I. Einleitung
1.) Hinführung an das Thema
Zum heutigen Selbstverständnis von Frauen in Deutschland gehört zweifelsohne die Fähigkeit zu Schreiben. Kaum vorstellbar mag mittlerweile für viele unter ihnen sein, dass diese nicht immer allen ihres Geschlechtes vorbehalten war. Zu finden sind die uns bekannten Wurzeln, und somit der vermeintliche Beginn, im Mittelalter. Im Rahmen des Proseminars für ältere deutsche Literatur werde ich im folgenden auf die bildungsgeschichtlichen Umstände um 1200 des deutschen Sprachraumes eingehen, um dann bewusst drei, sich voneinander unterscheidende, Lebenswege von Autorinnen herauszuarbeiten, die uns bis heute noch ein Begriff sind. Eingegangen werden soll auf literarisch Schreibende, nicht jedoch auf solche, die beispielsweise in Schreibstuben das Abschreiben praktizierten, ohne zu verstehen. Das Ziel dieser Arbeit ist, zu zeigen, dass trotz der unterschiedlichen Frauenbildung im Mittelalter, beispielsweise aufgrund sozialer Herkunft, es eine Grundtendenz gibt, unter welchen Umständen weibliches Schreiben möglich war. Auf die produzierte Literatur selbst soll nur ansatzweise eingegangen werden, um das Verstehen der Zusammenhänge zu erleichtern.
2.) Bildungsgeschichtliche Bedingungen um 1200
Im frühen Mittelalter (1050- 1170) gehörten noch fast ausschließlich die Geistlichen zu den sogenannten „litterati“, also zu den Lese- und Schreibkundigen. Neben Latein schrieben sie in der Regel auf Griechisch oder Hebräisch, die als heilige Sprachen galten. Um dem Volk ihre christlichen Glaubensinhalte besser zugänglich machen zu können, übersetzten sie ihre Texte jedoch immer häufiger in die Volkssprache. 1
Die Angehörigen des weltlichen Standes hingegen waren zu dieser Zeit in der Regel Analphabeten, also „illitterati“. Die Fähigkeit zum Lesen und Schreiben wurde unter ihnen nur in sehr geringem Maße geschätzt und galt beispielsweise für einen Herrscher nicht als Voraussetzung. Bewertet wurde dieser allein nach der Menge des gewonnen Landes, der niedergeschlagenen Aufstände oder wie viele Bauten er für Kirche und Stadt hat errichten lassen. Über eine literarische Ausbildung verfügte dieser nur dann, wenn er als Zweitgeborener eigentlich für eine geistige Tätigkeit ausgebildet wurde, jedoch aus dynastischen Gründen das eigentlich dem ersten Sohn vorbehaltene Herrscheramt übernahm. Durch eine entsprechende Bildung
1 Grundmann, Herbert: Die Frauen und die Literatur des Mittelalters. In: Ausgewählte Aufsätze, Bildung und
Sprache, Stuttgart 1978, S. 76- 95.
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der Nachkommen versuchten Könige und Kaiser zunehmend, ihre eigene Position zu legitimieren sowie zu stärken.
Ein entscheidender Wandel ist jedoch in der Blütezeit des Mittelhochdeutschen (1170- 1230/ 50) zu verzeichnen: Indem in erster Linie eben diese Königs- und Fürstenhöfe sich als Mäzene für die Entstehung und Verbreitung volkssprachlicher Literatur verstehen, liegt die Aufzeichnung der mittelhochdeutschen Literatur nicht mehr ausschließlich in den Händen der Klöster, in Folge dessen sich natürlich auch die Inhalte verschieben. Wegen der Ausweitung von volkssprachlicher Schriftlichkeit sind im Spätmittelhochdeutschen (1250-1350) schließlich zahlreiche Textsorten wie Predigt, Geschichtsschreibung, Drama u.a. aufweisbar. 2
3.) Schreibfähigkeit der Frauen
Ihrem gesellschaftlichen Status nach die „Einfältigen“ und „Unwissenden“ versetzen ab Mitte des 12. Jh. die Geist der Gebildeten in Erstaunen: Frauen beginnen zu schreiben. Entsprechend der Zeit zuerst in Latein, ab dem 13.Jh. jedoch zunehmend in der jeweiligen Landessprache. 3
Die Schriftstellerinnen, obgleich unterschiedlicher historischer Bedingungen, lebten in ähnlichen sozialen Verhältnissen. Nämlich in solchen, die den gesellschaftlichen Umbruch voraussetzten, der den Ort schuf, an welchem Schreiben ermöglicht, begünstigt und gefördert wird: das Frauenkloster sowie - allerdings in abgeschwächtem Maße- das Beginenhaus. Vorhanden waren dort, wie Virginia Woolf es Jahrhunderte später noch in ihrem gleichnamigen Buch forderte, ein eigenes Zimmer und eine meist reichlich ausgestattete Bibliothek. 4 Den Nonnen wurde das Lesen und Schreiben beigebracht und mit Hilfe eines Selbststudiums hatten sie die Möglichkeit, ihr Wissen zu erweitern. Die Äbtissinnen reicherer Klöster jedoch konnten sich ungewöhnlich hoher Macht erfreuen. Sie hatten meist einen ausgedehnten Landbesitz, den sie, im Gegensatz zu den Bauern, wie Feudalherren verwalten konnten. Das Amt einer Äbtissin bot so, durch seine große Unabhängigkeit, einen großen Reiz für die Töchter Adeliger. 5
Bürgerliche Frauen hingegen waren den alltäglichen Hindernissen, wie familiäre Verpflichtungen, Mutterschaft, kein eigenes Zimmer usw. ausgesetzt, was ihnen das Schreiben unmög- 2 Quelle:eigenes Wissen, das in der Einführung ins Mittelhochdeutsche erworben wurde
3 Gnüg, Hiltrud und Mörmann, Renate (Hrsg.): Frauen Literaturgeschichte. Schreibende Frauen vom Mittelalter
bis zur Gegenwart, Verlag Metzler 1985, S. 1.
4 Engelsing, Rolf: Der Bürger als Leser, Verlag Metzler 1974, S. 5- 10.
5 Ennen, Edith: Frauen im Mittelalter, Verlag C.H. Beck München 1987.
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lich machte. 6 Der nötigen Bildung fehlte es ihnen zudem, die sie auch nicht durch einen späteren Eintritt ins Kloster wettmachen konnten, da dieses ausschließlich für wohlhabende adlige Frauen vorgesehen war. Die aus niedrigeren Schichten stammende konnten höchstens noch Laienschwester oder Magd werden. 7 Mehr Berührungspunkte zur Schrift hatten sicherlich Städterinnen, wenn diese in einem kaufmännischen Geschäftsbetrieb aufwuchsen, in diesem gar mitarbeiteten. Denn dass ein angesehener Geschäftsmann am Ende des 13. Jh. lesen, schreiben, mit Zahlen umgehen und einigermaßen Latein konnte, galt als eine Selbstverständlichkeit an führenden Handelsplätzen, wovor auch weibliche Familienmitglieder sicherlich nicht die Augen verschlossen. 8 Ein Glanzbeispiel für weibliche Handelsaktivitäten wäre Familie Veckinchusen, die zu Beginn der Neuzeit hauptsächlich in Lübeck und Köln tätig war. 9 Um den Rahmen meiner Arbeit nicht zu sprengen, werde ich jedoch bewusst nur auf literarisches Schreiben eingehen.
II. Hauptteil
4.) Das Kloster - Wiege der mystischen Literaturproduktion
Die adligen Frauen widmeten sich im Kloster zumeist dem mystischen Schreiben, wo die Stille und das Ritual, welche das Mysterium verlangt, gewährleistet wird. Sich den Offenbarungen Gottes hingeben und diese beschreiben konnten sich die Empfänglichen unter ihnen dort ungestört und wohlvorbereitet. Die Mystikerin schreibt aus Liebe: durch, an, für und über Gott im selben Schriftzug. 10
Die Frauenmystik begann schon im Frühmittelalter mit Aldegunde von Maubeuge (684) aufzukommen. Kaum wahrgenommen wurden jedoch die ersten Mystikerinnen und erst am Ende des 11.Jahrhunderts schlossen sich Frauen den Wanderpredigern an. Im zwölften und dreizehnten Jahrhundert ersuchten diese dann um Aufnahme bei den neugebildeten Orden oder beteiligten sich an der Bildung von Glaubensgemeinschaften. Somit entstanden im hochmittelalterlichen Aufbruch eine größere Anzahl von Frauenklöstern, die meist an Männerkonvente angelehnt waren.
6 Weinhold, Karl: Die Deutschen Frauen im Mittelalter, 3. Aufl., 2. Bnd., Wien 1897, S. 43 ff.
7 Ennen, Edith: s.o.
8 Engelsing, Rolf: Analphabetentum und Lektüre. Zur Sozialgeschichte des Lesens in Deutschland zwischen
feudaler und industrieller Gesellschaft, Metzler Verlag 1973, S. 3- 5.
9 Stieda, W.(Hrsg.): Hildebrand Veckinchusen. Briefwechsel eines deutschen Kaufmanns im 15. Jahrhundert,
Leipzig, 1921.
10 Weinhold, Karl: Die deutschen Frauen im Mittelalter, 3.Aufl., 1. Bnd., Wien 1897, S. 68 ff.
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In Italien spannte sich der zeitliche Bogen von der zweiten Hälfte des 13.bis Anfang des 16.Jahrhunderts und mit Teresa von Avila im 16.Jh. artikulierte sie sich in Spanien - nur Frankreich war ausgenommen in dieser Landkarte mystisch- weiblicher Literaturproduktion. Ein Grund mag sein, dass sich dort, im Umfeld höfischer Gesellschaft, Frauen einen anderen Zugang zur Schrift erschlossen, wohl durch ihre Teilnahme an der minnelyrischen Tradition. Seinen Ausdruck im deutschen Sprachraum fand dieses Schreiben schon im 12.Jh. durch Hildegard von Bingen, auf deren Lebensweg zu späterem Zeitpunkt noch näher eingegangen wird. Um die Bedeutsamkeit dieser Tatsache zu verdeutlichen möchte ich an dieser Stelle nur erwähnen, dass ihr erstes Buch „Scivias“ der Erlaubnis und dem Segen des Papstes bedurfte, da die göttliche Lehre aus weiblichem Munde neuartig und somit bezweifelnswert war: „denn viele irdisch gesinnte Kluge verwerfen sie, weil sie von einem armen Gebilde stammt, das aus der Rippe erbaut und nicht von Philosophen belehrt worden ist.“ 11 Weniger spektakulär sowie nicht annähernd so öffentlich in Deutschland: Höhepunkt minnemystischer Literatur mit Gertrud von Helfta, Gertrud von Hackeborn, Christine Ebner und Margarethe Ebner im 13.bis zum Beginn des 14.Jahrhundert. 12 Hierunter gilt Mechthild von Magdeburg als eine Ausnahme.
4.1.) Mechthild von Magdeburg
Um 1207 in Niedersachsen geboren, gilt Mechthild von Magdeburg noch heute als die herausragendste aller Mystikerinnen des Mittelalters.
Begine in Magdeburg wurde sie im Jahre 1230 und begann erst um 1250 mit der Niederschrift ihrer mystisch- religiösen Erlebnisse. Ermutigt wurde sie hierbei durch ihren Beichtvater Heinrich von Halle, nachdem sie ihren fast täglich erscheinenden Offenbarungen als irdische Versuchungen misstraute. Von 1250 bis zum Tod Mechthilds entstanden sieben Bücher, welche das bedeutendste Zeugnis der deutschsprachigen Mystik vor Meister Eckhart darstellen. Der Wissenschaft gilt der Text seit seiner Wiederentdeckung im 19. Jh. als eine der ersten unmittelbaren Erlebnisaussprachen innerhalb der deutschsprachigen Prosa und als eines der zentralen Zeugnisse religiösen Lebens im Mittelalter. 13
Kritik übte die Mystikerin an den Missständen im Klerus sowie den Klöstern in den ersten fünf Büchern, welche 1260 abgeschlossen waren. Ihr nächstes und zudem bekanntestes Buch
11 Bingen, Hildegard von: Briefwechsel, Salzburg 1965, S. 30.
12 Lerner, Gerda: Die Entstehung des feministischen Bewusstseins. Vom Mittelalter bis zur ersten Frauenbewe-
gung, Campus Verlag, Frankfurt 1993, S. 95 ff
13 Thiele, Johannes: Die religiöse Frauenbewegung des Mittelalters. In: Mein Herz schmilzt wie Eis am Feuer.
Die religiöse Frauenbewegung des Mittelalters in Porträts, Kreuz-Verlag, Stuttgart 1988, S. 19.
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Arbeit zitieren:
Marie-Luise Leise, 2006, Schreibende Frauen im Mittelalter, München, GRIN Verlag GmbH
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