das Thema der Heimerziehung geht.
In den Köpfen der meisten Menschen gilt die Heimerziehung immer noch als der letzte Ausweg, den man für Kinder und Jugendliche finden kann, die aus verschiedenen Gründen nicht mehr in ihren Herkunftsfamilien leben können. Sie wird dabei aber eher als Strafe verstanden und nicht als Chance für ein neues Leben, die den Kindern geboten wird. Dieses Negativbild der Heimerziehung hat sich aus der Realität der Heimerziehung früherer Zeiten entwickelt und hatte zu dieser Zeit auch seine Berechtigung. Nun ist aber zu fragen, ob dieses Negativbild, mit dem auch die heutige Heimerziehung meist noch belastet ist, auch heute noch seine Berechtigung hat oder ob es nur noch ein Überbleibsel aus alten Zeiten ist und mit der aktuellen Heimerziehung nichts mehr zu tun hat.
Ziel meiner Arbeit ist es, die Entwicklung in der Heimerziehung seit 1945 darzustellen. Zuerst werde ich dazu kurz die Geschichte der Heimerziehung von ihrem Beginn an bis zum Ende des 2. Weltkrieges 1945 beschreiben, um somit ein Verständnis für die Lage zu entwickeln, der sich die Heimerziehung nach dem Krieg zu stellen hatte. Danach werde ich kurz die zentralen Entwicklungslinien in der gesamten Heimerziehung nennen, definieren und erklären, um die wichtigsten Begriffe inhaltlich zu klären. Im Anschluss daran folgt eine Darstellung der Situation der Heimerziehung bei Kriegsende, sowie erste Reformbestrebungen nach 1945. Weiterhin werde ich die Heimkampagne der 60er und 70er Jahre ausführlich darstellen, wie auch die daran anschließenden Reformdiskussionen und die Hamburger Heimreform der 80er Jahre. Danach werde ich die neueren Entwicklungen in der Heimerziehung in den 90er Jahren beschreiben, wobei der Schwerpunkt auf dem neuen Kinder- und Jugendhilfegesetz liegen wird. Abschließend möchte ich den aktuellen Stand der Entwicklungen der Heimerziehung festhalten und somit zu überprüfen, ob das allgemeine Negativimage der Heimerziehung noch gerechtfertig ist oder ob sich die Heimerziehung nicht inzwischen in eine positive Lebensalternative für Kinder und Jugendliche gewandelt hat, die nicht mehr in ihrer Herkunftsfamilie leben können.
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2. Geschichte der Heimerziehung vor 1945
Das Thema dieser Arbeit lautet „Entwicklungslinien in der Heimerziehung nach 1945“. Um diese Entwicklungen komplett verstehen und nachvollziehen zu können, ist es notwendig, ebenso die Entwicklungen in der Heimerziehung, die vor 1945 stattfanden, im Auge zu haben. Deshalb werde ich nun im voraus die Geschichte der Heimerziehung vor 1945 kurz in ihren zentralen Aspekten und Entwicklungen darstellen und somit versuchen, ein möglichst abgerundetes Bild ihrer Entstehungsgeschichte herzustellen.
Die Entstehungsgeschichte der Heimerziehung geht zurück bis ins Mittelalter, als erstmals organisatorische Differenzierungen für die Versorgung von elternlosen Kindern auftraten. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden solche Kinder nur durch Verwandte versorgt. War keine Verwandtschaft zu finden, mussten sie von der Gemeinde mitversorgt werden, sonst gingen sie zu Grunde. Hospitale galten damals als universelle Fürsorgeeinrichtungen, sowohl für kranke und alte Menschen, als auch für elternlose Kinder. Die zunehmende Ausbreitung von Krankheiten und Epidemien in den Hospitälern machte zum ersten Mal eine spezielle Differenzierung notwendig. Es entstanden Findelhäuser, Klosterschulen und Armenhäuser, welche den Kindern eine anstaltsmäßige Unterbringung boten, die kaum erzieherische Komponenten hatte. Der vorrangige Zweck dieser Unterbringung war es, die Kinder am Leben zu erhalten und sie zu Arbeitsamkeit, Gottesfurcht und Demut hinzuführen (vgl. Günder 2003, S.12).
Die ersten Waisenanstalten in Deutschland entstanden im 16. Jahrhundert in den Reichsstädten, wie zum Beispiel 1546 in Lübeck, 1567 in Hamburg, 1572 in Augsburg und 1698 die Halleschen Anstalten unter August Herrmann Francke. Diese Anstalten verfolgten eine strenge, pietistisch geprägte Erziehung, welche besonderen Wert auf die Strenge und Disziplin des täglichen Lebens legte. Während des 30-jährigen Krieges wurden die Anstalten mit Kindern überflutet, so dass eine Massenunterbringung der Kinder notwendig wurde, welche für die schlechten Zustände in den Anstalten verantwortlich zu machen ist (vgl. ebd., S.13).
Gegen Ende des 18.Jahrhunderts entbrannten Diskussionen darüber, ob Waisenanstalten oder die Unterbringung in den Familien besser sei. Die Unterbringung der elternlosen Kinder in Familien war schlecht für die Kinder, da sie dort als billige Arbeitskräfte in Haus und Hof missbraucht wurden und kaum oder gar keine Bildung und Erziehung erhielten. Die schlechten Zustände in den Anstalten, sowie ökonomische Gründe sprachen allerdings gegen die Waisenanstalten. Die Unterbringung von Kindern in Waisenanstalten war ungefähr dreimal so teuer wie die in Familien. Als Folge davon wurde an verschiedenen Orten die
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Waisenverteilung eingeführt. Erfolge hiervon waren die dadurch erzielten Ersparnisse und eine geringere Mortalität unter den Kindern, aber es gab nicht genug taugliche Familien für die vielen elternlosen Kinder (vgl. ebd., S.13/14) Zeitgleich richtete sich der „Waisenhausstreit“ gegen die unhygienischen und gesundheitsgefährdenden Zustände und gegen die inhumane Behandlung der Kinder in den Anstalten. Es entstanden erste Sonderanstalten für Kinder mit besonderen Erziehungsbedürfnissen und ein allgemeiner Pädagogikanspruch an die besondere Lebens-, Lern- und Entwicklungsphase der Kindheit setzte sich durch (vgl. Hansbauer 1999, S.29/30). Mit dem Beginn der Aufklärung vollzog sich eine allgemeine Veränderung in der Betrachtung des Wertes der Kindheit und einer kinderorientierten Erziehung, welche besonders von Pestalozzi und Rousseau angeführt wurde. Pädagogische Ideen in Institutionen für elternlose Kinder wurden erstmals in größerem Umfang bedeutsam. 1798 gründete Pestalozzi sein Armen-Erziehungshaus in Stanz, in dem erstmals nicht mehr Strenge, Zucht und Ordnung, sondern die Liebe zu den Kindern grundlegend für den Umgang mit diesen war. Die Prinzipien der Erziehung, die Pestalozzi in seiner Anstalt verfolgte, waren die „Wohnstubenerziehung“ und das Familienprinzip (vgl. Günder 2003, S.15).
Im 19. Jahrhundert zeichnete sich durch die politisch und ökonomisch schlechte Lage in Deutschland nach den Befreiungskriegen ein Rückzug der staatlichen Organe aus der öffentlichen Fürsorge ab, welcher die Verwahrlosung und Verelendung der unteren Bevölkerungsschichten und besonders der Kinder zur Folge hatte. Als Reaktion darauf nahmen die privaten und religiösen Hilfsorganisationen zu. Im Zuge der „Rettungshausbewegung“ entstanden so viele Rettungshäuser, um die leidenden Kinder aufzunehmen (vgl. Hansbauer 1999, S.33). Diese Rettungshäuser hatten zwei zentrale Zielsetzungen. Zum einen wollten sie das Seelenheil der verwaisten Kinder durch religiöse Bildung und Hinführung zu Gott retten und zum anderen wollten sie die elternlosen Kinder zu brauchbaren Mitgliedern der Gesellschaft machen. Der bekannteste Vertreter dieser Bewegung war Johann Heinrich Wiechern, der 1833 das „Rauhe Haus“ in Hamburg gründete, welches auf den Prinzipien des christlichen Lebens, der Liebe und der Vergebung beruhte. Weitere Mittel der Rettungshäuser waren eine selbstbestimmte Ordnung und nützliche Beschäftigung, „der fleißige Gebrauch des göttlichen Wortes“ (Günder 2003, S.16), das Bemühen, im Herzen der Kinder Liebe zu entwickeln, sowie ein gemütliches, familiäres Zusammenwohnen (vgl. ebd., S.15/16). Diese Prinzipien setzten sich allerdings nicht durch. Die Erziehung in einem Münchener Waisenhaus 1908 zum Beispiel, war gekennzeichnet
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durch eine von den Kindern abverlangte ehrerbietige Haltung den Erziehern gegenüber, sowie durch Strenge, Strafen, Schweigen und Briefzensur (vgl. ebd., S.17).
Anfang des 20. Jahrhunderts wurde erstmalig der Begriff „Heim“ üblich. Vorher sprach man von Institutionen für elternlose Kinder nur als:
• „Besserungs- und Corrigendenanstalt
• Rettungshaus und Rettungsanstalt
• Zwangserziehungsanstalt
• Fürsorgeerziehungsanstalt
• Erziehungsanstalt
• Jugendschutzlager/ Konzentrationslager für Jugendliche/ Arbeitslager für Fürsorgezöglinge“ (Schrapper/ Heckes 1986, S.1f, In: Günder 2003, S.17). Während der Zeit des 3. Reiches waren alle Kinder und Jugendlichen massiven ideologischen Erziehungsgewalten außerhalb der eigenen Familie ausgesetzt. Die öffentliche Erziehung wurde statt einer Ersatzerziehung im Notfall zu einer staatspolitischen Pflichtaufgabe. Richtlinien für die Fremdunterbringung von elternlosen Kindern war die Frage nach der voraussichtlichen Nützlichkeit der Hilfe für den Einzelnen für den NS-Staat. Weiterhin wurden die Hilfsbedürftigen nach rassistischen Merkmalen und ihrem Wert für die Volksgemeinschaft aufgeteilt (vgl. Günder 2003, S.17/18).
3. Zentrale Entwicklungslinien in der Heimerziehung
Die gesamte Entwicklung der Heimerziehung nach 1945 ist mehr oder weniger durchgängig gekennzeichnet durch die zentralen Entwicklungslinien der Dezentralisierung, Entinstitutionalisierung, Entspezialisierung, Regionalisierung, Professionalisierung und Individualisierung. In seinem Buch „Entwicklungen in der Heimerziehung“ definiert und beschreibt Klaus Wolf diese Entwicklungslinien sehr ausführlich. Diese Beschreibungen werde ich hier möglichst komprimiert wiedergeben, bevor ich zu den einzelnen und speziellen Entwicklungen und Veränderungen in der Heimerziehung komme, die sich in den Jahren nach 1945 vollzogen haben.
Unter Dezentralisierung versteht man die „Verteilung von (ursprünglich zentralisierten) Funktionen, Autoritäten, Einflüssen, Wohnverhältnissen usw. auf mehrere Zentren“ (Hartfiel 1972, S.125, In: Wolf 1993, S.14). Die Dezentralisierung tritt als organisatorische Veränderung in der Heimerziehung seit Beginn der 70er Jahre auf und umfasst die
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Verlagerung von Gruppen nach außerhalb, die Auflösung zentraler Versorgungseinrichtungen, sowie die Verlagerung von Kompetenzen auf Mitarbeiter kleinerer Einheiten. Probleme, welche durch die Dezentralisierung gelöst werden sollen, sind Folgen der Anstaltserziehung, wie zum Beispiel Unselbständigkeit, Stigmatisierung, das Abrutschen in Subkultur und Hierarchie (vgl. Wolf 1993, S.16).
„Entinstitutionalisierung wird in unserem Zusammenhang deutlich durch die weitgehende Aufhebung arbeitsteiliger Organisation, durch flexible, von den Pädagogen und den Kindern beeinflusste Regeln und eine flexible Nutzung der Ressourcen.“ (Wolf 1993, S.31) Die Lebensbedingungen der Kinder und Jugendlichen, die in Anstalten leben, sind in sehr hohem Maße durch die Eigenheiten der Großorganisation bestimmt. Diese sind zum Beispiel Anstaltserziehung, hochformalisierte Regelanwendung und komplexe Hierarchien. Hierbei bezieht sich die Arbeitsteilung insbesondere auf die Trennung zwischen hauswirtschaftlichen, therapeutischen und pädagogischen Funktionen, sowie noch auf weiter innere Teilungen. Die strikte Regelanwendung der Mitarbeiter in großen Anstalten wird zum größten Teil verursacht durch die mangelnde Anpassungsfähigkeit und Innovationsschwäche der Erzieher. Die Regeln werden von den Erziehern zum Teil so strikt nach Anweisung und ohne Anpassung an die spezifischen Situationen angewandt, dass dies bis zur Eskalation führen kann und dann neue Regeln entwickelt werden müssen, die dann wieder einfach angewandt werden können (vgl. ebd., S.25/26).
Die Entwicklungslinie der Entspezialisierung ist zu unterscheiden, in die Entspezialisierung innerhalb der Einrichtung, worunter man „...die Reduzierung, letztlich die Abschaffung gruppenergänzender Dienste...“ (Wolf 1993, S.32) (wie zum Beispiel hauswirtschaftlicher oder therapeutischer Dienste) versteht, und die Entspezialisierung zwischen den verschiedenen Einrichtungen, was „...die Abschaffung der Spezialisierung in der Zuständigkeit der Heime für bestimmte Gruppen von Kindern“ (ebd.) meint.
Die Regionalisierung setzt darauf, Kinder möglichst in der Nähe ihres bisherigen Lebensortes unterzubringen und ihnen so die Möglichkeit zu bieten, die gewonnenen sozialen Kontakte aufrecht zu erhalten und ihre Identität weiterhin in der gewohnten Umgebung auszubauen. Lange Zeit wurden Kinder und Jugendliche gezielt in weit entfernte Heime eingewiesen und somit so weit wie möglich von ihrem bisherigen Umfeld getrennt, damit sie in der neuen Umgebung des neuen Heimes ein völlig neues und unvorbelastetes Leben beginnen konnten.
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Diplom Pädagogin Mirjam Günther, 2004, Entwicklungslinien in der Heimerziehung nach 1945, Munich, GRIN Publishing GmbH
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