Alice-Salomon-Fachhochschule Studiengang Pflege/Pflegemanagement Wintersemester 2002/03
Projekt: „Beratungsprozesse im Pflege- und Gesundheitssektor“ (4.Sem.)
Ressourcenorientierte Beratung − − − −
Inhalt
1 Einleitung 2
2 Gesellschaftlicher Strukturwandel und die Folgen für personale und soziale Ressourcen 3
3 Ressourcenkonzepte Einteilungen und Definitionen 4
3.1 Ressourcenmodell nach CAPLAN 4
3.2 Das Lebenslagenkonzept 5
3.3 Ressourcen nach HOBFOLL 5
3.3.1 Einteilung 5
3.3.2 Die COR-Theorie 6
4 Die Ressourcen alter Menschen 7
4.1 Lebensbereich Bildung 7
4.2 Lebensbereich Gesundheit und körperliche Betätigung 8
4.3 Sozialkontakte und Hilfepotential 8
4.4 Wohnen 9
4.5 Einkommen und Vermögen 9
5 Ressourcenorientierte Beratung nach NESTMANN 10
5.1 Definition und Ziel ressourcenorientierter Beratung 10
5.2 Charakteristische Elemente einer ressourcenorientierten Beratung 11
5.2.1 Ressourcenorientierung statt Defizitorientierung 11
5.2.2 Alltägliches und professionelles Ressourcenverständnis 11
5.2.3 Ressourcensensibilität und diagnostik 12
5.2.4 Personen- und Umweltressourcen 12
5.2.5 Ressourcenverlust und Ressourcensicherung 13
6 Ressourcenorientierte Beratung alter Menschen 13
6.1 In Bezug auf NESTMANN 13
6.2 Praktische Lösungsstrategien zur Ressourcenförderung 14
7 Zusammenfassung und Ausblick 16
8 Literaturverzeichnis 18
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1 Einleitung
Beratung ist eines der größten Arbeitsfelder der psychosozialen und sozialpädagogischen Praxis. Es gibt eine kaum überschaubare Anzahl von unterschiedlichen Zugängen, Disziplinen und Entwicklungslinien und seit einiger Zeit auch wieder die Diskussion um weitere innovative Ansätze. Letztere werden vor allem vor dem Hintergrund sich wandelnder gesellschaftlicher Rahmenbedingungen diskutiert. NESTMANN (1997) spricht hier von Modernisierungsprozessen unserer Gesellschaft, die zu Individualisierungs- und Pluralisierungsprozessen führen, denen der Einzelne oft nicht gewachsen ist. Die Subjekte werden zum „Dreh- und Angelpunkt der eigenen Lebensführung“ (BECK 1985 zit. n. SCHMITZ-SCHERER et al. 1994, S.5). Das daraus folgende „ständige Aushandeln-Müssen“ (KEUPP 1985 zit. n. SCHMITZ-SCHERER et al. 1994, S.6) erfordert vermehrt psychosoziale Ressourcen, die nicht immer vorhanden sind. Hier setzt die ressourcenorientierte Beratung von NESTMANN (1997) an. Diese „bildet bewusst einen Gegenpol zu den vorherrschenden Defizit- und Risikoorientierungen klinisch-psychotherapeutischer Klientenbilder“ (SICKENDIEK, ENGEL, NEST-MANN 1999, S.215), losgelöst von der Sicht auf Probleme, Fehler, Störungen oder Krankheiten. Sie sucht und fördert dagegen Ressourcen, die helfen, zu bewältigen und sich zu entfalten, und legt ihren Fokus auf Stärken, Chancen und Gesundheit.
Dieser Ansatz könnte vor allem für ältere und alte Menschen sehr wichtig werden und eine besondere Chance enthalten. Zum einen unterliegen alte Menschen wie alle anderen dem beschriebenen Strukturwandel der Modernisierung, oft noch potenziert durch Singularisierung. Zum andern nimmt, auch sozialpolitisch gesehen, das „negative“ Alter (Armutsrisiken etc.) quantitativ zu, neben dem „positiven“ Alter, welches mit Wohlstand, Konsumtrend etc. umschrieben wird (vgl. SCHMITZ-SCHERER et al. 1994, S. 1).
In unserer Gesellschaft herrscht auch heute noch häufig eine sehr defizitorientierte Sichtweise älterer Menschen. Attribute, die wir immer noch mit dem Alter verbinden, sind zum Beispiel „langsam“, „krank“, „gebrechlich“, „hilflos“, „versorgungsbedürftig“, „vergesslich“ oder auch „unflexibel“, und diese wiederum werden im Zusammenhang mit einer Belastung für die Gesellschaft gesehen. Nach gerontologischen Erkenntnissen sind psychische Entwicklungsprozesse jedoch über die gesamte Lebensspanne möglich, beeinflußt von Umwelt, Lebensbedingungen und den Personen selbst. Und auch ein Blick auf den demographischen Wandel in Deutschland zeigt, daß es sich lohnt, sich mit den Entwicklungspotentialen des Alters zu beschäftigen und die Ressourcen nach vorne zu kehren (vgl. SCHMITZ-SCHERER et al. 1994).
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Ziel dieser Hausarbeit ist es, im Hinblick auf unsere sich stark verändernde Gesellschaft die ressourcenorientierte Beratung älterer Menschen vorzustellen. Dabei soll vor allem auf den Ressourcenbegriff und die Altersressourcen eingegangen werden. Was verstehen wir darunter, welche Ressourcen „bleiben“ alten Menschen und wie wirken sie sich aus? Wie können diese Ressourcen durch Beratung nutzbar gemacht werden und welche praktischen Angebote gibt es? Mit „Alter“ ist im folgenden Text im weiteren Sinne das Lebensalter ab der Berentung, im engeren Sinn das kalendarische Alter ab 60 Jahren gemeint.
2 Gesellschaftlicher Strukturwandel und die Folgen für personale und
soziale Ressourcen
Der Weg in eine andere Moderne bringt für alle Bevölkerungsschichten und Altersgruppen zahlreiche Veränderungen mit sich. Traditionelle Lebensformen und Beziehungsmuster verlieren an Bedeutung oder werden aufgelöst, Lebenswege und -lagen werden individualisiert. Gleichzeitig findet eine „Pluralisierung von Lebenswelten und Lebensstilen“ (NESTMANN 1997, S. 16) statt, was Freiraum für eine Vielzahl möglicher individueller Lebensentwürfe bedeutet und den Einzelnen zum „Handlungszentrum in Bezug auf seine eigenen Fähigkeiten, Orientierungen, Partnerschaften“ (BECK 1986, 59) macht.
Individualisierung bedeutet laut KEUPP (1987) jedoch nicht, dass der Zugang zu materiellen und sozialen Ressourcen gleich ist. Es findet eine Spaltung in Modernisierungsgewinner und Modernisierungsverlierer statt und je nach Zugehörigkeit zu einer dieser Gruppen fallen die Erfahrungen mit der Modernisierung unterschiedlich aus: flexible und vielseitig nutzbare Freiräume stehen Verlusterfahrungen und Ausgrenzung gegenüber (vgl. CHUR 1997, S.40; NESTMANN 1997, S.16). Für NESTMANN bedeuten diese Freisetzungsprozesse „Spielraum für Eigenentscheidung und -verantwortung“ und ein „offenes Feld von Aushandlungsprozessen und persönlichem und sozialem Experimentieren“ (1997, S.17). Diese Freiräume zu nutzen ist eine neue und schwierige Anforderung an die Menschheit, denn
„wenn Freiheitsgrade und Spielräume der individuellen Ausgestaltung...wachsen, wachsen auch Verunsicherungen durch den Verlust von Eindeutigkeiten, von festen Grenzen und tradierten Leitlinien, wächst Angst vor Freiheit, wachsen vor allem auch Isolierungs- und Vereinsamungsgefahr und als Konsequenz von alledem auch Krisen und Konflikte der Identitätsentwicklung des Einzelnen.“ (NESTMANN 1997, S.17)
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Menschen müssen mehr Entscheidungen treffen und selbstbestimmter handeln, und es entsteht ein verstärktes Bedürfnis nach mehr individuellem Halt. Es hängt stark von persönlichen und sozialen Ressourcen ab, ob der Verlust von traditionellen Sicherheiten und Bindungen auch als Chance zur Entwicklung neuer Lebensformen gesehen werden kann (vgl. SCHMITZ-SCHERER et al. 1994, S. 6).
Diese oben beschriebenen Vorgänge gelten ebenso für das dem Strukturwandel der Gesellschaft unterliegende Alter. Zusätzlich fehlt im Ruhestand der durch Arbeit strukturierte Alltag und die älteren Menschen laufen Gefahr, aus den relevanten Bereichen der Gesellschaft „entlassen“ zu werden. Hier ist die Größe des Spielraums und die zeitliche Erstreckung für das Handeln im Alter von Bedeutung und welche Tätigkeitsformen eine solche „Entlassung“ verhindern könnten (vgl. WOLF 1990 in SCHMITZ-SCHERER et al. 1994, S. 6). Es gilt, und das kann insbesondere psychosoziale Beratung leisten, Ressourcen alter Menschen zu erschließen und gezielt zu nutzen.
3 Ressourcenkonzepte − − Einteilungen und Definitionen − −
3.1 Ressourcenmodell nach CAPLAN
Es gibt verschiedene Möglichkeiten der Einteilung oder Definition von Ressourcen. Das eher medizinisch orientierte „Basisressourcenmodell“ von CAPLAN (1964 in SCHROTTMANN 1990, S.37) unterscheidet zwischen physikalischen, psychosozialen und soziokulturellen Ressourcen:
Physikalische Ressourcen: Nahrung, Unterkunft, Bewegungsspielraum und weitere Fak-toren, die für das Wachstum und die Entwicklung notwendig sind. Psychosoziale Ressourcen: Befriedigung zwischenmenschlicher Bedürfnisse wie Liebe und Zuneigung, gemeinsame Aktivität und dadurch Identitätsfindung. Soziokulturelle Ressourcen: Einfluß der sozialen Struktur und des kulturellen Wertesystems auf die Entwicklung und das Funktionieren der Persönlichkeit. Das Auftreten von (gesundheitlichen) Dysfunktionen wird hier mit dem Defizit an gewissen Grundbedürfnissen erklärt.
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Ute Hauser, 2003, Ressourcenorientierte Beratung - ein Ansatz für alte Menschen?, Munich, GRIN Publishing GmbH
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