Inhalt:
Das Naturgesetz. 3
Landschaft - Natur 4
Schilderung des „Nie-Gesehenen“ 5
Afrika 5
Europa 9
Motive aus der Natur. 12
Zusammenfassung. 14
Literatur. 15
2
Das Naturgesetz
Was Stifter in „Abdias“ (1842) erst andeutet und als „Naturgesetz“ bezeichnet, arbeitet er später in seiner Vorrede zur Erzählsammlung „Bunte Steine“ (1853) aus und benennt es als „Sanftes Gesetz“. Sowohl in der Vorrede zur Erzählsammlung „Bunte Steine“ als auch in der Einleitung zur Novelle „Abdias“ geht es übereinstimmend um die Korrelation und Koordination zwischen dem „Gesetz der Natur“ und den Normen des zwischenmenschlichen Verhaltens. 1) Das Wort „sanft“ erscheint in Stifters Dichtung „Abdias“ mehrmals, es bezeichnet die Art und Weise, in der die Dinge auf den Menschen einwirken. Aufgrund dieser Beziehungen zwischen „Abdias“ und der Vorrede zu „Bunte Steine“ ergibt sich eine gedankliche Brücke.
Man hat die Erzählung „Abdias“ oft als Schicksalsnovelle aufgefasst und sie ist es tatsächlich in dem Sinne, dass sie vom Problem des Schicksals beherrscht wird. Von Herder hatte sich Stifter den Gedanken angeeignet, dass die Menschheit einen Weg der ununterbrochenen Höherbildung gehe. Mit Herder beschäftigt ihn nun die Frage, ob das, was dem Einzelnen als Unglück erscheint, auch diesem großen Plane diene oder ob eine dunkle Macht mit Gott in der Geschichte ringe. Herder war in seinem unerschütterlichen Idealismus zu dem Ergebnisse gekommen, dass „alle zerstörenden Kräfte in der Natur ... den erhaltenden Kräften mit der Zeitenfolge nicht nur unterliegen, sondern auch selbst zuletzt zur Ausbildung des Ganzen dienen“ müssen, dass also nicht nur das Gute, sondern auch das Böse von Gott gewollt sei, in dessen Händen alles ruht, und dass Glück wie Unglück zum Besten des Menschen und der Menschheit diene.
Mit Herder sieht Stifter in allem das „göttliche Naturgesetz“, das den Menschen durch Glück und Unglück zu seiner Bestimmung führt und nur den vernichtet, der sich in Trotz und Unverstand dagegen auflehnt. 2) Unser Schicksal, das durch die Natur und ihre Erscheinungen angedeutet und verwirklicht wird, nimmt Stifter als eine „Kette der Ursachen und Wirkungen“ wahr, die Gott zulässt, wobei unsere Vernunft als „Auge der Seele“ die Aufgabe erfüllen soll, sich dem Plane des Schöpfers unterwerfen zu können.
1) Kühlmann, Wilhelm: Von Diderot bis Stifter. Das Experiment aufklärerischer Anthropologie in Stifters
Novelle „Abdias“ In: Adalbert Stifter. Dichter und Maler. Hrsg. von Laufhütte/Möseneder. Tübingen 1996. S.
395.
2) Pouzar, Otto: Ideen und Probleme in Adalbert Stifters Dichtungen. In: Prager Deutsche Studien. Hrsg. Von
Erich Gierach und Adolf Hauffen, 43. Heft, Reichenberg in B. 1928, S. 30.
3
Landschaft - Natur
Das Motiv der Natur, also insbesondere die Landschaft, nimmt in Stifters Dichtung außergewöhnlich großen Raum ein. Sie wird als etwas durch und durch „Objektives“ dargestellt, das unabhängig von allen menschlichen Deutungen besteht, und doch bleibt sie gerade in ihrer schlichten Gegebenheit nicht isoliert für sich, sondern ist grundlegend für alles Weitere. Die Landschaft ist ihrem Wesen nach nicht nur Ausschnitt, sondern Grundbestand der Welt: Natur.
Was immer in der Welt Gegenstand zu sein vermag, beruht auf Natur. Darin besteht nicht nur Abhängigkeit und Bedingtheit alles Menschlichen, der sich Stifter nach dem Überschwang der Romantik mit besonderer Aufmerksamkeit zuwendet, sondern auch Vorbild und Maß. Schlichte Ausrichtung auf Natur, Gegenständlichkeit, ist für Stifter Bestimmung des Menschen und das Grundgesetz der Kunst. 3)
Stifters Personen sind in der Tat vor allem Bauer, Waldleute oder Naturforscher aus Liebhaberei. Im Falle von Abdias ist es ein Kaufmann, der sich an seinen Handelsreisen ständig unter dem freien Himmel bewegt. Es geht also in Stifters Dichtung nicht einfach um Naturdinge, sondern um Menschen und ihr Verhalten in der Natur. Stifters Dichtung ist kaum dazu angetan, unsere Naturkenntnisse zu erweitern. Die Dinge werden zwar beharrlich und in einer Ausführlichkeit beschrieben, die Charakterisierung bleibt jedoch erstaunlich allgemein. Natur ist vielmehr das, worauf der Mensch von Grund auf angelegt ist, was sich im Schrittgesetz der Erfahrung nur allmählich und nie vollständig entschließt, und was keine künstlerische Darstellung je ganz zu fassen vermag: eine immerwährende Aufgabe für den Menschen.
Natur kommt nicht nur als Landschaft vor, auf die Stifters Personen hin und wieder einen Blick werfen oder die bei Gelegenheit in einem Ausflug aufsuchen könnten. Die Natur in und außer dem Menschen ist dasjenige, was das Wesen des Menschen und der Dinge ausmacht und als solches besonders die materielle Natur, zu der der Mensch auch als Glied gehört. Die Bedrohung unserer physischen Existenz durch die Macht der Natur ist Anlass, uns der Unbedingtheit unserer freien Persönlichkeit, ihrer Erhabenheit über die Natur bewusst zu werden.
3) Mettler, Heinrich: Natur in Stifters frühen „Studien“. Zu Stifters gegenständlichem Stil. Zürich u. Freiburg i.
Br. 1968 (= Zürcher Beiträge zur Literatur- und Geistesgeschichte 31), S. 9.
4
In der Einöde, die gerade in „Abdias“ so oft vorkommt und beschrieben wird, sieht der Mensch ganz geringfügig aus, aber erst mit diesen Menschen, die Still und ehrfurchtsvoll vor der Natur stehen, gewinnt die Landschaft ihre Größe. Bei Stifter wird der Mensch seiner Kleinheit und der Erhabenheit der Natur von allem angesichts der endlosen Einöde inne: die Stifterische Variante zum Theoretischerhabenen Schillers. 4)
Das Orientalische in Landschaft und Gestalten „Abdias’“ geht auf Herder zurück. Der Orient ist Urheimat des Menschen, Quelle prophetischer Inspiration, Land, wo Gott zum Menschen spricht. Abdias ist als Jude für ein exemplarisches Schicksal bestimmt und ihm die Einöde als Wohnung zugewiesen, „erhaben und fruchtbar“, Stifter sie nennt. 5)
Schilderung des „Nie-Gesehenen“
In „Abdias“ begibt sich Stifter an eine Schilderung der Wüste, seltsam anschaulich zeigt er das nie gesehene Milieu, das merkwürdige Leben der jüdischen Kaufleute, die sich in den Ruinen alter Römerstädte eingenistet haben. 6) Anregungen für die Schilderung der afrikanischen Landschaft kann Stifter aus zwei der damals populären Reiseberichte gewonnen haben. Es handelt sich um „Rückblicke auf Algier“ (erschienen 1831) von Friedrich Fürst von Schwarzenberg und „Semilasso in Afrika“ (erschienen 1836) von Herrmann Ludwig Heinrich Fürst von Pückler-Muskau. 7)
Aber dann, als ob Stifter die reine exotische Landschaft auf die Dauer für ihn nicht erträglich wäre, als ob ihm bei dieser Beschreibung Nordafrikas das Heimweh übermannt habe, führt er den alten Juden, der nie etwas anderes als Orient durchstreift hat, in seine, Stifters Heimat. 8) Afrika
Stifters Abdias verkörpert das Bild eines neuen Hiob, der alles geduldig leidet und alle Weh, das ein unbitterlich grausames Schicksal über ihn verhängt, lautlos, ohne eine Silbe der Klage erträgt. Aber es ist nicht die grenzlose Demut jenes frommen alttestamentarischen Hiob, sondern es ist nur eine äußerliche, mühsam erzwungene Unterwürfigkeit, mit der er die
4) vgl. Mettler, 19-44.
5) vgl. Paul Requadt in seinem Nachwort zu Adalbert Stifter: Abdias. Mit einem Nachwort von Paul Requadt.
Stuttgart: Philipp Reclam jun. 1970. S.106.
6) vgl. Weydt, Günther: Naturschilderung bei Annette von Droste-Hülshoff und Adalbert Stifter. Beiträge zum
„Biedermeierstil“ in der Literatur des 19. Jahrhunderts. Berlin 1930 (Germanische Studien 95), S. 45.
7) vgl. Unter „Stoffliche Anregungen“ von Dittmann, Ulrich (Hrsg.): Erläuterungen und Dokumente. Adalbert
Stifter. Abdias. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 1971, S. 60f.
8) vgl. Weydt, 45f.
5
Arbeit zitieren:
Anezka Misonová, 2007, Einfluss der Natur auf Verhalten der Hauptpersonen Abdias und Ditha in der Erzählung "Abdias" von Adalbert Stifter, München, GRIN Verlag GmbH
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