Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion waren für die Epoche von Jelzin folgende Fragen charakteristisch: „Was ist Russland?“, „Wohin geht Russland?“, „Wer sind wir?“. Sie sind bis in die allerjüngste Gegenwart hinein gültig geblieben. Die Marxismus -Leninismus Doktrin wurde zur Geschichte und in Russland entstand ein Vakuum, eine leere Stelle, die man auf verschiedene Weisen versuchte aufzufüllen. Gleichzeitig hatte man mit dem Phänomen des Cultural Turns zu tun, der schon längere Zeit her auftritt - ungefähr seit den sechziger Jahren. Cultural Turn bedeutet eine Verschiebung des Denkens in die Richtung Kultur anstatt Politik oder Volkswirtschaft, was Entwicklungen in den kulturellen Studien und der Kultursoziologie verursachte. Der Wert der hohen Künste und die Massenkultur ist in den kulturellen Studien gesunken. Kultur nahm vorher eher die Sachen wahr, jetzt sind die Prozesse und Praxis von Bedeutung. Cultural Turn hat den Kulturwissenschaften geholfen, indem die Disziplin mehr Respekt als akademische Disziplin gewonnen hat. Nach dem Umbruch 1991, der das endgültige Versagen des sozialistischen Modells offenbarte, wurde der Vergleich Russlands mit dem Westen wieder aktuell. Man hat angefangen Russland und den Raum dessen Einflüssen als russisch - euroasische Zivilisation nennen. Die Sehnsucht nach neuen Verbindlichkeiten zeigte sich in Russland in der Suche nach Identität auch auf der Ebene des Staates. Die Wertefundament-Konzeption konnte Kultur erfolgreich in den Mittelpunkt eines nationalen Diskurses zur Identitätsbildung stellen. Nur dann war es möglich einen kleinsten gemeinsamen Nenner an Vorstellungen zu finden, der sich auch in den verschiedenen Zeichensystemen der Ethnien wie Kunst, Sprache, Religion etc. widerspiegelte. Besondere geopolitische Lage zwischen Osten und Westen sind für die neuen russischen Kulturologen dafür verantwortlich, dass Russland eine eigene Philosophie, Religion und Psychologie herausgebildet hat. Für diesen Zustand sind sowohl historische Faktoren verantwortlich, wie: byzantinische Herkunft, 200 Jahre mongolischer Herrschaft, begrenzter Kontakt mit dem Renaissance, der Reformation und der Aufklärung als auch die Faktoren, die sich direkt auf Gegenwart beziehen, d.h. enormer Einfluss der orthodoxen Kirche, bürokratischer Despotismus und so typischer für diesen Weltraum Kollektivismus. Die Kultur der russländischen Ethnie bildete demzufolge die Grundlage des einheitlichen Raumes. Bekannte ist der Motiv des ‚großen Bruders‘, wonach die Russen innerhalb der Völkerfamilie Russlands eine Führungsposition einnehmen. Auf diese Weise Kulturologie wurde zu konkreter Folge des Cultural Turns in Russland und gleichzeitig füllte ein ideologischweltanschauliches Vakuum aus. Der affirmativen Kulturbegriffs, der von den kommunistisch
2
geprägten Kulturschaffenden Russlands zum ‚neuen Menschen‘ führen sollte, erklärt, warum diese Vorstellung unter den russländischen 1 Akteuren noch verbreitet ist. Es kann daher nicht verwundern, dass im Zuge der für Russland in den 1990er Jahren stets präsenten Suche nach der eigenen kollektiven Identität eine intensive Auseinandersetzung mit Samuel Huntingtons These vom „Kampf der Kulturen“ erfolgte. Gerade die Vertreter der Auffassung, dass Russland einen Sonderweg zu beschreiten habe und anders sei als der Rest der Welt, sich in ihrer Auffassung durch die These Huntingtons bestätigt. Es sollte jetzt um die Identitätsfindung innerhalb einer Kultur gehen und Russland, die sich historisch mit dem orthodoxen Christentum identifiziert, gehört nach dem kalten Krieg zu den bedeutendsten Weltkulturen 2 . Als Zentrum der orthodoxen Kultur hat Russland zur Aufgabe, die Hauptverantwortung für die Aufrechthaltung der Ordnung und Stabilität den russländischen Völkern zu tragen. Aus diesem Grund stilisierten die Politiker der 90er Jahre, wie z. B. Präsident Jelzin die russische kulturelle Identität auf Huntington´s Thesen. Zwei Grundfesten der Russischen Idee: die Geistigkeit der russischen Orthodoxie und die Staatlichkeit der russischen Großmacht haben sie in der Form als neues (altes?) Selbstbewusstsein Russland in die Weltzivilisation des XX - ten Jahrhundert eingebracht.
Jutta Scherrer vertritt nach Analyse einer Vielzahl von Werken und Lehrbüchern über Kulturologie die Ausfassung, mit der in den 1990er Jahren verbreiteten Form der Kulturologie hätten sich die „Orientierungsprobleme des heutigen Russland (…) einen Ausweg im philosophischen Dilettantismus des 19. Jahrhundert mit seinen schon damals veralteten ganzheitlichen Vorstellungen, der unreflektierten ‚histoire totale‘ “ (Scherrer 2003: 56) gesucht. Die Wissenschaftlerin unterstreicht die Gegenüberstellung von und 3 , was die russische Idee des eigenen Platzes unter den
Weltzivilisationen abbildet. Sie betont dabei, dass „die Kulturologie nahezu nichts mit der Kulturwirklichkeit zu tun hat“ (Scherrer 2006: 10). Besonderer Weg Russlands als
1 russischländisch - es wird das russische Wort übersetzt, was einen Unterschied zu dem
[russisch] bilden soll. Der Unterschied umfasst die ethnischen und territorialen Aspekte; russländisch wird sich
in engerem Sinne auf Russland beziehen, russisch dagegen auf alle Länder des russischen Kulturkreises.
2 Siehe: Abb.1
3 Welt- und Heimatkultur
3
Vielvölkerreichs erklärt die These, dass Kultur als geistige Wiedergeburt Russlands gesehen werden soll.
Der Begriff der Kulturologie hat in Russland seit Beginn der 1990er Jahre das Denken auffallend beeinflusst. Im engen Verständnis meint der Fach die Philosophie der Kultur im westlichen Sinne, z. B. Ästhetik, Kultursoziologie, Kulturpolitik, Kulturgüternutzung, Ethnizität, Geschichte der russischen und russischländischen Kultur...usw. Der integrative Ansatz der Kulturologie umfasst alle sozial- und geisteswissenschaftlichen Kulturkenntnisse und bedient sich ihrer qualitativen und quantitativen Methoden und Theorien. Es handelte sich bei dieser Variante der russländischen Kulturologie also um eine Art von „Staatsbürgerkunde“ dem ein anthropologischer oder ethnologischer Kulturbegriff zugrunde liegt (Scherrer 2006: 7). Es werden erforscht: Formen und Weisen der Organisation des gemeinsamen menschlichen Lebens und der Tätigkeit, Besonderheiten der zwischenmenschlichen Beziehungen, das Verhalten des Menschen zur Natur und zu sich selbst (Bogatyeva 2006: 2). Kulturologie soll auch an das „Geistige“ im Gegensatz zum „Rationalen“ oder zum „Intellektuellen“ appellieren. Im Unterschied zur materiellen Zivilisation, unter der Politik, Gesellschaft, Technik und alltägliche Lebensweise verstanden wird, neigt sich Religion, Sprache, Kunst, Literatur zu dem „Geistigen“.
Die sog. Selbstzweckkonzeption ist eng mit dem affirmativen Kulturbegriff verbunden, soweit dieser „die geistig-seelische Welt als ein selbständiges Wertreich von der Zivilisation“ (Grishaev 1994: 10) ablöst. Es handelt sich um eine Konzeption mit tradierten Formen von ‚Hochkultur‘ als zentralem Aspekt, die von verschiedenen Akteuren nach dem Zusammenbruch des Kommunismus weiter aufrechterhalten wurde. Weit verbreitet war in Russland die Auffassung, dass Kultur und damit der Teilbereich Kunst Selbstzweck 4 seien. Das Konzept allen den Zugang zur Kunst zu ermöglichen, als auch die Durchsetzung bestimmter Wertvorstellungen über Kunst, waren unter den Akteuren der russländischen Kulturpolitik sehr populär. Nicht ohne Bedeutung bleibt die Konzeption, dass soziale Entwicklung demokratischer Gesellschaften u. a. durch stärkere selbst bestimmte Beteiligung der Menschen am kulturellen Prozess. Der Staat müsste also einen solchen kulturellen Zustand der Gesellschaft erwirken, der die „notwendigen Voraussetzungen für die politische, soziale und wirtschaftliche Modernisierung des Landes gewährleistet“ (Grishaev 1994: 11). Kulturologie hatte in der Sowjetunion in dieser Variante nicht existiert, sondern war in den 1960er Jahren als ideologische Alternative zum Marxismus verstanden. Der Unterschied besteht darin, dass eine Ablösung des materialistischen Erklärungsmodells durch ein geistiges
4 nicht von einem funktionalen Kontext abhängen
4
Arbeit zitieren:
Elzbieta Szumanska, 2006, Kulturologie am Beispiel Russlands, München, GRIN Verlag GmbH
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