VORWORT
Wenn man als hoffnungsvoller Erstsemester sein Philosophiestudium beginnt, stellt sich zunächst der Eindruck ein, der Gegenstandsbereich der Philosophie sei ein bereits durch und durch erkenntnisgesättigter Bereich, in dem schon alles erforscht und begründet ist; ja, man meint, ein gewaltiges abschließend durchkonstruiertes Gedankengebäude zu betreten, in dem für jede Frage bis hin zum letzten Grund bereits in irgendeiner Schublade der Philosophiegeschichte eine absolut maßgebende Lösung bereitliegt. Und die Lehrenden zeigen im Allgemeinen (sit venia verbo) keine besondere Anstrengung, um diesen Eindruck, der sich alsbald als gewaltiger Fehlschluß erweisen wird, von vornherein zu verhindern. Spätestens, wenn man die Vorsokratiker hinter sich gelassen hat, wird klar, daß die Philosophie eine schier unerschöpfliche Palette von Schulen, Theorien, Meinungen, Denkmodellen und Erklärungsmustern aufweist, die ständig neue Wege einschlagen, oft im Wege einer Dichotomie, die auf den Trümmern von vorausgegangenen Philosophien aufbauen, wie Kant es einmal formulierte, oder mit großem Getöse exponiert und hernach relativ schnell von einer Nachfolgetheorie widerlegt werden. Oftmals waren neue Philosophien auch ein Echo auf Entwicklungen im politischen oder religiösen Bereich und vice versa.
Gleichwohl: Unter der Knute des Kausalprinzips und des Satzes vom verbotenen Widerspruch haben im Laufe einer nun schon rund zweieinhalb Jahrtausende währenden Philosophiegeschichte unzählige Philosophen ihr Bestes gegeben und so in der Kulturgeschichte der Menschheit geistige Wegmarken gesetzt, die gar nicht hoch genug bewertet werden können. Letztlich waren sie alle auf der Suche nach der allerletzten Ursache, die keiner Begründung bedarf und auch keiner Begründung zugänglich ist. Dieser allerletzte Grund wäre der archimedische Punkt der Philosophie oder vergleichbar dem Laplaceschen Daimon bei den Physikern.
Es steht allerdings zu befürchten, daß das Münchhausen-Trilemma Alberts nie überwunden werden kann und wird. Es gibt irgendwo eine absolute Grenze der menschlichen Erkenntniskraft, die nie überschritten werden wird. So sollten wir uns damit abfinden, daß wir im weiteren Verlauf der Philosophie noch ad infinitum die kühnsten Theorien durch Zerlegen, Abstrahieren, Sezieren, Deduzieren, Induzieren etc. aufstellen können: Wir werden den allerletzten Grund nie finden, aber wir können uns ihm asymptotisch nähern, und das ist schon etwas, wofür sich alle philosophischen Anstrengungen lohnen. Wenn das konsentiert wird, stellt sich doch die Frage, warum alle Mühen und Anstrengungen, wenn das Ergebnis im Endeffekt doch ungewiß bleibt. Kant selbst gibt uns
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hier an exponierter Stelle die einzig richtige Antwort. Seine Vorrede zur ersten Auflage der Kritik der reinen Vernunft (KrV) beginnt mit den Worten: „Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal in einer Gattung ihrer Erkenntnisse: daß sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann; denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sie aber auch nicht beantworten kann, denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft.“ (A VII)
Diese Arbeit wird sich mit einem relativ eng begrenzten Bereich der Kantischen Philosophie befassen. Die Komplexität des Themas und die eminente Bedeutung des Untersuchungsgegenstandes nicht nur für die KrV, sondern für die gesamte Philosophie Kants machen es aber erforderlich, den Untersuchungsbereich genau zu verorten und im Kontext der vorkantischen Geschichte der Philosophie zu positionieren. Daher erscheint es sinnvoll, als Einstieg, quasi im Geschwindschritt, einige vorkantische philosophiegeschichtliche Voraus-Setzungen und Implikationen aufzuzeigen; eine lückenlose Abhandlung der Philosophiegeschichte bis Kant ist nicht beabsichtigt. Aber es gibt - um Schelling das Wort zu geben - „verschiedene Gründe, aus denen man, wenigstens als Zugabe zu einer Einleitung in die Philosophie selbst, auch einen Rückblick auf die früheren Systeme zweckmäßig finden kann.“ 1
Barsinghausen, im Mai 2009
Schelling, Zur Geschichte der neueren Philosophie, 1975, München, Reclam, S. 19 1
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I N H A L T
1. Einleitung, Verortung des Themas 5
1.1 Historisches, Hinführung zum Thema 5
1.2 Ziel der Arbeit, Quellenlage, Methodik 13
2. Erkenntnisgewinnung bei Kant 15
2.1 Die Formen der reinen Anschauung und ihr ontologischer Status. 21
2.2 Der Raum 22
2.3 Die Zeit. 27
3. Rezeption in der Fachöffentlichkeit. 32
3.1 Rezeption in der Philosophie. 32
3.2 Die transzendentale Ästhetik und die Physik. 39
4. Zusammenfassung. 44
5. Literaturliste 47
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1. EINLEITUNG, VERORTUNG DES THEMAS
1.1 Historisches, Hinführung zum Thema
Es gibt im Englischen das Verb „to consider.“ Dieses Wort kommt vom lateinischen „considerare“, welches die gleiche Bedeutung hat, nämlich überlegen, erwägen, bedenken, meinen, also alles Wörter, die auch in der gesamten Philosophie von großer Bedeutung sind. Wenn man allerdings etymologisch tiefer gräbt, bemerkt man, daß „considerare“ noch etwas anderes bedeutet. Es meint im eigentlichen Wortsinne „mit den Sternen segeln.“ Hier nun kommt ein philologisch und philosophisch geprägter Mensch ins Nachdenken, und das mit Recht. Sollte hier ein philologischer Ansatz dafür aufscheinen, daß die ersten Philosophen Seeleute waren? Vieles scheint dafür zu sprechen.
Jeder kann es selbst ausprobieren: Wenn man in einer lauen Sommernacht noch zu einem Schlummertrunk auf der Terrasse zusammensitzt und den bestirnten Himmel betrachtet, dauert es nur wenige Minuten, bis man ins Nachdenken kommt, über die Entstehung der Welt, den Sinn des Lebens, den letzten Grund allen Seins, Fragen also, die zu den zentralen Topoi der Philosophie zählen.
Das Aufblühen der abendländischen Philosophie fällt in zeitlicher Hinsicht offenbar nicht zufällig mit dem Anwachsen des Handels im Mittelmeerraum zusammen. 3 Aus geomorphologischen und klimatischen Gründen war es indessen nur unter großen Schwierigkeiten möglich, Waren auf dem Landweg zu transportieren. Fortschritte in der Navigationskunst und im Schiffbau führten aber dazu, daß der Transport auf dem Seeweg zunehmend an Bedeutung gewann, obwohl bekannt ist, daß besonders die griechischen Schiffe nicht besonders gut zu manövrieren und schon gar nicht hochseetauglich waren. So hatten die Seeleute auf ihren Fahrten viel Gelegenheit, sich contemplarischen Mußen hinzugeben. Das wird besonders für einsame Nachtfahrten gegolten haben, wenn ein einzelner Seemann am Ruder stand, während der Rest der Mannschaft mehr oder weniger „vino completi“ auf oder unter Deck lag.
2 Zitiert nach Abraham Pais, Ich vertraue auf Intuition, 1998, Berlin, Spektrum Akademischer Verlag S. 61 3 Eine ähnliche Entwicklung zeichnete sich zwar nahezu zeitgleich im Fernen Osten ab. Dies wäre für diese Arbeit jedoch „off topic“; die Bedingungen und Entwicklungen mögen dort indessen gleich gewesen sein.
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Ein lebhafter Handel zwischen verschiedenen Völkern fördert nicht nur den Austausch von Waren. Er bringt nahezu zwangsläufig auch den Austausch von Kultur mit sich; so verbreiteten sich relativ schnell neue Techniken, Sprachen, Theorien und Ansichten rund um das Mittelmeer. Die Griechen sind auf diese Weise auch über die Phöniker zu ihrer Schrift gekommen. Bei dieser Entwicklung handelte es sich indessen nicht um kulturelle Okkupation, sondern es fand ein langwährender Austausch von Wissen und Kulturtechniken statt. Die Altphilologie und die Historische Anthropologie wissen hierüber mit sehr anschaulichen Beispielen zu berichten. Nahezu zeitgleich entstanden erste philosophische Denkansätze und Theorien in Griechenland, in Palästina sowie in Ägypten. Nun sollte man in wissenschaftlichen Arbeiten mit monokausalen Explikationen sehr vorsichtig und sparsam umgehen; es erscheint aber durchaus glaubhaft, daß auf die angedeutete Weise eine Entwicklung in Gang gekommen ist, die man allmählich als Philosophie bezeichnen konnte. Aber wie sah diese erste Philosophie aus? Der Gegenstandsbereich dieser ersten Philosophie sah deutlich anders aus als wir es von der späteren und heutigen Philosophie gewohnt sind. Dabei zeigt sich notwendig das Problem der zeitlichen und epistemologischen Zuordnung der Überlieferungen. Wo ist der Zeitpunkt anzusetzen, ab dem aus Mythologie Philosophie wird? Wann endet die Zeit des Ahnens und Vermutens und beginnt die Epoche 4 einer auf Systematik und damit Wissenschaftlichkeit hinführenden Philosophie? Begann wirklich alles mit Homer und Hesiod? Oder kann es nicht auch schon vor ihnen Anfänge einer Philosophie gegeben haben? Es entspricht schließlich guter methodologischer Übung, nicht die Existenz von etwas zu verneinen, nur weil man es nicht beweisen kann. Im Übrigen ist wohl unbestreitbar, daß Hesiod nach unserem heutigen Verständnis keine Philosophie, sondern Theologie betrieben hat.
Die sich anschließende große Zahl von Vorsokratikern, von denen Thales, Anaximander, Anaximenes, Pythagoras, Anaxagoras und Heraklit von Bedeutung sind (zu Parmenides später mehr), entwickelten eine erste Philosophie, die zutreffend als Naturphilosophie bezeichnet wird. Es würde über das Thema dieser Arbeit weit hinausgehen, wenn man deren Theorien und Erklärungsmodelle im Einzelnen beschreiben würde. Zudem sind ihre Arbeiten meist nur sehr fragmentarisch überliefert. Eine sehr gute Übersicht liefert hier Weber. 5
4 Epoche kommt aus dem Griechischen und bedeutet ursprünglich „Halte- oder Wendepunkt.“ In der Historiographie wird damit auch der nach dem Wendepunkt liegende Zeitabschnitt bezeichnet.
5 Weber, Franz Josef, Fragmente der Vorsokratiker, 1976, Paderborn, Schöningh.
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Vielleicht kann man grob zusammenfassend sagen, daß die Vorsokratiker Erklärungsmodelle für die Entstehung der Welt, die Bedingungen und den Sinn der menschlichen Existenz und die alles lenkende Götterwelt zu finden versuchten, oder noch einfacher: Sie bemühten sich, ihre Welt geistig zu durchdringen und verständlich zu machen. Es gab zwar auch schon Denker, wie Leukippos und Demokrit, die in ihren Vorstellungen bereits sehr nahe an den heute weitestgehend erforschten submolekularen Aufbau der Welt herankamen, und die deshalb als Atomisten bezeichnet werden. Demokrit wird im weiteren bei der Erörterung des Raumes noch von Interesse sein, da er erstmals dem Sein das Nichtsein gegenüberstellt. Alles in allem aber herrschte zu ihrer Zeit noch eine Weltvorstellung, die man in ontologischer Hinsicht noch als diffus und amorph bezeichnen könnte, ohne dezidiert in Tempozentrismus zu verfallen.
Das änderte sich nachhaltig, als Parmenides die philosophische Bühne betrat. Der Eleat steht für die Wende von der Naturphilosophie zur Ontologie, wiewohl das Wort Ontologie erst im 17. Jahrhundert üblich wurde. Parmenides thematisierte mit seinem leider nur fragmentarisch erhaltenen Lehrgedicht mit dem Titel „Peri Physeos“ zum ersten Mal begründet den Seinsbegriff von der Unzerstörbarkeit der Substanz und lieferte damit eine philosophische Grundlage, die erst sehr viel später durch den logischen Empirismus ins Wanken gebracht wurde. Bis dahin war der von Parmenides entwickelte Univoke Seinsbegriff unstreitige Diskussionsgrundlage; erst mit dem Empirismus wurde die Preisgabe der Univozität vollzogen, mit allen sich daraus entwickelnden Folgen. 6 Selbstverständlich gehören zur Rezeptionsgeschichte Parmenides’ auch kritische Stellungnahmen, allen voran die Wertung durch Heraklit, der besonders die von Parmenides entwickelte These vom unbewegten Sein entschieden ablehnte. Gleichwohl setzte sich Parmenides’ Auffassung als Grundlage der antiken Ontologie durch, und man kann wohl ohne Übertreibung sein Lehrgedicht als Geburtsurkunde der Ontologie bezeichnen. Das nachfolgende wirkmächtige Dreigestirn der antiken Philosophie - Sokrates, Platon und Aristoteles - baute ohne Zweifel auf Parmenides auf. Platon widmete ihm einen besonderen Dialog - den Parmenides-Dialog, mit dem er die Seinslehre Parmenides’ übernam und als seine Ideenlehre weiterentwickelte. Aristoteles rektifizierte nicht direkt die Seinslehre Parmenides’, sondern formulierte im dreizehnten Buch seiner Metaphysik eine umfassende Kritik der ja letztlich auf Parmenides zurückgehenden Ideenlehre Platons. Eine zutreffende Gesamtbewertung der Lehre des Parmenides bietet Bertrand Russell: „Was die spätere Philosophie bis in die modernste Zeit hinein von Parmenides übernommen hat, war 6 Ausführlich siehe: Struck, Parmenides - Philosophie an der Wende von der Naturphilosophie zur Ontologie, 2007, Grin, München.
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jedoch nicht die allzu paradoxe Unmöglichkeit jeglicher Veränderung, sondern die Unzerstörbarkeit der Substanz.“ 7
Kein Zweifel: Nachdem Parmenides als erster Philosoph den Begriff des Seins thematisiert hatte, nachdem Sokrates die Formen der elenktischen philosophischen Diskussion und Erkenntnisfindung entwickelt hatte, nachdem Platon mit seiner Ideenlehre eine Zwei-Welten-Theorie erdacht hatte (auch wenn er dabei in der Aporie endete) und, nachdem Aristoteles nicht nur die Platonsche Aporie durch einen Neuansatz aufgelöst und die bis dahin entwickelte Philosophie in die Form einer systematischen Wissenschaft gebracht hatte, war ein tragfähiges Fundament für die abendländische Philosophie errichtet worden, auf dem in der Folgezeit prinzipiell bis ins siebzehnte Jahrhundert weitergearbeitet werden konnte. Mag in der Zeit bis dahin die eine oder andere neue philosophische Lehre entwickelt worden sein; an der Erkenntnis des Parmenides und den Bedingungen der aristotelischen Philosophie wurde im Grundsatz nicht gerüttelt.
Wenn man - um im „Geschwindschritt“ zu bleiben - die Neuplatoniker, allen voran Plotin, großzügig übergeht, sollte man als nächstes doch kurz bei den Patristikern innehalten. Die Patristiker haben zwar keine großen Entwürfe zur Weiterentwicklung der Metaphysik und der Ontologie beigetragen; sie sind aber philosophiegeschichtlich von besonderem Interesse. Das Verhältnis von Theologie und Philosophie war schon immer ein spezielles. Bei den Patristikern zeigt sich indessen besonders deutlich das Bemühen, die Erkenntnisse und das Instrumentarium der Philosophie zur Schaffung eines stabilisierenden Unterbaus des sich gerade ausbreitenden Christentums zu nutzen, allen voran Augustinus, der eine Lehre entwickelte, die Kurt Flasch zu seinem Werk „Logik des Schreckens“ führte. In Bezug auf das Thema dieser Arbeit ist Augustinus jedoch von Interesse, befaßt er sich doch im elften Buch seiner Confessiones ausführlich mit dem Zeitphänomen. 8 Interessant ist dabei, und auch deshalb findet die Patristik in dieser Arbeit Erwähnung, die Parallelität zu einer vergleichbaren Entwicklung in der arabisch-islamischen Philosophie. 9 Auch hier wurde die Entwicklung der Philosophie genutzt und deshalb entsprechend gefördert, um die Ausbreitung des Islam mit wissenschaftlicher Geltungskraft voranzutreiben. Bei dieser Gelegenheit soll ein weit verbreiteter Irrtum angesprochen werden: Vielfach wird die arabisch-islamische Philosophie vorwiegend als Sachwalter der abendländischen Philosophie während des Mittelalters angesehen. Dem ist nicht so! Im
7 Russel: Philosophie des Abendlandes, 2003, Köln, Parkland-Verlag, S. 74.
8 Augustinus, Confessiones. Lat. u. dt. Bekenntnisse, 1980, München: Kösel, S. 603-657. 9 Man beachte: Arabische Philosophie ist immer auch islamische Philosophie; aber nicht jede islamische Philosophie ist auch zugleich eine arabische.
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arabisch-islamischen Raum wurde durchaus eine interessante und durchkonstruierte eigene Philosophie entwickelt, die mit Al-Kindi begann und im weiteren Verlauf etliche bedeutende Philosophen hervorgebracht hat.
Im Jahre 529 ließ Kaiser Justinian die Akademie schließen. Damit endete zunächst die abendländische Philosophie nach einer fruchtbaren Zeit von rund einem knappen Jahrtausend. Auf der Grundlage der in der arabischen Welt tradierten und zum Teil erst erschlossenen Zeugnisse der bisherigen abendländischen Philosophie begann ein bemerkenswerter und weiterführender Neuanfang im Grunde erst mit der Scholastik, hier mit Thomas von Aquin, der als der bedeutendste Theologe und Philosoph des Mittelalters genannt wird, wenngleich gelegentlich bezweifelt wird, daß er überhaupt Philosoph war. Wie auch immer: Thomas von Aquin nahm die Lehren der Patristik wieder auf und bemühte sich, die Philosophie Augustinus’ mit dem Aristotelismus zu verbinden. Auch hier wird das Bemühen sichtbar, die Theologie mit Hilfe der Philosophie zu stabilisieren und zu befördern. Auf jeden Fall begann mit Thomas wieder eine Zeit ernsthafter Forschung und Weiterentwicklung auf dem Felde der Philosophie. Besonders bemühte er sich um einen realistischen Wahrheitsbegriff. Bekannt wurde seine Festlegung „Veritas est adaequatio intellectus et rei.“ Allerdings sei angemerkt, daß Thomas diese These zwar in dieser griffigen Form zum Ausdruck gebracht hat; die diesem Ausdruck zugrunde liegenden Überlegungen gehen aber auf Isaac Israeli 10 zurück. 11 Die Thomas Nachfolgenden zeigen durchaus interessante Denkansätze und nachhaltiges Bemühen, die abendländische Philosophie weiter zu entwickeln, bringen aber keine prägenden neuen Denkmodelle hervor, die der Philosophie den entscheidenden Impetus hätten geben können. Hierzu war erst mit der Renaissance die Voraussetzung gegeben.
Die Renaissance war wahrscheinlich der bedeutendste Umbruch in der Kulturgeschichte des Abendlandes. Um die Wende vom Mittelalter zur Renaissance zu beschreiben, darf man schon tief in die Schatzkiste der Euphorik und Metaphorik greifen. Es war der Übergang vom Dunkeln zum Licht, vom Ahnen und Fürchten zum Wissen, von Blut und Schwert zu Bildung und schönen Künsten. Alle Bereiche des Lebens, vor allem des öffentlichen Lebens wurden von der Veränderung erfaßt, sei es in der Architektur, in der Musik, in der Malerei oder in der Rechtsphilosophie. Viele Universitäten sind in dieser Zeit gegründet worden. Doch was das Wichtigste war: In der Renaissance begann man, den Menschen als Subjekt, als Träger von Rechten, ja als denkendes Individuum zu begreifen.
10 Auch Ytzak Israeli, jüdischer Arzt und Philosoph ca. 832-942 (?) auch Begründer der Humoralpathologie; seine Lebensdaten schwanken sehr stark, je nach Quelle.
11 Meyer, Systematische Philosophie, 1955, Paderborn, Schöningh, S. 113-114.
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Dies konnte nicht ohne Folgen für die Entwicklung der abendländischen Philosophie bleiben. Und der Einstieg in diese neue Philosophie, die den denkenden Menschen in den Mittelpunkt stellt, trägt einen berühmten Namen: René Descartes. Mit Descartes beginnt eine neue Epoche der Philosophie - eben die neuere Philosophie. Hierzu als Einstieg eine Formulierung von Schelling, der auch nicht vergißt, den französischen Nationalcharakter zu bemühen:
„René Descartes, geb. 1596, Anfänger der neueren Philosophie, revolutionär im Geiste seiner Nation (Hervorhebung E. S.), begann damit, allen Zusammenhang mit der früheren Philosophie abzubrechen, über alles, was in dieser Wissenschaft vor ihm geleistet war, wie mit dem Schwamm wegzufahren, und diese ganz von vorn, gleich als wäre vor ihm nie philosophiert worden, wieder aufzubauen.“ 12
Also: Glücks- oder Unglücksfall der Philosophiegeschichte? Tatsache ist, daß die abendländische Philosophie vor Descartes ziemlich kraftlos geworden war und sich allenfalls noch mit Modifikationen der überkommenen Lehren beschäftigte. So gesehen war die neue Lehre Decartes’ ein Segen für die Weiterentwicklung der Philosophie, auch wenn bis heute nicht verstummte Kritiker meinen, Descartes habe das philosophische Kind mit dem Bade ausgeschüttet und in seiner Radikalität gleich die Einheit der Wissenschaft mit zerstört. Es ist nicht das Ziel dieser Arbeit, eine umfassende Darstellung der Philosophie Descartes’ zu geben; so soll seine Philosophie nur insoweit angerissen werden, als sie zum Verständnis der nachfolgenden Entwicklung und insbesondere der Kantischen Philosophie erforderlich erscheint.
Descartes stellte zuallererst alles in Zweifel, was bis dahin an philosophischen Lehren entwickelt worden war. Er abstrahierte von seinen eigenen Wahrnehmungen alles, was nach seiner Meinung anzweifelbar war. Aus seiner Militärzeit gewann er beispielsweise das Wissen, daß Menschen Schmerzen in Gliedmaßen beklagten, die ihnen schon längst amputiert waren. Dies brachte ihn dazu, auch seinen eigenen Körper in seiner Gesamtheit in Frage zu stellen. Die Erfahrung mit den amputierten Gliedern veranlaßte Schelling späterhin zu der mokanten Bemerkung, daß kein Beispiel vorhanden ist von Leuten, die Schmerzen empfunden hätten in Gliedern, die sie niemals gehabt (haben). 13 Das einzige, was Descartes nicht in Zweifel ziehen konnte, war die Tatsache, daß er denkt. Hierauf gründete er seine neue Lehre, die wegen der ausschließlichen Festlegung auf 12 Schelling, : Zur Geschichte der neueren Philosophie, S.21 a.a.O. 13 Schelling, Zur Geschichte der neueren Philosophie, S. 23, a.a.O.
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