Hausarbeit im Affinen Fach evangelische Theologie als Akademische Teilprüfung I
im Modulbaustein M2: ,,Einführung in das Neue Testament"
an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg
Die Seligpreisungen Mt 5, 1-12
Exegese über die Seligpreisungen in ihrem historischen, theologischen
und korrelativen Kontext
vorgelegt von:
Otto Zorn
WiSe 2007/08
Fachsemester: 8
Ludwigsburg, den 28.10.2008
1
Inhaltsverzeichnis
Matthäus 5, 1-12: Die Seligpreisungen
... 2
1 Das Evangelium des Matthäus ... 3
1.1 Matthäus, sein Werk und seine Zeit ... 3
1.2 Aufbau des Evangeliums und die matthäische Theologie... 5
1.3 Aufbau und Inhalt der Bergpredigt... 8
2 Seligpreisungen ... 10
2.1 Aufbau der Seligpreisungen ... 10
2.2 Synoptischer Exkurs ... 18
2.3 Form, Gattung und Tradition... 20
3 Aussagen ... 21
3.1 Historische Hintergründe... 21
3.2 Sitz im Leben damals und heute... 23
Literaturverzeichnis... 26
2
Matthäus 5, 1
1
-12: Die Seligpreisungen
1
Als er aber das Volk sah, ging er auf einen Berg und setzte sich;
und seine Jünger traten zu ihm.
2
Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach:
3
Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.
4
Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.
5
Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.
6
Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit;
denn sie sollen satt werden.
7
Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
8
Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.
9
Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.
10
Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden;
denn ihrer ist das Himmelreich.
11
Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen
und verfolgen und reden allerlei Übles gegen euch, wenn sie damit lügen.
12
Seid fröhlich und getrost; es wird euch im Himmel reichlich
belohnt werden. Denn ebenso haben sie verfolgt die Propheten,
die vor euch gewesen sind.
2
1
Der Vollständigkeit halber habe ich die beiden ersten Verse mit hinzugenommen, da sie praktisch die
Einleitung der in dieser Arbeit behandelten Verse sind. (Vgl. Grundmann (1972), S. 111)
2
Ich habe die Lutherübersetzung (LUT) und parallel dazu die Elberfelder Bibel (ELB) gewählt, da diese eher
der wörtlichen Übersetzung entsprechen. Um den Text besser zu verstehen, zog ich zum Vergleich noch die
Einheitsübersetzung
(EU) hinzu. Darin wurde versucht, für die originalen ,,Worte, Ausdrücke und
grammatischen Konstruktionen" gleichwertige Gegenstücke in heutiger Sprachanwendung zu finden. In:
Fee/Stuart (1982), S. 41.
3
1 Das Evangelium des Matthäus
1.1 Matthäus, sein Werk und seine Zeit
Über den Schreiber des Matthäus-Evangeliums kann man keine eindeutige Aussage
machen. Selbst bei seinem Namen sind sich die Kritiker nicht einig. Einerseits gibt es
Überlegungen in die Richtung, es sei einer der Jünger Jesu, der im Markus-Evangelium
,,Levi"
3
heißt und erst in der parallelen Stelle im Mt-Evangelium den Namen ,,Matthäus"
4
trägt. Mätthäus Levi war Zöllner und musste als solcher ,,in Lesen und Schreiben bewandert
sein und Übung darin haben, als Teil seiner Geschäftstätigkeit Notizen zu machen.
"
5
Infolgedessen musste das Mt-Evangelium in aramäisch geschrieben und später ins
Griechische übersetzt worden sein, was aber nicht ausschließt, dass Matthäus selbst die
griechische Fassung verbreitet hat. Über Matthäus weiß man außer Name und Beruf nicht viel
und er ,,verschwand dann nach der Aufzählung in der Apostelgeschichte
6
aus der Geschichte
der Kirche, abgesehen von einzelnen Hinweisen, die wahrscheinlich Legende sind.
"
7
Andererseits gibt es begründete Zweifel an dieser Überlegung, denn es wird allgemein in der
Theologie davon ausgegangen, dass Matthäus Textvorlagen von Markus voraussetzt und
diese starke Abhängigkeit schließt durch die Entstehung des Mk-Evangeliums um ca. 70 n.
Chr. die Niederschrift des Mt-Evangeliums durch einen Jünger Jesu oder Augenzeugen aus.
8
Eine weitere Überlegung von Bibelkritikern ist, dass der Schreiber namentlich nicht
bekannt ist und lediglich ,,eine Sammlung von ,Worten`, die Matthäus zusammenstellte,
benützt.
"
9
Begründet wird das damit, dass Papias
10
(ca. 100 n. Chr.) darauf hinweist.
11
Über die Entstehungszeit und den Ort weiß man ebenfalls nicht viel und kann nur
Vermutungen anstellen. ,,Jedenfalls blickt Mt 22,7 deutlich auf die Zerstörung Jerusalems im
Jahre 70 zurück. Die dort angedeutete christlich-jüdische Konfliktsituation weist auf den
syrischen Raum als Ort der Niederschrift hin. Vielleicht entstand das Matthäusevangelium in
einem der städtischen Zentren Antiochia oder Damaskus. Über die Person des Verfassers
3
Vgl. Mk 2,14
4
Vgl. Mt 9,9
5
Tenney (1979), S. 164
6
Vgl. Apg 1,13
7
Ebd. Tenney
8
Vgl. Conzelmann/Lindemann (2004), S. 330f
9
Unger (1973), S. 15
10
Papias: Einer der frühen Kirchenväter, lebte ca. 70 140 n. Chr. Herausgeber eines nicht mehr vorhandenen 5-
bändigen Werkes, in dem er u. a. die Sammlung von Matthäus erwähnt. In: Maier (1981)
11
Vgl. Unger (1973), S. 15
4
sind dem Evangelium selbst keine weiteren Hinweise zu entnehmen.
"
12
Für Antiochia spricht
auch die ausgeprägt nichtjüdische Zusammensetzung aus sowohl aramäisch als auch
griechisch sprechenden Christen. Die wahrscheinlichste Entstehungszeit liegt Bibelkritikern
zufolge zwischen 50 und 70 n. Chr. Die Zerstörung des Tempels im Jahr 70 n. Chr. ist
sicherlich ein Anhaltspunkt, jedoch gibt es ,,keine Anspielung darauf, dass die Stadt
tatsächlich besiegt wurde.
"
13
Fiedler und weitere Theologen rechnen eher mit einer
Entstehung zwischen 80 und Anfang 90 n. Chr. mit der Begründung, dass das Mk-
Evangelium erst 70 entstanden ist und Mt darauf aufbaut.
Möglicherweise hat der Verfasser des Mt-Evangeliums
14
dieses für ,,nicht in Palästina
wohnhafte, aramäisch sprechende Konvertiten verfasst, [...] die keinen Zugang zu den
Aposteln hatten und deshalb für ihr Wissen über Jesus auf einen schriftlichen Text
angewiesen waren.
"
15
Da es kein aramäisches Original (mehr) gibt, ergibt sich die
Vermutung, dass aufgrund der Entstehung von immer mehr griechischen Gemeinden die
aramäische Fassung verloren ging und es sich beim griechischen Text um eine neue Ausgabe
und nicht um eine Übersetzung handelt. Gegen eine Übersetzung spricht auch das gute
Griechisch.
16
Wer also hat das Mt-Evangelium verfasst? Vom Schreiber kann gesagt werden, dass er
wohl Jude bzw. Judenchrist war, oder zumindest, wie schon erwähnt, ein judenchristliches
Publikum hatte. Bestimmte Formulierungen deuten auf diese Tatsache hin. Z. B. erwähnt
Matthäus wie die Juden damals den Namen Gottes nicht so oft, wie es Markus und Lukas tun.
An vielen Stellen spricht er vom ,,Himmelreich"
17
bzw. ,,Reich der Himmel"
18
während Mk
und Lk, insbesondere auch bei den Parallelstellen
19
zu Mt, vom ,,Reich Gottes"
20
sprechen.
Das Mt-Evangelium ist sogar das einzige, in dem vom ,,Himmelreich" die Rede ist.
Matthäus geht es vor allem um die Sammlung der Lehren Jesu, wie aus vielen
Bibelstellen hervorgeht. So basiert sein Evangelium auf dem Markus-Evangelium als
12
Vgl. Dahm (1993)
13
Vgl. Tenney (1979); S. 164 und Mt 24, 1-28
14
Die dieser Arbeit zugrunde liegenden Kommentare und Bücher gehen davon, dass Markus das erste
Evangelium schrieb und sowohl Matthäus als auch Lukas die Markustexte als Grundlage für ihre Evangelien
nahmen. Außerdem zogen sie auch die Logienquelle Q mit Sprüchen Jesu hinzu. Basierend auf dieser 2-Quellen-
Theorie werde ich auch in dieser Arbeit argumentieren, weil sie für mich am nachvollziehbarsten erscheint. Im
weiteren Verlauf werde ich Matthäus als Verfasser verwenden, wobei nicht zwingend der Jünger Jesu gemeint
ist. Siehe Argumentation.
15
Vgl. ebd. Tenney (1979)
16
Vgl. ebd.
17
Vgl. Mt 3,2; 4,17; 5,3.10.19.20; 7,21; 10,7; 11,11.12; 13,11.24.52; 16,19; 18,1.3.4; 19,12.14.23; 23,13; 25,1;
18
Vgl. ebd., ELB - Kann auch ,,Königreich" bedeuten
19
In den Fußnoten mit ,,P" markiert
20
Vgl. Mk 1,15P; 4,11.26P; 9,47; 10,14.15.23P; 12,34; 15,43; Lk 6,20P; 7,28P; 8,10P; 9,2P; 13,29; 14,15;
16,16; 18,16.17.24P; 19,11; 21,31; 22,16; 23,51; u.v.m.
5
Leitquelle oder Stützwerk, unter Hinzunehmen der Logienquelle Q und des jeweiligen
Sondergutes.
21
Matthäus kann sogar beinahe als revidierte Fassung von Markus gesehen
werden, denn Markus scheint die Hauptquelle zu sein. Rund 500 Verse hat Matthäus in seinen
28 Kapiteln von Markus übernommen, was ca. 90% entspricht, ca. 250 Verse aus Quelle Q
und 300 aus seinem Sondergut.
22
Insgesamt lässt Matthäus nur 55 Verse von Mk aus, ,,doch
strafft er den Inhalt vieler Erzählungen, indem er sie sprachlich glättet, Stil und Wortschatz
überarbeitet und darauf achtet, dass einige ungeschliffene Wendungen bei Markus nicht
missverstanden werden.
"
23
Um das Mt-Evangelium verstehen zu können, muss man ,,alles vom Gesichtspunkt der
verschiedenen Zeitalter
24
sehen. Alle berichteten Wunder, alle aufgezeichneten Worte, alle
Ereignisse, wie sie sich in einem bestimmten Zusammenhang abspielen, jedes Gleichnis, jedes
Kapitel vom Anfang bis zum Ende sind in erster Linie als Lehre heilsgeschichtlicher
Wahrheiten und als Vorausschau auf deren Zeitalter zu verstehen.
"
25
Matthäus möchte einige wichtige Dinge in den Vordergrund stellen: Jesus ist
tatsächlich Gottes Sohn, der verheißene Messias.
1.2 Aufbau des Evangeliums und die matthäische Theologie
Vorab lässt sich sagen, dass sich keine übergeordnete Gliederung ohne
Schwierigkeiten erstellen lässt. Im Vergleich zu Lukas, der sein Evangelium chronologisch
aufgebaut hat
26
, wählt Matthäus eine thematische, sachliche Zusammenstellung. Er ,,ist im
Blick auf die Gesamtanlage seiner Schrift mehr an Übergängen und Verbindungen als an
Abgrenzungen interessiert.
"
27
,,Charakteristisch für Mt sind [...] die fünf großen Reden, die
unter Verwendung von Texten aus allen Quellen von Mt selbst erschaffen wurden.
"
28
Es bietet
sich also an, ,,Mt als fortlaufende Erzählung zu sehen, und sich für den bibelkundlichen
Aufriss an der Stellung der Reden zu orientieren.
"
29
Sehr wohl lassen sich zu den fünf großen
Reden, auf die später näher eingegangen wird, noch weitere Abschnitte erkennen, die als
21
Vgl. Conzelmann/Lindemann (2004), S. 338; Die Argumentation geht von der Zweiquellen-Theorie aus und
wird von mir als Ausgangsgrundlage angesehen.
22
Vgl. Brockhaus Kommentar zu Bibel (1987), S. 1
23
Ebd.
24
Die Zeitalter bedeuten in der Heilsgeschichte, dass nach dem Heil für die Juden das Heil für die Heiden folgt
und schließlich in der Gemeinde Jesu zur Vollendung kommt. (Vgl. Offb.)
25
Gaebelein (2002), S. 13
26
Vgl. Lk 1, 3: Lukas sagt, dass er sein Evangelium ,,von Anfang an [...] in guter Ordnung" aufgeschrieben hat.
27
Niebuhr (2000), S. 76
28
Conzelmann/Lindemann (2004), S. 326
29
Ebd. S. 327
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