1 EINLEITUNG
Über das Leben von Neidhart ist nur wenig wie z.B. dass er am Hofe von Herzog Friedrich II. in Wien Hofsänger war, bekannt. Jedoch musste Herr Nîthart schon zu seiner Zeit ein berühmter Liederdichter gewesen sein, denn Wolfram von Eschenbach erwähnte ihn bereits in seinem um 1215 entstandenen Willehalm. Seine literarische Schaffensperiode fällt in die Jahren von 1210 bis 1245. Der Name des Sängers, Nîthart, bzw. im neuhochdeutschen Neidhart, ist in vielen Handschriften seiner Lieder und bei vielen anderen Autoren zu finden. 1 Als zweiten Name ist in den Handschriften häufig von Riuwental, bzw. neuhochdeutsch Reuental die Rede. Er ist ein zentraler Ortsname in Neidharts Werk. Dieser fungiert in einigen Liedern aber auch als Beiname einer der Figuren von der im Lied gesprochen wird. In der Deutung des Wortes Riuwental gibt es zwei gegensätzliche Ansätze. Dies ist zum einen der biographische Ansatz, in dem man in Riuwental einen Burgsitz im bairischen, der Heimat Neidharts, sieht, zum anderen gibt es einen metaphorischen Ansatz zur Deutung des Wortes. Hier wird Riuwental zum eine fiktiven Schauplatz im Sinne von „Jammertal“. 2
Rund 140 Lieder Neidharts sind erhalten. Diese werden in zwei Liedtypen anhand ihres Natureingangs in Sommer- und Winterlieder unterteilt. In den Sommerliedern versuchen zumeist die Bauernmädchen und -frauen den Ritter zum Tanz im Freien zu gewinnen. Oft sind es Streitgespräche zwischen Mutter und Tochter, wem die Gunst des Ritters gehören soll. In jedem Fall wirbt die Frau um den hoch über ihr stehenden Mann. In den Winterliedern steht der Tanz in der Bauernstube im Mittelpunkt. In so genannten Trutzstrophen beschimpfen die dörper den ritter. In den späten Winterliedern, wie zum Beispiel im Winterlied 16, mischt sich Trauer über das Ende der höfischen Welt. 3
1 Vgl.: BUMKE, JOACHIM: Geschichte der deutschen Literatur im hohen Mittelalter, München 1990, S.
302. Künftig als: BUMKE: Geschichte der deutschen Literatur im hohen Mittelalter. Außerdem: BLECK, REINHARD: Neidhart. Leben und Lieder , Göppingen 2002, S. 6 (= GAG 700). Künftig als: BLECK: Neidhart. Bleck übersetzt Nîthart als der im Kampfeszorn Starke.
2 Vgl.: SCHWEIKLE, GÜNTHER: Neidhart, Stuttgart 1990, S. 52-53. Künftig als: SCHWEIKLE: Neidhart. 3 Vgl.: BUMKE: Geschichte der deutschen Literatur im hohen Mittelalter, S. 305-306
- 2 -
2 TEXTZEUGEN DES WINTERLIEDS 16
Teile des Winterlieds 16 sind in fünf verschiedenen Textzeugen belegt. Zum einen findet man es in den Handschriften R (Riedegger-Handschrift), A (Kleine Heidelberger Liederhandschrift), Ma 4 , ein Pergamentdoppelblatt, das aus dem rheinisch-westfälischen Raum stammt und S 5 , ein Rest von drei Pergamentblättern, die aus dem bairischen Raum stammen. Zum anderen ist das Winterlied 16 in der Papierhandschrift c (Riedsche-Handschrift) vorhanden. Bei den Handschriften mit den Großbuchstaben handelt es sich bei allen um Pergamenthandschriften. Pergament war im Mittelalter ein kostbarer Beschreibstoff und deshalb sehr teuer. Daher kann man davon ausgehen, dass ein Schreiber beim Beschreiben der Pergamentblätter äußerst sorgfältig vorgegangen ist und sie im Vergleich zu den billigeren Papier-Handschriften weniger Fehler enthalten. 6
Die wichtigste Pergamenthandschrift ist die sogenannte Riedegger-Handschrift R. Sie entstand Ende des 13. Jahrhunderts und ist somit die älteste überlieferte Handschrift mit dem Liedercorpus Neidharts. Sie ist eine Sammelhandschrift, denn sie enthält neben den Liedern Neidharts auch Werke von Hartmann von Aue und Stricker. Die Neidhartsammlung umfasst 22 Sommer- und 34 Winterlieder. Das Winterlied 16 ist in der Riedegger Handschrift das 26. Lied. 7 Die umfangreichste Neidhartsammlung ist die Papier-Handschrift c, die sogenannte Riedsche-Handschrift. Laut Wasserzeichen entstand das Handschriftenkonvolut auf Papier in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, also rund 300 Jahre nach Neidhart. Die Riedsche-Handschrift umfasst 131 Lieder und hat somit den Charakter einer Gesamtausgabe der Lieder Neidharts. Die Gliederung der Lieder wurde anhand ihrer Natureingänge in Sommer- (1-78) und Winterlieder (79-131) vorgenommen. Somit ist sie die einzigste Handschrift, die den Liedercorpus nach thematischen Gesichtspunkten ordnet. 8 Das Winterlied 16 unterscheidet sich in der Strophenabfolge im Vergleich zur Riedegger-Handschrift in der fünften Strophen (R 5), die in der Riedschen-
4 Inder Handschrift Ma findet man nur die erste Strophe, die sowohl in R, A und c an erster Stelle steht.
5 In S sind nur die Verse 3-7 von R 2 als erste Strophe überliefert.
6 Vgl.: SCHWEIKLE: Neidhart, S. 1-10. Bzw. BOUEKE, DIETRICH: Materialien zur Neidhart-Überlieferung, München 1967(=Münchner Texte und Untersuchungen zur deutschen Literatur des Mittelalters 16), S. 9-
29.
7 Vgl.: SCHWEIKLE: Neidhart, S. 6.
8 Vgl.: ebd., S. 8.
- 3 -
Handschrift als dritte (c 3) abgebildet ist. In der Kleinen Heidelberger Lieder-handschrift A fehlt R 5 bzw. c 3 ganz. 9
3 Übersetzung des Winterlieds 16
Strophe I
Ach, lieber Sommer, wie haben sich Deine hellen, langen Tagen in ihrem Glanz
verändert. 10 Sie 11 werden düster und verlieren 12 ihre freundliche 13 Witterung.
Sogar die Vögel sind mit ihren Liedern verstummt.
Meine allergrößte Sorge ist jedoch, dass ich für meine langen Minnedienste
noch keine würdige Belohnung 14 erhalten habe.
Leider war ich nicht im Stande ihr so zu sprechen und zu singen, dass es der
schönen Dame eine Belohnung wert zu sein schien 15 .
Gib mir Lohn 16 , Königin 17 , ich bin es, der eine Belohnung verlangt. Liebste aller
Frauen, ich hoffe auf eine würdige Belohnung.
9 Vgl.: Die Lieder Neidharts, hrsg. von EDMUND WIEßNER, weiterg. von HANNS FISCHER, 5., verbesserte Auflage hrsg. PAUL SAPPLER. Mit Melodienanhang von HELMUT LOMNITZER, Tübingen 1999 (=
Althochdeutsche Textbibliothek; Nr. 44), Winterlied 16, S. 102-103. Künftig als: Die Lieder Neidharts, hrsg. v. Sappler.
Die Strophen des Winterlieds 16 sind Stollenstrophen. Die Zeilen 1-3 bilden den ersten Stollen, die Zeilen
4-6 den zweiten. Die beiden Stollen sind zum Aufgesang zusammengefasst. Den Abgesang bilden die Zeilen 7-10. Das Reimschema der einzelnen Strophen ist abc/ abc/ deed.
10 Ich habe bei meiner Übersetzung die Übersetzung von Siegfried Beyschlag zur Unterstützung genommen, vgl.: BEYSCHLAG, SIEGFRIED: Die Lieder Neidharts. Der Textbestand der Pergament-Handschriften und die Melodien. Text und Übertragung. Einführung und Worterklärungen. Konkordanz. Edition der Melodien von Horst Brunner, Darmstadt 1975, L 38, S. 197-201. Künftig als: BEYSCHLAG: Die Lieder Neidharts. Beyschlag orientierte sich in seiner Übersetzung stark an der Form und der Metrik des mhd. Originals. Ich finde es jedoch besser, diese Anlehnung aufzuheben, da sich dies in der nhd. Übersetzung altertümlich anhört. Dies gilt für meine gesamte Übersetzung.
11 Mit sie (I, 3) sind die hellen, langen Tage gemeint. Vgl. WIEßNER, EDMUND (Hrsg.): Vollständiges Wörterbuch zu Neidharts Liedern, Leipzig 1954, S. 278. Künftig als: WIEßNER: Vollständiges Wörterbuch zu Neidharts Liedern.
12 Hier habe ich im Gegensatz zur Übersetzung von Beyschlag nicht die Aktivform (truobent I, 3), sondern Passivform verwendet. Vgl.: WIEßNER: Vollständiges Wörterbuch zu Neidharts Liedern.
13 Das Wort süeze (I, 3) habe ich nicht wie in WIEßNER: Vollständiges Wörterbuch zu Neidharts Liedern als süß übersetzt, sondern wie bei HENNIG, BEATE/ HEPFER, CHRISTA: Kleines Mittelhochdeutsches Wörterbuch, 4. verbesserte Auflage, Tübingen 2001 als mild, da mild als Ausdruck für eine bestimmte Witterung meiner Meinung nach geläufiger ist. Künftig als: HENNIG: Kleines Mittelhochdeutsches Wörterbuch.
14 Beyschlag übersetzt den Ausdruck lieben lôn (I, 6) wörtlich als lieben Lohn. Ich finde, dass würdige Belohnung aussagekräftiger ist.
15 Beyschlag, sowie WIEßNER übersetzen das Wort diuhte (I, 8) als dünkte. Bei diesem Ausdruck handelt es sich um eine veraltete Form, die in dieser Weise im heutigen Sprachgebrauch nicht mehr verwendet wird.
16 Ich finde die Phrase Lass mich Lohn erlangen, wie bei Beyschlag übersetzt, als direkte Aufforderung
Gib mit Lohn aussagekräftiger.
17 Der Begriff küneginne (I, 9), sowie liebist aller wîbe (I,10) oder die wolgetânen (I, 8) sind höfische
Wörter und Wendungen, die der Kennzeichnung der weiblichen Figur dienen. Vgl.: SCHWEIKLE: Neidhart, S. 106.
- 4 -
Arbeit zitieren:
Tanja Rilka, 2004, Über die Lieder Neidharts, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Der Parzival-Erzähler, ein dominanter Erzähler?
Eine Analyse des Erzählverhalt...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hauptseminararbeit, 14 Seiten
Grenzüberschreitungen und Vernetzungen im Parzival Wolframs von Eschen...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hauptseminararbeit, 25 Seiten
Die Erzählerfigur in Hartmanns EREC.
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit, 21 Seiten
Ingeborg Bachmann "Böhmen liegt am Meer" - Versuch einer Int...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 11 Seiten
Die Wiederherstellung der ordo...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Seminararbeit, 19 Seiten
Homo Faber - Ein Vergleich von Max Frischs Roman und Volker Schlöndorf...
Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft
Hauptseminararbeit, 37 Seiten
Der Minnesang - Ein entwicklungsgeschichtlicher Einblick in eine liter...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Seminararbeit, 16 Seiten
E.T.A. Hoffmann - Das Fräulein von Scuderi: Zwischen Detektivgeschicht...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 18 Seiten
Patrick Süßkind 'Das Parfum' - Darstellung der Hauptfigur durc...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 15 Seiten
Die Erziehung des jungen Parzival - Hindernis oder Chance?
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hauptseminararbeit, 20 Seiten
Fiktionalität in Hartmanns von Aue "Erec"
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit, 23 Seiten
Das Südmotiv in zwei Gedichten von Ingeborg Bachmann
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 12 Seiten
Das erzählte Erzählen in der Literatur des Mittelalters
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hauptseminararbeit, 35 Seiten
Postmoderne - Begriffsgeschichte eines über- und unterdeterminierten B...
Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen
Hauptseminararbeit, 18 Seiten
Ein Vergleich zwischen Chresti...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Seminararbeit, 13 Seiten
Wilhelm von Humboldt und seine Theorie der Bildung
Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie
Hausarbeit, 25 Seiten
Die Parabel vom verlorenen Sohn im ‚Helmbrecht’ von Wernher der Garte...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Seminararbeit, 13 Seiten
Tanja Rilka's Text Über die Lieder Neidharts ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Tanja Rilka hat den Text Über die Lieder Neidharts veröffentlicht
Tanja Rilka hat einen neuen Text hochgeladen
Texte und Melodien sämtlicher ...
Ulrich Müller, Ingrid Bennewitz, Franz Viktor Spechtler
Lieder für hohe (mittlere) Stimme und Klavier
Mit wörtlicher Übersetzung der...
Felix Mendelssohn Bartholdy, Eugene Asti
Ginger - Early Start Edition 3. 3. Schuljahr. Activity Book mit Liede...
Birgit Hollbrügge, Ulrike Kraaz
0 Kommentare