1.) Einleitung
Die Nikomachische Ethik gilt als wichtigster Text der aristotelischen Ethikkonzeption, bei welchem es sich, im Gegensatz zur fragmentarisch überlieferten Eudemischen Ethik und zur Magna Moralia, deren Authentizität umstritten ist, um ein in sich kohärentes, abgeschlossenes Buch mit systematisch - logischem Aufbau handelt. Das inhaltlich dichte und komplexe Werk, das zu den Moralphilosophien des Altertums zählt, beeinflusste die Philosophiegeschichte des Abendlandes bedeutsam und scheint bis heute kaum an Aktualität eingebüßt zu haben. 1
Keine „Anleitung“ zum vollkommenen Leben gibt sie oder postuliert solch einen Menschen, was sie von den anderen Denkschriften der Antike absetzt. Ihr Thema, als erste Abhandlung überhaupt, besteht aus der phänomenologischen Bestandsaufnahme der gegebenen ethischen Tatsachen, was auch die gegenwärtige Philosophie als eine ihrer bedeutsamsten Aufgaben ansieht.
Ausgearbeitet wird in der Nikomachische Ethik die Lehre von der Sittlichkeit oder Tugend, durch welche der Mensch seine Bestimmung erfüllt, seine eigentümliche Vollendung, und infolgedessen glücklich wird. Ein Gut, das höchste Ziel, wird erstrebt von allem Lebendigen, ebenso vom Menschen, für welchen die Glückseligkeit dies darstellt. Auf die jenseitige Glückseligkeit jedoch legt Aristoteles sein Augenmerk kaum, vielmehr setzt er sich mit der diesseitigen und irdischen auseinander.
Mit der im ersten Buch der Nikomachischen Ethik eingeführten Begriffskonstellation agathon, eudaimonia und areté soll sich nun die folgende Arbeit auseinandersetzen. Zunächst werden die Begriffe einzeln gemäß ihrer Herleitung und Bedeutung erläutert, und anschließend ihr Zusammenhang gründlich herausgearbeitet und kurz diskutiert. Den Ausgangspunkt der Nikomachischen Ethik und die Grundlage der zu erklärenden Begriffskonstellation bildet die Frage nach dem letzten Ziel des Handelns, dem höchsten Gut des Menschen.
1 Kindlers neues Literaturlexikon: Ēthika Nikomacheia. Band 1, München 1998, S. 691.
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2.) Die Konstellation der Begriffe agathon – eudaimonia - areté
2.1.) Der Begriff des Guten (agathon)
„Jedes praktische Können und jede wissenschaftliche Untersuchung, ebenso alles Handeln und Wählen strebt nach einem Gut, wie allgemein angenommen wird. Daher die richtige Bestimmung von „Gut“ als „das Ziel, zu dem alles strebt.“ 2
Mit diesem Satz leitet Aristoteles seine Nikomachische Ethik ein, was, formal verstanden, bedeutetet, dass das Gute als das Erstrebte und somit Gewollte festgelegt wird. Was dieses Gut, vielmehr das Ziel, beinhaltet, gilt zunächst zu untersuchen.
Ein Streben verlangt nach einem Objekt, einem Ziel (telos). So kann beispielsweise die Schusterei, als ein Werk, das zur Kunst oder Kunstfertigkeit (techné) gehört, solch ein Ziel oder Zweck sein. So ist bei einer techné wie dem Schusterhandwerk ist folglich das telos das ergon 3 . Jedes Ziel, das angestrebt wird, birgt also etwas Gutes, weshalb das Gute das ist,
wonach alles strebt.
Am Beispiel des „Lebens“ lässt sich jedoch zeigen, dass eine Tätigkeit auch selbst das Ziel sein kann, was Aristoteles Selbsttätigkeit, Selbstbewegung benennt. In diesem Falle ist das telos also die energea 4 selbst.
Folglich unterscheidet Aristoteles zwei verschiedene Formen von Zielen, zum einen liegt es in der Tätigkeit selbst, oder eben außerhalb dieser. Zielgerichtet sind jedoch alle Tätigkeiten, Aristoteles geht immer vom (erlangbaren) Ziel, dem Ergebnis aus.
Ein Gut steht somit für ein Ziel, nach dem sich alles Streben und Handeln richtet. Dieses „höchste Gut“ soll hier jedoch nicht verstanden werden als ein bestimmtes, einziges Gut; Aristoteles weist auf die Mannigfaltigkeit der Ziele hin. 5 Ein „Gut als das Ziel, zu dem alles strebt“ 6 sollte man also, sodass der Begriff des Guten im aristotelischen Sinne genau
verstanden wird, folgendermaßen umformulieren, dass nämlich ein Jedes jeweils auf ein Gut hinstrebt, welches das Ziel der jeweiligen Handlung darstellt. Das agathon stellt also immer das Ziel einer einzelnen Handlung bzw. techné und eben nicht ein allumfassendes Ziel allen Strebens dar.
2 Aristoteles: Nikomachische Ethik. Reclam, Stuttgart 2004, 1094a 1.
3 Ergebnis, Produkt 4 Tätigkeit, Aktivität; vgl. auch Ursula Wolf: Aristoteles´ Nikomachische Ethik , Darmstadt 2002, S. 25. 5 vgl. ebd. 1094a 6 ebd. 1094a
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Unter „Handlungen“ werden jedoch keine individuellen Einzelhandlungen verstanden, weshalb nicht von den Einzelzielen bestimmter Handlungssituationen und -trägern gesprochen werden soll, denn vielmehr vom tatsächlichen Wesen des einzelnen Handlungstyps sowie seinem Ziel insgesamt im Dasein. Nicht zu denken ist das Gute (agathon) als das ethisch - moralisch gute Strebeziel einer handlungsausübenden Person, vielmehr bezieht es sich auf das durch Handeln erstrebte und erwünschte Gute.
Häufig werden auf Ziele nicht um ihrer selbst willen, als vielmehr wegen anderer Ziele hingesteuert, weshalb diese von Aristoteles unterschieden werden. Nochmals definiert er das höchste Gut als dasjenige, das um seiner selbst willen fokussiert werden soll; dementsprechend reiner Zweck und niemals nur ein Mittel oder expliziter: ein vollkommener Zweck, d.h., es kann keine Steigerung nach Erreichung geben. Nach Aristoteles soll eben dieses höchste Gut die Glückseligkeit (eudaimonia) sein.
Allerdings ist der Begriff des Guten inhaltlich und formal bisher nur schwer greifbar. Deutlich wurde jedoch, dass ein Gut das Ziel des Strebens sein muss, da eine Handlung ihrem Wesen zufolge immer zielgerichtet ist. Durch die besprochene Vielzahl von Handlungen jedoch, deren Ziele und folglich einer Fülle von erstrebten Gütern, ist der Begriff „Gut“ bisher noch nicht ausreichend bestimmt worden.
Um Ziele differenzierter betrachten zu können, denn gleichwertig sind sie nicht, gliedert Aristoteles die zu einem Handlungsbereich gehörenden technai im weiteren Verlauf des ersten Buches der Nikomachischen Ethik hierarchisch. Nach und nach erschließt sich so die führende techné, deren Ziel nicht das Mittel zum höchst näheren Zweck darstellt, sondern eben nur um seiner selbst willen erstrebt wird. Ein von Aristoteles angeführtes Beispiel zur Verdeutlichung: Die Sattlerei dient der Reitkunst, diese wiederum dem Zweck der Kriegsführung und die techné der Kriegskunst zielt auf das Gute für die Polis ab. 7
Eine Steigerung widerfährt im folgenden dem bislang verwendeten Begriff des Guten: das ariston, das so viel bedeutet wie das Beste, das vollkommene Gute, das höchste Gut, das ein Ziel darstellt, welches nicht wegen eines anderen Gutes anstrebt wird, sodass es folglich das letzte und höchste Ziel sein muss. Da das Wesen des menschlichen Strebens einen Endpunkt fordert, so argumentiert Aristoteles, muss es von allen Gütern ein bestes geben, denn 7 vgl. ebd. 1094a
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ansonsten sei das Streben und Handeln leer 8 und vergeblich, da wir die Ziele immer um ein
hochgradigeres wegen verfolgen würden und unser Verlangen folglich nie zufrieden gestellt wäre.
Am Bild des Bogenschützens wird gezeigt, weshalb es ein ariston geben muss: 9 Der Schütze
fixiert einen Zielpunkt, die Mitte der Zielscheibe; diesen korrekten Punkt zu treffen, das muss er noch exerzieren, denn unbestimmt auf die Scheibe zu erreichen ist gut, die Mitte allerdings ist das Beste, das Wünschenswerteste für den Schützen. Für das menschliche Streben gilt ebenso, dass nicht irgendeinem besten Gut, sondern dem für den Menschen besten und ersterbenswertesten nachgegangen wird.
Wichtig festzuhalten ist an dieser Stelle, dass dem gesuchten Begriff des Guten eine Steigerung widerfahren muss zum besten Gut, sodass das für den Menschen ersterbenswerteste unter allen bestimmt werden kann. Zunächst soll nachfolgend näher darauf eingegangen werden, als was genau Aristoteles das ariston erfasst und wie in diesem Kontext weiter ausarbeitet.
2.2.) Der Begriff der Glückseligkeit (eudaimonia)
Wie für die meisten Philosophen der griechischen Antike steht auch für Aristoteles im Mittelpunkt der Ethik die Glückseligkeit. Im deutschen Sprachgebrauch kommen dem Begriff „Glück“ verschiedene Bedeutungen zu, die analysiert und folgend eingegrenzt werden müssen: Glück haben, im Sinne eines glücklichen Zufalls und zum anderen das Glücklichsein an sich. Im Griechischen hingegen existiert für die unterschiedlichen Bewandtnisse je ein Wort, wobei der Begriff der eudaimonia eine glückliche Person und eutychia vielmehr einen glücklichen Zufall bezeichnet. Seinen Fokus richtet Aristoteles auf den Begriff der eudaimonia, indem er die Glückseligkeit im Sinne der aktiven Betätigung, von der, welche man durch glückliche Faktoren passiv erfährt, deutlich abgrenzt. Im aristotelischen Sinne ist eine Person also dann glückselig, sobald das Leben insgesamt durch eine aktive gute Lebensführung, gutes Handeln und Verhalten blüht, und eben nicht dadurch, dass „das Schicksal es gut mit der Person meint“. 10 8 Problem von Leere des Wollen stellt sich im Grunde nicht, wenn man „prohairesis“ nicht als faktisches, sondern als ein Wollen im Sinn des überlegten Vorsatzes auffasst >Prämisse für Notwendigkeit von letztem Wollen soll sich daraus ergeben: menschliches Handeln aus Überlegung, was wählenswert 9 vgl. ebd. 1094a 10 vgl. Wolf, Ursula: Aristoteles´ Nikomachische Ethik. Darmstadt 2002, S. 31.
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Quote paper:
Marie-Luise Leise, 2006, Aristoteles Nikomachische Ethik, Munich, GRIN Publishing GmbH
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